Kamel oder Dromedar? Zur Diagnose der gesellschaftlichen Polarisierung

Die Diagnose der gesellschaftlichen Polarisierung ist zu so etwas wie dem Masternarrativ sozialer Wandlungsprozesse geworden, mit dem Subtext, dass das, was einstmals als integriert und harmonisch erschien, nun auseinanderzureißen drohe. Ohne die Diagnose der Polarisierung geht nichts mehr – keine Auseinandersetzung um das Klima, keine um Corona-Maßnahmen, keine um das Gender-Sternchen. In dem Bild der Polarisierung ist die Gesellschaft in zwei Lager aufgeteilt, die nun mit widerstreitenden Interessen und Orientierungen als Gegensatzpaar aufeinandertreffen. Man könnte eine solche Gesellschaft auch als Kamelrücken beschreiben – zwischen den aufragenden Höckern ein trennendes Tal unüberbrückbarer Unterschiede.

Die zerstrittene und polarisierte Gesellschaft ist die Kamelgesellschaft, die harmonische und wohlintegrierte hingegen die Dromedargesellschaft. Bei ihr sind soziale Positionen, Mentalitäten und Einstellungen wie bei einer Gaußschen Glockenkurve normalverteilt; die Silhouette des Dromedarrückens formt einen großen Bogen. (Die Zoologie würde, zugegeben, monieren, dass es sich beim zweihöckrigen Kamel um ein Trampeltier handele und beim einhöckrigen Dromedar auch nur um eine Kamelart.) Die Polarisierungsvokabel hat viele Brüder und Schwestern: Spaltung, gesellschaftlicher Graben, Kulturkampf, Auseinanderdriften, Lagerbildung, Frontstellung, Riss, Bruchlinie. Polarisierung wird immer dynamisch und im zeitlichen Verlauf gedacht, als Steigerung des Auseinander zulasten des Gemeinsamen, was sie eng an die Diagnose der problematischen Krisenhaftigkeit bindet.

Klassenkonflikt und nivellierte Mittelstandsgesellschaft

Die Befunde von Polarisierung, Krise und Konflikt sind natürlich die großen Themen (fast) aller Klassentheorien gewesen, die sich für die Grundspannung zwischen Lohnarbeit und Kapital interessierten und analytisch folgenreich zwischen Haupt- und Nebenwiderspruch zu unterscheiden wussten. Die sozialen Großkollektive, die miteinander in eine Auseinandersetzung geraten sollten, waren Klassen, deren Konstitution man in den Eigentumsverhältnissen und der Sphäre der Produktion verortete. Dieses schismatische Zwei-Klassen-Modell ist über einen langen historischen Zeitraum eine der wirkmächtigsten Polarisierungsdiagnosen in den Sozialwissenschaften gewesen. Polarisierung wurde hier sozialstrukturell verstanden, als durch Eigentums-, Ausbeutungs- und Arbeitsverhältnisse hergestellte Klassenlagen und dazugehörige Interessenantagonismen. Die langfristige Annahme war, dass der Mittelstand zerrieben werden würde, bis sich nur noch die zwei Hauptklassen gegenüberstünden, mit der politischen Folge, dass sich die Auseinandersetzungen zwischen den Klassen intensivieren und zum unerbittlichen Klassenkampf steigern sollten.

Dieses Konfliktmodell ist schon früh mit Kritik bedacht worden, vor allem wegen der sich festsetzenden Mittelschicht der »Weder-Kapitalisten-noch-Proletarier«, einer Zwischen- und Pufferzone, in der die »Interessenkontraste der äussersten Flügel vermittelnden Ausgleich erfahren«, so jedenfalls beschied es der berühmteste Sozialstrukturforscher der Weimarer Republik Theodor Geiger. 1 Aus dieser empirisch fundierten Kritik am Klassenmodell wurde in den 1950er Jahren sogar eine unter dem Etikett der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« firmierende Selbstbeschreibung der Bundesrepublik, die sich ganz grundsätzlich von der Konflikthaftigkeit der Gesellschaft absetzte.

Das war eine grundsätzliche Absage an den Begriff der Klassengesellschaft als Beschreibung des Strukturtyps von Gesellschaften der damaligen Gegenwart. Die These des Soziologen Helmut Schelsky ging vielmehr von der sozialen und politischen Dominanz einer sich in einer mittleren sozialen Lage befindlichen Mittelschicht aus, einem »Nivellement aller sozialen Schichten durch Entdifferenzierung und Auflösung der alten sozialen Klassen«. 2 Nicht nur sei der Begriff der Klassengesellschaft immer weniger geeignet, die Gegenwartsgesellschaft zu erfassen. Ein einheitliches mittleres Sozialniveau und ein mittelständisches Sozialbewusstsein seien die Lebenswirklichkeit aller oder mindestens einer großen Mehrheit geworden, wodurch Klassenspannungen der Vergangenheit angehörten: eine »Entklassung« (Paul Nolte) sei zu beobachten.

Schelsky blieb in manchen seiner Äußerungen nebulös, und das entsprechende Kapitel lässt, obgleich in vieler Hinsicht illustrativ, schlagende empirische Belege vermissen. Es darf daher ruhig irritieren, dass wir die zweifelhafte Diagnose Schelskys heute oft für bare Münze und empirisch gesichertes Wissen nehmen. Wohl ließ sich in der Tat von einer Verbreiterung und Konsolidierung der Mittelschichten sprechen, aber Schelsky homogenisierte die Gesellschaft weitgehend, statt wie Geiger auf eine Ausdifferenzierung und weitergehende Fraktionierung der Soziallagen zu verweisen; zugleich war sein Gesellschaftsbild weichgezeichnet und überaus harmonistisch.

