Investigative Ästhetik. Ermittlungen gegen die dunkle Epistemologie des Post-Truth-Zeitalters

Es scheint ein wenig aus der Mode gekommen, Problemkomplexe der Gegenwart mit ästhetischen Konzepten zu adressieren. Schon gar nicht in Erwartung einer besonderen begrifflichen Ressource für etwaige Problemlösungshorizonte. Selbst feuilletonistische Deutungen einschlägiger Topoi der vergangenen Jahre – wie Klimakrise, gesellschaftliche Desintegration, Verschwörungsdenken, Fake News etc. – kamen weitgehend ohne ästhetische Register oder Bezugnahmen aus.

(Dieser Text ist im Maiheft 2022, Merkur # 876 erschienen.)

Zumindest das war mal anders, denkt man beispielsweise an gar nicht so lange zurückliegende zeitgeistdiagnostische Dauerwarndurchsagen, die »Ästhetisierung« unter anderem für subjektgefährdenden medialen Overload, die generelle Krisenhaftigkeit gesellschaftlicher Kommunikation und Selbstaufklärung oder gar für mehr oder weniger kompletten »Wirklichkeitsverlust« verantwortlich machen wollten. Plakative Indienstnahmen dieser Spielart wird wohl kaum jemand ernstlich vermissen. Man kann sich aber durchaus fragen, inwiefern deren Verschwinden nicht doch auf eine generelle Relevanzkrise ästhetischer Denkfiguren hindeutet.

Die Ästhetik – als Begriffs- und Theorieangebot – hat sich, so könnte man diese auffällige Erschöpfung auch zusammenfassen, weitgehend in den Kunstbetrieb zurückgezogen. Nach Jahrzehnten der Überbeanspruchung ist sie nun relegiert – wie immer man das nennen möchte: Retreat, safe space, Heimspiel, Rekonvaleszenz. Dort kann sich ästhetische Semantik erholen und wieder auf ihr Kerngeschäft konzentrieren: kunstkritische Diskursroutinen mit Sprachspielmaterial versorgen, mit regenerierten Distinktionsdynamiken künstlerische Objekte, Praktiken, Werkzusammenhänge beschreiben und theoretisieren, den Laden (also oftmals: den Markt) am Laufen halten. Ästhetik wird natürlich weiter gebraucht, um mehr oder weniger institutionell gerahmte Gegenstände und Ereignisse aus Traditionsfeldern wie Literatur, Bildende Kunst, Musik oder Theater zu versprachlichen und wie auch immer gearteten Analysen zuzuführen. Aber sonst?

Grundsätzlich ließe sich dieser Befund auch anders herleiten und behaupten, dass es sich eigentlich gar nicht um einen Rückzug handelt, auch kein Bedeutungs- oder Reichweitenverlust eines vormals privilegierten Vokabulars vorliegt, sondern dass wir es lediglich mit einem Effekt von dessen Allgegenwart zu tun haben. Aus dieser Perspektive hat sich Ästhetik einfach nur zu Tode gesiegt. Kann passieren, zumal diskursiv. Insbesondere in Konsumgesellschaften, in denen rund um die Uhr attraktive Produkte aufgetischt und beworben werden müssen. Man solle sich deshalb keine Sorgen machen (wenn man sich welche machte), einfach jargonkompatibel von »Postästhetik« sprechen und fürs Erste über die relative Unbeobachtbarkeit ubiquitärer Phänomene nachdenken. Wir hätten es also – auf der Phänomenseite wie in diskursiver Hinsicht – eher mit einer vollumfänglichen Veralltäglichung des Ästhetischen zu tun.

Mit Blick auf eine Vielzahl lebensweltlicher Vollzüge mag das vielleicht sogar intuitiv einleuchten. Jedenfalls gehen ästhetische Investments über das klassische konsumästhetische Produktdesign und anhängige werbeästhetische Adressierungen längst weit hinaus. So ist, wo digitale Interfaces Endnutzerinnen involvieren, praktisch jedes Kommunikat, jede Transaktion irgendwie ästhetisch gestaltet, behandelt, beeinflusst. Die Nutzungsangebote des Digitalen erscheinen gerade auf der Ebene alltäglichen Interagierens und Navigierens stets medienästhetisch kalkuliert. Immer mehr Handlungen sind – als soziotechnisch verfasste – immer kleinteiliger ästhetisch vermittelt. Das unterschätzen Theorien, die sich ausschließlich auf die prinzipielle Unanschaulichkeit von Datafizierung und Metrifizierung kaprizieren. Aber wie dem auch sei: Haben wir nicht ohnehin andere Sorgen als Ästhetik?

 

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