Der Krieg in den Knochen. Christiane Hoffmanns Familiengeschichte „Alles, was wir nicht erinnern“

Mit diesem Buch hatte ich nicht gerechnet. Christiane Hoffmann hat soeben die Erinnerung ihrer Familie für eine breite Öffentlichkeit aufbereitet. 1 Ist denn die Fluchtgeschichte deutscher Familien um 1945 noch ein Thema? Es wurde doch unmittelbar nach dem Krieg ausführlich behandelt, dann trat es einige Jahrzehnte in den Hintergrund und hatte durch Günter Grass’ Novelle Im Krebsgang nach 2002 eine zweite Konjunktur. Es gab wichtige literarische Texte zum Thema, historische Forschung, mediale Aufbereitung und zwei große Ausstellungen in Bonn und Berlin. All das mündete 2021 in das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin. Damit hat das Thema »Flucht« auf der Berliner Erinnerungsmeile ein sichtbares Zeichen bekommen, und dieses Zeichen ist auf Versöhnung ausgerichtet. Es schien dort nicht nur gut aufgehoben, sondern auch erledigt zu sein.

(Dieser Text ist im Juniheft 2022, Merkur # 877 erschienen.)

Krieg und Frieden

Ich habe mich getäuscht, aber auch etwas Neues dazugelernt. Wie man Geschichte erlebt und beurteilt, das hängt unmittelbar von den prägenden historischen Ereignissen ab, die man selbst erlebt hat. Ich bin nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und kriegsschadensfrei aufgewachsen, während mein Mann und meine Geschwister Kriegskinder sind, denen der Krieg in den Knochen steckt. Christiane Hoffmann beschreibt in ihrem Buch, wie auch ihr, die zwei Jahrzehnte nach mir geboren ist, der Krieg noch in den Knochen steckt. Obwohl Mitglied der dritten Generation, schreibt sie ihr Buch aus der Perspektive eines Kriegskinds, sie beschreibt die Nachwirkungen, die die Fluchtgeschichte ihres damals neunjährigen Vaters bei ihr in Gang gesetzt hat.

Christiane Hoffmanns Biografie setzt lange, bevor sie auf die Welt kam, ein: am 22. Januar 1945, dem Tag, als die Flucht der Familie begann. Meine Biografie begann ebenfalls, bevor ich geboren wurde: am 8. Mai 1945, als der Krieg durch die Kapitulation Nazideutschlands beendet wurde. Christiane Hoffmann schreibt ihre Biografie aus einer verdrängten und vergessenen Leidensgeschichte heraus, ich schreibe sie vom Sieg der Alliierten her, die die Deutschen von sich selbst befreiten.

Wir verkörpern damit zwei unterschiedliche Narrative, eins des Friedens und eins des Krieges. Das Narrativ des Friedens, das die Alliierten vorgaben, setzte auf Vergessen. Vergessen war eine Überlebensstrategie, die darin bestand, den Schmerz einzukapseln, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich ganz auf das Versprechen einer besseren Zukunft einzustellen. Dieses Narrativ wurde 1985 zeitgleich mit dem Bekenntnis zu einer deutschen Holocaust-Erinnerung durch Richard von Weizsäcker noch einmal erneuert. Hoffmanns Buch thematisiert, was mit Übernahme des Friedensnarrativs alles vergessen wurde und emotional unter den Tisch fallen musste. Dass es zu einem Zeitpunkt erscheint, wo nach einer fast siebenundsiebzigjährigen Friedensära die Realität eines brutalen Angriffskriegs wieder Jedermann vor Augen steht, war nicht eingeplant. Aber angesichts der täglichen Bilder von Krieg und Flucht liest sich Hoffmanns Buch unweigerlich auch wie ein unheimliches Déjà-vu.

Verlust der Heimat

Der Verlust spielt in dem Buch auf mehreren Ebenen eine Hauptrolle. Am Anfang steht der Verlust der Heimat einer deutschen Familie, die seit 1238 in Niederschlesien lebte, bis sie 1945 von dort fliehen musste. Ein Satz wie: »Damals gehörte das alles zu Deutschland« kann heute jedoch nicht mehr ausgesprochen werden, weil er im neuen Europa sofort unter Revisionismusverdacht steht. Hoffmann wendet sich auf eine ganz andere Weise einer langen Geschichte zu, die in unterschiedliche nationale Geschichten aufgespalten und zersplittert ist. Mit dieser Zersplitterung wird die Geschichte jedoch auf das jeweils Passende zurechtgestutzt und als politische Waffe eingesetzt.

