Verlust und Moderne – eine Kartierung

Eine systematische Soziologie des Verlusts gibt es bisher nicht.1 Das ist seltsam und nachvollziehbar zugleich. Seltsam ist es, weil man die moderne Gesellschaft ohne ihre Verlustdynamiken, ohne die kollektiven Verlusterfahrungen und deren soziale und kulturelle Folgen gar nicht begreifen kann. In der Spätmoderne der Gegenwart erlangen die Verlustthematisierungen – von der Verlustwut der Modernisierungsverlierer bis zur Verlustangst infolge des Klimawandels – dabei eine besondere Präsenz. Nachvollziehbar ist die Leerstelle einer Soziologie des Verlusts allerdings, wenn man erkennt, dass die Disziplin gewissermaßen durch eine déformation professionelle charakterisiert ist: In der Form, in der sie sich im 20. Jahrhundert institutionalisiert hat, identifiziert sich die Soziologie im Kern mit dem Projekt der Moderne als Fortschrittsprozess. Zwar pflegt die kritische Soziologie der Moderne ihre Pathologien vorzurechnen, diese jedoch erscheinen meistens als Konsequenz dessen, dass die moderne Gesellschaft noch nicht fortschrittlich genug ist. Die Verluste aber sind gewissermaßen das Andere der Moderne, sie sind das Andere des Fortschritts.

(Dieser Text ist im Januarheft 2022, Merkur # 872 erschienen.)

Ich gehe von einem grundsätzlichen Befund aus: Die moderne Gesellschaft ist durch eine Verlustparadoxie gekennzeichnet. Die Moderne ist ein Gesellschaftstypus, der im Namen seines Fortschrittsanspruchs eine existentielle Verlustreduktion – von der Krankheit über die Naturkatastrophen bis zum frühen Tod – forciert. Zugleich ist sie eine Gesellschaft, die von Anfang an über verschiedene Mechanismen vom beschleunigten sozialen Wandel bis zur Gewaltpolitik eine enorme Verlustpotenzierung mit sich bringt. Dieser steht jedoch ein Unsichtbarmachen von Verlusten, gewissermaßen eine institutionell bedingte Verlustinvisibilisierung gegenüber: Durch die Orientierung am Fortschritt, das heißt indem sie sowohl ihre eigene Geschichte als auch die Zukunft mit einem Schema kontinuierlicher Verbesserung betrachtet, muss die Moderne Verlust und Trauer marginalisieren, damit die Ökonomie, die Politik sowie Wissenschaft und Technologie ungehemmt fortschreiten können. Allerdings: Völlig verdrängen lassen sich die Verluste in der Moderne nicht. An ihren Peripherien entwickeln sich vielmehr Modi der Verlustartikulation und Verlustbearbeitung: Verlustpraktiken, Verlustnarrationen sowie verlustbezogene Affekt- und Emotionskulturen. Die sozialen Verlustdynamiken lassen sich nicht immer auf die gesellschaftlichen Peripherien begrenzen, und in der Spätmoderne ist diese Wirkung von Verlusterfahrungen mitten ins Zentrum der Gesellschaft hinein sehr deutlich. Spätmodern heißt: Die Verlustvergessenheit hat sich in eine Verlustsensibilität verwandelt (in der Kritiker bereits eine Verlustversessenheit wittern könnten).

Um die soziologische Perspektive auf Verluste zu verstehen, wie ich sie hier skizziere, gilt es jedoch sogleich ein paar Warnsignale zu senden. Denn leicht kann man dieses Forschungsprogramm missverstehen. Zum Ersten: Mir geht es nicht darum, selbst an einer Verlustgeschichte der Moderne zu schreiben, der Moderne also gewissermaßen ihre Verluste vorzurechnen. Das wäre das Genre der Kulturkritik, wie man es etwa in Hans Sedlmayrs Verlust der Mitte oder Alasdair MacIntyres Verlust der Tugend findet. Eine Soziologie des Verlusts, wie ich sie verstehe, konstatiert vielmehr nicht selbst, was in der Moderne vorgeblich alles verloren wird, sondern will rekonstruieren, wie in der Gesellschaft – von sozialen Gruppen, Institutionen oder Diskursen – Verluste wahrgenommen, erfahren, interpretiert und verhandelt werden.

Zweitens ist die Soziologie des Verlusts mehr als eine intellectual history der Kulturkritik. Zwar sind die Verlustdiskurse seit Jean-Jacques Rousseaus Arbeiten über die Entfremdung und den Naturzustand oder in Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes selbst ein wichtiger Bestandteil der Verlustdynamik der Moderne. Aber auch jenseits solcher intellektuellen Thematisierungen treten – häufig weniger laut- und meinungsstarke – wirkmächtige Verlusterfahrungen auf. Man denke an die Opfer von Flucht und Vertreibung und an die Traumata der Diaspora oder an die namenlosen Verlierer der Industrialisierung und der Entindustralisierung. Und es gibt ziemlich profane Mechanismen institutioneller Verlustbearbeitung, sei es im Recht, sei es in der Psychotherapie, die verdeutlichen, dass in dieser Frage mehr steckt als eine Geschichte kulturkritischen Denkens.2

Drittens sollte man auch nicht dem Vorurteil erliegen, Verlust sei ausschließlich ein Phänomen konservativer oder reaktionärer Provenienz. Natürlich, der klassische politische Konservatismus lebt seit Edmund Burke von Verlustschmerz. Aber zum einen kultiviert auch die politische Linke ihre Verlustwahrnehmungen: von Walter Benjamins Bemerkung hinsichtlich einer »linken Melancholie« bis zur Trauer über den verlorenen Wohlfahrtsstaat und die verlorene Industriearbeiterschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zum anderen sind viele Verlusterfahrungen politisch überhaupt nicht zuzuordnen oder grundsätzlich ambivalent: vom Umgang mit dem Tod bis zu den Folgen des Anthropozän.

(…)


3 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Sind das jetzt Fußnoten zu Ulrich Beck und Zygmunt Baumann?

    1. Nein, das sind vielmehr Fußnoten zu Odo Marquards Fußnoten.

  2. Reiner Girstl sagt:

    kann man so sehen, aber Annie Ernaux beschreibt das nicht eingelöste Bildungsversprechen am Beispiel, ihres Lebens und dem ihrer Söhne die trotz akademischer Ausbildung keine feste Stelle haben. Aber das zeigt einfach das Frankreich einfach viel geteilter ist als Deutschland. Was das singuläre Leben angeht, haben das Ulrike Edschmid und Eva Demski lange vor den Bobos gelebt. Wobei der Schwiegervater ein faszinierendes Buch geschrieben hat zum Deutschen Vormärz und das Ende dieses Buches einem Ereignis in den 70 Jahren gleicht.

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