Ein vielgehasster Mann. Günter Wallraffs Maskeraden

Im Herbst 2009 geriet der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, lange schon berühmt für seine investigativen Undercover-Recherchen in Firmen wie Ford, Siemens und Melitta, wieder einmal in die Schlagzeilen. Anlass für die mediale Aufregung war der Kinostart des Films Schwarz auf weiß – Eine Reise durch Deutschland, in dem Wallraff den Rassismus gegenüber afrikanischen Geflüchteten in Deutschland dokumentierte. Wieder war Wallraff undercover unterwegs, diesmal als somalischer Flüchtling Kwami Ogonno. Mithilfe von mehreren somalischen Mitarbeitern schminkte Wallraff sein Gesicht braun, setzte sich eine Afro-Perücke auf und zeichnete mit einer wackeligen versteckten Kamera die spontanen, größtenteils negativen Reaktionen auf, die seine Anwesenheit quer durch Deutschland auslöste. Konnte sich Wallraff bis dahin immer auf die Sympathie oder zumindest das Interesse der Presse verlassen, wurde er dieses Mal regelrecht gegrillt.

(Dieser Text ist im Februarheft 2022, Merkur # 873 erschienen.)

Vorhersehbar war die Kritik schwarzer Autorinnen und Autoren wie der Schriftstellerin und Schauspielerin Noah Sow, die in der Tagesschau erklärte: »Er kann als angemalter Weißer schwarze Erfahrungen nicht machen und auch nicht in einen Zusammenhang stellen, auch wenn er das glaubt oder versucht.« Die schärfsten Attacken kamen jedoch aus den Kreisen, die ihn bisher immer unterstützt hatten. Nach Ansicht der Süddeutschen Zeitung zeige der Film den Rassismus Wallraffs, nicht den Deutschlands: »Was Wallraff hier vorführt, ist weniger eine Anklage gegen den Rassismus als eine Inszenierung seiner eigenen Vorurteile«, schrieb Andrian Kreye. Die gesammelten Erkenntnisse des Films seien von vornherein durch seine Methode – das Blackfacing – kontaminiert. Der Text trug die psychologische Anklage schon im Titel: Ein Mann will gehasst werden.

Keine der Rezensionen ging ausführlicher darauf ein, dass Wallraff 1985 mit dem Reportagebuch Ganz unten und einer ganz ähnlichen Methode den Zenit seines Ruhms erreicht hatte. Nachdem ihn 1977 die Enthüllungsstory über die Bild-Zeitung, Der Aufmacher, deutschlandweit berühmt gemacht hatte, benutzte Wallraff immer öfter Verkleidungen und gefakte Identitäten für seine investigative Arbeit. Inspiriert von Black Like Me, John Howard Griffins Reportage von 1961 über seine Reise als Schwarzer durch den tiefen amerikanischen Süden, dokumentierte Wallraff die inakzeptablen Arbeitsbedingungen und den konstanten Rassismus, denen er als türkischer Gastarbeiter namens Ali Sinirlioğlu begegnet war. Die türkische Einwanderung war gerade ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt, als Ganz unten erschien; rechtsextreme Parteien, seit Jahrzehnten von der Bildfläche verschwunden, erzielten in ganz Europa Wahlerfolge, und das Buch überstand – oder nutzte – die heftige Kritik von rechts wie von links und wurde ein Bestseller. Das Material, das Wallraff heimlich als Ali aufgenommen hatte, kam 1986 als Film heraus und wurde wohlwollend besprochen. Eine zweite Auflage des Buchs erschien 1988 und enthielt – typisch für Wallraffs Bücher – zusätzlich zweihundert Seiten dokumentarisches Material zu den Nachwirkungen der Veröffentlichung. Bis dahin hatte sich das Buch bereits eine Million Mal verkauft und war in dreißig Sprachen übersetzt worden.

Wie lässt sich die Diskrepanz zwischen Wallraffs größtem Misserfolg und seinem größten Erfolg erklären? Was sich in den vierundzwanzig Jahren zwischen Ganz unten und Schwarz auf weiß verändert hatte, von Wallraff aber nicht berücksichtigt worden war, war die »Amerikanisierung« des deutschen Diskurses über Rassismus. Natürlich hatte auch der amerikanische Diskurs in diesen Jahren seismische Verschiebungen erfahren. Durch die Bürgerrechtsgesetze Mitte der sechziger Jahre erhielt die schwarze Mittelschicht zum ersten Mal Zugang zu politischer und kultureller Macht. Wie auch die amerikanischen Juden, die jetzt nicht mehr durch antisemitische Quotengesetze ausgegrenzt wurden, sowie die vielen gutausgebildeten Einwanderer aus Ost- und Südasien, die nach der Revision der amerikanischen Einwanderungsgesetze durch Lyndon B. Johnson im Jahr 1965 ins Land kamen. Davor hatte man unter der »Rassenfrage« den Einsatz von staatlich unterstütztem Terror verstanden, mit dem man schwarze Bürger vom freien Zugang zu Krediten und Eigentum und vom Wahlrecht ausschloss.

Die Rassismusdebatten der folgenden Jahrzehnte konzentrierten sich im Gegensatz dazu auf das quälende Drama der Assimilation – das allgegenwärtige Gefühl, dass man als nichtweißer Bürger, egal, wie weit man es bringt, immer ein Eindringling bleibt. Dieser Wandel lässt sich zum einen an einer Reihe von Begriffen ablesen (»bias« – Befangenheit; »prejudice« – Vorurteil; neuerdings »Mikroaggression«), die zur Beschreibung der subtilen, unbewussten Feindseligkeit verwendet wurden, die an die Stelle des nun tabuisierten offenen Hasses getreten war; zum anderen daran, dass in den Debatten mit der größten öffentlichen Sichtbarkeit vergleichsweise elitäre Probleme diskutiert wurden, etwa »positive Diskriminierung«, Verhaltenskodizes an Universitäten oder mangelnde Repräsentation auf den höchsten Ebenen der Gesellschaft. Die vorangegangenen Debatten um das mit der Hautfarbe verbundene Armutsrisiko, die ungleiche Verteilung von Aufstiegschancen und Lebenserwartung oder auch um Polizeigewalt, verschwanden dabei zwar nicht gänzlich. Schließlich war man mit derartigen Fragestellungen schon über die Nachrichten auch weiterhin regelmäßig und oft auf dramatische Weise konfrontiert – besonders heftig während der gewaltsamen Unruhen in Los Angeles 1992. Aber sie verblassten letztlich in dem Maß, in dem die Kriminalitätsrate allmählich sank, während das Bruttoinlandsprodukt zugleich anstieg.

