Mommy Media. Filmkolumne

Vor kurzem bin ich beim Anblick eines Säuglings in Tränen ausgebrochen. Ich war im Netz auf Fotos der neuseeländischen Ministerpräsidentin Jacinda Ardern gestoßen, die 2018 zu einer Rede vor der UN-Vollversammlung in New York ihre damals drei Monate alte Tochter mitgebracht hatte. Während Ardern ihren Job machte und ihre Rede hielt, saß ihr Partner auf dem Zuschauerrang und kümmerte sich um das Baby. Jacinda Ardern makes history titelte der Guardian, auch andere Zeitungen berichteten wohlwollend. 1 

(Dieser Text ist im Aprilheft 2022, Merkur # 875 erschienen.)

Mir hingegen machten die Bilder von dem plumpen Säugling, der umgeben von Staatsvertretern (und Staatsvertreterinnen) bei der UN saß, schlagartig und schmerzlich klar, wie sehr der Ausschluss von kleinen Kindern und Müttern aus jenen Bereichen, in denen Wichtiges gedacht, gesprochen, verhandelt wird, für mich Normalität war. Ich hatte das Gebot internalisiert: Im öffentlichen Leben haben kleine Kinder nichts zu suchen und folglich auch jene nicht, die sich um sie kümmern. Diese Selbstverständlichkeit erschüttert zu sehen, brachte mich aus der Fassung, kurz blitzte die Möglichkeit einer anders organisierten Welt auf; und in meinen Tränen steckte die ganze Erschöpfung der letzten Jahre, als ich unter Aufbietung aller Kräfte versucht hatte, zwei Leben in einem zu führen – meinen Beruf zu verfolgen und obendrein, aber gefühlt fein säuberlich getrennt davon, ein Kind zu haben.

Von einer, die aus dieser Zerreißprobe krasse Konsequenzen zieht, erzählt der Spielfilm The Lost Daughter von Maggie Gyllenhaal, der nach einem kurzen Kinostart in den USA Ende Dezember 2021 auf Netflix veröffentlicht wurde. Gyllenhaals Regiedebüt (sie hat auch das Drehbuch geschrieben und dafür in Venedig einen Preis bekommen) ist die Verfilmung von Elena Ferrantes Roman La figlia oscura von 2006. Ferrante gilt als Autorin, in deren Werk Mütter und Töchter einen zentralen Platz einnehmen und die immer wieder idealisierte Klischees von Mutterschaft auseinandernimmt. 2 Auch in The Lost Daughter geht es um eine Frau, die mit dem Mutter-Sein hadert und den ultimativ unmütterlichen Akt begeht: Sie verlässt ihre Kinder.

Erzählt wird das alles in Rückblenden, in der Gegenwart begegnen wir Leda (Olivia Colman) beim Solo-Urlaub auf einer griechischen Insel: eine gestandene Frau von knapp fünfzig Jahren, von Beruf Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Leda bezieht eine hübsche Ferienwohnung direkt am Meer und verbringt ihre Tage allein und lesend am Strand. Dann aber wird das ruhige Idyll durch die Ankunft einer lärmigen Großfamilie gestört, eine Atmosphäre diffuser Gefahr hält Einzug. Sichtlich irritiert beobachtet Leda die raumgreifende Truppe aus der Ferne; besonders eine junge Mutter, Nina, und deren kleine Tochter Elena fesseln Ledas Aufmerksamkeit und lassen Erinnerungen an ihre eigene Zeit als junge Mutter zweier Töchter hochkommen.

Unkontrolliert, wie Flashbacks, bricht diese Vergangenheit hervor: Wir sehen Leda als junge Wissenschaftlerin (Jessie Buckley), die versucht, ihre Arbeit zu machen und sich gleichzeitig um die Kinder zu kümmern; wir sehen die Müdigkeit, die Überforderung, den Frust und die Wut; da ist Glas, das zu Bruch geht, und eine Puppe, die aus dem Fenster fliegt. Die Kamera (geführt von Hélène Louvart) fängt das in hellen Bildern ein, die lose und beweglich sind, die atmen und pochen und die Zuschauerin mitten hineinziehen in das heiße, widersprüchliche Gewirr aus Körpern, Wünschen, Forderungen und Gefühlen, das, sehr verkürzt, unter dem Namen »Familie« läuft.

