Der Globus. Bericht aus der Kunstförderung

Der Künstler war am Ende seines Lebens zu alt und zu schwach gewesen, um sein Atelier aufzulösen. Die Erben, nach seinem Tod mühsam ermittelt, waren am Nachlass nicht interessiert. Dieser bestand vor allem aus dem Inhalt des Ateliers. Da der Künstler zwar lokalen Respekt genoss, doch keine größere Berühmtheit erlangt hatte, war der Anreiz gering, ein unübersichtliches Gebirge aus Bildhauerwerkzeugen, Steinblöcken, Kunstwerken in verschiedenen Produktions- und Erhaltungszuständen, sehr vielen verstaubten Büchern, Kisten voller Dokumente und Krimskrams aller Art abzutragen. Nach einer Inspektion des Ateliers beschloss daher die zuständige Kulturbehörde als Vermieterin des Ateliers, die Räumung zu übernehmen. Die Aufgabe war mir zugefallen, da ich für die Kunstförderung verantwortlich war. Normalerweise sollte ich die künstlerische Kreativität und Produktion befeuern. Nun erfuhr ich, dass auch die Auseinandersetzung mit ihren Folgen dazugehören konnte.

(Dieser Text ist im Märzheft 2022, Merkur # 874 erschienen.)

Weniger die Kunst als einige der Hinterlassenschaften des Künstlers hatten meine besondere Neugierde geweckt. Etwa eine Population von Globen. Sie ließen sein ohnehin malerisches Atelier noch mehr den Alchimisten- und Gelehrtenstuben auf Gemälden von Vermeer und Spitzweg ähneln. Allerdings hatte der Künstler nicht zur branchenüblichen Selbstinszenierung geneigt. In sein Atelier ließ er nur wenige Auserwählte ein. Was auf den ersten Blick wie für ein glamouröses Kunstmagazin inszeniert wirkte, hatte sich bei ihm wohl einfach so ergeben. Etliche der Globen hatten deutlich Patina angesetzt. Die riesigen Himmelsgloben wirkten frischer. Als Bausätze geliefert, steckten einige noch in Kartons. Vielleicht hatte der Künstler sich plötzlich nicht mehr für sie interessiert. Vielleicht hatte die Ware nicht seinen Vorstellungen entsprochen. Oder war ihm schlicht die Zeit für die Rekonstruktion des Universums davongelaufen?

Die Spezialsammlung der Zentralbibliothek hatte die besseren Stücke dankend entgegengenommen. Übrig blieb ein ramponiertes Exemplar, auf dessen pastellen verblichener Oberfläche die Spinnen zuvor unbekannte Ortschaften eingetragen hatten. Zum Wegwerfen war es dennoch zu schade. In meinem Büro würde es sich hervorragend machen. Ein Hauch von Nostalgie, eine Anspielung an Direktionsbüros oder Handelskontore von dazumal, als Weltkarten und Globen der unübersehbare Hinweis auf die weltumspannende Ausdehnung der jeweiligen Aktivitäten oder die Internationalität der Klientel gewesen waren: Das passte doch bestens zu meinem Aufgabenbereich.

Und zur Kunst der Gegenwart auch. Vom Sog eines weltumspannenden Warenaustauschs und der dazugehörigen Kapitalströme hat sie sich in den vergangenen Jahrzehnten durchaus bereitwillig mitziehen lassen. Der frühe Sprung über die Grenzen des eigenen Landes, die Einladung zu einer der immer zahlreicheren, zumeist mit touristischen oder sonst wie merkantilen Hintergedanken gegründeten Biennalen ist für die Karriere von Künstlern und Künstlerinnen heute außerordentlich wichtig.

Ihr Bewusstsein für die weltumspannende Konkurrenz wird oft schon in der Akademie geschärft. Manche Künstler zirkulieren danach jahrelang durch Auslandsateliers, unterstützt von einer Kunstförderung, die dem Trend zur Entgrenzung mit der Verschickung an Orte folgt, die wahlweise zu den etablierten Drehscheiben der Kunst gehören oder ein künftiger hot spot zu werden versprechen.

Im Erfolgsfall sind nicht nur die Künstler und Künstlerinnen, sondern auch ihre Werke pausenlos unterwegs. In Noppenfolie und Klimakisten verpackt, werden sie in den globalen Basar der Ausstellungen, Biennalen und Kunstmessen eingespeist. Gezeigt, gehypt, manchmal verkauft. Die Stationen des Frachtguts werden detailliert in den Lebensläufen der Künstler wie auch der Kuratoren aufgeführt. Das ist entscheidend. Denn allein schon die Aufzählung der richtigen locations, der angesagten Institutionen, Galerien, Kunsträume, Biennalen, liefert künftigen Jurys ganz wesentliche Anhaltspunkte für ihr Urteil. Sie ist beinahe unverzichtbar, um in den Genuss weiterer Fördermittel oder gar Auszeichnungen zu kommen.