Diese Entschärfung der Rassismusdebatte – die zunehmende Akzeptanz der Annahme, dass es zwar noch »zu tun« gebe, aber doch auch schon »Fortschritte gemacht« worden seien – traf ausgerechnet während der Präsidentschaft Obamas, als Amerika angeblich in eine »postrassistische Ära« eingetreten war, auf eine starke Gegenströmung. Als in den konservativen Medien die rassistische »Birther«-Verschwörung verbreitet wurde, von Bürgern aufgezeichnetes Filmmaterial von Polizeischießereien kursierte und schließlich Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, bildete sich ein Gegendiskurs zum vorsichtigen Optimismus der vorangegangenen Jahrzehnte. Er verhandelte Rassismus nicht so sehr als Phänomen, für das die einzelnen Bürgerinnen und Bürgern individuell verantwortlich zu machen waren; das Verschulden sah er vielmehr bei den politischen Institutionen, dem Rechtssystem, den Finanzmärkten, dem Kulturbetrieb.

Der sich wechselseitig verstärkende strukturelle Rassismus in diesen Bereichen, so wurde argumentiert, habe verheerende Folgen, etwa die enorme Ungleichverteilung von Hausbesitz unter Schwarzen und Weißen, und führe zu den eingewachsenen gesellschaftlichen Machtverhältnissen, für die der Begriff der »white supremacy« geprägt wurde. Wie sonst ließe sich die fortdauernde Segregation in den Schulen erklären, trotz aller Gesetze, die genau das verbieten, trotz jahrzehntelanger Integrationsversuche? Weil der neue Rassismusdiskurs sich primär für überindividuelle historische Prozesse interessierte, gingen daraus in erster Linie Beiträge zu einer Archäologie des strukturellen Rassismus hervor, beispielsweise Studien zum Geschäftsgebaren der Spar- und Darlehenskassen. Das analytische Paradigma der Vorgängerdebatte, die den Rassismus der moralischen Haltung jedes/jeder Einzelnen zugeschrieben hatte, wurde dadurch überlagert, es blieb aber weiterhin präsent.

Die Kontroverse um Schwarz auf weiß griff diesen doppelten Diskurs auf und übertrug ihn auf den deutschen Kontext. Nahezu jeder Aspekt ist beeinflusst von der amerikanischen Rassismusdebatte, von Noah Sows Verwendung des englischen Begriffs »people of color« über den kurzen Exkurs der Süddeutschen Zeitung zur Geschichte des Blackfacing in Amerika bis hin zur Themenwahl Wallraffs – der sich, statt dem Rassismus gegen Schwarze nachzugehen, in Deutschland ebenso gut auch mit dem historisch naheliegenderen Phänomen des Antisemitismus hätte beschäftigen können. Ungeachtet ihrer Meinungsverschiedenheiten kamen Wallraff, Sow und die SZ alle zum gleichen widersprüchlichen, eindeutig von den US-Debatten geprägten Befund: dass trotz großer Fortschritte an der Oberfläche nach wie vor ein ausgeprägter Rassismus existiert; und dass gerade wegen dieser Fortschritte Rassismus nicht mehr politisch oder juristisch bekämpft werden kann, sondern auf dem Feld der Kultur besiegt werden muss.

Am deutlichsten zeigt sich der Einfluss der amerikanischen Diskurse jedoch in der Aussage über die unüberbrückbare Kluft in der Erfahrung von Rassismus zwischen Schwarz und Weiß. Vierundzwanzig Jahre zuvor hatten die Verteidiger von Ganz unten noch argumentiert, das Buch habe trotz Wallraffs Methode spürbar Gutes bewirkt. Die angegriffenen Unternehmen klagten gegen Wallraff und verloren, und das Thema Gastarbeiter rückte in den Fokus. Die Kritiker von Schwarz auf weiß dagegen erklärten, ein weißer Autor könne bei allen guten Absichten die Erfahrung, was Schwarzsein bedeutet, niemals nachvollziehen. Erst elf Jahre später, nach der Tötung George Floyds und den darauffolgenden Protesten, begannen amerikanische Streaming-Dienste damit, Shows und Filme, die Blackfacing enthielten, aus ihren Beständen zu löschen oder ihnen Trigger-Warnungen voranzustellen.

In Amerika wie in Deutschland sind cross-racial-Reportagen mittlerweile tabu. Das wird wohl auch in Zukunft so bleiben. Aber was ist mit der Vergangenheit? Ganz unten hat sich bis heute erstaunliche vier Millionen Mal verkauft. Hat das Buch uns heute noch etwas zu sagen? Wie kam Wallraff, der einst die Arbeiterliteratur des frühen 20. Jahrhunderts wiederbeleben wollte, überhaupt auf das Thema Rassismus? Wie kam es, dass ein Buch, das sich einer Methode bediente, die sich in Auseinandersetzung mit den spezifischen Verhältnissen in den USA entwickelt hatte, in Deutschland einen solchen Nerv traf? Gibt es etwas spezifisch Deutsches an Wallraffs türkischer Maskerade? Und kann Ganz unten uns heute noch etwas anderes vermitteln als die Hybris des Unternehmens?

Die alte und die neue Linke

Ganz unten beginnt mit der Verwandlung Wallraffs in Ali. Dazu setzt sich Wallraff als erstes eine schwarze Perücke auf und schwarze Kontaktlinsen ein. Dann trainiert er seinem kölschen Akzent einen verstümmelten Wortschatz mit verdrehter Grammatik an, um wie ein Ausländer zu klingen. Er testet die Maskerade bei dem Versuch, eine Wohnung zu mieten, in der Kneipe ein Bier zu bekommen, ein Fußballspiel zu besuchen und schließlich an einer Aschermittwochskundgebung für den neugewählten bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß teilzunehmen. Die Verkleidung erweist sich als gelungen: Ali-Wallraff wird nicht bedient, man beschimpft oder attackiert ihn körperlich, wo immer er auftaucht. Zufrieden gibt der zweiundvierzigjährige Wallraff eine Zeitungsanzeige auf, in der er sich als vierundzwanzigjähriger Einwanderer ausgibt, der »Arbeit, egal was, auch Schwerst- u. Drecksarbeit« sucht. Im zweiten Teil des Buchs beschreibt Ali-Wallraff dann detailliert seine Tätigkeit für »Adler«, ein Pseudonym für den Leiharbeiterunternehmer Hans Vogel, der Verbindungen zur nordrhein-westfälischen Sozialdemokratie hat.

