Wie Fotos Politik machen (sollen)

Fotografien können wichtige Quellen für die Vergegenwärtigung von Geschichte darstellen. Ihr dokumentarischer Wert beruht auf der Unterstellung, auf ihnen sei ein ganz bestimmter Ausschnitt der sichtbaren Wirklichkeit in einem ganz bestimmten Augenblick durch ein Objektiv »festgehalten«, der nun für alle Zukunft jedermann jederzeit noch einmal vor Augen geführt werden kann. Der Evidenzeffekt, der mit dieser vermeintlich geteilten, tatsächlich aber medial vermittelten Augenzeugenschaft einhergeht, ist allerdings in der Regel so stark, dass man eine wichtige Erkenntnis nicht oft genug wiederholen kann: Für fotografische Quellen gilt das Gleiche wie für schriftliche – man muss sie zum Sprechen bringen, um sie richtig lesen zu können. Dazu sollte man zunächst einmal ihren historischen Ort, insbesondere den jeweiligen Entstehungs- und Wirkungszusammenhang kennen. Der aber kann häufig nur durch forschungsintensive, analytische Arbeit rekonstruiert werden.

(Dieser Text ist im Aprilheft 2022, Merkur # 875 erschienen.)

Ich möchte das an einem konkreten Beispiel zeigen: einem Schnappschuss des Berliner Fotografen Georg Pahl (1900–1963), der den deutschen Kronprinzen Wilhelm von Preußen am »Tag von Potsdam« tête-à-tête mit Adolf Hitler zeigt. Die Aufnahme ist authentisch, sie war seinerzeit allerdings nicht veröffentlicht worden. Wiederentdeckt wurde sie erst vor wenigen Jahren im Bundesarchiv, das den Nachlass Pahl erworben und digitalisiert hatte.1 Seit der Hohenzollernstreit die Medien beschäftigt, ist das Foto wieder und wieder abgedruckt worden, und zwar insbesondere dann, wenn ein »erhellender« fotografischer Beleg für die These gesucht wurde, der Kaisersohn sei als »Vorschubleister« für den Nationalsozialismus anzusehen. »Seite an Seite mit Adolf Hitler« – so beschriftete die Zeit schon 2015 ihre Publikation dieses Motivs.2

Im Folgenden geht es nicht darum, die Authentizität dieser Fotografie zu hinterfragen; ich möchte vielmehr zeigen, dass da ein »falsches« Bild in den Fokus der geschichtspolitisch aktiven Medien gerückt und dabei selbst zum Akteur geworden ist. Zunächst zum ereignisgeschichtlichen Rahmen dieser Aufnahme, dem vieldiskutierten »Tag von Potsdam« am 21. März 1933. Damals eröffnete der frisch ernannte Reichskanzler Adolf Hitler mit einer imposanten Feier in der Potsdamer Garnisonkirche den Reichstag, ein wohlüberlegter Kotau vor dem greisen Reichspräsidenten Hindenburg, der ihm die Tür zum Maschinenraum der Macht geöffnet hatte.

Der tiefere politische Zweck dieser Zeremonie war es, Deutschnationalismus und Nationalsozialismus auf spektakuläre Weise zu synchronisieren. Von Potsdam sollte ein wichtiger emotionaler Impuls für die nun systematisch in Angriff genommene sogenannte Gleichschaltung ausgehen. Dafür bedurfte es in den Augen der neuen Machthaber eines auf Hindenburg zugeschnittenen Massenspektakels: einer Mobilmachung der gesamten »nationalen Front«, die jetzt vereint für ein neues Deutschland marschiert.

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