Die Gesetze des Kapitals, denen zufolge Import und Export der richtigen Dinge zur richtigen Zeit Grundlage jedes Geschäftserfolgs sind, machen auch vor der Kunst nicht halt. Ein zusätzlicher Vorteil ist dabei ihr schillernder Charakter als ästhetisch aufgeladene, an vielfältige Diskurse anschlussfähige Ware. Ideale Basis für allerlei kulturpolitische, diplomatische wie auch finanztechnische Manöver.

Der Zombie-Globus bot neben Stoff für solche Meditationen auch Anschauungsunterricht zu Aufstieg und Fall von Imperien ganz generell. Das verblichene Stück gehörte nicht nur farblich in die Nostalgieecke. Auch das Weltbild, das der Globus propagierte, hatte sich mitsamt den daran gehefteten Erwartungen, Hoffnungen, Ansprüchen erledigt.

Denn seine Oberfläche war bedeckt von Bindestrich-Ländern, deren Existenz und Namen die Geschichte längst getilgt hatte. Belgisch-Kongo, Deutsch-Ostafrika neben Deutsch-Südwestafrika gehörten ebenso zu den Verflossenen wie Portugiesisch-Afrika, Französisch-Westafrika, Äquatorial-Afrika, Englisch-Ägypten, Rhodesien, das Tanganjika-Territorium oder die Kenia-Kolonie. Darüber hinaus waren ein romanhaftes Arabien und ein nicht minder phantasmagorisches chinesisches Reich im Angebot. Geblieben war von all dem ein Ratespiel für die Nachgeborenen. Wie hieß das Land heute noch gleich? Geblieben waren auch die nahezu unlösbaren Folgeprobleme der postkolonialen Welt.

Die Bindestrich-Länder verrieten die Herkunft des Globus aus genau jener Expansionsphase des Kolonialismus, an der sich einige Unterabteilungen der Kunst nun energisch rieben. Stammte er von den Eltern oder Großeltern des Künstlers? Hatte er ihn auf einem Flohmarkt erworben? Eine Jahreszahl war nirgends zu entdecken. Ganz unten bei der Drehhalterung stand nur der Name des Herstellers. Demnach handelte es sich um einen »Columbus-Erdglobus« der Firma Columbus-Verlag G.m.b.H. aus Berlin-Lichterfelde, genauer eine »wirtschaftspolitische Ausgabe, bearb. Dipl.-Hdl. W. Bokisch, Politisches Kartenbild Dr. R. Neuse und C. Luther«.

Die damaligen Auffassungen von Wirtschaftspolitik waren im Kleingedruckten versteckt. Besonders aufschlussreich war die Legende des Globus. Sie befand sich in den Weiten der Weltmeere unterhalb des Kaps der Guten Hoffnung. Wie auf einem Bestellzettel hatte man dort all die über die Erdkugel verteilten Rohstoffe und Waren aufgelistet, deren Besitz gerade als erstrebenswert und vielversprechend galt. Ihren künftigen Weg zeichneten die mehr oder weniger breiten blauen Girlanden vor, die sich als Markierung der Schifffahrtslinien über die Weltmeere schwangen. Für jene, die nicht nur Finger hatten, um den Linien nachzufahren, sondern auch ein paar Schiffe, ausreichend Kredit oder ersatzweise Soldaten, standen die entsprechenden Güter in den mit breiten roten Schriftzügen markierten Gegenden zur Abholung bereit. Legte der Globus nahe.

Dabei war er höchst wählerisch. So verzeichnete er etwa Diamanten, Öl- und Dattelpalmen, Holz und Elefanten, Schildkröten, Strauße und Schwämme, Salz, Ananas, Zucker, Kautschuk und Kamele. Bevorzugt traten Tiere, Pflanzen und Rohstoffe auf, die Fantasien aus dem europäischen Journal des Luxus und der Moden wachriefen, Kamelhaarmäntel, Schildpattbrillen, Brillantcolliers und Straußenboas evozierten. Gold diente als Basis für diese Ökonomie, Tee, Kaffee, Kakao und Tabak als Pausenfüller. Es fanden sich übrigens keine Informationen zum Opium, mit dem man sich China gefügig gemacht hatte.