The Lost Daughter zeigt also Seiten des Mutterdaseins, die oft verklärt und verleugnet werden, der Film nähert sich ihnen mit Sympathie und Parteinahme für seine Protagonistin; er verurteilt Leda nicht. Und trotzdem: Obwohl diese Szenen für jemanden wie mich hohes Identifikationspotential besitzen, obwohl ich ihr Pulsieren spüre, obwohl ich die Qualität von Louvarts Kameraführung anerkenne und Colmans Schauspiel großartig finde, lässt mich The Lost Daughter als Ganzes ziemlich kalt (im Gegensatz zum Säugling von Jacinda Ardern). Der Film und seine Entsakralisierung von Mutterschaft sind okay, erscheinen mir aber irgendwie auch belanglos. Warum ist das so?

Louvarts Bilder sind schön, Kostüm und Ausstattung sind es auch. Leda trägt ausnehmend stilvolle Kleidung, weite Hemden aus Leinen und Baumwolle in Weiß, Hell- und Dunkelblau; ihre Ferienwohnung ist geschmackvoll eingerichtet und fügt sich farblich gut in die mediterrane Landschaft. Der Look des Films erinnert mich an jene minimalistischen Einrichtungsratgeber, die ich mir in den letzten Jahren zulegte und die vor allem auf Ausschluss basieren: Erlaubt sind nur natürliche und nachhaltige Materialien, angestrebt wird eine reduzierte Farbpalette zwischen weiß, grau und beige.

Mittels Praktiken wie decanting (Umfüllen von Haushaltsprodukten und Nahrungsmitteln aus ihren hässlichen Verpackungen in wiederverwendbare Behälter) und decluttering (Entrümpeln) sollen Ruhe, Ausgleich, Seelenfrieden erlangt werden. Ein ganzes Kapitel widmet sich der Frage, wie Kabel und Computer den Blicken entzogen werden können. Mit der profanen Realität spätkapitalistischer Lebens-, Arbeits- und Konsumverhältnisse hat ein derart harmonisiertes Zuhause kaum noch etwas zu tun. Oder präziser: Es hat mit ihnen nur in dem Sinn zu tun, als dass es ihr Negativ, ihr bewusst kuratierter Antipol ist. So wirkt auch The Lost Daughter auf mich.

Auffällig ist eine Leerstelle im Film, der doch in einem, wenn auch nicht explizit datierten, Heute spielt: Er zeigt eine Welt ohne Internet, ohne Computer, ohne Bildschirme. Die kleine Elena spielt mit einer Puppe, nicht mit dem Smartphone. Leda besitzt zwar ein Smartphone, das sie aber ausnahmslos zum Telefonieren gebraucht, am Ende etwa, als sie mit ihren mittlerweile erwachsenen Töchtern telefoniert (auch eine kabellose Verbindung kann Nabelschnur sein). Ansonsten sind die Medien, mit denen Leda sich umgibt, ältere: Da sind ihre Bücher, deren Materialität gleich zu Beginn betont wird, als Leda sich beim Verwalter der Ferienwohnung für ihre schweren Koffer entschuldigt, sie seien voll mit Büchern. Ihre Exzerpte und Notizen schreibt Leda mit der Hand, mit Füllfederhalter und blauer Tinte. Einmal geht sie ins Kino; die Leinwand sehen wir nicht, aber der Tonspur nach zu urteilen wird ein alter Hollywood-Schinken gespielt. Der Medienpark, der Ledas Lage bestimmt, ist ein dezidiert anachronistischer.

Analog umweht auch den Diskurs über Mutterschaft in The Lost Daughter ein Hauch von Manufactum: Diese Kritik ist einfach sehr schön anzuschauen. Was also ist die profane Wirklichkeit, mit der der Film nichts am Hut hat, welche (unschöne?) Realität wird hier mit einigem Aufwand auf Abstand gehalten? Das Monster heißt »mommy culture«, und es lebt im Internet.