Bei seiner Arbeit für »Adler« erlebt Ali-Wallraff die lebensbedrohlichen Arbeitsbedingungen, den Lohnentzug und die ständigen rassistischen Beschimpfungen, denen türkische Arbeiter ausgesetzt sind. Im langen letzten Kapitel, dem Herzstück des Buchs, bringt Wallraff Vogel dazu, türkische Arbeiter zur Reinigung eines Atomreaktors anzuheuern – ein Auftrag mit tödlichem Risiko. Der Bericht enthält neben den Aussagen von Arbeitern Seitenleisten mit Statistiken, vor allem aber Fotos von Wallraff am Schauplatz seiner Untersuchungen, die beweisen, dass er tatsächlich »vor Ort« war.

Dieser Fokus auf Wallraffs persönliche Erfahrungen brachte ihm den – durchaus nachvollziehbaren – Vorwurf ein, er benutze das Leid der türkischen Arbeiter zur Mehrung des eigenen Ruhms. Die Kritik, vor allem die von links, stellte zu Recht fest, wie sehr Wallraffs Reportagestil in Ganz unten mit dem dokumentarischen Realismus kollidierte, dem er sich nach eigener Aussage immer verpflichtet gefühlt hatte, insbesondere dem der Dortmunder Gruppe 61. Die 1960 von dem Bibliothekar Fritz Hüser sowie den Journalisten Max von der Grün und Walter Köpping gegründete Autoreninitiative war bekannt für ihre »unangemeldeten Go-Ins«, also Reportagen am Arbeitsplatz, die ohne Vorankündigung bei Chef und Arbeitern durchgeführt wurden. Die Abwesenheit der Dokumentierenden im Text war für den Objektivitätsanspruch des Berichts entscheidend. Es waren die Arbeiterinnen und Arbeiter, die zu Wort kommen sollten, nicht der Autor.

Das bekannteste Werk der Gruppe waren Erika Runges Bottroper Protokolle. Das 1968 veröffentlichte Buch enthält Interviews mit den Bewohnern der nordrhein-westfälischen Stadt, die sich nach der Zechenschließung in einer schmerzhaften Phase der Deindustrialisierung befand. Jeder Bericht verzeichnet die konkreten individuellen Arbeitszeiten und -bedingungen und die Anforderungen des häuslichen Lebens – die harten Fakten im Leben des ökonomischen Unterbaus. Runges Tätigkeit ist primär editorisch: Sie ordnet das Material so, dass die Leserin das wirtschaftliche Gesamtsystem in den Blick bekommt, das jede einzelne individuelle Erfahrung bestimmt. Das spezifische Verdienst der dokumentarischen Methode sei es, diesen Zusammenhang aufzuzeigen und die unterschiedlichen Zeugnisse als ein Beziehungsgeflecht vorzuführen, argumentierten die Mitglieder der Gruppe 61. Damit weise ihre Arbeit über bloßen Journalismus hinaus, ohne andererseits dem Formalismus der Literatur zum Opfer zu fallen.

In seinen Vorträgen und Interviews in den sechziger und siebziger Jahren bezog sich Wallraff pflichtschuldig auf diese Argumente. Tatsächlich aber zeichnete es seine Texte aus, dass darin die individuelle Erfahrung von Ausbeutung im Mittelpunkt stand. In seinen frühen Reportagen hatte er seiner Undercover-Recherche meist eine Reihe von Interviews zur Seite gestellt. Nach dem Erfolg von Der Aufmacher verlagerte Wallraff das Gewicht seiner Texte jedoch immer mehr auf die subjektive Seite. Diese methodische Abkehr von der Gruppe 61 war nicht nur ein Dissens über Stil. Sie spiegelt im Kleinen den tiefen Riss wider, der sich Ende der sechziger Jahre zwischen der alten und der neuen Linken auftat. Auf der einen Seite jene, die noch immer im theoretischen Bannkreis der Kommunistischen Partei standen – selbst nachdem das Wissen um die stalinistischen Säuberungen Allgemeingut geworden war. Sie insistierten darauf, dass die Produktionsverhältnisse und historischen Entwicklungen auf objektiven Gesetzmäßigkeiten beruhten. Auf der anderen Seite eine jüngere Generation von Intellektuellen, die den Kapitalismus vor allem als eine Bewusstseinskrise verstanden – als Produktion illusionärer Wünsche und Verlust individueller Erfahrungen infolge der spätkapitalistischen Produktionsverhältnisse.

Während Wallraff in seinen Vorträgen und Interviews die »objektive« Linie verfolgte, schlug er sich in seinem Werk auf die Seite der Nonkonformisten. Jede Seite von Ganz unten ist gespickt mit »ich«, »Ali«, »mein« und »wir«. Diese Wiederholungen verleihen dem Text sein unverwechselbares Stakkato und fesseln den Leser an die Perspektive von Ali-Wallraff. Dieses »Ich« notiert nicht nur harte Fakten wie Arbeitszeiten und Löhne, sondern auch Gefühle, Eindrücke und – völlig unakzeptabel für die alte Linke – moralische Urteile. Wallraff reichert den direkten, reportagehaften Stil der Gruppe 61 mit einem trockenen Sarkasmus an, der die Verächtlichkeit und monströse Unmenschlichkeit von Alis Peinigern unterstreicht. Ein Beispiel: Nachdem er zunächst die Bigotterie und Großspurigkeit der CSU-Basis vorgeführt hat, macht Wallraff anschließend kein Hehl aus seiner Abscheu gegen Strauß, zu dem er als vermeintlicher Abgesandter der faschistischen »Grauen Wölfe« in der Türkei vorgelassen wird: »Er begrüßt mich herzlich und klopft mir auf die Schulter, so behandelt ein mächtiger Pate einen sehr ärmlichen Verwandten aus der Provinz. Die Festschrift ›Franz Josef Strauß – Ein großer Bildband‹ versieht er für mich mit einer persönlichen Widmung: ›Für Ali mit herzlichem Gruß – F. J. Strauß‹.«

Häufig driftet Wallraffs Prosa weg von den schieren Fakten, um beim affektiven Erleben der jeweiligen Situation zu verweilen und zu einer kruden Poesie des Desolaten zu finden. Gleichzeitig geben die immer wieder auftauchenden Schilderungen seiner Empfindungen und seiner Selbstwahrnehmung dem Text so etwas wie einen erzählerischen Bogen. Wo Runge persönliche Zeugnisse zu einem umfassenden ökonomischen Gesamtbild zusammenfügt, geht Wallraff in die genau entgegengesetzte Richtung. Das Ganze – passiv, unpersönlich – verschwindet; die affektive Erfahrung des türkischen Gastarbeiters tritt grausam scharf hervor. Den Arbeitsplatz als Zentrum der Entmenschlichung in der kapitalistischen Gesellschaft verliert Wallraff dabei dennoch nie aus dem Blick.

