Anschwellender Popgesang. Botho Strauß und die Ästhetisierung des Politischen

Vorspiel auf dem österreichischen Politiktheater

Zu den vielen Provokationsgesten, mit denen die Popliteratur der späten 1990er Jahre die Aufmerksamkeit auf sich zog, zählte die Behauptung, es handle sich auch bei moralischen oder politischen Problemen um ästhetische Herausforderungen, um Fragen also, die den guten oder schlechten Geschmack betreffen. Christian Krachts Faserland, so ein Bonmot von Florian Illies, habe die »Generation Golf« zu dem Bekenntnis ermutigt, dass ihr die Entscheidung zwischen einer grünen oder blauen Barbour-Jacke schwerer falle als die Wahl zwischen CDU und SPD. »Es wirkte befreiend, daß man endlich den gesamten Bestand an Werten und Worten der 68er-Generation, den man immer als albern empfand, auch öffentlich albern nennen konnte.«

(Dieser Text ist im Maiheft 2022, Merkur # 876 erschienen.)

Illies mochte damit Kracht zu schlicht oder vielleicht sogar falsch verstanden haben, die Entscheidungskonkurrenz selbst aber bleibt bemerkenswert. Handelte es sich um die Bekenntnisse eines Unpolitischen? Um die Abwertung von Politik zugunsten des Lifestyle? Oder warf der Vergleich als solcher nicht auch einen politischen Schatten auf die Alltagsprobleme von Leuten, die sich zur Not auch zwei Barbour-Jacken leisten konnten?

Gustav Seibts Faserland-Rezension, die das Buch 1995 auf äußerst kluge Weise abkanzelte, ging einige Reflexionsstufen weiter: Die Erzählung, so stellte Seibt im Blick auf die muntere Äußerung von Ressentiments gegen das Hässliche und Unangemessene fest, »wirkt, aber nicht weil sie spannend oder bewegend wäre, sondern weil sie selten ausgesprochene Emotionen artikuliert«. 1 Im Fall von Faserland lasse sich dies hinnehmen, weil die Sehnsüchte des Protagonisten zu vage und ziellos bleiben. Was aber, wenn solchen Leuten »plötzlich ein Sinn einleuchtet«, wenn sie also eine Agenda und ein Ziel verfolgen und wenn dabei das Ich-Befinden, das eigene Wohl- und Unwohlsein den Ausschlag gibt? Wenn sich Kollektive auf diese Weise in ihren Geschmacksentscheidungen einrichten, wenn sie die Welt nach Maßgabe von Zeichen sortieren, die von Verhalten, Körpersprache, Tonlage oder Kleidungsstil ausgehen und so unterschwellig und zugleich so direkt wirken, dass sie von expliziten Argumenten oder konkreten Maßnahmen nicht irritiert werden? Wenn es um Überzeugungen geht, die im gesamten Habitus einer Person verankert sind und die umgekehrt auf das Wirkungsbild des Gegenüber reagieren, um zu entscheiden, ob es sich um eine Person meinesgleichen handelt, der man beipflichten kann, oder um einen Vertreter der anderen, die gar nicht Recht haben können?

Christian Kracht musste man auf solche Fragen nicht eigens bringen. Er stellte sie selbst, als er Jörg Haider 1995 eine Tempo-Reportage widmete: dem Politiker also, der die Erfolgsfähigkeit des politischen Populismus bewies. 2 An Haider konnte man schon alles studieren, was in den 2010er Jahren von der AfD bis zum Trumpismus die Welt der politischen Kommentare und Berichterstattungen nachhaltig irritiert hat: Als Kracht Haiders Wahlkampfauftritt in der Klagenfurter Messehalle beobachtete, erlebte er eine Veranstaltung, die wie eine Möchtegern-Oscar-Verleihung durchgestylt war. Die Kundgebung legte es auf Gänsehautmomente an. Haider trat auf wie eine Mischung aus »Popstar, Model, Schauspieler, Liebhaber, Vater, Führer« – offenbar fehlte ein guter Oberbegriff für diese krude Kombination, die im Publikum für wohlige Schauer sorgte und den politischen Gegner ratlos machte, weil das alles so peinlich überdreht, so unverschämt inszeniert und so eindeutig auf hirnlose Zustimmung angelegt war. Haider log nicht so richtig, aber »verbog« die Wahrheiten, bis die Welt so krumm war, dass sich Wahrheit und Lüge nicht mehr auseinanderhalten ließen. Er verkörperte für Kracht alles, was »die Sozialdemokraten« verabscheuten, weil sie es für bloß »manipuliert« oder nur »emotionell« hielten, »es aber nie als das empfanden, was es ist: Beeindruckend. Überlegen. Clever. Groß. Kalt«. Haider hetzte gegen die Korruption der sich selbst bereichernden Eliten und fütterte den Verfolgungswahn, dem er sich hingab, weil ihn das zur Inkarnation des Mainstream machte, der sich irgendwie unwohl fühlte: »Alle sind gegen ihn, die ›Österreichbeschimpfer und -beschmutzer‹, die ›lendenlahmen Linken, die sogenannten Künstler […]‹«. Mit anderen Worten: Er war der Mann des Volks.

Hier nun hüllte sich ausgerechnet Kracht ins Gewand einer politischen Kassandra und witterte »Gefahr für die Demokratie« von der Seite aus, die sich als offene Flanke liberaler politischer Systeme herausstellen sollte: »Man mag das Populismus nennen oder plakativ Bauernfängerei, aber genau das kann niemand sonst, und in Deutschland schon gar nicht: Bauern fangen. Die Sprache der Politik ist eine andere geworden. Jeder, der einmal Rudolf Scharping zu irgendeinem Thema gehört hat, weiß, daß die Gefahr für die Demokratie das Fehlen einer einfachen Sprache ist. Was fehlt, kann man kaum aussprechen: Volksnähe. Und Jörg Haider besitzt sie, diese Volksnähe«. 3

Bei Lichte besehen gab Haider »die immer gleichen Parolen« aus. Alles war »ein bißchen armselig, ein bißchen unangenehm, und meistens arg bieder«. Es war aber eben zugleich effektiv und erfolgreich. Und weil das so war, weil dieser Erfolg einer Bankrotterklärung des politischen Intellekts gleichkam, gestand sich Kracht als Beobachter seine Fassungslosigkeit ein, um zu verstehen, was da gerade passierte: »Was soll man dazu sagen? Welchem halbwegs gebildeten Menschen fällt dazu etwas ein? Natürlich ist dieser Haider untragbar, ein Spießer, ein Hutzelmann, ein Wortverdreher im Helmut-Lang-Anzug. Wir aber können nur in Ästhetizismen flüchten, in die Ablehnung jeglicher Politik, ob sie nun gut inszeniert ist wie bei Jörg Haider oder gar nicht, wie bei Scharping. Uns fällt zu den Inhalten nichts mehr ein!« Bis zu diesem letzten Punkt hatte Kracht eine mehr als hellsichtige Reportage verfasst. Was aber half die Flucht in »Ästhetizismen« angesichts einer Erscheinung wie Haider, die für Leute wie Kracht eine gewaltige intellektuelle Zumutung bedeutete, von der für andere aber offenbar eine ästhetische Verführungskraft ausging: eine eigentümliche Stimmung des sich Gemeint- und Angesprochenfühlens, die so tief reicht, dass für die anderen nur noch Unversöhnlichkeit übrig bleibt?