Wer heute Mutter wird, deren Erfahrung wird von Anfang an vom Netz begleitet und geprägt. Es gibt Webseiten, auf denen sich wochenweise die Entwicklung des Fötus nachverfolgen lässt: »Schwangerschaftswoche 13: Dein Kind ist ca. 7,5 cm groß und 23 Gramm schwer. Er [sic!] besitzt nun einen weltweit einzigartigen Fingerabdruck.« 3 Das Netz gibt auch Ernährungstipps und Verhaltensregeln (Sauna? Kaffee? Rohmilchkäse?) und Hinweise für die Geburt (am besten »natürlich«) – das alles oft freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Firmen, die ihre Produkte verkaufen möchten.

Ist das Kind da, eröffnet sich der jungen Mutter die Welt der sogenannten »mommy blogs«, Blogs von Müttern für Mütter – ein Universum in Altrosa, Pfirsich und Pastellgelb, mit hochwertigen Fotos, vielen Ausrufezeichen und verspielter Typografie. Richtig groß ist die Szene bloggender »influencer moms« in den USA, aber auch in Deutschland versorgen Seiten wie www.littleyears.de ihre Leserinnen mit leckeren Rezepten (»fruchtigzartsahniges Soulfood!«), Kaufempfehlungen (»besondere Geschenke für Kinder ab vier«) oder auch mit Infos über Postpartum-Sex (Rubrik »Let’s talk about«).

Hauptattraktion für mich (es ist eine Art Hassliebe) ist jedoch die Rubrik »Porträts«, in der ganz normale (?!) Mütter mit Fotostrecke und Interview vorgestellt werden. Mütter wie Cathérine zum Beispiel: »Cathérine und ihre kleine Familie leben mitten in Berlin in einer hübschen, typischen Berliner Altbauwohnung. Bei unserem Besuch hat uns ihr zweijähriges Töchterchen Madita sofort verzaubert! […] Auch wenn nicht immer alles geradlinig in ihrem Leben verläuft – wo tut es das schon! – haben wir bei Cathérine das Gefühl, es ist alles genau so, wie sie es sich wünscht. Die Illustratorin malt bunte Tierwelten, hat einen Online-Shop und genießt die Zeit mit ihrer Tochter, die noch nicht in die Kita geht, sehr.«

Oder Julia: »Julia ist eine dieser Frauen, die einem mit ihrem guten Style eigentlich überall auffällt. Kein Zufall, denn Mode ist ihr Business […] Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann Xavier und den beiden Söhnen Malo und Louis in einer wunderschön sanierten Altbauwohnung in Berlin Pankow-Rosenthal. Und hat in der Elternzeit von Sohn Louis ›Bubblemum Society‹ gegründet, eine kuratierte Secondhand- und Vintage-Plattform für coole und qualitativ gute Kindermode.«

Oder Kerstin: »Die Gute hat drei eigene Kinder und ein Bonuskind, eine beneidenswert schöne Wohnung, lebt in zweiter Ehe im Patchwork-Modell, leitet eine eigene Firma und hat immer – zumindest meistens! – ein Lächeln auf den Lippen. Kerstin ist also eine von diesen Frauen, wo man denkt: Wow! Aber natürlich war und ist auch bei ihr nicht immer alles Sonnenschein.«

Die Tonlage ist heiter, fröhlich und aufgeräumt, verströmt penetrant gute Laune. Interessant ist das obligatorisch eingeschobene Eingeständnis, dass auch im Leben dieser Mütter natürlich »nicht immer alles Sonnenschein« ist und »nicht immer alles geradlinig« läuft, während es doch genau danach aussieht: Heilere Welt geht eigentlich nicht. Das Eingeständnis ist symptomatisch, es performt relatability und will seinen Leserinnen klarmachen: Hey, hier wird kein unerreichbares Ideal vorgeführt, schau, diese Mütter sind genauso fehlbar wie Du selbst.