Für Wallraffs cross-racial-Reportagen standen eine Reihe älterer US-Texte Pate, deren Autoren sich ebenfalls dafür interessiert hatten, wie die äußeren Umstände wirtschaftlicher Ausbeutung die Ausgebeuteten innerlich zurichten. Das waren vor allem die aus erster Hand stammenden Berichte über rassistische Erfahrungen, die auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung Mitte der sechziger Jahre veröffentlicht worden waren: Martin Luther Kings Letter from a Birmingham Jail, die Autobiografie von Malcolm X und Eldridge Cleavers Soul on Ice. Charakteristisch für Wallraff ist, dass er die materiellen wie die psychologischen Aspekte ausbeuterischer Verhältnisse gleichermaßen thematisiert. Bei ihm wird der Objektivitätsimperativ der alten Linken also nicht verabschiedet, die subjektive Wende, die die neuen Linke forderte, aber gleichwohl mitvollzogen. Dahinter steht die Überzeugung, dass die äußeren Umstände überhaupt nur vor dem Hintergrund der Frage von Interesse sind, wie und in welchem Maß sie all diejenigen, die ihnen unterworfen sind – Wallraff, die türkischen Arbeiter, Menschen in prekären Verhältnissen überall – im Kern ihres Subjektseins beschädigen.

Zugleich verknüpft Ganz unten die Frage nach dem in der deutschen Gesellschaft allgegenwärtigen Rassismus konsequent mit der nach dem Verhältnis von Chef und Arbeiter. Rassismus, so die Analyse des Buchs, dient vor allem dazu, eine Klasse von Menschen hervorzubringen, die man die gesellschaftlich notwendigste und gleichzeitig entwürdigendste Arbeit verrichten lassen kann. Diese Entwürdigung wiederum zerstört die Selbstachtung und die Solidarität, die notwendig wären, um organisierten Widerstand zu leisten. Während in Amerika die Rassismusdebatte mittlerweile als Markenzeichen der neuen Linken gilt, die sich im weitesten Sinn von der Klassenpolitik zur Identitätspolitik bewegt hat, stehen die Einsichten zum Rassismus in Ganz unten noch völlig im Einklang mit der alten Linken: dass nämlich selbst nach der »Humanisierung der Arbeit« während der Kanzlerschaft Willy Brandts und Helmut Schmidts eine der reichsten Gesellschaften in der Geschichte noch immer von Ausbeutungsformen abhängig sei, die seit den Tagen, als Sklaven die Pyramiden bauten, fortbestünden.

Die sadistische Gesellschaft

Die Diskussion um die Authentizität und die ethische Bewertung von Wallraffs Experiment, die nach der Veröffentlichung von Ganz unten in den deutschen Medien aufflammte, verfehlt also eher die Intention des Buchs. Denn von der ersten Seite an ist klar, dass Wallraff nur türkisch erscheinen, nicht aber türkisch sein will. Er lernt kein Türkisch, nimmt keinerlei Bezug auf die türkische Kultur, betritt nie eine Moschee. Die Figur des Ali ist weniger als Versuch zu verstehen, einen direkten Zugang zu einer »authentischen« türkischen Identität zu finden, falls es so etwas überhaupt gibt, sondern vielmehr als die Erschaffung einer Projektionsfläche, die Wallraffs Probanden dazu provozieren soll, ihrem Hass Luft zu machen.

So gesehen hat Ganz unten weniger mit Wallraffs anderen Reportagen gemeinsam als mit seinen verschiedenen aktivistischen Aktionen. 1968 trug er eine Reklametafel durch die Straßen, auf der er sich als bettelnder Student ausgab, der wegen der Teilnahme an einer Demonstration entlassen worden sei, und zeichnete den Hohn auf, der ihm von Passanten entgegenschlug. 1974 kettete er sich in Athen an einen Laternenpfahl und verteilte Flugblätter, um gegen das autoritäre Regime von Papadopoulos zu protestieren. Nicht ahnend, dass sie es mit einem deutschen Staatsbürger zu tun hatten, schlugen ihn griechische Polizisten bewusstlos und warfen ihn ins Gefängnis. Eine ähnliche Strategie wendet Wallraff bei seiner Arbeitsplatzrecherche in Ganz unten an. Er arbeitet in Zwölf-Stunden-Schichten und schleppt Zementblöcke. Er reinigt Aufzugsschächte bei eisigen Temperaturen ohne Handschuhe und riskiert dadurch bleibende Nervenschäden. Er testet Medikamente, die noch nicht für den allgemeinen Gebrauch zugelassen sind, ein Experiment, das zu einer der erschütterndsten Passagen des Buchs führt: »Am nächsten Tag geht es mir miserabel. Ein an sich unsinniger Versuch, weil die Nebenwirkungen alle bekannt sind. Wir erleben sie gerade: schwerste Benommenheit, starke Kopfschmerzen, totales Wegtreten und schwere Wahrnehmungstrübungen, dazu ein ständiges Wegschlafen. Auch das Zahnfleisch blutet stark. Siebenmal Blut abgezapft bekommen und sich ständig zur Verfügung halten.« Das Kapitel endet mit Wallraffs Überlegung, ein Medikament zu testen, das ihm Brüste wachsen lassen und zu dauerhafter Impotenz führen soll – schließlich entscheidet er sich dagegen. Ja, diese Leidensbereitschaft dient Wallraff als Beweis für die Glaubwürdigkeit seines Handelns gegenüber seinen potentiellen Gegnern. Aber mehr noch erzeugen die anschaulichen Beschreibungen seiner Qualen ein unmittelbares, geradezu körperlich spürbares Mitgefühl, das die Grenzen von Rasse und Klasse sprengt.