Ebenso nichtsahnend gab sich der Globus hinsichtlich des Aufbruchs ins Erdölzeitalter. Europa gehörte seiner Ansicht nach fast gänzlich der Kohle, »Arabien« den Kamelen. Größere energiepolitische Bedeutung hatten daneben nur die Schafe, wie sich aus den Markierungen ihrer unendlichen europäischen Weidegründe ablesen ließ. Wer keine Kohle hatte, brauchte wärmende Wolle.

Bis ins feinste Detail ging es dem Columbus-Globus um die Darstellung von Macht und Anspruch, Geld und Gier. Wie um davon abzulenken, blieb die schlotende Industrie verborgen, die gefräßige Maschinerie für all das Herangeschiffte. Die kontinentalen Transportwege, ganze Eisenbahnnetze, die den Absatz unterstützten, waren zu dünnen Linien reduziert. Unsichtbar blieben die Telegrafendrähte und Unterseekabel. Hinsichtlich der benötigten Arbeitskräfte, geliefert per Sklavenhandel, Arbeitsmigration oder Flucht, gab sich der wirtschaftspolitische Globus völlig ahnungslos.

Mit seinem einwandfrei laufenden Kugellager, montiert auf einem schweren Bakelitfuß, war das Erbstück eine gediegene Illusionsmaschine für Salon, Bureau oder Comptoir, eine wunderbare Fantasieprothese, getarnt als Instrument der Weiterbildung für den stolzen Besitzer, der nun auch ein kleiner Weltenherrscher war wie einst die feudalen Machthaber mit ihrem Mercator-Prunkstück. Welch kindliches Vergnügen, mit einem Stupser die Welt in Schwung zu versetzen und rotieren zu lassen. So ließ sich auch einen Moment lang vergessen, wie ohnmächtig der moderne Mensch war und wie sehr er selber rotieren musste, um seine kleinen Allmachtsfantasien zu nähren.

Die Firma Columbus war 1909 gegründet worden. Das war zufällig auch das Jahr, in dem Marinetti mit dem Futuristischen Manifest den hemmungslosen Willen zur Avantgarde als universale Kunstwährung prägte. Die erste Kunstunternehmung mit wahrhaft globalem Anspruch. Die Columbus G.m.b.H. florierte schon bald darauf. Aus dieser Zeit musste das Exemplar des Künstlers stammen. Das Unternehmen lieferte seine Globen bis nach China, in die europäischen Handelskontore von Schanghai, Qingdao und Guangzhou. Wenig erstaunlich fanden sie einige Jahre später auch den Weg in Hitlers Reichskanzlei. Schon früh hatte der Diktator Interesse an den Wunderwerken deutscher Landvermesserkunst bekundet und sich gleich mehrere Exemplare gesichert. Zu den Insignien des selbsterfundenen Herrschers über ein selbsterfundenes Volk ohne Raum gehörte ein raumgreifender Globus aus völkischer Produktion.

Auf diese nur allzu naheliegende Idee war auch Charlie Chaplin gekommen, der seinen Great Dictator zu Wagner-Klängen ein Allmachtsfantasie-Ballett mit einem Riesenglobus tanzen lässt. Was aber bedeutet es, dass Hitler selbst sich nie mit seinen Globen zusammen hat ablichten lassen? War er zu raffiniert oder zu dumm dafür? Nur eines der Exemplare hatte es, wenn auch in Trümmern, auf ein Foto von der zerstörten Reichskanzlei geschafft. Auf dem Globusschrott saßen rittlings zwei Kinder. Hübscher Regieeinfall für Büchners Woyzeck. Die Welt als umgestürzter Hafen.

Der Zweite Weltkrieg hatte zur Zerstörung des gesamten Columbus-Archivs geführt. Aber da auch die Welt abgehakt war, deren Daten es gespeichert hatte, stand die Vernichtung einem Neuanfang nicht im Weg. Im Gegenteil. Schließlich benötigte man jetzt neue, von der Vergangenheit unbelastete Kugeln, um sich die frisch gezogenen Grenzen und neuen Namen einzuprägen. Die Firma, die sich selbstbewusst mit dem Namen des kühnsten aller Eroberer schmückte, liefert seine inzwischen auf Kunststoff applizierten Globen nach einem Intermezzo in Stuttgart nun aus Krauchenwies in der süddeutschen Provinz. Unangefochten von Google Maps produziert sie weiterhin seelenruhig Leuchtgloben fürs Wohnzimmer. Zum hundertsten Firmenjubiläum war sogar Kanzlerin Merkel persönlich erschienen. Wie zuletzt fast alles auf dieser Welt ist auch der Columbus-Globus inzwischen digital erweitert worden. Mit einem Stift fährt man nun über die Oberfläche für Instant-Zusatzinformationen aus irgendeiner Cloud. Diese Globen können nicht mehr veralten. Patinierte Exemplare wie jenes aus dem Künstleratelier, das die Erinnerung an die Flüchtigkeit von Grenzen und Reichen wachhält, sind definitiv Geschichte.