Die Publizistin und Soziologin Kathryn Jezer-Morton, die sich mit den hier herrschenden impliziten Regeln und Subjektivierungsimperativen auseinandergesetzt hat, beschreibt diese spezifische Ansprache als typisch für eine »mommy culture«, die unter dem Motto »perfectly imperfect« steht und die sich so in den letzten zehn Jahren herausgebildet hat: »Sites like ›The Glow‹ and ›Mother Mag‹ brought representations of motherhood to new heights of aesthetic glory, but still claimed to want to shine a light on all of the imperfect truths of motherhood. A new set of online mannerisms hardened into place during this era: the duality of maintaining a flawless image while claiming to be nonjudgmental. ›Nobody’s perfect,‹ this image of motherhood reassures us, adding sotto voce, ›except maybe me.‹« 4

Dabei waren die Anfänge des »mommy blogging«, die Jezer-Morton auf ungefähr 2005 datiert, durchaus radikal. Mütter begannen, ehrlich und unverfälscht von ihren Erfahrungen zu berichten, und schworen dabei jeder Idealisierung ab: »Casual profanity, informal references to one’s reproductive organs, the eschewing of motherly ›niceness‹ – these were among the discursive trails blazed by the first mommy bloggers.« 5

Ab etwa 2010, mit der Verwandlung des Internets in ein zunehmend visuelles Medium, setzte eine Kommerzialisierung und Professionalisierung des »mommy blogging« ein, eine Entwicklung, an der Mütter aus christlichen Milieus besonderen Anteil hatten: »Suddenly, the rough edges of mommy blogging’s early days were replaced with sunlit nurseries, crisp linen sheets and arranged flowers […] Mormon mommy bloggers in particular were enormously influential in establishing the aesthetic and tone that came to characterize influencer-era online motherhood […] Unlike the confessional early mommy blogs, Mormon mothers’ blogs broadcast a clean and chipper vision of motherhood.« 6 Mormonische Bloggerinnen formten die typische Ästhetik und den charakteristischen Tonfall, der das online propagierte Mutterideal mittlerweile prägt, entscheidend mit. Im Gegensatz zu den bekenntnishaften Anfängen ihrer Vorgängerinnen ist das Bild von Mutterschaft, das von ihnen verbreitet wird, dezidiert sauber und heiter.«]

Anspieltipp, um einen Eindruck von dieser Form des »mommy blogging« zu bekommen, ist die Seite von Amber Fillerup-Clark aus Arizona, die drei Kinder und eine Kosmetikmarke hat (und die keineswegs so aussieht, wie ich mir mormonische Mütter vorgestellt hatte). Nachhaltig beeindruckt beziehungsweise verstört hat mich ein Post vom 12. Februar 2019, der unter der Überschrift »Laundry Room Reveal« einen einzig und allein dem Wäschewaschen gewidmeten Raum vorstellt, der in etwa so groß ist wie meine gesamte Wohnung: »So excited to share our laundry room today! I’ve never had a laundry room before, so it’s been fun to have this space.«

Klar, die Welt von www.littleyears.de ist nicht die mormonischer Moms; ein »laundry room reveal« ist mir auf der Seite noch nicht untergekommen. Hier geht es ja eher perfekt unperfekt zu. Wobei die Nichtperfektion auf den Fotos des Blogs kaum auszumachen ist: Da sitzen strahlende Mütter und lachende Kinder in lichtdurchfluteten und geschmackvoll eingerichteten Altbaufluchten, die Wände sind weiß verputzt oder farbig gestrichen (Farrow & Ball?), die Böden haben Parkett oder Dielen. Üppige Zimmerpflanzen schmücken filigrane String-Regale, die Spielsachen der Kinder sind aus Holz, aber nicht übermäßig öko. Fundstücke vom Flohmarkt verleihen einen individuellen Touch. Der mintgrüne Kinderstuhl ist übrigens von Stokke.

