„Yoga“ lügt nicht. Über das Romanhafte des Faktischen

Wenn ein Autor von seinen Büchern sagt: »Alles darin ist wahr«, kann man ihm den Stuhl wohl nicht glatter wegziehen als mit der Behauptung, er lüge, und das, was er schreibe, sei ein »Ehrlichkeitstheater«.

Als Emmanuel Carrère im Herbst 2020 in Frankreich sein Buch Yoga herausbrachte, lief kurz alles gut: Das Buch wurde innerhalb weniger Wochen an die 200 000 Mal verkauft und landete auf der Longlist des so hochgehandelten wie oft literaturblinden Prix Goncourt. Doch bald darauf kam die Klatschsucht und dann die Klatsche. Der Schriftsteller Frédéric Beigbeder munkelte in einer Fernsehsendung, die »erzählerische Ellipse«, die schon andere in diesem Buch ausgemacht hatten, habe mit einem drohenden Prozess zu tun, aber darüber dürfe er an dieser Stelle wohl nichts sagen, und Carrères seit einem halben Jahr von ihm geschiedene Exfrau Hélène Devynck sah sich zu einer Richtigstellung in Vanity Fair gezwungen, mit der die Wahrheit über die Lügen im Buch in die Welt kommen sollte.

(Dieser Text ist im Märzheft 2022, Merkur # 874 erschienen.)

Carrère veröffentlichte eine Gegendarstellung in Libération, die Goncourt-Jury warf den Favoriten von ihrer Liste, und Literaturfrankreich hatte sein Herbstthema. 43 Seiten umfasst die Pressemappe von Carrères Verlag P.O.L. allein zu dieser Debatte, die schnell zu einer allgemeinen über Wahrheit und Juristerei wurde, auch nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz hallte und mich erreichte, als ich mit der Übersetzung dieses Buches begann.1

Yoga ist ein genau komponiertes, soghaftes autobiografisches Splitterwerk. Fünf Großkapitel, die aus zahlreichen Unterkapiteln zusammengesetzt sind, beschreiben eine Suche nach Seelenheil und -frieden, die immer wieder mit dessen Gegenteil konfrontiert ist: der Aufspaltung, Depression und Zerstörung in Gestalt von Terrorismus, Trennung und Tod. Die ursprünglich als ganzes Buch geplante Erzählung über eine mehrtägige Schweigemeditation, die leichtfüßig und gelehrt daherkommt, wie man es aus Das Reich Gottes kennen mag, schlägt um in einen Bericht über die Trauer um einen Freund, der beim Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo umkam; eine unkontrollierbare Leidenschaft endet unerzählt, und man findet sich in der Geschichte eines Wahnsinns wieder, die vier Monate in einer Psychiatrie umfasst, Bipolardiagnose, Elektroschocks und Bitte um Sterbehilfe inklusive. Entlassen und verlassen landet der Erzähler auf der griechischen Insel Patmos als Gast in einem Schreibkurs für minderjährige Geflüchtete. Deren Lebenswille, die Begegnung mit Geschichten, Gedichten, Musik und einer so zupackenden wie haltlosen Amerikanerin werden zum Gegengift. Doch zurück in Paris sieht sich der Erzähler erneut mit dem Tod konfrontiert: Carrères langjähriger Verleger Paul Otchakovsky-Laurens stirbt bei einem Unfall, die ihm gewidmeten Seiten gehören zu einer rohen, verletzlichen und doch optimistischen Art von Überlebensprosa.

Das scheint viel für ein einzelnes Buch, und doch fehlt in diesem wilden Schwanken zwischen tiefstem Leid und höchster Freude ein entscheidendes Teil im Puzzle: das Ende von Carrères Beziehung zu Hélène Devynck, die – und zwar nicht ohne Lust, wie sie in einem Interview beschreibt – die Protagonistin zum Beispiel in Alles ist wahr und Das Reich Gottes war.2 Über diese Leerstelle äußert sich Carrère gewohnt selbstreflexiv eigens im Buch: »Was kann ich von diesem Zusammenbruch erzählen? Was muss ich verschweigen? Was die Literatur betrifft oder zumindest die Art von Literatur, der ich nachgehe, habe ich eine, eine einzige, Überzeugung: Sie ist der Ort, an dem man nicht lügt. Dieser Imperativ ist absolut, alles andere ist nebensächlich, und ich glaube, mich immer an diesen Imperativ gehalten zu haben. Was ich schreibe, mag narzisstisch und sinnlos sein, aber ich lüge nicht. Was mir durch den Kopf geht, was ich denke, was ich bin, ist sicher nichts, worauf ich Grund habe, stolz zu sein, doch vor dem Engelsgericht werde ich ohne mit der Wimper zu zucken behaupten können, dass ich, wie Ludwig Börne es fordert, ›ohne Heuchelei‹ geschrieben habe. Doch Ludwig Börne fordert auch, dass man ›ohne Falsch‹ schreibe, und auch das nehme ich normalerweise für mich in Anspruch, nur in diesem Fall ist es anders. Jedes Buch stellt seine eigenen Regeln auf, man legt sie nicht im Voraus fest, sondern entdeckt sie während des Umgangs damit. Und von diesem Buch kann ich nicht sagen, was ich stolz von vielen anderen gesagt habe: ›Alles darin ist wahr‹. Dieses Buch muss ich ›mit Falsch‹ schreiben, ich muss manches ein wenig verdrehen, umstellen oder aussparen, vor allem aussparen, denn ich kann über mich sagen, was ich will, einschließlich der unvorteilhaftesten Dinge, aber nicht über andere. Ich nehme mir nicht das Recht und habe auch gar nicht den Wunsch, hier von einer Krise zu schreiben, die nicht das Thema dieser Erzählung ist, und deshalb werde ich durch Auslassung lügen und direkt zu den psychischen und sogar psychiatrischen Auswirkungen springen, die diese Krise bei mir und zwar mir allein gehabt hat.«

 

(…)

 


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