Geschichtsästhetik

Rund zwei Jahre bevor Kracht mit Faserland die neue Konjunktur der Popliteratur anbahnte, brachte der Spiegel in seiner Ausgabe vom 8. Februar 1993 einen Text, der nach dem »deutsch-deutschen Literaturstreit« um Christa Wolf die zweite große Literaturdebatte nach 1989 auslöste: Botho Strauß’ Anschwellender Bocksgesang. »Diese Tirade über die Linke, ›Demokratismus‹ und das Tutti-Frutti der Medien«, so meinte Thomas Assheuer zwei Tage nach Erscheinen des Bocksgesang-Essays in der Frankfurter Rundschau, »ist ein Einschnitt, ein unerhörtes Dokument – das erste aus dem Neuen Deutschland, undenkbar in der ›alten‹ Bundesrepublik.« 4 Auf den ersten Blick lässt sich kaum ein größerer Gegensatz denken als zwischen Strauß und einem Autor wie dem jungen Kracht, zwischen dem Dichter also, für den es »nur außerhalb des herrschenden Kulturbegriffs« einen Platz unter den »Versprengten« (Strauß) geben konnte, 5 und den Vertretern jener popliterarischen Kaste einer »neuen Intelligenz«, die von all dem profitierte, was Strauß an der Mediendemokratie verabscheute. 6

Die Gegensätze trafen sich jedoch in der gemeinsamen Abneigung all dessen, was mit dem Stichwort »Achtundsechzig« gemeint war. Beide Autoren reagierten mit Degout auf Institutionen und Personen, die wie selbstverständlich, so Strauß, »Allgemeinheitsansprüche des Politischen« erhoben, ohne ausreichend zu bedenken, worin die Akzeptanz solcher Ansprüche begründet liegen beziehungsweise welche dissoziierenden Nebeneffekte dieses Anspruchsdenken provozieren könnte. Wie weit also lagen der »Sezessionist« und diejenigen, die eher zur »kulturellen Gesamtveranstaltung Jugendlichkeit« gehörten, tatsächlich auseinander?

Jürgen Brokoff hat zuletzt in einer sehr genauen Analyse auf die Haken und Ösen des Bocksgesang-Essays aufmerksam gemacht: 7 Strauß auf eine klare Botschaft festzulegen, fiel und fällt bis heute auch deswegen so schwer, weil er seinen Essay nach der Veröffentlichung im Spiegel noch in zwei veränderten Fassungen publiziert hat, darunter in dem Sammelband Die selbstbewusste Nation, in dem er sich in selbst für ihn offenbar zweifelhafte politische Nachbarschaft begab, ohne dann doch mit dieser etwas zu tun haben zu wollen – oder vielleicht doch? Vor allem aber resultieren die Interpretationsprobleme daraus, dass Strauß mit größtem intellektuellem Raffinement operierte, facettenreich-wendig jedes Gegenargument bereits antizipierte und sehenden Auges provozierte. Selbst kritische Beobachter wie Assheuer gestanden Strauß durchaus eine treffende Lagebeschreibung zu, schüttelten allerdings energisch den Kopf darüber, dass die gesamte Misere vor allem einer Schuldigen angelastet wurde: der Linken. Wie also würde Strauß’ Diagnose lauten, wenn man einmal so tut, als könne man all die gezielt eingesetzten Reizvokabeln, all das Gerede von »Sittengesetz«, »Blutopfer«, den »Kräften des Hergebrachten« oder die ostentative Verachtung »unseres modernen egoistischen Heidentums« außen vor lassen?

Die Gesellschaft, so der sprachlich ausgenüchterte Befund von Strauß, hat sich strukturell gewandelt. Demnach steigen die Ansprüche des Einzelnen darauf, sich gut aufgehoben und als Singularität respektiert zu fühlen, und geraten in Spannung zu den Notwendigkeiten des sozialen Zusammenlebens. Politisch hat sich die liberale parlamentarische Demokratie nach 1945 zwar als überlegen erwiesen, sie ist den meisten Menschen in Deutschland jedoch zu vertraut und selbstverständlich, als dass sie die Vorzüge dieses historischen Ausnahmefalls noch angemessen wertschätzen. Dazu trägt auch der Lebenskomfort in einem Land bei, das zumindest im globalen Vergleich von gutgestellten Leuten bewohnt wird: Die Werte traditionaler, auf Mangel gründender Gesellschaften und deren Leitinstitutionen (Kirche, Militär, Nation) büßen in dieser postmateriellen und postheroischen Kultur ihre gleichsam natürliche Faszinationskraft ein. Gleiches gilt für den Stolz auf eine moralisch und politisch stabile Position, zu der man sich durch seine soziale Herkunft verpflichtet fühlt und die traditionsgemäß in sich plausibel und wertvoll erscheint.

Unterstützt von einem erweiterten Medienangebot, das mehr Menschen als jemals zuvor das Recht öffentlicher Rede einräumt, prägt die einst kurzfristig zugestandene Abweichungsphase »Jugend« nun den gesamten Habitus. Was früher als Trotzform pubertären Unbehagens ein lebensgeschichtliches Übergangsphänomen war oder als Provokation von Subkulturen sozial randständig erschien, prägt die normale Anspruchskultur. Grundsätzliche Gefahren, so Strauß’ variantenreich formulierte Warnung, drohten dieser Gesellschaft neben der schon lange erkennbaren Umweltkatastrophe aus zwei Richtungen: von innen durch diejenigen, die den Wechsel vom Prinzip der Beziehungsvorgabe zur Beziehungswahl als Zumutung empfinden und – wie etwa die »Fremdenhasser« und »Neonazis« – mit aller Gewalt dagegen rebellieren; von außen durch diejenigen, die in Migrationsbewegungen gezwungen werden und für globale Unruhe sorgen.