Ich gebe es gerne zu: Ich finde das alles zum Kotzen, aber ich kann auch nicht davon lassen. Ich sehe den gesponsorten Content, die kaum verhüllten Werbe- und Verkaufsabsichten, ich sehe den Konservatismus und Klassismus in diesen Darstellungen erfolgreicher Mutterschaft. Ich sehe, wie eng abgesteckt das Feld dessen ist, was als »gute« und erstrebenswerte Mutterschaft angepriesen wird: Geld muss sie haben, einen Mann muss sie haben, Geschmack und Stil, und natürlich Kinder muss sie haben, viele, je mehr desto besser. Ich sehe das alles, und dennoch üben diese Seiten eine unwiderstehliche Faszination auf mich aus. Gierig sauge ich die Bilder von einem schönen, hellen, strahlenden Familienleben ein, die so frei sind von Sorgen, Nöten, schlechten Gefühlen und beengten Verhältnissen, von Selbstzweifeln und Eintönigkeit.

Sicher ist Eskapismus im Spiel: Das Segeln durch die sanft schaukelnden Gewässer der »mommy blogs« »conjures a fantasy lifestyle of ease, health, casual beauty, and conflict-free family time«, schreibt die irische Medienwissenschaftlerin Jorie Lagerwey. 7 Ebenso sicher ist, dass die Wünsche und Sehnsüchte, die von »mommy blogs« bedient werden, tief gehen. Ich glaube, dass die Blogs eine solche Anziehung und Faszination ausüben, weil sie die Lösung eines für viele Frauen wirklich dringlichen Problems anbieten – es ist das Problem vom Anfang dieses Texts, es sind meine Tränen über das Baby von Jacinda Ardern: Wie zum Teufel kriegt frau Kind und Arbeit unter einen Hut?

Es ist ja auffällig, dass es sich bei den auf www.littleyears.de gefeierten Müttern keineswegs um Hausfrauen handelt, sondern um durchweg berufstätige, ja selbständige Frauen mit eigenem Label oder Agentur, die in der Kreativwirtschaft oder Start-up-Szene arbeiten (oft mit dem Nachsatz: »Mein Mann ist Berater«). Und auffällig oft haben diese Frauen das Mutter-Werden mit einer beruflichen Neuausrichtung verknüpft – etwa indem sie »in der Elternzeit […] eine kuratierte Secondhand- und Vintage-Plattform für coole und qualitativ gute Kindermode« aufgebaut, indem sie einen »supercoolen Kinderladen« oder aber einen »Dienstleister für Nischenreisen – vor allem für Familien interessant!« gegründet haben. Wir haben es also mit Frauen zu tun, die weder nur als Mütter noch in erster Linie als Unternehmerinnen auftreten, sondern konsequent als »Mütter-Unternehmerinnen« vorgestellt werden; die englische Sprache hat hierfür den Begriff »mompreneur« erfunden.

Die Porträts auf www.littleyears.de – und für die Blogs von »influencer moms« wie Amber Fillerup-Clark aus Arizona mit ihrer Kosmetikmarke gilt das noch viel mehr – entwerfen demnach ein Ideal von Mutterschaft, dass unlösbar mit kapitalistischem Unternehmergeist verknüpft ist. Mutterschaft und Familie erscheinen hier nicht mehr als das Andere kapitalistischer Wertschöpfung, sondern vielmehr als deren intensivierte Zone. Die ideale Mutter der »mommy culture«, schreibt Jorie Lagerwey, ist ein unternehmerisches Selbst, das neoliberale Forderungen nach individueller Eigenverantwortlichkeit und Geschäftstüchtigkeit internalisiert hat und diese mit traditionelleren Vorstellungen von Mutterliebe, Fürsorge, Aufopferung etc. verbindet.

Die an Mütter gestellten Ansprüche sind damit nicht weniger geworden, sie haben sich vielmehr erweitert und verschoben. Das zeigt eine deutsche Website, die sich das Coaching von Müttern, die ein Unternehmen gründen wollen, zum Ziel gemacht hat: »Mütter, die ›ihr Ding machen‹, sich selbst verwirklichen, finanziell auf eigenen Beinen stehen, Zeit zum Lachen mit der Familie, ein romantisches Date mit dem Partner und für sich selbst zum Durchatmen haben, sind nachgewiesen glücklicher, zufriedener, erfolgreicher, belastbarer, ein starkes Vorbild für unsere Gesellschaft sowie ein stetig wachsender Wirtschaftsfaktor!« 8