Die Autorin vergleicht Landkarten und verfolgt im Detail die mehrfach verschobenen Grenzen. Es geht ihr dabei darum, diese lange Geschichte rückblickend als eine gemeinsame zu rekonstruieren. Ihr Ausgangspunkt lautet: »Es gibt keine gemeinsame Geschichte, keine gemeinsame Perspektive, jeder erzählt Seins den Seinen, historische Monologe, Deutsche und Polen mit dem Rücken zueinander, und das Unsagbare bleibt unsagbar, auch nach 75 Jahren.« Solange sich daran nichts ändert, bleibt Geschichte nationalistisch und explosiv. Mit ihrem Buch arbeitet die Journalistin an der Entschärfung dieser Munition. Sie sammelt private und historische Dokumente, sucht nach Zeitzeugen und führt Interviews mit Menschen, die sie in polnischen und tschechischen Dörfern trifft. Sie hört vor allem zu und gibt unterschiedlichen Perspektiven Raum.

Der Verlust der Heimat konkretisiert sich in dem Anwesen Nr. 84 in dem kleinen Dorf Rosenthal /Różyna. Es besteht aus Haupthaus und Auszughaus, Stall und Scheune. Nach der Flucht der deutschen Familien zogen nach dem Krieg durch »Umfüllen«, wie die Autorin dies nennt, polnische Flüchtlinge in die verlassenen Häuser ein. Auch später fielen die Gebäude nicht dem Abriss oder der Modernisierung zum Opfer. Sie bildeten eine Enklave der Vergangenheit, in die die Familie zu wiederholten Besuchen zurückreisen konnte. Der Verlust der Heimat bezieht sich dabei nicht nur auf den Ort und den materiellen Besitz, sondern vor allem auf Gefühle wie die Verbundenheit mit den Vorfahren, deren Grabsteine nicht mehr zu finden sind, und auf die Landschaft, auf Erzählungen, auf Mohnkuchen, Sehnsucht und Trauer.

Die Trauer- und Erinnerungsarbeit Christiane Hoffmanns besteht vor allem darin, Kontakte herzustellen. Sie wird gastfreundlich aufgenommen in dem Haus, das ihr Großvater gebaut hat. Sie spricht mit einer jungen polnischen Mutter über Alltagsprobleme und den Krieg. »Wir sitzen im Hof unter dem Holzdach und sprechen über unsere Großväter, die den Drachen gesehen haben, zwei Nachfahrinnen, verbunden durch das verfluchte zwanzigste Jahrhundert […] Und mit der Zeit beginnt sie zu verstehen, warum ich hier bin. Und ich auch.« Die Autorin versteht sich in dem Maß, wie sie von ihrer Gesprächspartnerin verstanden wird. Sie erkennt in der polnischen Großmutter Stasia ihre eigene Großmutter und stellt ihre Fragen »in gebrochenem Polnisch, Kinderpolnisch, um zu verstehen, was Heimat bedeutet und Heimatverlust, wie eine Blinde, die sich ein Gemälde beschreiben läßt«. Wer den Krieg in den Knochen hat, weiß, was ein nachhaltiger Frieden braucht: persönliche Kontakte und Nachbarschaften, wo Hass und Misstrauen abgebaut werden und zwischenmenschliches Vertrauen wachsen kann.

Der Austausch zwischen Menschen mit Fluchterfahrungen – »es sind die gleichen Geschichten«, sagt die Autorin einmal – lässt Angst, Schmerz und die Trauer über den Verlust von Haus, Menschen und Tieren als ein gemeinsames Muster hervortreten. Diese Innensicht eines erlebten Einverständnisses zwischen Menschen mit entgegengesetzten Fluchtrichtungen unterscheidet sich von der Außenansicht einer wissenschaftlichen Perspektive, die dies als Narrativ für eine Ausstellung einsetzt. Ein Beispiel dafür ist das bereits erwähnte Berliner Dokumentationszentrum für Flucht, Vertreibung, Versöhnung.

Das Museum wurde nach seiner Eröffnung im Sommer 2021 allgemein mit Applaus und Erleichterung aufgenommen, weil das Ausstellungsdesign jede Möglichkeit einer Instrumentalisierung für revisionistische Zwecke souverän durchkreuzt. Für die verschiedenen Fluchtgeschichten, die hier gut recherchiert und ausgewogen nebeneinander ausgestellt sind, gibt es viel Platz in dem aseptischen Baukörper aus Sichtbeton. Die Ausstellungsstücke erzählen ergreifende Geschichten, die an die Empathie der Besucherinnen appellieren. Emotionen sind zugelassen und gleichzeitig durch den Ausschnittcharakter der Beispiele kanalisiert, mit guten Gründen, denn hier öffnet sich ja die Pandora-Box negativer Verlustaffekte wie Wut, Angst, Verbitterung oder Ressentiment. Der Schmerz des Verlusts bleibt in diesem Rahmen zwangsläufig eine Leerstelle.