Zugleich zeichnet Wallraffs Streben nach immer größeren Schmerzen ein starker Zug ins Masochistische aus. Besonders deutlich wird das in den verbalen Auseinandersetzungen, die Ali-Wallraff führt. Auf der Thyssen-Baustelle hört Wallraff nicht auf, sich mit einem verbitterten deutschen Arbeiter anzulegen, bis dieser ihn anbrüllt, dass Deutschland einen zweiten Holocaust brauche, um die Türken loszuwerden. Obwohl er wiederholt abgewiesen wurde, kehrt er wieder und wieder in das Büro eines entnervten katholischen Priesters zurück und verlangt, getauft zu werden. Sein politisches Angriffsziel Franz Josef Strauß hat er offensichtlich wegen dessen rabiatem Antikommunismus und seiner notorischen Verachtung der freien Presse auserkoren. Ali ist nicht nur kein Türke, er ist überhaupt niemand, da sich die Charakterzüge seiner Figur ständig verändern, je nachdem, womit Wallraff glaubt, die schlimmstmögliche Reaktion provozieren zu können. Auf der Baustelle gibt Ali den Naivling, der sich von seinen deutschen Kollegen erklären lässt, was an Hitler so großartig war. Im Büro des Pfarrers ist er ein Streber, der auswendig die Heilige Schrift zitiert. Sämtliche Beschimpfungen erträgt Ali widerspruchslos. Gerade seine Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen, veranlasst seine Peiniger, ihm immer weitere zuzufügen.

Dieser Aspekt von Wallraffs Reportage steht in scharfem Gegensatz zu seinem vermeintlichen Vorbild, John Howard Griffins Black Like Me. Griffins Buch wurde 1961 als Reaktion auf den Bus-Boykott in Montgomery von 1955/56 veröffentlicht – Martin Luther King war schon berühmt, aber die Bürgerrechte noch kein nationales Projekt. Griffin, der seine Haut mithilfe von Medikamenten dunkler gemacht hatte, um als Schwarzer zu erscheinen, schildert seine Reise von New Orleans nach Atlanta. Wie Ganz unten beschreibt das Buch, wie sich selbst harmlose Begegnungen mitunter plötzlich in bösartige Konfrontationen verwandeln können – wie also beispielsweise die schlichte Frage nach dem Weg oder die Bitte um Wechselgeld bei den harmlosesten und unscheinbarsten Bürgern zu einem Gewaltausbruch führt. Dennoch unterscheidet sich Griffins Buch in mehreren aufschlussreichen Punkten von dem Wallraffs. Erstens behält Griffin einen Teil seiner Identität bei: Er stellt sich jedem, den er trifft, als John Griffin vor, Autor für Reader’s Digest.

Er ist sich natürlich bewusst, dass er Rassismus ausgesetzt sein wird; was er herausfinden will, ist, wie es sich anfühlt, ihn zu ertragen. Doch während seiner Treffen mit Männern und Frauen, Schwarzen und Weißen, Stadt- und Landbewohnern, Amtspersonen und Menschen aus der Zivilbevölkerung weiß Griffin nicht, was bei jeder einzelnen Begegnung herauskommen wird. Er führe ein Experiment durch, erklärt er dem Leser immer wieder. Griffin geht davon aus, dass weder ein weißer noch ein schwarzer Südstaatler ihm rückhaltlos die Wahrheit sagen wird, und macht sich auf den Weg, das ganze Ausmaß von Rassismus selbst zu entschlüsseln, seine Formen und Methoden, die versteckten Ecken und die Leerstellen. So entdeckt er zum Beispiel Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe auch innerhalb der schwarzen Community und reflektiert ausführlich den Unterschied zwischen einem vorsichtigen Optimismus in Atlanta und der nahezu dantesken Hoffnungslosigkeit im ländlichen Mississippi.

Einig sind sich Griffin und Wallraff in der Diagnose der Allgegenwart des Rassismus. Doch aus dieser Erkenntnis leitet Griffin eine moralische Schlussfolgerung ab, die nicht nur Ganz unten, sondern Wallraffs gesamtem Projekt fremd ist: dass das von ihnen geschaffene rassistische System die Menschlichkeit der weißen Täter nicht weniger vollständig zerstört als die ihrer schwarzen Opfer. In der berühmtesten Passage seines Buchs sucht Griffin einen Sitzplatz in einem Greyhound-Busbahnhof. Im Wartesaal darf er sich auf keinen der Plätze setzen, die für Weiße reserviert sind. Plötzlich bemerkt er einen »kräftigen, gutgekleideten weißen Mann mittleren Alters«, der ihn mit »hasserfülltem Blick« anstarrt. »Nichts kann dieses vernichtende Grauen beschreiben«, schreibt Griffin: »Du fühlst dich verloren, zu Tode betrübt angesichts eines so unverhüllten Hasses, nicht so sehr, weil er dich bedroht, sondern weil er ein so unmenschliches Licht auf den Menschen wirft. Du siehst den Wahnsinn, etwas so Obszönes, dass dich die Obszönität selbst (mehr als die Bedrohung) entsetzt. Dies Erlebnis war so neu, dass ich meinen Blick nicht vom Gesicht des Mannes abwenden konnte. Mir war danach zu sagen: ›Was, in Gottes Namen, tust du dir da an?‹«

Letztlich ist für Griffin Rassismus keine Form der Ausbeutung, sondern eine moralische Verfasstheit, die keine Täter, sondern nur Opfer kennt. Indem die cross-racial-Reportage das Tabu, das jede offene Kommunikation zwischen Schwarzen und Weißen verbietet, bewusst übertritt, kann sie wie ein möglicher Schritt auf dem Weg zu einer Wiederherstellung der Menschlichkeit auf beiden Seiten erscheinen. Diese Hoffnung wird in einer anderen erschütternden Passage deutlich, als Griffin per Anhalter durch Alabama fährt und von einem weißen Lastwagenfahrer mitgenommen wird. Einige Kilometer lang plaudert der Fahrer freundlich mit Griffin. Doch schnell kippt die Freundlichkeit um in eine Tirade für Rassenreinheit, Vergewaltigungs- und Mordfantasien inbegriffen. Griffin ist angewidert und verängstigt, reißt sich aber dennoch zusammen und ringt mit sich, den Fahrer als Menschen wahrzunehmen: »Ich zwang mich, still zu sein, zwang mich, mir diesen Mann in seinen anderen Rollen vorzustellen. Ich sah ihn mit seinen Enkelkindern spielen, in der Kirche mit einem aufgeschlagenen Gesangbuch in der Hand aufstehen, morgens vor dem Anziehen eine Tasse Kaffee trinken, sich rasieren und mit seiner Frau nett über nichts plaudern, am Sonntagnachmittag mit Freunden auf der Veranda sitzen. Das war der Mann, den ich gesehen hatte, als ich in den Lastwagen eingestiegen war. Der liebenswerte, anständige Amerikaner war in all seinen Zügen zu erkennen. Doch diese dunkle Seite trägt jeder in sich: das Kranke, die Kälte, die Erbarmungslosigkeit, die Lust daran, selbst Schmerzen und Angst verursachen zu können.«