Schon in den 1950er Jahren hat Schelskys Mittelstandsthese als Überzeichnung gegolten und akademischen Spott sowie argumentative Gegenwehr provoziert. Ralf Dahrendorf, damals junger Exponent einer sich neu positionierenden Konfliktsoziologie, hielt Schelskys Analyse für eine Verflachung, denn sie übersehe die spannungsreichen Auseinandersetzungen zwischen Gruppen. Allerdings wandte sich Dahrendorf gegen eine Verengung der Konfliktperspektive auf Eigentumsverhältnisse und zielte auf eine allgemeinere Analyse der sich aus Macht- und Herrschaftsverhältnissen ergebenden Konflikte. 3

Trotz dieser Einwände wird die »nivellierte Mittelstandsgesellschaft« bis heute gerne als plakative Kontrastfolie zu danach auftretenden Veränderungen herangezogen, dies vor allem mit Blick auf gesellschaftliche Mobilitätsblockaden – etwa das »gebrochene Aufstiegsversprechen« –, das Bröckeln einer gesicherten und wohlintegrierten Mitte und die Ausweitung einer Zone der Prekarität. Ob diese Rückwärtsvergleiche immer stichhaltig sind und der übermäßigen Idealisierung der Vergangenheit entkommen, wird dabei nur selten wirklich geprüft. Es mag in mancher Hinsicht behaglicher und konformistischer zugegangen sein, aber eine wohltemperierte Gesellschaft war die Bundesrepublik vermutlich vor allem im Kontrast zu den stürmischen Weimarer Zeiten und weniger im Vergleich zu unserer Gegenwart.

Alte und neue Spaltungslinien

Mit nur spärlichen Bezugnahmen auf die Diskussionen in der Soziologie hat sich in der Politikwissenschaft ein ganz eigener Forschungsstrang – namentlich die Cleavage-Theorie – etabliert, der sich mit gesellschaftlichen Spaltungsstrukturen beschäftigt, dabei aber vor allem auf Parteienbildungen und elektorale Erfolge fokussiert. Mit Spaltungsstrukturen sind hier nicht notwendigerweise Klassen gemeint, sondern relativ stabile und historisch entstandene gesellschaftliche Bevölkerungsgliederungen, die gegenwärtige Formen und Inhalte von Konflikten und politischen Mobilisierungen, letztlich sogar das gesamte Parteiensystem beeinflussen. 4

Dabei sind es die großen historischen Prozesse von Nationenbildung oder Industrialisierung, die etwa Konflikte zwischen Kirche und Staat, zwischen Zentrum und Peripherie oder auch zwischen Kapital und Arbeit zu langfristigen Strukturgebern von Loyalitäten, Identitäten und Solidaritäten werden ließen und schließlich auch in politische Interessenvertretung mündeten. Man kann drei Elemente benennen, 5 die bei den so verstandenen Spaltungsstrukturen zusammentreten sollten: erstens eine spezifische soziale Struktur (mit einer typischen Bevölkerungsgliederung nach sozioökonomischen, aber auch regionalen, religiösen und sonstigen Faktoren), zweitens ein damit verbundenes kulturelles Bewusstsein – oder eine Kultur im weiteren Sinn – und drittens eine Form der politischen Mobilisierung mit eigenständigen Interessenvertretungen, sozialen Bewegungen und politischen Parteien. Mit der Cleavage-Theorie verbunden war die These der »eingefrorenen Landschaften« von zwar in spezifischen historischen Zusammenhängen herausgebildeten, aber nunmehr festgesetzten Konfliktstrukturen. Damit wurde keine Unveränderlichkeit behauptet, aber doch eine Trägheit, weil sich die sozialen Basisstrukturen nur allmählich verändern.

Die Geltung dieser hergebrachten Spaltungslinien ist spätestens zu dem Zeitpunkt herausgefordert worden, als gezeigt werden konnte, dass alte »sozialmoralische Milieus« (M. Rainer Lepsius) ausfransten und die sozialstrukturellen Lagerbildungen an Eindeutigkeit verloren. Die enge Entsprechung sozialstruktureller Lagerung und parteipolitischer Zuordnung wurde nachweislich lockerer; im Hinblick auf die Verbindung zwischen Klassenzugehörigkeit und Parteipräferenz wurde beispielsweise das Ende des class voting diagnostiziert, aber auch andere Faktoren wie Kirchenzugehörigkeit und Region verloren an Durchschlagskraft für die Vorhersage elektoralen Verhaltens. Die einfache Ableitung einer Wahlentscheidung aus einer sozialstrukturellen Position oder einer Kombination von sozialen Charakteristika wurde immer weniger möglich, auch wenn es um die Tiefe und genaue Gestalt dieser Veränderung intensive fachliche Debatten gab und gibt.