Es bleibt ein Rätsel, wozu der Künstler all die Globen gebraucht hatte. Hatten sie ihn, wie nun mich, zu Gedankenreisen animiert? Oder hatte er gar versucht, mit ihrer Hilfe seine unverwechselbare ästhetische Perspektive auf diese Welt zu finden? Es gab etliche Hinweise dafür, dass er um den vom modernen Künstler geforderten individuellen Standpunkt gerungen hatte. Die tieferen Einblicke in sein Atelier und sein Schaffen machten aber auch klar, warum er damit seine liebe Mühe gehabt hatte. Wie andererseits der unablässig fortschreitende Kunstbetrieb mit ihm.

Der Künstler hatte sich am überkommenen Ideal des Schöpfergenies orientiert. Er schien es als eine der letzten Verkörperungen der heroischen Figur des uomo universale interpretiert zu haben. Als Versuch, die Welt als Ganzes mit seinem Instrumentarium zu ergründen und ihr eine künstlerische Essenz abzuringen. Die Globen waren Teil seiner Ausrüstung für seine Expeditionen in Raum und Zeit. Es war ihm jedoch immer schwerer gefallen, die dazugehörigen Reiseberichte zu formulieren. Das dazu passende aktuelle Narrativ der artistic research als Freibrief für schöpferische Investigationen aller Art war nicht mehr bis zu ihm vorgedrungen.

Am Ende blieb dem Künstler, so schien es, nur die Resignation. Jedoch blieb unklar, ob er sie auch als persönliches Scheitern gesehen oder gar akzeptiert hatte. Denn scheitern konnte schließlich nur, wer sich an geltenden Maßstäben messen ließ. Sich ihnen gar beugte. Da der Künstler aber derlei Verbeugungen und Verbiegungen zeitlebens vermieden hatte, hatte selbst seine Resignation noch etwas Trotziges, Stolzes. War es denn sein Fehler gewesen, dass sich das Umfeld für ihn zuletzt als zunehmend ungünstig erwiesen hatte? Konnte er etwas dafür, dass die von ihm gehegten Ideale von jüngeren Generationen längst gekippt worden waren? Oder waren sie einfach in einer veralteten Sprache formuliert, die niemand mehr richtig verstand? Kaum zu leugnen war, dass sie sich zuletzt als unpraktikabel erwiesen hatten. Dass die kommerzialisierte und digitalisierte Kunstwelt widerständigem Urgestein, wie er eins gewesen war, eher wieder Respekt entgegengebracht hätte, war eine bemerkenswerte Wendung. Für ihn kam sie zu spät.

Am erstaunlichsten war, dass weder die Globen noch die Landkarten, die sich ebenfalls im Atelier stapelten, unmittelbare Spuren in seinem Werk hinterlassen hatten. Während Globen, Karten und mappings aller Art in der Kunst seit längerem als unverzichtbar erscheinen, um unseren Blick auf die Welt neu zu justieren und manchmal auch die Dienstbarkeiten der Geografen von einst zu entlarven, lag dies außerhalb des Horizonts des Atelierbewohners. Selbst der angebotene Formenreichtum, all die bizarren Umrisse der Länder, die Linien der Flüsse oder die menschlichen Sortiermanöver in Form von Sternbildern, hatte ihn nicht inspiriert. Für einen, der mehr an der Erforschung und skulpturalen Vergegenwärtigung archaischer Formen interessiert war, gab es da offenbar nichts zu holen.

Gegen Ende seines Lebens allerdings hatte er wie in Rage ganze Papierstapel mit flüchtig hingeworfenen Knäuelzeichnungen gefüllt und diese in Kuverts verpackt. Seine Post an die Nachwelt. Man konnte sie als wilde Bewegungen auf imaginären Karten lesen, als Ausgeburten einer unbändigen, nun leider eingeschränkten Vagabundierlust. Vielleicht waren sie auch entfernte Verwandte der präzis gestochenen Wegnetze von Kartografen und Globenproduzenten, entstanden in einem Reich ohne Grenzen, das keine digitale Erweiterung je erfassen würde. Ich war versucht, sie als Chiffren für all die Verwirrungen zu sehen, die nirgendwo leichter entstehen als in der Kunst.


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