Das liebe Geld. Literatur und Autonomie-Ideologie

Ein altes Sprichwort sagt: »Wes Brot ich ess, des Lied ich sing« – damit ist die brutalste Grunderkenntnis der Kultursoziologie konzise zusammengefasst. Jemand muss für die Kunst bezahlen, und diese Tatsache hat Einfluss darauf, wie die Kunst am Ende aussieht. Das Sprichwort verweist auf die Zeit der Vormoderne, in der die Künstler von reichen, oft adligen Gönnern abhängig waren, die für ihr Geld als Gegenleistung erwarteten, dass die Kunst ihnen wohlgesonnen sein würde. Walther von der Vogelweide, der im Hochmittelalter für Bezahlung und Geschenke (wie einen berühmten Pelzrock) das dichterische Sprachrohr eines Fürsten wurde, gehört zu den bekannten Beispielen, die das historische Klischee von der heteronomen Vormoderne illustrieren sollen.

(Dieser Text ist im Februarheft 2022, Merkur # 873 erschienen.)

Der Fürst, der ein schmeichelndes Porträt, ein pompöses Geburtstagsgedicht oder ein leichtes Concerto für seine Gartenparty verlangt – das entspricht der modernen Vorstellung davon, was Heteronomie in ihrem Herzen ausmacht. Die offizielle Erzählung der Kulturgeschichte geht dann so: Mit dem Beginn der Moderne setzt sich die Idee einer freien Kunst durch, die sich weder einem Fürsten oder einem politischen Programm noch den Anforderungen des Marktes unterwirft.

Was diese Erzählung allerdings oft unterschlägt, ist der Umstand, dass Künstlerinnen und Künstler auch in der Moderne irgendwie ihre Miete bezahlen müssen. Die modernistische Genieästhetik erkauft sich den Mythos vom freien Autor durch die Romantisierung der Deprivation – durch den Mythos vom leidenden, prekären, aber freien Dichter. Die Literatur soll nicht vom Geld abhängig sein und den schmutzigen Anforderungen, die damit verbunden sind. Denn das Geld schreibt immer mit am Text, und diese Co-Autorschaft sollte nach Möglichkeit eingeschränkt werden. Das hat zur Folge, dass bis heute vor allem diejenigen ihren Lebensunterhalt mit der Kunst verdienen können, die sie verkaufen, erforschen oder lehren, aber selten diejenigen, die sie schreiben.

Beim Durchblättern des Buches Das Geld und der Dichter in Goethezeit und Romantik, einer Sammlung von 71 biografischen Skizzen über »Einkommen und Auskommen«, die Frank Berger zusammengestellt hat, wird deutlich, dass auch die berühmten Autorinnen und Autoren im Zeitraum von 1750 bis 1850 (von Goethe bis Günderrode) nur in den seltensten Fällen von ihrer Literatur leben konnten.1 Bergers Kompendium ist vor allem deshalb interessant, weil er die Vermögenslage der Autoren dieser Zeit auf den Taler oder Gulden genau aufzurechnen versucht und diese Aufrechnung mit zeitgenössischen Werten in Euro abgleicht.

Sein Fazit klingt ausgesprochen unmodern: Die Autoren »gehörten mehrheitlich der oberen Mittelschicht und der Oberschicht an. Schriftsteller zu sein wurde nicht als Beruf angesehen, der einen Mann mit Familie ernähren konnte.« So gut wie alle hatten einen Hauptverdienst, waren Lehrerinnen, Akademiker, Juristen, Verwaltungskräfte oder eben durch ererbten Reichtum finanziell unabhängig.

Doppelte Buchführung

Die sozioökonomischen Skizzen in Bergers Kompendium erzeugen einen gewissen Wiedererkennungswert, wenn man die autobiografischen Texte des Bands Brotjobs & Literatur liest.2 Darin geben deutsche Autorinnen und Autoren der Gegenwart Auskunft über ihre finanzielle Lage, die nach wie vor so prekär erscheint, dass sie ihr Schreiben mit anderen Jobs alimentieren müssen. Allerdings hat sich die Lage im Verlauf der modernen Literaturgeschichte offenbar verschärft. Während die bürgerliche Existenz abseits des Schriftstellerberufs für viele Helden der Goethezeit ein vollkommen selbstverständliches Ziel darstellte, erscheinen die Erfordernisse einer solchen Existenz in der Gegenwart als großes Problem.

Bereits der Begriff »Brotjob« ist ein Resultat der modernen Vorstellung davon, was eine autonome Literatur ausmachen soll. Er nimmt eine implizite doppelte Buchführung vor: Der Lebensunterhalt, also das, was die Autorin am Leben hält, wird durch eine kunstferne Tätigkeit abgedeckt; die Kunst, der eigentliche Job, bleibt unberührt davon. Man muss das Brot, das man essen möchte, irgendwo anders herbekommen, um nicht irgendjemandes Lied singen zu müssen.

Dass diese saubere Einteilung in Brotjob und Kunstjob in konkreten Lebenssituationen um einiges komplexer und schmutziger ist, als es die Reinheitsvorstellungen einer idealisierten Autonomie einfordern, wird aus den Beiträgen des Bands offensichtlich. Er folgt damit einem (auch literaturwissenschaftlichen) Trend, die Aspekte der konkreten Praxis stärker in den Blick zu nehmen und vor allem die Autorinnen und Autoren selbst zu Wort kommen zu lassen.3 Das Hauptanliegen des Bands, heißt es im Vorwort, sei die Enttabuisierung der Produktionsmittel des Schreibens. Vor allem soll die Scham überwunden werden, die das Thema Geld immer noch auszulösen scheint, besonders dann, wenn es um Literatur geht.

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