Mit der soziologischen Individualisierungsthese, 6 im angelsächsischen Sprachraum zu »end of class« oder »class is dead« begrifflich zugespitzt, trat dann auch eine Interpretation hinzu, die das Aufbrechen kollektiver Lebensformen aus einem Guss, die »Entstrukturierung der Sozialstruktur« und die »Pluralisierung der Lebensstile« als wesentliche Veränderungen markierte. Die großen Spaltungsstrukturen spielten in diesen Beschreibungen des gesellschaftlichen Geländes kaum noch eine Rolle, die soziale Welt war mehr Wimmelbild als Klassenantagonismus, man befand sich nicht nur »jenseits von Klasse und Stand«, sondern auch jenseits wohlgeordneter sozialstruktureller Zuweisungsprozesse und eindeutiger Konfigurationen des Sozialen.

Inmitten dieser Vielfaltsdiagnosen tauchte Ende der 1990er Jahre der mehrstimmig vorgetragene Befund einer neuen Konfliktlinie auf, der schon anhand der Begrifflichkeiten auf eine Spaltung in zwei Lager abstellte, welche mit Etiketten wie »Somewheres« und »Anywheres«, »Kosmopoliten« und »Kommunitaristen«, »Universalisten« und »Partikularisten«, »TAN« (Traditionalistisch-Autoritär-Nationalistisch) und »GAL« (Grün-Alternativ-Liberal) versehen wurden, oder neuerdings – so in einer Studie der Universität Münster – auch so genannte »Entdecker« und »Verteidiger«, 7 die sich in ihren Identitätskonzepten wesentlich unterscheiden sollten.

Gesellschaft erscheint nun weder geeint noch unübersichtlich, sondern in zwei sich im Konflikt befindliche Lager sortiert: Sie wird zur schismatischen Kamelgesellschaft. Die zentrale Deutung dieses inzwischen in vielen Varianten beschriebenen Kraftfelds sozialer Konflikte weist beiden Gruppen sehr unterschiedliche soziokulturelle Identitäten, Interessen und Mentalitäten zu. Sie seien sogar in wechselseitiger Abneigung aufeinander bezogen, die andere Fraktion verkörpere jeweils das, was man im Kern ablehne. Die einen seien für Öffnung und Diversität zu haben, die anderen strebten danach, am Alten festzuhalten und hingen sozialen Homogenitätsvorstellungen an. Die einen stellten ihre Weltläufigkeit, ihre Toleranz und ihre Offenheit für Veränderungen aus, seien womöglich eine »hypermobile Gruppe von Profiteuren der Globalisierung, die sich überall gleichermaßen zu Hause fühlen«, 8 die anderen setzten auf Verteidigung von Tradition, Diversitätsabwehr und die Schutzfunktion von Grenzen, weil sie ihre Identität, ihren Status und ihren Selbstwert vor allem aus regionalen und nationalen Bezügen gewönnen. Angetrieben werde diese neue Spaltung durch Prozesse der Globalisierung, durch die Bildungsexpansion, die Postindustrialisierung und den Wertewandel.

Die unterschiedlichen Begriffspaare bezeichnen einerseits eine sich neu strukturierende Dimension im Raum des Politischen, andererseits gehen die meisten der einschlägigen Arbeiten auch von einer neuartigen sozialen Lagerbildung aus: einer Auskonturierung unterscheidbarer und disjunkter Gruppen. So argumentiert etwa Andreas Reckwitz, an die Stelle der »homogenen Mittelstandsgesellschaft« der Industriegesellschaft der 1950er bis 1970er Jahre, die eine »Gesellschaft der Gleichen« gewesen sei, sei eine konfliktäre Klassengesellschaft getreten, also eine Gesellschaft mit einer »kulturell grundierten und sichtbaren Klassenspaltung«. 9 Der Begriff der »Klasse« deutet wiederum darauf hin, dass wir es mit gesellschaftlichen Großkollektiven zu tun haben, die sich in ihrer sozialen Positionierung, ihrer Lebensführung und ihrem Wertehaushalt unterscheiden sollten. Vor allem die neue akademische Mittelklasse mit ihrer Orientierung auf Selbstverwirklichung, Liberalismus und Hyperkultur trete zunehmend in Konflikt mit einer auf Ordnung, Konformismus und traditionelle Werte verpflichteten alten Mittelklasse.

Kulturkämpfe im Raum der Ungleichheit

Dabei geht es nicht nur um eine »horizontale Positionierungskonkurrenz« zwischen konservativen und kosmopolitischen Bevölkerungsfraktionen, 10 sondern zugleich um einen »Kulturkampf« im Raum der Ungleichheiten. So wird zumeist von einer klaren sozialen Standortgebundenheit der miteinander im Clinch liegenden Lager ausgegangen: Aufgrund unterschiedlicher kognitiver Dispositionen, Humankapitalausstattungen, Weltbilder und kultureller Kompetenzen teile sich die Welt letztlich in ein kosmopolitisches Oben und ein kommunitaristisches Unten. Entsprechend werden die Gruppen mit hohem Bildungs- und Sozialkapital – vor allem die akademisierten und urbanen Mittelschichten – dem kosmopolitischen Pol der Konfliktachse zugeordnet und die Gruppen mit geringerer formaler Bildung und niedriger beruflicher Qualifikation dem kommunitaristischen Pol.

Erstere etwa plädierten für offene Grenzen, setzten auf Menschenrechte, supranationale Integration und Universalismus, seien tolerant gegenüber diversen Lebensformen sowie Multikulturalismus und stünden für den Schutz der Umwelt ein, während diejenigen im kommunitaristischen Lager ein traditionalistisches Weltbild pflegten, Vorbehalte gegenüber Zuwanderung hätten, alten Rollenbildern anhingen und ein ethnonationalistisches Verständnis von Zugehörigkeit besäßen. 11 Schon aufgrund ihrer ökonomisch schwächeren Stellung seien sie auf staatliche Schutzleistungen angewiesen, was sie zu Skeptikern von Prozessen der Globalisierung und Europäisierung mache.

