Antikolonialismus, Dekolonisation und „Dritte Welt“

Noch einmal Achtundsechzig

Der Kongress der schwarzen Autoren, der im Oktober 1968 in Montreal stattfand, war ein Treffen dezidiert linker Intellektueller, die zu einem engagierten und gelegentlich streitlustigen Publikum über revolutionäre Perspektiven sprachen. Die Veranstaltung, die im rasch anwachsenden Schrifttum über die »globalen sechziger Jahre« selten Erwähnung findet,1 wurde von einer Gruppe karibischer Aktivisten und schwarzen kanadischen Studierenden sowie Mitgliedern der schwarzen Community Montreals organisiert. Obwohl kein Referent aus dem afrikanischen Kontinent, Lateinamerika und der nichtanglophonen Karibik den Weg nach Québec fand, handelte es sich bei dem Kongress zweifelsohne um ein bedeutendes internationales Event, das Generationen und diverse politische Perspektiven schwarzer Aktivisten und Intellektueller verknüpfte.

(Dieser Text ist im Februarheft 2022, Merkur # 873 erschienen.)

Unter den Teilnehmenden waren Vertreter einer älteren Generation panafrikanischer schwarzer radikaler Protagonisten wie C. L. R. James,2 aber ebenso jüngere Radikale wie Stokely Carmichael, der in Trinidad geborene Afroamerikaner, »Premierminister« der Black Panther und zum Zeitpunkt des Kongresses, zu dem er das Schlusswort beitrug, auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Die Debatten verliefen keineswegs konfliktfrei. Dies war zum einen intergenerationellen Dynamiken geschuldet, zum anderen divergierenden Vorstellungen über die Art und Weise, wie Rassismus gegen schwarze Menschen bekämpft werden könne. Auffällig an der Veranstaltung war die völlige Abwesenheit weiblicher Stimmen. Selbst Miriam Makeba, die berühmte exilierte südafrikanische Sängerin, erschien lediglich als Begleitung ihres Ehemanns Stokely Carmichael.3

Zahlreiche Reden auf dem Autorenkongress verwiesen auf die fortdauernde Notwendigkeit, die »Dritte Welt« von imperialistischer Herrschaft zu befreien. Der Begriff »Dritte Welt« fand im Verlauf der sechziger Jahre über die öffentlichen Debatten zu Entwicklungspolitik und antikolonialem Engagement Eingang in Journalismus und Alltagssprache. In Frantz Fanons antikolonialem Klassiker Die Verdammten dieser Erde spielte er eine wesentliche Rolle.4 Außerhalb der Sozialwissenschaften, in deren Kontext er ursprünglich entstanden war, begleitete ihn von Beginn an eine latente Unschärfe. Im Kern war mit der Rede von der »Dritten Welt« die emanzipatorische Vorstellung einer alternativen Zukunft verbunden, in der aus der Zerschlagung der kolonialen Imperien und der Befreiung der Kolonisierten letztlich Ordnung und Frieden in der Welt hervorgehen würden.5 Diese Vision mobilisierte ein weites Spektrum von kulturellen Akteuren und Mittlern, zugleich war sie Ausdruck des Vertrauens in die Notwendigkeit humanitärer Interventionen, in die Macht der Politik und in das transformative Potential von Kunst, Literatur und Wissenschaft.

Der Kongress in Montreal katapultierte einen jungen Wissenschaftler auf die internationale Bühne, der sich fortan als Historiker Afrikas, als intellektueller Mittler und als gewichtige politische Stimme einen Namen machen sollte. Der in Guyana geborene Walter Rodney, promoviert im Fach Afrikanische Geschichte an der Londoner School of Oriental and African Studies, hatte kurze Zeit als Dozent im tansanischen Daressalam unterrichtet und war gerade zum Professor an der University of the West Indies in Mona, Jamaika ernannt worden, als er in Montreal auftrat. Er hielt dort einen vielbeachteten Vortrag zum Thema »Afrikanische Geschichte als Beitrag zur Befreiung schwarzer Menschen«, in dem er argumentierte, dass »die Historie Afrikas in einem sehr engen Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Kampf der Schwarzen konzipiert werden muss. Wir müssen falsche Unterscheidungen zwischen Reflexion und Aktion vermeiden.« Der zweite Satz reflektierte in nuce Rodneys lebenslanges Credo. Der Kongress von 1968 brachte ihn in engen Kontakt mit einigen Schlüsselfiguren der Black-Power-Bewegung und markierte den Beginn seiner Karriere als zentraler Protagonist der »Dritten Welt«, der wie wenige wissenschaftliche Arbeit und politischen Aktivismus verband – eine mobile und rastlose Existenz, die 1980 mit seinem frühen und gewaltsamen Tod endete.6

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