Just send your cash

Am Abend des 29. August 2021 fuhr die britische Schauspielerin Helen Mirren in Venedig mit einem Boot zu einer Modenschau von Dolce & Gabbana. Sehr aufrecht stehend, die Hände um eine kleine Handtasche gefaltet, sah sie aus wie eine Kaiserin: Gewandet war sie in ein Abendkleid aus einer D&G-Kollektion von 2017, dessen goldenes Korsett mit Juwelen besetzt und mit Blumen verziert war und wie ein Teil einer Rüstung wirkte. Der überaus ausladende Rock der Robe fiel in weiten Falten und war mit Motiven aus Renaissancegemälden in prächtigen Rahmungen bedruckt. Mirren, zu diesem Zeitpunkt sechsundsiebzig Jahre alt und mindestens an diesem Abend die anziehendste Frau der Erde, war expressiv geschminkt, später am Abend tanzte sie auf dem Markusplatz mit dem Schauspieler Vin Diesel im Regen und entlockte weltweit all jenen einen Seufzer, die Fotos davon zu sehen bekamen. Die Leute vor Ort fielen vermutlich in Ohnmacht.

(Dieser Text ist im Maiheft 2022, Merkur # 876 erschienen.)

In eher mukschen Stunden des Lebens lese ich manchmal Helen Mirrens Wikipedia-Seite oder recherchiere neueste Bilder von ihr, auf der Suche nach einer Haltung, die einzunehmen mir unmöglich ist; angefangen damit, dass ich beispielsweise nicht weiß, wo ich ein juwelenbesetztes Korsett aus Gold kaufen könnte, falls ich denn mal eines würde tragen wollen (Gelegenheiten dafür sind jene, die man dazu erklärt, ich will hier überhaupt nichts über »Anlässe« hören). Aber allein der Gedanke an eine Seinsweise wie die von Helen Mirren ist aufrichtend, die innere Projektion ihres Bilds hilfreich genug, um den Rücken gerade zu machen.

Von daher war meine Enttäuschung über ihre Rede bei der Entgegennahme des Preises der Screen Actors Guild für ihr Lebenswerk am 27. Februar dieses Jahres sehr gering. Mirren wird nicht dafür bezahlt, Weisheiten von sich zu geben, und dass sie allerhand pompöse Rührseligkeiten über ihren Berufsstand von sich gab, gehört zu einem Branchentermin wohl dazu. Am dritten Tag des Invasionskriegs Russlands gegen die Ukraine kam ich jedoch nicht umhin, besonders Mirrens Eröffnung der Rede zu bemerken, in der sie sagte, alles Entscheidende im Leben habe sie von ihrem Mentor gelernt, der ihr schlicht mitgegeben habe, sie solle immer pünktlich und kein Arsch sein (hilarity ensued).

Beinahe hätte ich mich wirklich darüber geärgert. Diese »Don’t be evil«-Plattitüde, die sich mit pragmatischer Schlichtheit als einlösbar anbiedert – als sei überhaupt klar, was es heißt, ein Arsch zu sein oder eben keiner; als sei das mehr oder weniger eine Regel der Höflichkeit, so wie Pünktlichkeit oder das Dankeschön, wenn einem jemand den Brotkorb reicht; als sei klar, dass es für den Anfang beispielsweise schon reicht, keinen Angriffskrieg auf ein sogenanntes Brudervolk niedergehen zu lassen.

Die Vergleichskategorie Kriegsverbrecher schien mir zumindest hilfreich zur begrifflichen Differenzierung. Ein Arsch ist doch eher bloß eine mittelmäßige Sorte Mensch (von Helen Mirren von daher schon immer von oben aus unerreichbar). Eine gemeine Person, ein Schulhofbully, ein widerlicher Vorgesetzter, ein rücksichtsloser Rempler usw. – Typen, die alltäglich genug Unglück über ihre Mitmenschen bringen, dass man eigentlich gut beschäftigt damit wäre, ihnen Einhalt zu gebieten. Aber der Arsch ist eine normale Figur.

In diesen Februartagen hatte ich angefangen, mich nach Auseinandersetzungen mit diesem oder jenem Arsch zu sehnen. Ich meine zu wissen, wie das geht. Ansonsten habe ich leere Hände.

Eines Tages während der Oberstufe walzte der Englischlehrer in das »Activity Centre English«, in dem der Leistungskurs und Proben der Theater-AG stattfanden, und stellte mit Schwung seinen Rucksack aufs Pult. Mit gespielter Entrüstung rief er: »Somebody stole my bike!« Seinen Ärger baute er zu einer längeren Szene aus, anhand derer unser Kurs herausfinden sollte, welcher Struktur diese Geschichte vom Fahrraddiebstahl folgte. Die Stunde hat sich mir unter anderem aufgrund der intensiven Fremdscham für die Inszenierung des Lehrers eingeprägt, aber auch deshalb, weil ich mir das Ziel seiner szenischen Intervention merkte.

Konflikte, so sollten wir lernen, lägen am Ursprung jeder Fiktion, in diesem Fall gehe es eben um den zwischen ihm und dem Fahrraddieb (möglicherweise ein Arsch klassischen Typs; möglicherweise aber auch jemand mit komplexeren Motiven als denen eines klassischen Arschs. Soweit ich mich erinnere, diskutierten wir diesen Punkt aber nicht). Es war also ein bloß ausgedachter Konflikt, das Fahrrad war noch in Besitz des Lehrers, wir aber wurden in die Grundlagen der Erzähltheorie eingeführt. Ich nahm das so hin. Es leuchtete mir ein.

 

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