Pippa Norris und Ronald Inglehart haben argumentiert, 12 dass wir es bei der Verstärkung von Ressentiment und dem Aufstieg des Rechtspopulismus mit einer kulturellen Gegenbewegung zu tun hätten, die unmittelbar mit dem Prozess der Liberalisierung in westlichen Gesellschaften in Zusammenhang stehe. Die »stille Revolution« des Wertewandels habe nicht die gesamte Gesellschaft ergriffen, sondern werde vor allem von den jüngeren und besser gebildeten Bevölkerungsgruppen getragen. Andere Gruppen seien von der Zuwanderung und ethnischen Vielfalt überfordert und stünden ökonomisch unter Druck, so dass sie sich verstärkt auf traditionelle Werte rückbesinnen würden – auf Veränderungszumutungen reagierten sie mit Reaktanz. Wesentliche Bevölkerungssegmente blieben also in einem auf Sicherheit, Konformität und Folgebereitschaft ausgerichteten Wertekosmos gefangen und stemmten sich durch das Pochen auf traditionelle und konservierende Werte gegen die Liberalisierung der Gesellschaft.

In diesem Interpretationsrahmen werden die Haltungen und Orientierungen vor allem der unteren und nichtakademischen Schichten als gruppenspezifische Grenzziehungen gegenüber den als dominant und bedrohlich wahrgenommenen kulturellen Repertoires der kosmopolitischen Gruppen interpretiert. Entsprechend hätten wir es bei der Abwehr kultureller Modernisierung mit einer »populistischen Revolte« (Wolfgang Merkel) gegen die Zumutungen des kosmopolitischen Zeitgeists zu tun. Das »Normale«, das »Bekannte« und der »gesunde Menschenverstand« werden also gegen die Trägerschichten des Kosmopolitismus in Stellung gebracht, ethnonationalistische und chauvinistische Positionen verstärken sich angesichts vorhandener – als überzogen empfundener – Diversitätszumutungen und sozialer Geltungsverluste.

Aber auch sozioökonomische Faktoren werden benannt, etwa ethnischer Wettbewerb, neue Unsicherheitserfahrungen und ökonomische Liberalisierung, die bestimmte Bevölkerungssegmente stärker unter Druck setzen (Norris und Inglehart sprechen von »economic grievances«). Gefühle des Zukurzkommens, sozialer Deklassierung und Minderbewertung – kurz: Aspekte des subjektiven Status – sind in diesem Sinne auch als mögliche Erklärungsfaktoren des Rechtspopulismus unter geringer Gebildeten und Angehörigen der Arbeiterschicht benannt worden. 13 Vorstellungen über einen allgemeinen Abstieg der Gesellschaft oder die »nostalgische Deprivation«, also die Wahrnehmung einer sich auftuenden Lücke zwischen dem früheren und gegenwärtigen Status, scheinen ebenfalls mit rechtpopulistischen Einstellungen verknüpft. 14

Prämissen der Zwei-Welten-Theorie

Wie gesagt: Die Spaltungsformel Kosmopoliten versus Kommunitaristen ist seit einiger Zeit in der Wissenschaft wie im Feuilleton das gängige Narrativ der westlichen Gegenwartsgesellschaften. Und in der Tat gibt es manchen Hinweis darauf, dass neue Konflikte heraufziehen, die sich weder mit dem hergebrachten klassentheoretischen Instrumentarium noch mit den in der ursprünglichen Variante der Cleavage-Theorie benannten Faktoren erfassen lassen. Ist die Gesellschaft aber wirklich dabei, sich vom Dromedar zum Kamel zu verändern, also hin zu einer polarisierten Gesellschaft mit zwei voneinander abgesetzten Großgruppen? Einige der Polarisierungsdiagnosen artikulieren das ganz offen so, andere sind etwas zurückhaltender und sprechen lieber von Idealtypen. 15

Die Prüfung der Polarisierungsthese kann als unabgeschlossen gelten, vor allem wenn man auf ihre sozialstrukturelle Verankerung und die Existenz unterschiedlicher Gruppen schaut. Wir wissen nur unzureichend, wie die tatsächliche Kartierung der Bevölkerungsfraktionen aussieht, wenn man sie nach den genannten Merkmalsbündeln sortiert, und wir sind erst dabei, zu erkunden, wie groß die Kluft zwischen den vermeintlichen Lagern ist und wie stark sich der Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und möglichen »Gesinnungsklassen« darstellt. Um hierbei vorschnelle Bilanzanzeigen zu vermeiden, lassen sich einige Prüfkriterien benennen, die sich am Nennwert der Polarisierungsthesen orientieren.

Homologieannahme: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen sozialstruktureller Position und Einstellungen. Der Kulturkonflikt ist also nicht nur als Wertekonflikt zu verstehen, sondern sozialstrukturell grundiert und präformiert.

Ungleichheitsannahme: Die Gesellschaft trennt sich in ein kosmopolitisches Oben und ein kommunitaristisches Unten, wobei die Kosmopoliten als »Gewinner der Globalisierung« gelten und den damit einhergehenden Veränderungen naturgemäß aufgeschlossener gegenüberstehen, während die unteren Schichten als »Modernisierungsverlierer« gesehen werden.