Man wird – vorsichtig formuliert und unabhängig von Strauß’ Wertungen – sagen dürfen, dass diese Diagnose nicht ganz unvertraut wirkt. Die aktuellen Probleme sind die Probleme der 1990er Jahre. Je nach Bedarf lieferte Strauß daher Stoff für grelle Schlagzeilen oder auch provokativ pointiertes Material für eine anspruchsvolle Gegenwartsanalyse. Der Spiegel forderte in einer kleinen Einleitung zum Bocksgesang-Essay dazu auf, den Text als Reflex auf eine »von Fremdenhaß und Desorientierung erschütterte Gegenwart« aufzufassen, damit sich nicht bei jeder »Reizvokabel […] die alten Schubladen im Kopf auftun«.

Für Schubladendenken gab es damals wie heute allerdings gute Gründe: 1989 hatten die Republikaner mit 7 Prozent der Stimmen für die Wahl des Europäischen Parlaments und 7,5 Prozent bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ein Zeichen gesetzt. Die NPD wurde seit den 1970er Jahren politisch geächtet, die DVU aber, mit der die NPD Wahlabsprachen traf, war 1991 mit 6,2 Prozent der Stimmen und sechs Abgeordneten (darunter zwei Mitglieder der NPD) in die Bremer Bürgerschaft eingezogen, 1992 mit 6,3 Prozent in den Schleswig-Holsteinischen Landtag. 1991 und 1992 brannten die Unterkünfte von Asylbewerbern unter dem Jubel von Schaulustigen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Am 23. November 1992 zündeten zwei Rechtsradikale in Mölln die Häuser türkischer Familien an. Gut drei Monate nach Erscheinen des Bocksgesangs fielen fünf Menschen einem Brandanschlag in Solingen zum Opfer – und das ist nur eine kleine Auswahl an fremdenfeindlichen Gewalt- und Mordtaten aus dieser Zeit. Es lag auf der Hand, dass man unter diesen Bedingungen eher dünnhäutig darauf reagieren würde, wenn ein so angesehener Intellektueller wie Botho Strauß sich für die »Rechten« starkmachte, auch wenn er keinen Zweifel daran ließ, dass er mit »Neonazis« nicht in einen Topf geworfen werden wollte.

Entscheidend ist aber etwas anderes: Strauß befasste sich auf maximal vage Weise mit politischen Prozessen. Die Zumutungen, mit denen er erfolgreich weite Teile des Feuilletons triggerte, speisten sich zum Teil aus dem Weltanschauungsarsenal der Zivilisationskritik, das seit Nietzsche fest etabliert war. 8 Wie viele andere konservative Revolutionäre zuvor wies er die verweichlichte Moderne mit einer Attitüde der Schonungslosigkeit auf die harten untergründigen Realitäten hin, die sich nur zeitweise verdrängen ließen und zudem für die Ertüchtigung des sozialen Organismus notwendig seien: »Daß ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.«

In solchen Sätzen steckt Wahres und Falsches, Diskutables und einfach nur schlecht Pauschalisiertes wie zu einem Teig verknetet. Es mag durchaus eine interessante Frage sein, ob und inwiefern Gesetze auf so etwas wie sittliches Einverständnis angewiesen sind oder ob sich die »Gesetzeskraft« doch aus weniger substantiellen Mechanismen speist. 9 Welches »Volk« aber will sein »Sittengesetz« unisono gegen welches andere »Volk« behaupten und erbringt dafür gegebenenfalls sogar »Blutopfer«? Das ist dann doch ohne jede Lust an einer genaueren Analyse formuliert, ohne Interesse an den Mechanismen und Funktionen politischer Propaganda oder auch an Machtverhältnissen und Machtkämpfen.

Strauß bewegte sich auf einer Flughöhe, von der aus alles mit allem irgendwie zusammenhing und noch nicht einmal ein tragisch-verhängnisvolles Gesamtbild ergab. Wer sich dort befand, der hörte – ganz »im Banne des Vorgefühls« – »nur den lauter werdenden Mysterienlärm, den Bocksgesang in der Tiefe unseres Handelns«, ein bedrohliches Rauschen oder ein »letztes knisterndes Sich-Fügen«, auf das einzig »das Reißen von Strängen, gegebenen Händen, Nerven, Kontrakten, Netzen und Träumen« folgen werde. Strauß betrieb historische Trendforschung und fasste andeutungsreich zusammen, was nicht mehr ging, was gerade noch ging und was in Zukunft nicht mehr gehen würde. Es handelte sich, orientiert am ursprünglichen philosophischen Begriff, um Geschichtsästhetik. Im 18. Jahrhundert war die »Ästhetik« nämlich als Wissenschaft vom »Grund der Seele« etabliert worden, 10 jener Zone also, wo aus unbedachten Kleinigkeiten und unscheinbaren Anzeichen folgenreiche Handlungen erwachsen und die daher kultiviert werden muss. Wo Argumente nicht verfangen, weil dazu keine Disposition bestand und weil man keinen Geschmack an einem bestimmten Denkstil und seinen Voreinstellungen fand, da sollten nicht zuletzt die Künste für entsprechende Neigungen sorgen. 11

Weil es um untergründige Strömungen ging, schlug auch für Strauß die Stunde der wahren Poesie als Schöpfung desjenigen, der den »Mut zur Sezession« aufbringt. Er interessierte sich dezidiert nicht dafür, wie man demokratische Prozesse konkret etwa vor jenem Wählerstimmenmonopoly bewahren könnte, das bei der Planung der ersten Bundestagswahl im wiedervereinigten Deutschland einen schalen Geschmack hinterließ. Stattdessen handelte er vom »Demokratismus« als allgemeiner Befindlichkeit der Massengesellschaft. Er grübelte nicht darüber, wie sich politische Entscheidungen mit wirtschaftlichen Gegebenheiten so harmonisieren lassen, dass die damals gerade laufende Arbeit der »Treuhandanstalt« nicht so verheerend wirkte; ihn beschäftigte der »Ökonomismus« als Zeitgeistphänomen. Und die Gestaltung einer humanen Einwanderungspolitik war ihm ebenso egal wie die Frage, wie sich Moral und Politik ohne Selbstüberforderung oder -überschätzung verbinden lassen. Oder wie man politische Mehrheiten für den Klimaschutz gewinnt. Strauß zielte stattdessen andeutungsreich aufs Große und Ganze, und dort steht man gewöhnlich vor Entwicklungen, die sich wie Naturereignisse jeder systeminternen Gegenmaßnahme entziehen und daher harten, umfassenden Protest verdienen.