In Passagen wie dieser wird die eigentliche Mission von Black Like Me deutlich: eine politische Moral zu entwickeln, die das weiße Amerika von seinem toxischen Hass reinigen kann, um es vor dem verheerenden schwarzen Vergeltungsschlag zu bewahren, den Akteure wie Malcolm X prophezeiten. Im Nachwort zur Buchausgabe von 1975 stellt Griffin seine Erzählung ausdrücklich in den Kontext der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. 1961, als die Erstausgabe erschien, führten die Freedom Riders ein ähnliches Experiment wie Griffin durch: Sie überprüften die Durchsetzung der vom Obersten Gerichtshof angeordneten Aufhebung der Rassentrennung im zwischenstaatlichen Verkehr, indem sie in Überlandbussen in die Südstaaten fuhren. Bei seiner Begegnung mit dem LKW-Fahrer wendet Griffin, ohne sie zu kennen, die Techniken des Student Nonviolent Coordinating Committee an: niemals Widerstand leisten oder gegen Gewalt protestieren; immer Blickkontakt halten; niemals die Menschlichkeit des Angreifers aus den Augen verlieren; ihn zwingen, die eigene zu erkennen. In den intensivsten Momenten seiner Erzählung hat Griffins oft überladene Sprache etwas von dem Duktus, wie er für religiöse Massenveranstaltungen typisch ist. Die Beschimpfungen, die er im Lauf seiner Reisen erfährt, werden zu einer Art Passion, jede Station von New Orleans bis Atlanta wird zum Teil eines Kreuzwegs.

Ganz unten dagegen lehnt die Idee, dass im Schmerz Erlösung zu finden sei, entschieden ab. Stattdessen zeigt sich das Buch auf schräge Art und Weise fasziniert von der hoffnungslos sadistischen Persönlichkeit. Im zweiten Teil wendet Wallraff viel Energie auf, um Hans Vogel näher zu kommen. In einem der vielen düster-komischen Momente des Buchs gelingt es ihm, Vogels Chauffeur zu werden, indem er diesen davon überzeugt, dass er eine besonders tödliche Form des türkischen Kung Fu beherrsche. Anders als der Lastwagenfahrer aus Alabama hat »Adler« keine menschlichen Züge. Er empfindet nichts als Verachtung für seine Arbeiter, enthält ihnen ihren Lohn vor und ist genervt von ihren ständigen Forderungen nach besserer Sicherheitsausrüstung. Er prahlt vor Ali damit, dass seine SPD-Verbindungen ihn juristisch unantastbar machen. Wie Horst Bentz, der Geschäftsführer von Melitta in den Neuen Reportagen von 1972, erinnert er sich mit nostalgischer Zustimmung an die Arbeitsstrukturen in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus.

Wallraffs Hang zu solch abstoßenden Charakterstudien, die sein ganzes Werk durchziehen, verstörte seine frühen linken Anhänger, für die das System ausbeuterisch war, nicht das Individuum. In seiner ansonsten scharfsinnigen Analyse von Wallraffs Werk erklärte Oskar Negt Wallraffs Verwendung dieser zweifelhaften Taktik, die seinem Buch einen moralisch-polemischen Dreh geben sollte, mit Brechts Begriff des »plumpen Denkens«. Aber gerade in diesem Dreh liegt das spezifisch Deutsche von Wallraffs Reportage. Nur wenige Kritiker oder Befürworter des Buchs haben bemerkt, dass Wallraff in Ganz unten immer wieder die Parallelen zwischen Türken und Juden betont und die zwischen der Bonner Republik und dem »Dritten Reich«, dessen große Industrieprojekte durch Zwangsarbeiter aufgebaut wurden. (»Wie passen zwanzigtausend Türken in einen VW?«, witzelt ein deutscher Arbeiter in Alis Richtung. »Zwei hinten, zwei vorne, und der Rest im Aschenbecher.«)

Dementsprechend könnte man in der Figur des Ali das pazifistische Korrektiv zum Terrorismus der Roten Armee Fraktion sehen. Sie ist Wallraffs Versuch, die Bundesrepublik in eine Auseinandersetzung zu zwingen, die ihr die Maske der Demokratie vom Gesicht reißt und den grinsenden Schädel des Faschismus darunter zum Vorschein bringt. In Ganz unten gibt es keine Hoffnung auf eine Politik, die diesen Sadismus beenden könnte. Die Gruppe 61 glaubte daran, dass ausbeuterische Verhältnisse durch gerechte ersetzt werden können; für die Aktivisten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung schien die Erlösung des Bösen durch Liebe möglich. Gegen Sadismus jedoch gibt es kein Heilmittel. Die ersten Versuche, Freud und Marx zusammenzudenken, verstanden den Sadismus als Symptom eines sexuell repressiven bürgerlichen Wertekodex, der alles als sündig betrachtet, was nicht den bürgerlichen Fleiß befördert. Ganz unten aber zeigt deutlich, dass der Sadismus auch noch da ist, nachdem die sexuelle Revolution gekommen – und wieder gegangen – ist. Vermieter, Kneipenbesucher, Ärzte, Priester, New-Ager, die etablierten politischen Parteien und vor allem die Arbeiterklasse, deren bereits angeknackste Solidarität durch den Zuzug der Gastarbeiter endgültig zerbrochen ist – sie alle werden von dem zerstörerischen Wahnsinn mitgerissen.