Syndromannahme: Es gibt ein gemeinsames Auftreten charakteristischer Einstellungen auf der Einstellungsebene. Es geht also nicht um Einstellungen zu spezifischen Problem- und Politikbereichen, sondern um umfassende Einstellungsbündel oder -portfolios, die auf getrennte beziehungsweise sogar gegensätzliche Weltbilder hinweisen.

Spiegelungsannahme: Wie bei der Cleavage-Theorie wird eine Antezedenz des Sozialen angenommen, so dass Wählerpräferenzen und die Bindungen an das Parteiensystem sozialstrukturell erklärt werden. Die Einstellungslagerung findet damit eine Repräsentation auf politischer Ebene; es gibt eine unmittelbare Wirkbeziehung von der gesellschaftlichen Polarisierung hin zur Politisierung.

Ausschließlichkeitsannahme: Es gibt klar abgegrenzte und empirisch kartierbare Lager mit unterschiedlichen Weltbildern und Gesinnungen (»Meinungslager«). Menschen lassen sich mehrheitlich entweder als Kosmopoliten oder als Kommunitaristen klassifizieren und nicht als Sowohl-als-auch- oder Weder-noch-Typen.

Konfrontativitätsannahme: Die Gruppen und ihre Weltbilder sind in einem spannungsreichen Konflikt aufeinander bezogen und sich nicht wechselseitig egal. Es existiert eine Frontstellung widerstreitender Grundhaltungen. Man könnte an dieser Stelle auch die schon erwähnte Reaktanzannahme hinzufügen. Sie ist besonders weitgehend, weil sie einen kausalen Nexus zwischen der Liberalisierung der einen und dem Rückzug auf traditionelle und autoritäre Positionen der anderen ausmacht. Der kulturelle backlash wäre dann einer, der durch progressive Vorwärtsbewegungen erst provoziert wird.

Trendannahme: Die Schere der Polarisierung öffnet sich tendenziell immer weiter.

Allgemeinheitsannahme: Den Zwei-Welten-Ansätzen ist gemein, dass sie ihre Aussagen nicht nur auf eine spezifische Gesellschaft (wie die Vereinigten Staaten) beschränken, sondern als Diagnose der gesamten westlichen Welt verstehen.

Wasserstandsmeldungen

Jede dieser Prämissen ließe sich einer genaueren Prüfung zuführen, bislang müssen wir uns aber mit einzelnen Hinweisen begnügen, von denen einige Grund dafür sein sollten, mit pauschalen Polarisierungsdiagnosen zurückhaltender zu sein. Arbeiten mit längsschnittlicher Perspektive finden – bei allen vorhandenen Kontroversen – für die Bundesrepublik jedenfalls kaum Evidenz für die behauptete sozialstrukturelle Polarisierung. 16 Schaut man auf die Einstellungen beispielsweise zur europäischen Integration, zur Globalisierung, zur Umweltpolitik oder zur Migrationsfrage, so sind die Muster der Veränderung über die Zeit viel differenzierter, als die Polarisierungsthese vermuten lässt.

Mehr noch, für die meisten Politikbereiche findet sich seit den 1990er oder nuller Jahren keine wesentliche Veränderung der Einstellungsstruktur, die auf eine Polarisierung hindeuten könnte, wobei die Politisierung der Migrationsthematik seit 2015 etwas herausfällt. Was das Umweltbewusstsein angeht, so sind es heute, anders als in den 1980er Jahren, nicht mehr nur oder vor allem Personen mit hoher Bildung und höherem Einkommen sowie jüngere Personen, die um die Umwelt besorgt sind, vielmehr ist das Umweltbewusstsein in die gesamte Bevölkerung diffundiert und die soziodemografischen Unterschiede wurden weitgehend eingeebnet. 17 Auch das weist sozialstrukturell eher auf Nivellierung denn auf Polarisierung hin.

Jüngst ist weiterhin gezeigt worden, dass der von Norris und Inglehart behauptete Kohortentrend in Richtung Liberalisierung kaum geeignet ist, den Aufstieg autoritär-populistischer Parteien zu erklären. Kulturalistische Erklärungen von Wählerverhalten, die auf einen spezifischen Wertehaushalt rekurrieren, bleiben schwach, es lässt sich auch kein korrespondierender »Kulturkonflikt« finden. 18 Selbst in den USA wird das soziale Klima in vielen Lebensbereichen – etwa bei der Einstellung zu gleichgeschlechtlichem Sex, dem Aufbrechen konservativer Geschlechterrollen oder der Liberalisierung von Marihuana – über die Zeit eher liberaler, und dies nicht nur im Kohortenvergleich, sondern auch innerhalb der Kohorten. 19

Querliegend zur These des subjektiven Statusverlusts der weniger qualifizierten Gruppen und unteren Schichten konnte wiederum gezeigt werden, dass sich seit den 1980er Jahren weder absolut noch in Relation zur Mittelklasse eine nennenswerte Veränderung des Statusgefühls ergeben hat. 20 Zwar stehen diese Gruppen am unteren Ende der subjektiven Statushierarchie, aber eine zunehmende Selbstwahrnehmung als »Modernisierungsverlierer« spiegelt sich hier nicht, auch keine größere Divergenz der Gruppen. Nimmt man die Vetoposition dieser vorläufigen Empirie ernst, dann ist eine subjektive Deklassierung großer Teile der einfachen Schichten, die die Polarisierung antreiben könnte, nicht so klar erkennbar wie oftmals angenommen.