Strauß schwelgte im Sorgenrausch. Er bewegte sich mithin in jenen Stimmungszonen, denen sich die Ästhetik im 18. Jahrhundert zunächst gewidmet hatte. Deshalb spielte er, wie Jürgen Brokoff gezeigt hat, am Anfang des Essays in anthropologisch schlechtgelaunter Weise auf Schillers Konzept der ästhetischen Erziehung an. Strauß sorgte sich um jene anthropologischen Tiefenschichten, an denen sich entscheidet, ob ein »Mensch« dazu aufgelegt ist, ein »Staatsbürger« zu sein, eine Person also, die sich mit unvorgreiflicher Evidenz an bestimmte gesellschaftliche und politische Konventionen zu halten bereit ist. Wegen der ästhetischen Manipulationsmöglichkeiten bezieht sich im Übrigen auch Götz Kubitschek als Programmchef einer neurechten Kulturpolitik – bei allen Differenzen – nicht nur gern auf Strauß’ Anschwellenden Bocksgesang, sondern auch auf das unterschwellige Erziehungsmodell Schillers. 12

Entscheidend ist freilich, dass zwischen der Aufwertung von Kultur einerseits und der Sehnsucht nach der Bindekraft nationaler, ethnischer oder »sittengesetzlicher« Ordnungen unter Bedingungen eines wohletablierten Kulturbetriebs andererseits eine erhebliche Spannung besteht. Der Bocksgesang-Autor hätte eigentlich nur das Ergebnis des großen Sozialexperiments der deutschen Teilung berücksichtigen müssen. Vier Jahre nach der Wende konnte man gut die Macht von Kulturalisierungseffekten sehen, die gerade nichts mit jenen »Kräften des Hergebrachten« zu tun hatten, um die es Strauß ging. Das Ergebnis war angesichts der Fremdheit zwischen Deutschen in West und Ost ziemlich klar: »Mentalitäten, Stimmungen, habituelle Eigenarten, Vorlieben, Redeweisen und psychologische Dispositive«, so bemerkte Jochen Hörisch bereits kurz nach der Bocksgesang-Debatte, »haben mit (gar ethnisch begründeter) Zugehörigkeit zu einer Nation schlechthin nichts zu tun. Sie sind vielmehr mit schrecklich-schöner Eindeutigkeit ein Effekt von Institutionen, Erziehungsstilen, Währungen, ökonomischen Verkehrsformen und medialen Öffentlichkeiten. Wer das nicht spätestens 1989 begriffen hat, hat überhaupt nichts begriffen«. 13 Lässt sich also auch der Anschwellende Bocksgesang als Effekt von »ökonomischen Verkehrsformen« und »medialen Öffentlichkeiten« deuten, als Ausdruck genau jener Zumutungen, denen Strauß sich durch eine radikale »Sezession« eigentlich entziehen wollte?

Sezessionisten

Tatsächlich stellt sich, ähnlich wie bei der Kultur- und Fernsehkritik der Frankfurter Schule, von der Strauß eigentlich kam, auch bei ihm eine grundlegende Frage: Was macht das Fernsehen mit seinem Kritiker? 14 Man könnte nämlich durchaus den Eindruck gewinnen, Strauß habe nicht nur zu viel Nietzsche, Spengler, Heidegger, Schmitt oder Jünger gelesen, sondern auch zu viel Fernsehen geschaut: zu viele auf Effekt setzende Nachrichtensendungen, in denen Flüchtlingstrecks gezeigt wurden, zu viele skandalisierende Diskussionsrunden, in denen Prekarität nur als ein Aufreger unter anderen diente, und vor allem zu viele jener schamlosen Formate, mit denen das Privatfernsehen den Bereich des Zeigenswerten in den neunziger Jahren in einer wirklich staunenswerten Weise ausdehnte. »Die meisten Überzeugungsträger«, so vermutete Strauß, »die sich heute vernehmen lassen, scheinen ihren Nächsten überhaupt nur als den grell ausgeleuchteten Nachbarn in einer gemeinsamen Talkshow zu kennen. Sie haben offenbar das sinnliche Gespür – und das ist oft auch: ein sinnliches Widerstreben und Entsetzen – für die Fremdheit jedes anderen, auch der eigenen Landsleute, verloren.«

Wo aber fand man die von Strauß als »›Typus‹ des Deutschen«, als »Repräsentanten der Bevölkerungsmehrheit« abgekanzelten Personen, jenen »deformierten, vergnügungslärmigen Landmann […] in der Gesamtheit seiner Anspruchsunverschämtheit«, der seine »Würde« nicht besonders hochhält? Am ehesten wohl auf RTL bei Karl Dall (Dall-As, 1985–1991), bei Ulrich Meyer (Explosiv, seit 1989) und dann bei Hans Meiser, der 1992 das Format der täglichen Nachmittagstalkshow ins deutschen Fernsehen eingeführt hatte. Und nicht nur dies: Auch die harten Schnitte, mit denen Strauß operierte und die historische Lage dramatisch zuspitzte, die Gegenüberstellung also des reichen, saturierten westeuropäischen »Demokratismus« und »Ökonomismus« auf der einen Seite und – klar davon geschieden – der zum »Blutopfer« bereiten Nationen in Osteuropa und Mittelasien auf der anderen Seite, verdankte sich einer Optik der Fernbedienung, mit der man übergangslos von einer Sendung zu einer ganz anderen zappt, ohne Übergänge, Zwischentöne und Differenzierungen. Strauß’ kritische Bemerkung zu dieser Medienpraktik traf das eigene Vorgehen erstaunlich gut: »Es herrscht der Drill des Vorübergehenden, gegen den keine Instanz der Erde sich noch auflehnen kann. Dieser wird im wesentlichen mit ›Schnitten‹ ermöglicht; aber die Schnitte haben entgegen dem Wortsinn nichts Trennendes, sie bringen es vielmehr zustande, daß eine unendliche Kette der Berührungen entsteht, daß letztlich alles mit allem in Berührung gerät«.

Bezeichnenderweise wird man nun einer Gruppe nicht vorwerfen können, dass es ihr an »sinnlichem Widerstreben und Entsetzen« gegenüber den »Repräsentanten der Bevölkerungsmehrheit« gemangelt habe: den Vertretern der Popliteratur. Diese reagierten zwar, zumindest in der Variante von Benjamin von Stuckrad-Barres Soloalbum (1998), anschmiegsamer auf eine Situation, in der das literarische Buch plötzlich mit »ungefähr 60 Fernsehkanälen« konkurrierte. Und sie nahmen die »Geltung von Deutungsmustern, Werten und Normen, Wissensbeständen und Weltbildern« gerade nicht in tragisch-schicksalshafter Weise als gegeben an, sondern fragten danach, wie bestimmte Medienaktivitäten für die Bedingung der Möglichkeit von Geltung sorgten beziehungsweise Geltungswahrscheinlichkeiten erhöhten. Wie Strauß aber verfügten gerade auch sie über die ausgeklügelte Fähigkeit, den inneren Zwang von Lebenszusammenhängen in literarischen Ko-Okkurrenzanalysen zu entziffern: Wer so und so aussieht, wird dieses und jenes sagen, tun, lesen, meinen, kaufen, weil man dies halt so macht. 15

