Die Erfindung der wissenschaftlichen Rassetheorien

Im Jahr 1712 unterzeichnete der französische König Ludwig XIV. die lettres patentes, mit denen die Königliche Akademie der Wissenschaften, der Schönen Künste und der Literatur von Bordeaux offiziell gegründet wurde, eine Gelehrtengesellschaft zur Förderung der Forschung und öffentlichen Erbauung. Im Gegensatz zur eher konservativen Universität von Bordeaux, deren Hauptaufgabe es war, die künftigen Priester, Ärzte und Juristen des Landes im Einklang mit den Lehren der Heiligen Schrift auszubilden, war die Akademie ihrem Selbstverständnis nach »aufgeklärt«: Ihr Ziel war es, wissenschaftliche Wahrheit als Teil eines umfassenderen Programms voranzubringen, das darauf abzielte, »das Glück der Menschheit« zu befördern.

(Dieser Text ist im Aprilheft 2022, Merkur # 875 erschienen.)

Jedes Jahr organisierte die Akademie einen Preisschriften-Wettbewerb, den sie in ganz Europa ausschrieb. 1739 gaben die Mitglieder das Thema des Wettbewerbs von 1741 bekannt: »Quelle est la cause physique de la couleur des nègres, de la qualité de leurs cheveux, et de la dégénération de l’un et de l’autre?«1 Diese Frage implizierte die Annahme, dass den »nègres« etwas zugestoßen war, aufgrund dessen sie degenerierten, schwarz wurden und ihnen ungewöhnliches Haar wuchs. Kurz gesagt wollte die Akademie wissen, wer schwarz ist und weshalb. Sie wollte ebenfalls wissen, was es bedeutet, schwarz zu sein. Dem Gewinner versprach man eine Goldmedaille im Wert von dreihundert Livres, was ungefähr dem Jahreseinkommen eines durchschnittlichen Arbeiters entsprach.

Der Wettbewerb von 1741 war nur das jüngste in einer ganzen Reihe von Beispielen für die Faszination, die dunkle Haut bei Nichtafrikanern auslöst. Als die antiken Griechen, Römer und Araber das erste Mal die Bewohner Afrikas beschrieben, waren sie am meisten von deren Farbe beeindruckt. Über viele Jahrhunderte entwickelte sich die »Schwärze« der Afrikaner zu einem pauschalen Merkmal, das die Skala von rötlichen, gelblichen und schwarz-braunen Farben ersetzte, die die Haut von Afrikanern tatsächlich aufweist. Die Farbe Schwarz wurde zudem zum Synonym für das Land selbst; viele der geografischen Bezeichnungen, die Außenstehende dem subsaharischen Afrika gaben – Niger, Nigritien, Sudan, Sansibar –, enthalten die etymologischen Wurzeln des Wortes »schwarz«. Das aussagekräftigste Beispiel ist der Name Äthiopien. Abgeleitet vom griechischen aitho (ich brenne) und ops (Gesicht), wurde er bis ins späte 17. Jahrhundert die am weitesten verbreitete Bezeichnung für den gesamten subsaharischen Teil des Kontinents. Und er enthielt sogar eine Anspielung auf die Ursache der Schwärze selbst.

Im Lauf des Jahres 1741 trafen in der Akademie von Bordeaux sechzehn Beiträge mit Erklärungen für die Ursache der schwarzen Färbung ein. Sie kamen aus so weit entfernten Ländern wie Schweden, Irland oder Holland. Die Sammlung dieser Manuskripte wird heute in der Stadtbibliothek von Bordeaux aufbewahrt und hat die Verheerungen von Mäusen und Motten, Feuchtigkeit und Feuer überstanden – von der Französischen Revolution und zwei Weltkriegen ganz zu schweigen. In dieser frühneuzeitlichen Fokusgruppe herrschte allerdings alles andere als Einigkeit: Es gibt darin Bibelforscher, die behaupten, dass die Schwärze auf einen Fluch zurückzuführen sei; Klimatheoretiker, die davon ausgehen, dass die Körpersäfte der Afrikaner, insbesondere deren Galle, durch die sengende Hitze des Kontinents aus dem Gleichgewicht geworfen wurden; ein Anatom verkündet, dass er das Geheimnis der Schwärze entdeckt habe, als er die Leichen von Afrikanern auf einer Plantage in der Neuen Welt sezierte; und auch ein Essayist war darunter, der schon vier Jahrzehnte, bevor rassische Klassifikationen in großem Stil europäische Naturforscher zu verführen begannen, andeutete, dass er »Neger« als besondere Rasse oder sogar Spezies bestimmen könne. Insgesamt zeigt sich in den Beiträgen noch nicht die unterstellte biologische und kognitive Minderwertigkeit, die wenig später sowohl freien als auch versklavten Afrikanern zugeschrieben werden sollte. Dennoch erlauben sie uns einen Einblick in die unterschwellige Beziehung zwischen »Wissenschaft« und Sklaverei – und, in Abwandlung von W. E. B. Du Bois’ klangvoller Formel, einen Blick auf die Abenddämmerung vor dem Morgengrauen des Rassekonzepts.

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