Ebenso muss man eine Absage an die in diesen Ansätzen zentrale Syndromannahme erteilen, also an die Vorstellung, wir hätten es mit Gesinnungslagern entlang gebündelter, eng miteinander verkoppelter Einstellungen zu tun. Die These der Lager fußt ja darauf, dass es sich um polare Welthaltungen handele, die Identitäten, Werte und Gesellschaftsbilder eng miteinander verbinden. Danach kämen bestimmte Einstellungen immer im Paket: Wer also migrationsoffen und rassismuskritisch ist, sollte auch diverse Lebensformen und plurale sexuelle Identitäten schätzen, EU-freundlich gestimmt sein und der Umwelt zuliebe viel Gutes tun. Umgekehrt sollten Anti-Genderismus, Wohlstandschauvinismus, Ressentiment gegenüber Migration und exzessiver Fleischkonsum irgendwie zusammengehören.

Dass wir es mit derartigen Gesinnungsklassen zu tun hätten, die nicht nur an den Rändern auffindbar sind, sondern sich durch die Gesellschaft als Ganzes schneiden, darf man getrost in Abrede stellen: 21 Die einzelnen Aspekte sind viel loser verknüpft, als in der Zwei-Welten-Theorie angenommen, einen »kosmopolitischen Geist« findet man ebenso wenig wie ein »kommunitaristisches Wir« auf dem Weg ins Gestern. Die Charaktermaske des reinen Kosmopolitismus trägt nur eine kleine Gruppe. Aus der Anerkennung von sexueller Diversität kann man eben nicht umstandslos auf die Haltungen zu Migration oder dem Klimaschutz schließen; polarisierte Meinungen finden sich allenfalls bei der Frage, ob Migration als kulturelle Bereicherung empfunden wird oder man Zuwanderung begrenzen sollte. Was Fragen der Diversität und der Anerkennungsbereitschaft nichtheteronormativer Lebensformen und Identitäten angeht, stehen die unteren Schichten nicht im deutlichen Kontrast zu den akademischen Mittelschichten; gleiches gilt für die Positionen zum Klimawandel. Zudem finden sich zwischen den Ländern erhebliche Unterschiede, so dass kaum von einem übergreifenden – westlichen – Muster auszugehen ist.

Dominanz der Weder-Kosmopoliten-noch-Kommunitaristen

Was bleibt? Eine Lagerbildung, wie in den gängigen Polarisierungsthesen behauptetet und medial immer wieder gern aufgegriffen, lässt sich an den empirischen Befunden bislang nicht ablesen. Die Gesellschaft ist damit nicht konfliktarm oder gar konfliktfrei – dieses Gegenbild würde in die Irre führen –, aber der vereinfachende Großgruppendualismus trägt nicht weit. Dass die Dimension von Öffnung und Schließung, von Liberalisierung und Festhalten, von Partikularismus und Universalismus einen Bedeutungszuwachs erfahren hat, ist zwar offenkundig, ob sich aber tatsächlich zwei auskonturierte gesellschaftliche Lager herausgebildet haben, muss man mit einem Fragezeichen versehen. Die Zwei-Welten-Theorie erweist sich deshalb als überaus hüftsteif, wenn man mit ihr das empirische Gelände genauer erkundet. Die knackigen Begriffspaare samt vorgestellter Dualität sind hier nur wenig hilfreich. Man könnte sogar sagen: Die Selbstgewissheit, mit der sich diese These im öffentlichen Diskurs behauptet, steht in nur schwachem Zusammenhang zur analytischen Trittfestigkeit, wenn sie empirischen Boden berührt.

Die soziale und politische Geografie der Gegenwartsgesellschaft – so die vorläufigen Befunde – lässt sich jedenfalls nicht entlang zweier mehr oder weniger klar umrissener Lager kartieren. 22 Mehr noch: Die waschechten »Weder-Kosmopoliten-noch-Kommunitaristen« sind die weithin wichtigste und auch zahlenmäßig dominante Gruppe. Die soziale Welt ist daher eher Dromedar als Kamel. Selbst Studien, die von einer identitätspolitischen Spaltung europäischer Gesellschaften in zwei verfestigte Lager sprechen, ordnen in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Schweden nur eine Minderheit diesen Lagern zu. 23 Die Pufferzone der Gesellschaft – man könnte auch sagen: die Welt des Dazwischen – ist weitaus größer als die polarisierten Fraktionen. Ob sich durch die Coronakrise hier weitergehende tektonische Verschiebungen ergeben, bleibt allerdings abzuwarten.

Die Polarisierungsmetapher geht damit womöglich am eigentlichen Thema vorbei und versperrt den Blick auf die politische Soziologie neuer Konfliktkonstellationen. Sie verlegt gesellschaftliche Konflikte fälschlicherweise in die Mitte der Gesellschaft und überhöht sie zugleich, statt von moderaten Differenzen innerhalb der Gesellschaft und eher stärkeren Radikalisierungen am Rand auszugehen. Irrig ist auch die Annahme, in den politischen Konflikten spiegele sich eine vorgelagerte Spaltung der Gesellschaft, in dem Sinn, dass das Soziale ein Apriori des Politischen sei.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Ein soziales Schisma ist vor allem dort zu finden 24, wo politische Unternehmer, Massenmedien und Parteien Konfliktthemen besonders stark bespielen und akzentuieren – »Lager« mit konsistenten politischen Glaubenssystemen werden politisch und medial hergestellt. Dann wäre die Politisierung bestimmter gesellschaftlicher Fragen kein Reflex einer vorhandenen und vorpolitischen Polarisierung, sondern erst die Politisierung und Aufladung von Konflikten führte zu Polarisierungen. Folgenreiche Spaltungen entstünden dann, wenn es der politischen Angebotsseite gelänge, einen Keil zwischen die Bevölkerungsgruppen zu treiben, und nicht deshalb, weil dieser immer schon da sei und immer größer werde.