Strauß betrachtete die Welt des »Sekundären« von der einen Seite, die Popliteraten von der anderen. Beide waren sich im geschmacklichen Unbehagen darüber einig, welche Primäreffekte der Gefühlsgewissheit, Normalitätsunterstellung und Plausibilitätsüberzeugung daraus hervorgingen. Strauß zog letztlich die Register dessen, was Luc Boltanski und Eve Chiapello einige Jahre später als »Künstlerkritik« beschrieben und von der »Sozialkritik« unterschieden haben: Gemeint ist damit die Verallgemeinerung der Forderung nach Emanzipation, Autonomie und Authentizität, die traditionell in Kreisen der künstlerischen Boheme und Subkultur gepflegt wurde. Das Problem bestand nun allerdings darin, dass genau diese Form der Kritik dem Kapitalismus »neuen Geist« eingehaucht hatte und wirtschaftlich bereits als ein Mittel gegen die Konsumerschöpfung der 1970er Jahre absorbiert worden war: Immer weniger Arbeitsplätze waren sicher vor jenen Flexibilitäts- und Autonomiezumutungen, die in der Kreativwirtschaft offensiv das Tagesgeschäft bestimmten. Zum Ausgleich durfte man die Wirtschaft als Konsument eines Marktes unterstützen, der nun insbesondere »unterscheidende« oder »unverfälschte« Produkte anbot, um Authentizitätsbedürfnisse kurzfristig zu stillen. 16

Wie also sollte die künstlerische Totalkritik an den Verhältnissen auf diese federnde Reaktionsfähigkeit des Kapitalismus antworten? Ein Reaktionsmuster, so Boltanski und Chiapello, bestand darin, dass der »Künstlerkritiker« seine »Hellsichtigkeit« bewies und diese prophetische Fähigkeit »als die einzige angesichts der drohenden Apokalypse noch würdige Haltung« ausgab. Solche Mahner hüllten sich typischerweise »in das aristokratische, aber abgetragene Gewand des Pamphletisten« und konfrontierten die »verdummten Massen« mit ihrem »einsame[n] ›Bewusstsein‹«. Auch damit rechnete Strauß: »Der Widerstand«, so das Bocksgesang-Finale, »ist heute schwerer zu haben, der Konformismus ist intelligent, facettenreich, heimtückischer und gefräßiger als vordem, das Gutgemeinte gemeiner als der offene Blödsinn, gegen den man früher Opposition oder Abkehr zeigt«. Für Strauß schlug damit die Stunde der wahren Poesie als Schöpfung desjenigen, der den »Mut zur Sezession« aufbringt. Nur resultierte eben auch diese »Abkehr« aus dem verachteten System, das sich mit dem Zugeständnis einzigartiger Erlebnisbedürfnisse überhaupt als »das System«, als Gegenüber, zu dem man sich in Totalopposition begeben konnte, erfahrbar machte.

Boltanski und Chiapello bezogen sich nicht auf Botho Strauß. Umso erstaunlicher, wie gut ihre Beschreibung dessen Haltung erfasst und verdeutlicht, dass es sich um eine gar nicht so einsame und besondere Antwort auf Problemlagen der neunziger Jahre handelte. Bei Strauß fiel die Liaison mit dem Zeitgeist nur untergründiger aus als in den Kreisen der neuen Popliteratur: Man hat es als eklatanten und entlarvenden Widerspruch aufgefasst, dass er als Verächter der Massenmedien seinen Anschwellenden Bocksgesang ausgerechnet im Spiegel publiziert hatte, damit einen Mediencoup landete und den »Skandal-Oscar« des Jahres 1993 einheimste. 17 Strauß’ Essay passte aber in das Hamburger Nachrichtenmagazin, weil es schon immer energisch die Kulturalisierung von Politik betrieben hat. Die »schlichte Nachricht«, so polemisierte Hans Magnus Enzensberger bereits in den 1950er Jahren gegen die Sprache des Spiegel, spiele gegenüber der »Story«, also in der Aufmerksamkeitskonkurrenz mit einem »pseudoästhetische[n] Gebilde«, eine nur verschwindend geringe Rolle. 18

Allein die Bebilderung des Anschwellenden Bocksgesangs belegt die Dramatisierungsbereitschaft des Nachrichtenmagazins: Als bestünden dazwischen keine kategorialen Differenzen, folgen in einer Reihe Szenen auf dem Theater (»Strauß-Stück ›Schlußchor‹ an der Berliner Schaubühne«), aus dem Krieg (»Bürgerkrieg in Tadschikistan«), von der Straße (»Bettlerin in Frankfurt am Main«, »Hooligans in Dresden«) und aus dem Fernsehen (»RTL-Fernsehshow ›Traumhochzeit‹«).

Wie weit gerade der Spiegel bereit war, Politik aus einer kulturellen Perspektive zu betrachten, demonstrierte ein Jahr nach dem Bocksgesang die Spezial-Ausgabe Pop & Politik. 19 Auf der einen Seite erklärte das Editorial: »Pop hört sofort auf, Pop zu sein, wenn er sich in den Dienst von Parteien stellt.« Diese parteienpolitische und notorisch ungeliebte, aber schwer verzichtbare Seite der Demokratie passte also nicht zur Popkultur. Zugleich aber galt: »Nie war Pop politischer als heute.« Dieser Pop wollte zwar vor allem »Spaß«, wurde jedoch dann politisch, wenn »die Verhältnisse diesen Spaß nicht gestatten«: »Deshalb liefern die Rapper den Soundtrack zu den Rassenunruhen in den großen amerikanischen Städten. Deshalb fürchten sich die Sittenwächter vor Madonna und so mancher Heavy-Metal-Band. Deshalb haben Nazi-Rocker eine Chance bei Deutschlands desparater Jugend. Deshalb formulieren Grunge und Techno das Unbehagen einer ganzen Generation. Deshalb bläst Clinton in sein Saxophon.« Und deswegen kauften junge Leser Bücher, in denen schnöselige Ich-Erzähler ihrer Mainstream-Verachtung im Faserland freien Lauf ließen?