Erstaunlich, aber vielleicht folgerichtig ist, dass eine solche Anrufung als eierlegende Wollmilchsau von vielen Frauen nicht als Zumutung zurückgewiesen, sondern vielmehr als Versprechen und Chance angenommen wird. Es hat, glaube ich, damit zu tun, dass für Frauen auch im Jahr 2022 die sogenannte Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch nicht zufriedenstellend realisiert ist – und das, obwohl die Probleme seit vierzig Jahren auf dem Tisch liegen. Schon 1989 hatte Arlie Russell Hochschild, Soziologin an der Uni Berkeley, eine Studie veröffentlicht, die zum Klassiker avanciert ist und das Dilemma berufstätiger Mütter präzise auf den Punkt brachte. In The Second Shift: Working Parents and the Revolution at Home zeigte Hochschild, dass trotz zunehmender Berufstätigkeit weiterhin Mütter hauptverantwortlich für Hausarbeit und Kinderversorgung waren, dass sie nach ihrem eigentlichen Arbeitstag also regelmäßig eine »zweite Schicht« einlegten und insofern eine doppelte Arbeitsbelastung hatten.

Vor diesem Hintergrund bietet sich der Lebensentwurf mompreneur Frauen als perfekte Lösung an: Schluss mit der Überforderung und Zerreißprobe zwischen Beruf und Familie, Schluss mit der »zweiten Schicht«! Denn für mompreneurs gibt es nur noch eine: Familie und Business sind eins. Die Utopie, der die mompreneur Ausdruck verleiht, ist die Verschmelzung der vormals getrennten Sphären, ihre harmonische Synthese – es ist die ultimative Vereinbarkeit. Abgesehen davon, dass eine so gestrickte Vereinbarkeit auch als Horrorvorstellung durchgeht, ist die Perspektive, die dieser Lebensentwurf anbietet, eine durch und durch neoliberale. Das politische und gesellschaftliche Problem mangelnder Vereinbarkeit wird individualisiert, privatisiert und einer unternehmerischen Lösung überantwortet.

Mompreneurs begegnen einem übrigens nicht nur auf »mommy blogs«, auch das Reality-TV ist voll davon. Ein Beispiel ist die Netflix-Doku-Serie Dream Home Makeover, von der seit 2020 zwei Staffeln produziert wurden, eine dritte ist in Arbeit. Die Serie zählt zu jenen eskapistischen Wohn-Transformations-Formaten, die seit längerem beim Publikum beliebt sind, mit Beginn der Pandemie aber noch mehr an Attraktivität gewonnen haben (oder zumindest denkt Netflix das und hat eine Offensive von ähnlichem Content gestartet). 9 Im Mittelpunkt der Serie steht Shea McGee, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Syd eine erfolgreiche Firma für Inneneinrichtung in Salt Lake City führt, das Studio McGee. Jede Folge ist einem neuen Renovierungsprojekt gewidmet, bei den Klienten handelt es sich in der Regel um wohlhabende Familien, deren grotesk überdimensionierte McMansions inmitten der Weite des amerikanischen Westens stehen. Alles ist riesig, ein »laundry room reveal« ist in dieser Welt durchaus vorstellbar.

Der Clou ist, dass das Studio McGee (es hat über hundert Angestellte) in der Serie durchgängig als Familienunternehmen, dass Shea konsequent als mompreneur vorgeführt wird. Die Eheleute sind zugleich Geschäftspartner, ein tolles Team: Shea – lange blonde Locken, fröhliches, offenes Lachen, mal in gemusterten Kleidern und mal in abgeschnittenen Bluejeans – tritt als kreativer Kopf des Unternehmens auf, während Syd – Sommersprossen, Dreitagebart, immer einen Witz auf den Lippen – ihr den Rücken freihält und das Geschäftliche schultert. Im Schlepptau immer mit dabei: die zwei kleinen Töchter der McGees, Ivy und Wren.