Wie Hegels Herr und Knecht gehen der sadistische Vorstandsvorsitzende und der masochistische Arbeiter nicht nur in ihrer jeweiligen Klasse auf, sie sind zugleich in wesentlicher Weise aufeinander bezogen. Die Belastbarkeit des Arbeiters, sein Stolz auf die Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen, ist nicht zu trennen von der Lust seines Gegenübers, ihm diese zuzufügen. Je mehr er erträgt, desto größer sein Stolz, das Leid ertragen zu können, beflügelt von der Hoffnung, eines Tages selbst derjenige zu sein, der Zügel und Peitsche in der Hand hält. Je mehr ihm die Arbeit abverlangt, desto mehr passt er sich an; je mehr er sich anpasst, desto attraktiver erscheint ihm die nonkonformistische Haltung, die die extreme Rechte gegenüber dem demokratischen Konsens an den Tag legt. Was aber kann dann die von Ganz unten geschürte Empörung gegen diejenigen ausrichten, die schamfrei sind? Welche parlamentarische Anhörung, welches Gesetz, welche Sicherheitsrichtlinien könnten eine irrationale Gesellschaft verändern, die sich ihrer eigenen Zerstörung und der der anderen verschrieben hat?

Transformationen der Öffentlichkeit

In den kontrovers geführten Debatten um Ganz unten waren sich Wallraffs Anhänger zumindest in einem Punkt einig: Das Buch habe trotz seiner ethischen Unzulänglichkeiten spürbar Gutes bewirkt. Und das stimmt ja auch. In der Folge ging die deutsche Regierung hart gegen Subunternehmer vor (insbesondere gegen Vogel und seinen Geschäftspartner Remmert) und richtete ihren Blick auf den schockierenden Umgang mit Gastarbeitern. Ganz unten ist in der Tat das Musterbeispiel einer cross-racial-Reportage, der Beweis dafür, wie Veränderung in Gang gesetzt werden kann, wenn Menschen das Leid der Ärmsten unter ihnen wie am eigenen Leib erfahren.

Diese Einschätzung geht allerdings von einer Vorstellung von öffentlicher Wirksamkeit aus, die sich deutlich von der in Wallraffs Text unterscheidet. Das ist insofern verständlich, als genau dieses Konzept den dokumentarischen Projekten der sechziger und siebziger Jahre zugrunde lag, in deren Umfeld Wallraff bekannt geworden war. Die berühmtesten Beispiele, Stücke wie Rolf Hochhuths Der Stellvertreter und Peter Weiss’ Die Ermittlung, fanden in der Zeit der beginnenden Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus ein breites Publikum. Aber auch die dokumentarische Linke, die das Projekt der autodidaktischen Weiterbildung der Arbeiterschaft jenseits der »bürgerlichen« Medien wiederbeleben wollte, sah den Zweck der dokumentarischen Recherche darin, das Publikum auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen und damit den politischen Willen zu deren Veränderung zu befördern. In ihrem ganz im Geist der Gruppe 61 geschriebenen Buch Von der Hand in den Mund von 1976 collagierte das ehemalige RAF-Mitglied Marianne Herzog Berichte von Akkordarbeiterinnen mit Fotografien der Frauen, die 1912 den Brot-und-Rosen-Streik anführten. Es ist kein Zufall, dass Wallraffs Popularität zeitgleich mit der von Jürgen Habermas ihren Höhepunkt erreichte, der 1981 in seiner Theorie des kommunikativen Handelns den öffentlichen Raum feierte, indem er die Sprache als Instrument zur Aushandlung gemeinsamer Werte und den Konsens als Grundlage der demokratischen Gesellschaftsordnung vehement verteidigte.

In Wallraffs Werk stand der Glaube an die Macht öffentlicher Debatten, die Zuversicht, eine lesende Öffentlichkeit in politische Akteure verwandeln zu können, dagegen immer auf wackligen Füßen. Und in Ganz unten wird er mit besonderer Verachtung behandelt. Wallraffs Skepsis gegenüber dem kommunikativen Handeln wird besonders deutlich in der häufigen Verwendung von Materialien der Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen, also etwa Presseverlautbarungen und Belegschaftszeitschriften. Während für Habermas Werbung die niedrigste Form der öffentlichen Rede ist, eine Bastardisierung der Praxis demokratischer Aufklärung, dominiert für Wallraff die unverfrorene Lüge die gesamte Kommunikation in der Massendemokratie. Die »kommunikative Vernunft« setzt eine ihr entsprechende Verpflichtung zur Wahrheit bei ihren Sprechern voraus. Sie erkennt zwar die Ideologie, das falsche Bewusstsein und die Durchsetzung von Klasseninteressen, nicht aber die Sabotage der Debatte und Vernunft selbst. Gegen ein zynisches Sprechen und absichtliche Fehlinformationen, wie sie Wallraff in seiner Zeit bei der Bild-Zeitung zu produzieren lernte, hat sie kein Mittel parat.

Während also in der Theorie des kommunikativen Handelns Demokratien einen Konsens über Wahrheit oder Lüge durch »argumentative Vernunft« erreichen – durch Debatten oder das, was die Amerikaner salopp als »national conversation« bezeichnen –, ist es genau die Unzulänglichkeit dieses Prozesses, die Ganz unten in seiner zweiten Auflage aufzeigt. Zunächst scheinen die hinzugefügten Materialien den Triumph der Wahrheit über die Lüge durchaus zu belegen. In der »Dokumentation der Folgen«, die wie gewohnt viel von der für Wallraff typischen Selbstbeweihräucherung enthält, finden sich auf den Extraseiten beispielsweise Dankesbezeugungen von türkischen Arbeitern, die die Genauigkeit der Darstellung bescheinigen, oder eine Collage der zahlreichen ausländischen Übersetzungen des Buches.

Ein ambivalenteres Bild ergibt sich dann aber aus dem Material zu den Klagen von McDonald’s, Thyssen-Krupp, Vogel, Remmert und Alfred Keitel gegen Wallraff sowie aus Presseberichten, die Wallraff als »sozialistischen Hetzer«, »Nestbeschmutzer« und bezahlten Stasi-Agenten bezeichnen. Dass diese Fälle überwiegend zu Wallraffs Gunsten entschieden wurden – ganz zu schweigen vom wirtschaftlichen Erfolg des Buchs –, könnte man als Beleg für den Sieg der argumentativen Vernunft werten. Im Text werden die Klagen und der versuchte Rufmord allerdings in erster Linie als strikte Warnung an Aktivisten eingesetzt, die nicht über Wallraffs Bekanntheitsgrad und seine finanziellen Ressourcen verfügen. In der Dokumentation begegnet dem Leser nicht eine »Debatte« engagierter Bürger über Einwanderung, Rassismus und Ausbeutung, sondern ein Kampf um die öffentliche Meinung zwischen widerstreitenden, ungleich verteilten Interessen. Geradezu triumphierend berichtet Wallraff darüber, dass der Beinahe-Mörder Vogel einen Vertrag mit der Stadt Emmerich über den Bau von fünfhundert Toiletten für einen Besuch von Johannes Paul II. verliert, aber vertragsgemäß trotzdem dafür bezahlt wird.