Auf den ersten Blick trug der Spiegel hier viel von dem zusammen, was Strauß als »kulturelle Gesamtveranstaltung Jugendlichkeit« anprangerte. Aber eben nur auf den ersten Blick. Ähnlich wie Strauß schielte die Popkultur nämlich in zwei Richtungen. Sie träumte von der maximalen sozialen Eingeschlossenheit, versprach Formen des innigen Dazugehörens und zeigte sich in Stil-, Geschmacks- und Fankonflikten oder in den typischen riots der Jugendkultur durchaus dazu bereit, ein »Blutopfer« für die eigene Fan-Gemeinschaft zu bringen. Zugleich aber führte der Weg zu dieser Integration über den »Anti-Integrationismus«, durch die »Sezession«, über die nicht nur Botho Strauß, sondern auch Diedrich Diederichsen in seinen »zehn Thesen« zum Zusammenhang von »Pop & Politik« reflektierte. 20 Pop durfte demnach die etablierten Machtstrukturen als »Scheißspiel« durchschauen, grundsätzlich ablehnen und insgesamt denunzieren.

Die Diagnosen glichen sich auffällig. Strauß sah die Gesellschaft »in die Beständigkeit des sich selbst korrigierenden Systems eingelaufen«; aus Perspektive des Pop & Politik-Sonderhefts war der »Zustand der Selbststeuerung erreicht«. 21 In beiden Fällen folgte daraus die Totalverweigerung des politischen Beobachters, der »voller Leidenschaft« ablehnend auf seine Umwelt blickte. Leidenschaft nämlich »ist der größte Feind der Liberalität«. Sie lässt kein Mehr oder Weniger, sondern nur das Entweder-Oder zu. »Fühlt man leidenschaftlich, dann ist man angezogen von den Dingen oder abgestoßen.« Wer die Gesellschaft so betrachtete, der »lebt im Aufstand gegen die schlechte Welt« und blickt voller Degout auf eine Gesellschaft der »entfremdeten Arbeit, des entfremdeten Vergnügens und der entfremdeten Wahrheiten«. »Entfremdung« war in solchen Zusammenhängen jedoch nicht mehr ein Begriff aus einer materialistischen Theorie, sondern »eine Krankheit«, und deren »Symptome« ließen sich beim sozialen Vogelflug irgendwie überall entdecken. Alle diese Zitate und Diagnosen stammen aus einem Artikel von Ulf Poschardt, damals Redakteur bei der Vogue. Er beschrieb damit nicht Botho Strauß, sondern Denis, einen 23-jährigen Hipster, »wie wir ihn heute kennen: cool, arrogant und unerreichbar für alle, die nicht in seiner Welt verkehren«. 22 Sezessionisten wie Botho und Denis waren damit im Übrigen so ziemlich das genaue Gegenteil der Jugendministerin Angela Merkel, die (in Pop & Politik) in einem Interview mit Campino, dem Sänger der Toten Hosen, auf eine so grandiose Weise unhip und uncool auftrat, dass sie schon wieder extrem lässig wirkte: »Auf Feten war ich unheimlich traurig, daß ich mich nicht in die Musik reinsteigern konnte. Ich war immer das Mädchen, das Erdnüsse ißt und nicht tanzt.«

Noch einmal zurück ins Jahr 1993: Nicht ganz drei Wochen, bevor Strauß’ Bocksgesang im Spiegel erschien, war Bill Clinton ins Weiße Haus eingezogen. Aus Perspektive des alten Europa bot die von Hollywood-Regisseuren choreografierte und mit Film- und Popstars garnierte Fernsehshow zur Amtseinführung des US-amerikanischen Präsidenten eine Steilvorlage. 23 Tatsächlich haben »Präsentationsprofis« wie Clinton, Tony Blair oder Gerhard Schröder, deren Parteigewicht eigentlich auf dem linken Fuß lag, die »öffentliche Kommunikationskultur revolutioniert« und ein Bündnis zwischen der Politik und der Unterhaltungskultur insbesondere des Fernsehens geschlossen. 24 Die Pointe liegt nicht darin, dass damals die Medien die Regie übernommen hätten – wie soll Politik, zumal wenn sie demokratisch verfahren will, ohne Medien auskommen? Überraschend ist vielmehr, dass sich Politiker bestimmten Medienformaten und -formen aus der Welt des Entertainments entschlossen in die Arme warfen und sich strikt in Richtung des »Politainment« orientierten. Politik drohte zu einem »Unterhaltungsformat« unter anderen zu werden.

Umgekehrt entdeckte das deutsche Fernsehen einige Jahre später »politische Unterhaltung« für sich neu. So wurde etwa im deutschen Fernsehen mit Christiansen (und dann den diversen Nachfolgesendungen auf dem Sendeplatz sonntags nach dem Tatort) seit 1998 »ein wichtiges und vorbildliches Forum der öffentlichen Inszenierung politischer Meinungen« (Dörner) etabliert. Die Rahmenbedingungen und Konkurrenzbeziehungen solcher Sendungen waren durch die Einführung des dualen Rundfunksystems 1984 gesetzt worden. Der Markt hatte entschieden: Fernsehen war gemessen an Erfolgskriterien ein Unterhaltungsmedium beziehungsweise folgte dem »Unterhaltungsimperativ«. Und dies wiederum bedeutete: Was auch immer gezeigt wurde, musste sich gut anfühlen – und sei es, um sich bei Fernsehabenden à la Botho Strauß durch Angst, Abscheu und Entsetzen im Gefühl der Empörung selbst zu erleben. Das »feeling good« oder »bad« bildet dann eine wichtige, wenn nicht letztlich die »Grundlage der Legitimität und damit auch der Sachpolitik«, und dies zumal unter Bedingungen einer Gesellschaft und Kultur, die die Realisierung der eigenen Neigungen und Bedürfnisse sehr wichtig nahm und akzeptierte.

Wirft man einen Blick aus den 1990er Jahren auf die Gegenwart, dann erklärt sich zumindest zum Teil die Lust an schlechter Laune und Aggressionsbereitschaft auf querdenkerischen Veranstaltungen: Das Sich-irgendwie-grundsätzlich-schlecht-Fühlen beziehungsweise der Anspruch auf ein gutes Gefühl gilt als solides Fundament politischer Radikalopposition. Unter diesen Bedingungen geht es dann eben weniger darum, welche politischen Argumente vorgebracht werden, sondern sehr viel mehr darum, wie Politik aussieht, wie sie klingt und wie sie sich anfühlt. Wie in Fan-Kulturen bilden sich auf dieser Grundlage Musts und No-Gos, die in leidenschaftlichen Zu- und Abneigungsgemeinschaften mit größter Gefühlsgewissheit als alternativlos erscheinen.

Das geschieht nicht argumentationslos. Die Weichenstellungen jedoch, die argumentativen Umgang mit alternativen Positionen ermöglichen oder verhindern, finden zuvor auf einer ästhetischen Ebene statt. Man kann dann versuchen, möglichst populär zu sein und die Nation als Ansammlung von Fans eines gemeinsamen politischen Projekts anzusprechen, oder man setzt auf das eigene Spartenprogramm, polarisiert und treibt einen möglichst tiefen Keil zwischen die eigenen Fans und die der Aufmerksamkeitskonkurrenten. Beides gehört zu jener Popkultur, in der sich die Literatur und die Politik nach 1989 neu orientierten.

