Geschichten aus der Kammer. Über Fotoautomaten und ihre Wiederholungen

Die Anordnung unterscheidet sich fundamental vom Selfie: Der Automat ist zwei Meter hoch, zwei Meter lang und einen Meter tief, fest verankert und mit mehreren hundert Kilogramm Gewicht keineswegs mobil oder handheld. Man kann ihn an keine mehr oder weniger aufregenden Orte mitnehmen, die Gefahr tödlicher Unfälle ist dementsprechend gering. Der Hintergrund der Aufnahmen – ob in nostalgischem Schwarzweiß oder in Farbe – bleibt meist das fahle Weiß der Rückwand, manchmal verziert von einem Vorhang, einer bedruckten Tapete, etwa für Olympische Spiele und Weltausstellungen, oder einer nachträglichen digitalen Projektion.

(Dieser Text ist im Maiheft 2022, Merkur # 876 erschienen.)

Die Verkettung von üblicherweise vier Bildern, die ein Fotoautomat auf einem Streifen nacheinander aufnimmt, eröffnet ein Spiel mit der Zeit: Er fragmentiert, fokussiert und belichtet vier Momente jener Dauer, die wir in seinen Kammern verbringen. Das Revival, das der Fotoautomat in den letzten Jahren erlebt, hängt nicht nur mit der gegenwärtigen Nostalgie für das Analoge zusammen, sondern auch mit der streng gerahmten Freiheit der Inszenierung, die zwischen den Fotos liegt.

In den Fotoautomaten, die in westeuropäischen Städten neuerdings wieder an prominenten Orten zu finden sind, geht es weniger um ein Sehen-und-gesehen-Werden als um ein Sich-selbst-Sehen im Angesicht der Maschine. Die Wiederkehr des Fotoautomaten ist weder allein durch eine Romantisierung des Ephemeren der Alltagsfotografie noch als eine stationäre Variante des Selfies erklärbar. Vielmehr bannt der Fotoautomat das Verhältnis von Mensch und Maschine, von Dauer und Moment, von Sequenz und Einzelbild auf einen Bildstreifen.

Fotografenlose Fotografie

Die Außenwände des Kastens, an denen sich der Eingabeschlitz für Münzen und der Ausgabeschlitz für die Fotos finden, sind zumeist mit Eigenwerbung plakatiert. Der Automat muss auf seine Verfügbarkeit hinweisen, um im öffentlichen Raum nicht unsichtbar zu werden. Im Inneren befindet sich eine erste Kammer, die als begehbare Bühne dient. Diesem Aufnahmeraum liegen zwei weitere Kammern gegenüber, von denen die eine die Kamera mit der Blitzanlage, die andere Dunkelkammer oder Drucker enthält.

Mit dieser Anordnung wiederholt der Fotoautomat eine Urszene der Fotografie: die camera obscura. Die Kameralinse, die zwischen den Kammern vermittelt, ist in den meisten Modellen von einer spiegelnden Platte verdeckt, auf deren Oberfläche man in einer Reflektion der äußeren Kammer die gespiegelte Vorschau der Fotos sieht. Ein Pfeil verweist auf die Linsenöffnung, damit man direkt in die Kamera der inneren Kammer blicken (oder den Blick verweigern) kann. Alles ist auf die Konfrontation von Kamera und Gesicht ausgerichtet, die sich viel später im Blick des Grenzkontrolleurs auf das Foto wiederholt.

Im Automaten ist die Hemmschwelle des Gesehen-Werdens niedrig. Er nimmt, was er bekommt. Er braucht keinen Fotografen, der die Szene richtet und den Auslöser betätigt. Im Fotoautomaten fällt die eigentümliche Gehemmtheit des Sich-gesehen-Wissens deshalb weg. In neueren Varianten liegt hinter der spiegelnden Oberfläche ein Bildschirm, der Optionen oder ein Vorschaubild anzeigt und manchmal auch einen Countdown für die Auslösungen herunterzählt. Die avanciertesten Modelle sind mit einer Bilderkennungssoftware ausgestattet, die Rückmeldung gibt, wenn die erkennungsdienstlichen Maßstäbe eines biometrischen Passbilds erfüllt sind. Die Software kann auch Filter anbieten – analog zu den Möglichkeiten der Bildbearbeitung mit dem Smartphone. In Japan verzerren die unter Jugendlichen beliebten Purikura-Automaten Gesichter im Manga-Stil und drucken sie als Sticker.1

 

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