Auch hier also das ideale Bild einer Arbeit, die so gar nicht nach Arbeit aussieht, und einer Mutter, die entspannt und gelöst ihren Job macht; die keineswegs zerrissen ist zwischen Beruf und Familie, die sich (anders als Leda aus The Lost Daughter) nicht entscheiden muss zwischen Kind und Karriere. Mehr noch: Wir sehen eine Frau, deren beruflicher Erfolg, deren Kreativität und »Genie« als Unternehmerin in direkter Kontinuität zu ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter gedacht wird. Shea McGee, so die Implikation, kann andere Familien glücklich renovieren, weil sie selbst eine hat.

Und The Lost Daughter? Vielleicht ist es das, was mich an dem Film stört: Als Netflix-Stream existiert der Film inmitten der »mommy culture« des Internets. Das Dream Home Makeover und die rosarote Welt der »mommy blogs« sind stets nur einen Mausklick entfernt. Und doch verhält der Film sich in keiner Weise zu diesen schrecklich verführerischen Geschichten und Bildern, die heutige Vorstellungen von »guter« Mutterschaft prägen und mitbestimmen. Weder setzt der Film sich mit ihnen auseinander noch grenzt er sich ästhetisch von ihnen ab. Das sieht alles zu gut aus. Die Aggression und Wut der jungen Leda spielt sich in Räumen und Bildern ab, die genau aussehen wie jene auf www.littleyears.deThe Lost Daughter hilft einfach nicht weiter, wenn ich die Gegenwart verstehen, wenn ich einen Umgang mit den Anrufungen der »mommy culture« finden will.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Allerdings denkt auch die politische Rechte Mutterschaft und Amt bisweilen öffentlichkeitswirksam zusammen, wie der Fall der von Trump ernannten US-Verfassungsrichterin Amy Coney Barrett zeigt, die sich bei ihrer Vereidigung von allen ihren sieben Kindern begleiten ließ. Vgl. Gabriele Dietze, Pathosformel Mutterschaft. Amy Coney Barrett wird Verfassungsrichterin. In: Gender-Blog der Zeitschrift für Medienwissenschaft (zfmedienwissenschaft.de/online/blog/pathosformel-mutterschaft).
  2. So zumindest sieht es die britische Kulturwissenschaftlerin Jacqueline Rose, die Ferrantes ambivalente Mutterfiguren feiert. Vgl. Jacqueline Rose, Mothers. An Essay on Love and Cruelty. London: Faber & Faber 2018.
  3. www.penaten.de/entwicklung-embryo
  4. »Seiten wie ›The Glow‹ und ›Mothermag‹ haben Darstellungen von Mutterschaft auf zuvor nie dagewesene Weise ästhetisch glorifiziert, dabei aber weiterhin behauptet, auch die unschönen Seiten der Mutterschaft nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein neues Set von Online-Manierismen bildete sich in dieser Zeit heraus: Es wurde ein makelloses Image gepflegt, das aber gleichzeitig von sich behauptete, nie wertend zu sein. ›Niemand ist perfekt‹, tröstet uns dieses Bild von Mutterschaft – nur um flüsternd hinzuzusetzen: ›Außer vielleicht ich.‹« Kathryn Jezer-Morton, Did Moms Exist Before Social Media? In: New York Times vom 16. April 2020 (www.nytimes.com/2020/04/16/parenting/mommy-influencers.html).
  5. »Lässig dahingeworfene Schimpfworte, ungezwungene Verweise auf die eigenen Geschlechtsorgane, das Pfeifen auf mütterliche ›Nettheit‹ – all das gehörte zum diskursiven Neuland, das die ersten mommy bloggers eroberten.«
  6. »Auf einmal war der Verismus der frühen mommy blogs verschwunden, stattdessen sah man nun sonnendurchflutete Kinderzimmer, frische Leinenwäsche und Blumenarrangements […
  7. Jorie Lagerwey, Postfeminist Celebrity and Motherhood. Brand Mom. New York: Routledge 2017.
  8. mompreneurs.de
  9. Ronda Kaysen, Looking for Escapist TV? Try Home Design Shows. In: New York Times vom 9. Oktober 2020 (www.nytimes.com/2020/10/09/realestate/netflix-home-improvement-shows.html).

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