Die Figur des türkischen Gastarbeiters ermöglichte Wallraff, auf den blinden Fleck im demokratischen Konsens der 1980er Jahre hinzuweisen. Seine Dokumentation beschreibt vorausschauend, wie eine Bevölkerungsgruppe, die für die materielle Existenz der Bundesrepublik unverzichtbar ist, von der Teilnahme an den für ihr Schicksal entscheidenden öffentlichen Diskursen aufgrund von Sprache, Ethnie, Religion, Klasse und Staatsangehörigkeit ausgeschlossen wird. Und dass genau das die Vorstellungen von Konsens und der Entwicklung gemeinsamer Werte infrage stellt, auf die die Bundesrepublik so stolz war.

Tatsächlich herrschten in der Wirtschaft dieselben undemokratischen Bedingungen, die die Gastarbeiter ihrerseits überhaupt erst ins Land getrieben hatten. Mehr noch: Wenn der Umgang mit den Gastarbeitern das demokratische Selbstverständnis Deutschlands Lügen strafte, dann tat die sich verändernde Zusammensetzung der Arbeiterklasse dasselbe für die Hoffnungen von Herzog, Runge und der Gruppe 61, neue »Gegenöffentlichkeiten« zu schaffen. Denn in den 1980er Jahren änderten sich die Verhältnisse innerhalb der deutschen Arbeiterklasse. Gerade weil der Arbeiter nicht mehr am untersten Ende der sozialen Hierarchie stand, wie es der Titel des Buchs suggeriert, war er in einer schwächeren und unsichereren Position als früher – nützlich, aber nicht respektiert in einer Gesellschaft, in der die Ungleichheit stetig zunahm und in der es keine allgemeine Übereinkunft mehr gab, was »Arbeit« überhaupt ist und wer sie verrichtet.

Diejenigen, die nun »ganz unten« waren, hatten keinen Bezug zum kulturellen und politischen Erbe der Arbeiterliteratur, sie waren ausgeschlossen. Kurzum, das System der Ausbeutung, gegen das die Arbeiterbewegung gekämpft hatte, war immer noch sehr präsent. Doch es gab keinen Weg zurück zu den alten Modellen des politischen Widerstands, wie sie die linke dokumentarische Literatur wiederzubeleben gehofft hatte. Wenn Ganz unten eine Lehre bereithält, dann die, dass die Wahrheit immer noch eine Wirkung haben kann, aber nicht mehr allein deshalb, weil sie wahr ist. Sie muss sich in einem öffentlichen Diskurs behaupten, in dem die zunehmende Schamlosigkeit der Mächtigen nicht nur die öffentliche Diskursfähigkeit einzuschränken beginnt. Das ebenso inspirierte wie zynische Geschick, mit dem Wallraff die Hebel der öffentlichen Meinung bediente, die Tricks, mit denen er das System der öffentlichen Aufmerksamkeit manipulierte, seine eigene Schamlosigkeit – all das war nicht weniger vorausschauend als seine Gesellschaftsanalyse.

Aus dem Englischen von Barbara Burckhardt


3 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Zu aller erst schreibt Wallraff Industrie Reportagen, die in der Post 68 Zeit gut ankommen, weil da sind alle bewußt. Dann ist er der Mann der bei Bild Manfred Esser war, damals hielten die Bild alle für Springers Hetzblatt, deswegen kam das auch gut an, Bild war das verachtete Blatt der Proleten. Ganz unten war auch damals für jeden nachvollziehbar, einfach ein Buch das die Vorurteile und sozialen Gefühle bestimmter Gruppen im Land bedient hat. Die ganze Geschichte vom Türken Ali, war auf dem Niveau von Relotius, Vorurteile befriedigen und Standarts erfüllen. Damals gab es noch genug „Gut Menschen“, denen genau das Gefiel. Was in ganz unten beschrieben wird wußte jeder der das wissen wollte. Zum Teil ist das Leben heute noch viel prekärer als in ganz unten, aber heute geht es um Gender um sexuelle Orientierung und zeit neusten um die Frage ob Othello nur von Menschen mit afrikanischen Wurzeln gespielt werden kann, beim Shylock fragt das keiner, ob der Original sein muß, aber gut, man hat sich auf leere Aussagen Formel zurück gezogen. Wallraff war auf seine Art ein soziales Gewissen, der damit aber eben auch Geld verdient hat, genauso wie Konstantin Wecker. Aber die Mißstände waren da und sind da. Niemand lößt sie, in dem er darüber diskutiert wer was darf.

  2. rosengrob sagt:

    Erstaunlich, dass es der Autor in seinem langen Riemen an keiner Stelle für nötig erachtet, die Kontroverse Wallraff &Gremlitza von konkret zu erwähnen, in der Letzterer Ersterem vorwirft, dessen bekannte Bücher alle in Gänze für ihn geschrieben zu haben. konkret hat Wallraff deshalb auch den Karl Kraus Preis verliehen, dessen Preisgeld dann fällig würde, wenn Wallraff nie mehr einen Satz veröffentlichen würde. Es ist bekanntermaßen anders gekommen.

    https://cms.konkret-magazin.de/425/articles/von-konkret-941.html

  3. Anton Gutwein sagt:

    „Doch diese dunkle Seite trägt jeder in sich: das Kranke, die Kälte, die Erbarmungslosigkeit, die Lust daran, selbst Schmerzen und Angst verursachen zu können.«“ sagt an einer Stelle John Howard Griffin.
    Wallraffs Reportagen sollen genaus das. Schmerz und Angst bei denjeningen verusachen, die er entlarvt. Allerdings habe ich große Zweifel, ob man mit staatlicher verordneter Angst und Schmerz, wirklich eine nachhaltige Verhaltensänderung erreichen kann. Bestenfalls bekommt man einen vorsichtigen Rassisten, einen zurückhaltenden Macho, einen schweigsamen Rebellen. Menschen, die nur auf den Tag der Rache warten oder sich in Berufen versuchen, wo sie diese Gesellschaft mit ihren eigenen Waffen in Gulag, Umerziehunglager, Bautzen ad Absurdum führen können.

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