Konflikte greifen zwar immer auf vorgelagerte Dispositionen, mentale Lagerungen und Orientierungen zurück, sie werden aber politisch virulent gemacht und angeschärft. Deshalb sollte man die Diskussion um zum Beispiel »Unisex-Toiletten« auch nicht als Ausdruck eines »natürlichen«, dem Politischen vorgängigen Meinungskampfs der »Klassen« oder Bevölkerungssegmente missverstehen, sondern vielmehr als Versuch der gesinnungspolitischen Aufladung dieses Themas durch politische Akteure und den öffentlichen Diskurs.

Politik und Medien wären dann selbst die Produzenten von etwas, was sie mit sozialwissenschaftlichem Beistand als unabhängig von sich selbst zu beobachten glauben. Dass uns die Beschreibungsbilder einer gespaltenen Gesellschaft dann oft selbst so plausibel vorkommen, hat womöglich auch damit zu tun, dass wir die fortwährende Inszenierung der Konflikte als Abbild realer Meinungslandschaften missverstehen. Die Zwei-Welten-Theorie, die die Gesellschaft im Vokabular der Spaltung und des Auseinanderdividierens beschreibt, macht es einem jedenfalls leicht, die Komplexität sozialer und mentaler Lagerungen der Gesellschaft zu unterschätzen.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Theodor Geiger, Panik im Mittelstand. In: Die Arbeit. Zeitschrift für Gewerkschaftspolitik und Wirtschaftskunde, Nr. 7/10, 1930.
  2. Helmut Schelsky, Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. Dortmund: Ardey 1953.
  3. Ralf Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft. Stuttgart: Enke 1957.
  4. Vgl. Seymour M. Lipset /Stein Rokkan (Hrsg.), Party Systems and Voter Alignments: Cross-National Perspectives. New York: Free Press 1967.
  5. Vgl. Hanspeter Kriesi, The transformation of cleavage politics. The 1997 Stein Rokkan lecture. In: European Journal of Political Research, Nr. 33/2, März 1998.
  6. Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt: Suhrkamp 1986.
  7. Mitja Back /Gerald Echterhoff /Olaf Müller /Detlef Pollack /Bernd Schlipphak, Von Verteidigern und Entdeckern: Ein Identitätskonflikt um Zugehörigkeit und Bedrohung. Universität Münster: Working Report, 2021.
  8. Philip Manow, Politischer Populismus als Ausdruck von Identitätspolitik. Über einen ökonomischen Ursachenkomplex. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 9–11, 2019.
  9. Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp 2017.
  10. Cornelia Koppetsch, Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. Bielefeld: transcript 2019.
  11. Vgl. Wolfgang Merkel, Polarisierung als gesellschaftliche Signatur. In: WZB-Mitteilungen, 2021 (www.wzb.eu/de/publikationen/wzb-mitteilungen/polarisierung-und-gesellschaft/polarisierung-als-gesellschaftliche-signatur).
  12. Pippa Norris /Ronald Inglehart, Cultural Backlash. Trump, Brexit, and Authoritarian Populism. Cambridge University Press 2019.
  13. Vgl. Noam Gidron /Peter A. Hall, The politics of social status: Economic and cultural roots of the populist right. In: The British Journal of Sociology, Nr. 68/S1, November 2017.
  14. Justin Gest /Tyler Reny /Jeremy Mayer, Roots of the Radical Right: Nostalgic Deprivation in the United States and Britain. In: Comparative Political Studies, Nr. 51/13, November 2018.
  15. Dabei drängt sich aber die Frage auf, wie die aufs Empirische zielenden Befunde von Polarisierung und Konflikt Bestand haben können, wenn es doch eigentlich um Idealtypen gehe. Dann wäre mindestens zu fragen, wie stark Ideal- und Realtypen zusammenstehen. Zumeist werden ja keine »verdeckten« Klassen- oder Lagerzugehörigkeiten mit diffusem Gehalt und uneindeutiger Spannweite angesprochen, sondern es werden dezidierte sozialstrukturelle und mentale Landkarten gemalt.
  16. Vgl. Céline Teney /Li Kathrin Rupieper, A new social conflict on globalisation-related issues in Germany? A longitudinal perspective. In: SocArXiv, März 2021 (osf.io/preprints/socarxiv/4xqke/).
  17. Jörg Hartmann /Peter Preisendörfer, Development and Structure of Environmental Worries in Germany 1984–2019. In: Zeitschrift für Soziologie, Nr. 50/5, November 2021.
  18. Armin Schäfer, Cultural Backlash? How (Not) to Explain the Rise of Authoritarian Populism. In: British Journal of Political Science, September 2021 (www.cambridge.org/core/journals/british-journal-of-political-science/article/cultural-backlash-how-not-to-explain-the-rise-of-authoritarian-populism/FFE9742798D8CC4BF6ED325FDBAFA251).
  19. Michael Hout, America’s Liberal Social Climate and Trends: Change in 283 General Social Survey Variables Between and Within US Birth Cohorts, 1972–2018. In: Public Opinion Quarterly, Dezember 2021.
  20. Vgl. Daniel Oesch /Nathalie Vigna, A Decline in the Social Status of the Working Class? Conflicting Evidence for 8 Western Countries, 1987–2017. In: Comparative Political Studies, Dezember 2021 (doi.org/10.1177/00104140211047400).
  21. Vgl. die Befunde in: Thomas Lux /Steffen Mau /Aljoscha Jacobi, Neue Ungleichheitsfragen, neue Cleavages? Ein internationaler Vergleich der Einstellungen in vier Ungleichheitsfeldern. In: Berliner Journal für Soziologie, November 2021 (doi.org/10.1007/s11609-021-00456-4); Steffen Mau /Thomas Lux /Fabian Gülzau, Die drei Arenen der neuen Ungleichheitskonflikte. Eine sozialstrukturelle Positionsbestimmung der Einstellungen zu Umverteilung, Migration und sexueller Diversität. In: Berliner Journal für Soziologie, Nr. 30, Dezember 2020.
  22. Vgl. Linus Westheuser, Pre-Political Bases of a New Cleavage. Social Identities, Moral Economy and Classed Politics in Germany. Dissertation, Scuola Normale Superiore, Florenz 2021.
  23. Vgl. Mitja Back u.a., Von Verteidigern und Entdeckern: Ein Identitätskonflikt um Zugehörigkeit und Bedrohung.
  24. Vgl. Macarena Ares, Issue politicization and social class: How the electoral supply activates class divides in political preferences. In: European Journal of Political Research, Juni 2021 (ejpr.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1475-6765.12469); Frederic Gonthier /Tristan Guerra, How party polarization shapes the structuring of policy preferences in Europe. In: Party Politics, Januar 2022 (doi.org/10.1177/13540688211064606).

