Andere Leben als meines

Neulich hat sich Franziska von Hardenberg einen Thermomix gekauft. Der Thermomix ist eine Küchenmaschine mit den Funktionen Reiskochen, Andicken, Dampfgaren, Emulgieren, Kneten, Kochen, Mahlen, kontrolliertes Erhitzen, Mixen, Rühren, Schlagen, Vermischen, Wiegen und Zerkleinern zum Startpreis von 1359 Euro. Franziska von Hardenberg ist eine Unternehmerin, die zunächst einen Blumenversand gründete, diesen jedoch 2017 an Fleurop verkaufte. Seit einiger Zeit betreibt sie einen Schmuckversand, der ihren Aussagen nach Frauen dazu ermutigen soll, den daheim ja doch nur herumliegenden Goldschmuck aus der Familienerbmasse nach Entwürfen der Unternehmerin zu neuen Schmuckstücken umarbeiten zu lassen. Für den Preis des günstigsten Rings im Angebot der Seite »The Siss Bliss« erhält man etwas mehr als einen halben Thermomix.

(Dieser Text ist im Aprilheft 2022, Merkur # 875 erschienen.)

In ihrem Thermomix hat Franziska von Hardenberg bereits Milchreis und – auf vielfache Hinweise ihrer großen Anhängerschaft auf Instagram (im Februar über 35 700 Follower) – einen Brokkoli-Salat zubereitet, der jedoch hinter ihren Erwartungen zurückblieb. Ich kenne die Vor- und Kosenamen der Kinder Hardenbergs und den ihres Mannes, in der Regel informiert sie mehrfach täglich via Instagram-Storys über ihre beruflichen Termine, familiäre Aktivitäten und Sonderangebote ihres Schmuckversands. Großes Hallo ruft derzeit auch der Erwerb eines sanierungsbedürftigen Eigenheims in einem nicht näher identifizierten, aber dreißig Minuten Autofahrt von Mitte entfernten Stadtteil Berlins hervor. In Sachen Immobilienkauf riet Hardenberg in einer ihrer Storys dazu, dass man sich immer die Immobilie kaufen solle, die man sich auch leisten könne. Das sei ihr learning auch aus der Sache mit dem zuletzt aufwändig renovierten Landhaus, das sie und ihr Mann zwecks Finanzierung des Stadthauses dann doch verkauft hatten.

Ich schaue jeden Tag etwa zehn Instagram-Storys von allen möglichen Userinnen und Usern an. Das Durchklicken der sich ständig erneuernden Abfolge von Bildern oder gestückelten Videos mit Kommentarfunktion hat dabei das Zappen durchs Fernsehprogramm ersetzt, das ich früher nach der Schule als Umweg zu den Hausaufgaben betrieb. Ich folge den Links politischer Aktivisten oder betrachte Autorinnen im Marketing-Einsatz, ich sehe absichtsvoll herbeigeführte Text-Bild-Scheren oder beobachte eine weit entfernte Freundin dabei, Kalendersprüche und Kalauer zum Thema Elternschaft aneinanderzureihen, mich freut das, ich glaube, es geht ihr gut.

Nach vierundzwanzig Stunden verschwinden die Storys. Bei meinen Exerzitien in Fremdscham und Anteilnahme denke ich regelmäßig an den Aufsatz, den ich eines Tages über diese Storys schreiben möchte, und bastele an dem Argument, dass hier ein neuer Werkbegriff her muss, einer, bei dem Autorinnenschaft nicht mit dem Ziel der Erschaffung bleibender Artefakte, sondern dem Aufrechterhalten beständiger Aufmerksamkeit für das eigene Tun verknüpft ist. Vielleicht schriebe ich diesen Aufsatz ja auch schon, würde ich nicht immer weiter durchschalten.

Die Hardenberg-Storys gucke ich heimlich und rede so gut wie nie darüber. Ertappt und nach meiner Motivation gefragt, fasele ich von Recherche und davon, dass mich der dargestellte Lifestyle befremde und deshalb fasziniere. Das reicht nicht: Ob das nicht lediglich eine andere Formulierung für meine charakterlich viel weniger schöne Freude darüber sei, mich der Erhabenheit meiner Beschäftigung mit geistigen Gegenständen zu versichern. Und nein, so würden nicht auch »alle anderen« Instagram benutzen, das sei schon mein intellektuelles Spezialaufgeilen angesichts einer Welt, die parallel zu der meinen doch einfach von mir unberührt bleiben könne. Ich verteidige mich, ich rede doch beispielsweise auch sehr gern über Küchenutensilien! Meine Impulsreferate über meinen neuen Pürierstab der Firma Esge (Markenname: Zauberstab, Anschaffung im Januar 2022) sind doch nicht weniger peinlich-intensive Werbeblöcke! Ich ernte sparsame Blicke angesichts von so viel Selbstbetrug.

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