In Stein gemeißelt. Kalte Medien schreiben heiße Geschichte

n Bristol wurde im Sommer 2020 das Denkmal des Sklavenhändlers Edward Colston gestürzt und dem Hafenbecken des Avon überlassen, in Boston eine Statue von Christoph Kolumbus einen Kopf kürzer gemacht. Standbilder von König Leopold II. in Belgien waren nach einem Farbbombenangriff blutrot, ebenso Figuren des Reichskanzlers Bismarck in Hamburg und Köln. Die Empörung richtet sich bei diesen rituellen »Tötungen« von Denkmälern häufig gegen die rassistischen und kolonialistischen Seitenstränge der Geschichte, über die die glorifizierten Darstellungen in Monumenten hinwegzutäuschen versuchen.

(Dieser Text ist im Maiheft 2022, Merkur # 876 erschienen.)

Wenn Protestierende gerade diese Statuen von historischen Protagonisten des Kolonialismus stürzen, schänden oder zerstören, dann stellen sie damit die Vorstellung infrage, dass die Menschheit eine gemeinsame, von allen respektierte Geschichte besitze und das materielle Vermächtnis dieser Geschichte bewahrt werden müsse. Man kann solche Aktionen der Zerstörung, des Vom-Sockel-Holens und des Beschmierens von Statuen in die Tradition des Bildersturms stellen.

Man kann sie aber auch als Ausgleichsprozesse eines filigranen Systems der Erinnerungspolitik begreifen, das immer schon Schwankungen und Veränderungen unterworfen war, wenn es um die Frage nach Wert und Bedeutung bestimmter Narrative für eine Gesellschaft ging. Nirgendwo sonst gewinnt die Praxis der In-Wert-Setzung so buchstäblich an Gestalt wie bei all den Standbildern und Skulpturen historischer Figuren, die mit Namen und Taten in die Struktur und den Stoff des öffentlichen Raums hineingesetzt werden. Nur glichen die Monumente lange eher traurig verwitterten Requisiten in einem Theaterfundus – reich zwar an historischen Bezügen, aber doch sehr unbeachtet in der Bedeutungslosigkeit des Abgestellten versunken.1

Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung entlädt sich nun an der steingewordenen Geschichte ein Gewitter von »antirassistischem Furor« und »unbändiger Wut«.2 Plötzlich sind die vermeintlich kalten Skulpturen wieder zu geschichtlich aufgeheizten Objekten geworden. Daher scheint sich die Frage zu lohnen, welche thermischen Bedingungen dem Medium Denkmal womöglich innewohnen und welche Auswirkungen diese Warm /Kalt-Prozesse auf das geistige Klima unserer globalen Gesellschaft haben.

Hot Stone Message

In den 1960er Jahren schlug Marshall McLuhan eine Unterscheidung zwischen heißen und kalten Medien vor, je nachdem, wie detailreich und wie hoch die Informationsdichte eines Mediums ist.3 Medien mit hohem Informationsgehalt sind an den vielen unterschiedlichen Daten, die sie übermitteln wollen, quasi heißgelaufen und wirken in dieser Fülle auf die Betrachtenden wie hermetisch geschlossene Einheiten. Sie fordern daher ein geringeres Maß an Ergänzungsarbeit. McLuhan hatte die Fotografie und das Radio als solche heißen Ausschlussmedien bestimmt. Kalte Medien hingegen zeichneten sich dadurch aus, dass sie quantitativ und qualitativ weniger Informationen übermitteln, was dazu führe, dass durch diese Auslassungen, Andeutungen und eindimensionalen Setzungen das Publikum permanent dazu aufgefordert sei, die Mitteilungen zu ergänzen und zu vervollständigen. Vertreter der kühlen – und damit dem Einschluss verpflichteten – Medien sah McLuhan in der Sprache und im Telefon.

 

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