Dann aber ist die Entscheidung zwischen einer blauen und einer grünen Barbour-Jacke oder zwischen Botho Strauß auf der einen, Stuckrad-Barre und Christian Kracht auf der anderen Seite nicht einfach wichtiger oder anspruchsvoller als die zwischen SPD und CDU. Diese Entscheidungen fallen vielmehr auf ähnliche Art und Weise und können daher überhaupt erst miteinander konkurrieren. Nicht von ungefähr brachte der Spiegel in seinem Pop & Politik-Spezial von 1994, ein Jahr nach Strauß’ Bocksgesang, einen langen Ausschnitt aus Krachts Faserland, irrte sich aber bei den politischen Implikationen des Texts: Es handelte sich zwar um einen Beitrag über »Tweetjacketts« und »Partys«, nicht aber über das »Ende der Rebellion«, sondern über die neuen ästhetischen Grundlagen der Opposition.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Gustav Seibt, Trendforscher im Interregio. Für Bessergekleidete: Christian Krachts Deutschland. In: FAZ vom 22. Mai 1995.
  2. Mit Dank für den Hinweis an Erika Thomalla. Vgl. auch Kristin Steenbock, Zeitgeistjournalismus. Zur Vorgeschichte deutschsprachiger Popliteratur: Das Magazin »Tempo«. Bielefeld: transcript 2020.
  3. Christian Kracht, Sexy Führer. In: Tempo, Nr. 12, Dezember 1995.
  4. Thomas Assheuer, Was ist rechts? Botho Strauß bläst ins Bockshorn. In: Franz Josef Görtz u.a. (Hrsg.), Deutsche Literatur 1993. Jahresüberblick. Stuttgart: Reclam 1994.
  5. Botho Strauß, Anschwellender Bocksgesang. In: Spiegel vom 8. Februar 1993. – Soweit nicht anders angegeben, stammen alle Strauß-Zitate aus diesem Text.
  6. Cornelia Koppetsch, Symbolanalytiker im Feld der kulturellen Produktion. Zum Wandel der Intelligenzrolle in Gegenwartsgesellschaften. In: Heribert Tommek /Klaus-Michael Bogdal (Hrsg.), Transformationen des literarischen Feldes in der Gegenwart. Sozialstruktur – Medien-Ökonomien – Autorpositionen. Heidelberg: Synchron 2012.
  7. Jürgen Brokoff, Literaturstreit und Bocksgesang. Literarische Autorschaft und öffentliche Meinung nach 1989/90. Göttingen: Wallstein 2021.
  8. Klaus Kreimeier, Wiedergänger und Nachbereiter. Nach Ignatz Bubis’ Polemik gegen Botho Strauß: Ein Blick auf das Ideen-Recycling des zeitentrückten Dichters. In: Franz J. Görtz u.a. (Hrsg.), Deutsche Literatur 1994. Jahresüberblick. Stuttgart: Reclam 1995.
  9. So die Idee von Jacques Derrida, Gesetzeskraft. Der »mystische Grund der Autorität«. Frankfurt: Suhrkamp 1991.
  10. Hans Adler, Fundus Animae – der Grund der Seele. Zur Gnoseologie des Dunklen in der Aufklärung. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Nr. 62/2, Juni 1988; Steffen Martus, Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild. Berlin: Rowohlt 2015.
  11. Vgl. Steffen Martus, Politische Stimmungen. Justus Mösers Analyse der Staatsmoden. In: Ulrich Winzer /Susanne Taus (Hrsg.), »Es hat also jede Sache ihren Gesichtspunct …«. Neue Blicke auf Justus Möser (1720–1794). Münster: Waxmann 2020.
  12. Vgl. Mladen Gladić /Erika Thomalla, Literatur als Klartext. Wie Rechte lesen. In: Merkur, Nr. 862, März 2021; Torsten Hoffmann, Ästhetischer Dünger. Strategien neurechter Literaturpolitik. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Nr. 95, Mai 2021.
  13. Jochen Hörisch, Was generiert Generationen: Literatur oder Medien? Zur Querelle allemande zwischen Achtundsechzigern und Neunundachtzigern. In: Ders. (Hrsg.), Mediengenerationen. Frankfurt: Suhrkamp 1997.
  14. Vgl. Harun Maye, Blättern /Zapping. Studien zur Kulturtechnik der Stellenlektüre seit dem 18. Jahrhundert. Zürich: Diaphanes 2019.
  15. Vgl. Moritz Baßler, Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten. München: Beck 2002.
  16. Luc Boltanski /Eve Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus. Universitätsverlag Konstanz 2003.
  17. Karl-Ludwig Baader, Aufbauscher und Abwiegler. Mit seinem Essay »Anschwellender Bocksgesang« landete der Medienverächter Botho Strauß den Mediencoup des Jahres. In: Franz Josef Görtz (Hrsg.), Deutsche Literatur 1993. Jahresüberblick.
  18. Hans Magnus Enzensberger, Die Sprache des Spiegel. In: Spiegel vom 5. März 1957 (www.spiegel.de/kultur/die-sprache-des-spiegel-a-2013630a-0002-0001-0000-000032092775).
  19. Spiegel Spezial, Nr. 2, 1994. Pop & Politik.
  20. Diedrich Diederichsen, Wer fürchtet sich vor dem Cop Killer? Zehn Thesen. In: Spiegel Spezial, Nr. 2, 1994. Pop & Politik.
  21. Cordt Schnibben, Napalm ja, Pudding nein. Warum Pop zu Politik wird und Politik zu Pop. In: Spiegel Spezial, Nr. 2, 1994. Pop & Politik.
  22. Ulf Poschardt, Die beste aller Welten. Über Stil und Subversion. In: Spiegel Spezial, Nr. 2, 1994. Pop & Politik. Zur längeren Tradition vgl. Dirck Linck, Désinvolture und Coolness. Über Ernst Jünger, Hipsters und Hans Imhoff, den »Frosch«. In: Kultur & Gespenster, Nr. 3, Winter 2007.
  23. Uwe Wittstock, Leselust. Wie unterhaltsam ist die neue deutsche Literatur? Ein Essay. München: Luchterhand 1995.
  24. Andreas Dörner, Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp 2001.