2 Kommentare

  1. Adam Gutwein sagt:

    Die heutigen Konflikte lassen sich sicher nicht mit Klassenkonflikten erklären. Es geht um die Konkurrenz von quasireligösen Lebensmodellen. Die Lebensmodelle, wie sie von eine Bildungselite diskutiert werden, spielen bei den meisten Bürgern, egal welcher Klasse, keine Rolle. Ansichten und Glaube sind abhängig von idividuellen Bedürfnissen und eigenen Interessen. Die wenigsten Menschen, inklusive der Bildungselite, sind in der Lage ein Lebensmodell unabhängig von den eigenen Interessen zu bewerten. Ein extremer Tierschützer wird alles unter dem Aspekt sehen, dass Tiere wie menschen sind und ein Jäger wird sich selbst eher als intelligenteres und bewaffnetes Tier sehen, das nach Katzenart Beute macht. Sie unterscheidet ein selbstgebautes Konstrukt von Moral, an die sie glauben, glauben wolllen und schließlich verteidigen müssen. Nach meinem Empfinden leben wir am Ende eines Wandels, bei dem eher konservative praktische Ansichten, von modernen neuen „virtuellen“ Ansichten abgelöst werden. Haben sich moderen Ansichten zunächst eine Tolerenz und Duldung erkämpft, die sich in einer Änderung der Gesetze niederschlug, werden sie nun immer offensiver vertreten und münden nun in Verboten von Konservativen. Die „Modernisten“ geben sich nicht damit zufrieden, dass sie die volle anerkennung der Mehrheitsgesellschaft, Politik und Medien haben, sie wollen nun, dass sich das Alte, das Konservative ändert und sich anpasst, die neuen Werte übernimmt. Mit der gleichen Intoleranz mit denen man ihnen vor 50-100 Jahren begegnete, „verfolgen“ sie nun, vor allem im Internet jede Abweichung von der neuen „Norm“. Das Gendern ist ein scheinbar harmloses Beispiel, doch ist es tatsächlich ein persönlichkeitsvernichtender Eingriff. Warum? Weil sie einen Menschen in jeder Sekunde des Denkens, schreibens und Sprechens mit Fehlern konfrontiert und die Moral, Erfahrung und den Glauben der Person negiert. Man kann in einer zensierten Sprache nur noch Meinungen vertreten die der Zensur erlaubt. Aktuell. Man kann nicht gegen den Krieg in der Ukraine sein, gegen die dortige Gewalt, wenn man nicht Krieg, wenn man nicht Gewalt sagen darf. Man kastriert den mit der anderen Meinung, indem man die vordergründig die Sprache reglementiert, tatsächlich aber die Meinung besiegen will. Die Ursache der Spaltung sind als nicht unterschiedliche Meinungen, sondern die strukturelle institutionelle Intoleranz, die eine Meinung bevorzugt, die andere Meinung diskreditiert.
    Die Rechten, die Trumpisten, FÜHLEN sich heute wie die Studenten der 68er. Unabhängig von tatsächlichen Einschränkungen, die aber immer mehr werden, sind die gefühlten Einschränkungen, die offizielle Missbilligung, wie ein dunkle Wolke, die einem die Lebensfreude nimmt. (Beispiel das essen, das nun fast immer ungesund ist. Was könnte einem mehr den Spass verderben? Per Gesetz und Verordnungen sollen die Menschen nun vor Süßem, vor Fleisch, vor Massenware, geschützt oder doch weggenommen werden, indem es einfach vom Markt verschwindet. Ob das von mehr und diversem Sex kompensiert werden kann? )

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