4 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    In den 90 Jahren endete sozusagen die Post 68 Zeit. Dies wurde durch die beiden Autoren markiert, einer der sozusagen in seiner Hochphase des Theaterschaffens an der Schaubühne genau für diese Zeit steht und der andere der sozusagen einer der typischen Vertreter einer genervten Schüler Generation ist, die von übergroßen Gewissheitsansprüchen und Wahrheitsansprüchen ihrer 68 Lehrer nichts mehr hören konnten. Christian Kracht setzt den Hedonismus der 80 Jahre sozusagen literarisch fort. Heute ist es doch kaum zu übersehen, das die neue Moral und die neue Bürgerlichkeit ehr in den Gedanken der beiden Autoren eingebettet ist, als in den Gedanken der 68 und Post 68 Zeit. Ein Humanismus und ein Humanistischen Projekt das diesen Namen verdient ist nicht in Sicht. Alles folgt den Stichworten von Kracht und Strauß und halten diese Simplifizierungen noch für reiche Kultur, statt die Verarmutung unserer Innenstädte und die Neu erstandene Brutalismus Architektur, als das zu sehen was sie sind, Symbole eines Zeitalters der Unmenschlichkeit. Die beiden Autoren waren sozusagen die Herolde dieser neuen Zeit der Barbarei.

  2. Fedor Pellmann sagt:

    Das ist ein interessanter Brückenschlag zwischen dem einfachen Epikurismus der 1990er und den verschwörungsästhetischen Reitern der Apokalypse heute. Weder waren die Popliteratur noch Strauß falsch am Platz. Die 90er wollten friends und fun und konnten sich den Frühling eines ästhetischen Snobismus leisten. Ernsthaftigkeit war eine Sache der alten Weltpolitiker. Heute wird sie von den Aluhaubenmenschen besetzt. Die Weltpolitiker kehren zurück und Kunst und Gesang werden zu einem Reservat.

    1. Reiner Girstl sagt:

      Man sollte nicht vergessen, das beide Autoren hier über betont werden. Der weitere meistgespielte Theater Autor der 70 und 80 Jahre Franz Xaver Kroetz, hat seinen Bedeutungsverlust nicht versucht mit Essays zu kompensieren. Rainald Goetz war in bestimmten Punkten der wirkliche Pionier der Popliteratur und hat dann andere Wege des Schreibens gefunden als Christian Kracht. Viel wichtiger ist für mich das Ralf Rothmann in dieser Zeit mit Stier, den ersten Schritt zu seiner Trilogie begangen hat, mit dem er letztlich zu Recht der Autor unserer Tage wurde. Letztlich bleiben die Aussagen der beiden Autoren nicht wirklich wichtig.

  3. Reiner Girstl sagt:

    Man muß die beiden Texte klar in ihre Entstehungsgeschichte einordnen, die beiden Texte sind in einer Zeit entstanden, wo der Neonationalismus und der Sie Sieg der Neokonservativen sozusagen das beherrschende Thema war. Darüber hinaus war es in Teilen eine Zeit des Rechtsextremismus und in Teilen Deutschlands gefielen sich Skins als neue Herren der Subkultur.
    Das Grün alternative Milieu und die subkulturellen Ideen der Zeit vor der Zeitenwende, waren gerade total gestrig und aus der Mode, jeder gefiel sich gerade gerne in Geste der Neurechten Grenzverletzung. Einer der wenigen Autoren der das damals kritisch beschrieben hatte, war Bodo Morshäuser, in dem er auf die Zeichen und Symbol Spiele der 80 Jahre verwies und die nun daraus gewordene Ernsthaftigkeit der 90 Jahre.
    Autoren und Denker wie Malaparte, Ernst Jünger, Carl Schmitt. Celine, erlebten sozusagen eine neue positive Adaption. Gerade eine Gruppe von Jungautoren um Christian Kracht gefiel sich in dieser Attitüde. die ihren Höhepunkt sozusagen mit Tristesse Royale ablieferten, in dem Sie sich alle im Stil eines Donald Trumps gefielen. Sowie in der Renaissance traditioneller Herrenbekleidung, mit Anzug und Binder.
    Dazu kam dann noch als gesellschaftskultureller Theoretiker Florian Illies, der den vorherrschenden „Zeitgeist“ mit „Generation Golf“ sozusagen meisterhaft einfing.
    Nur geblieben ist davon nichts, Botho Strauß hat keine wirklich bedeutende literarisches Werk mehr geschaffen. Christian Kracht wurde noch einmal für seinen Roman „Eurotrash“ gefeiert, aber das ist auch nur wieder die Haltung von Tristesse Royale, wer kann schon einfach Geld vom Berg Schmeißen, für die meisten Menschen in Berlin ist das eine tief traurige Beleidigung, wenn sich wohlhabende Menschen darin ergehen, Geld das sie dringend brauchen würden, einfach vom Berg zu Schmeißen.
    Natürlich gibt es die Krise der Moderne und die Krise der Moderne ist so alt wie der Aufbruch in die Moderne, aber Autoren wie Charles Baudelaires und Arthur Rimbaud wie haben das auf zauberhafte Art und Weise schon lange bearbeitet.
    Eine Welt die sich nur über Märkte definiert und alle Werte als veräusserbar definiert, wenn sie den Märkten im Weg stehen, ist eben eine unbewohnbare Welt. Alle Versuche durch die Neuerfindung von Ethiken und Menschenrechten, Werte wieder ein zuführen, sind bisher gescheitert. Alle Kritik am vorherrschenden Paradigma wird nur solange aufgegriffen, wie sie hilfreich ist, die Verwertungskultur der Moderne zu unterstützen, sobald sie sich aber gegen die Vermarktungsfähigkeit oder gegen die Rendite wenden, werden sie wieder eliminiert. Im Prinzip war Kracht nur die Ikone eines frühen Tumpismus, in dem sich damals alle gerade gefielen. Genauso passte natürlich Eurotrash in das Augenblicksgefühl der Kulturteile als der Roman erschien. Während Strauß nur in die Vergangenheit zeigt.
    Dass die Kritik von außen viel schmerzhafter ist und viel zutreffender sein kann hat Mbembe gezeigt, der die Wertfreiheit der westlichen Moderne klar auf den Punkt gebracht hat, mit der Folge, dass man dann zur nicht kritisierbaren Entwertungskritik griff.
    Gerade in der Augenblicklichen Krise, die kein Ende zu finden scheint und vielleicht wirklich mit dem Ende dieser Welt enden könnte, zeigt, sich das die wirklich treffende Kritik an der Moderne, die diese überwindet noch nicht geschrieben ist. Aber Vermarktung und Ware allein sind keime werte.
    Die beiden angesprochenen Texte von Christian Kracht und Bodo Strauß waren zum erscheinen ihres Zeitpunkt eben schnell verkäufliche Ware und Spektakel des Augenblicks.

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