Verlust der Erinnerung

Das Buch von Christiane Hoffmann öffnet einen Raum für diese Leerstelle. »Es gab nichts, das wenigstens stellvertretend für die verlorene Heimat gestanden hätte, für Jahrhunderte Hoffmannscher Geschichte, keine Granatbrosche, kein Goldring.« Diese Leerstelle konkretisiert sich in dem Oberteil des neuen Matrosenanzugs für den neunjährigen Vater, das in der Eile des Aufbruchs unter dem Weihnachtsbaum zurückblieb. Auf diese Leerstelle weist der Buchtitel hin: Alles, was wir nicht erinnern.

Die Autorin macht es sich zur Aufgabe, vorzustoßen zum Ungesagten und Unsagbaren, zu dem, was weggesperrt, eingefroren und im Dunklen verborgen ist. Von früh an ahnt sie, dass ihr vieles vorenthalten wurde aus dem Leben der Erwachsenen. Auf ihre Rückfragen erhielt sie immer nur dieselben Stichworte, die sich wie ein Schutzwall um das Unausgesprochene legten. In vielen Geschichten zum Beispiel spielten Milde und Menschlichkeit eine größere Rolle als die Erfahrung der Grausamkeiten des Kriegs. Und so erzählte schon der Großvater aus dem Gulag nur das, was er ertragen konnte, »was ihn rettete«.

Auch für den Vater, der nach der Flucht am Ankunftsort seinen Namen wechselte, war das Vergessen lebenswichtig. Seine lebendige Erinnerung begann überhaupt erst mit dem neuen Namen und der neuen Adresse, alles Frühere blieb schemenhaft. »Vielleicht hat das Jahr 1945, das Trauma der Flucht, die Erinnerung an Rosenthal ausgelöscht«, überlegt die Tochter. »Aber eigentlich glaube ich, dass Du Dich nicht an Rosenthal erinnern wolltest. Du wolltest in Wedel ankommen […] Du wolltest nicht der Flüchtlingsjunge sein, Du wolltest dazugehören.« Und noch kürzer: »Du musstest vergessen, um leben zu können.« Diese Haltung ist durchaus plausibel: »Wer sich nicht erinnert, hat nichts verloren. Wer nichts verloren hat, braucht auch nicht zu trauern. Was man nicht erinnert, kann man auch nicht vermissen.«

Doch der Verlust der Erinnerung hat nicht nur gute Seiten: »Gefühle, die man sich selbst verbietet, dürfen sich auch andere nicht erlauben.« Die unterdrückte Trauer erzeugte Irritationen und Fremdheit in der Familie, sie trennte die Menschen. Der Verlust der Heimat war ein tiefsitzendes Gefühl, zu dem es keinen Zugang mehr gab; für den Vater war die eigene Kindheit samt den mit ihr verbundenen Empfindungen amputiert. Doch was nicht erinnert und erzählt wird, wird auf anderen, weniger bewussten Kanälen weitergegeben.

Der Verlust des Vaters

Den dritten Verlust in diesem Buch bildet der Tod des Vaters, der eine tiefe Zäsur im Leben der Autorin bedeutet und ihr Verhältnis zur Familiengeschichte grundsätzlich verändert. Mit seinem Tod und ihrem persönlichen Abschied fallen die drei Verlusterfahrungen des Buches zusammen. Es beginnt vor dem ersten Kapitel mit der Widmung an den Vater und endet mit seinem Tod. Mit dem immer wieder aufgenommenen »Du« ist er das Thema und der Adressat dieses nicht linear erzählten Textes. Diese Passagen lesen sich wie ein Brief an den Vater, der ihn allerdings nicht mehr erreicht.

Hoffmanns Vaterbeziehung gilt einem traumatisierten Jungen und unterscheidet sich damit radikal von den Vaterbildern der Familienromane der achtundsechziger Generation, die sich gegen die Übermacht ihrer meist autoritären und reuelosen Nazi-Väter behaupten musste. Eine Generation später hat sich das Verhältnis zur deutschen Geschichte gewandelt. Statt um Bruch und Abrechnung geht es hier um die Geschichte einer intensiven Beziehung, die von mitfühlender Empathie zu stellvertretendem Mit-Leiden führt. Der Vater war ein Fluchtkind und verbunden mit einer Geschichte, die in der Welt der Gegenwart und in der deutschen Erinnerungskultur eigentlich keinen Platz hatte. Dieses vermeintlich erledigte Thema in einer neuen historischen Konstellation noch einmal zu beleben, erfordert Mut, historische Bildung und Inspiration.

Der Tod des Vaters bedeutet eine tiefe Zäsur im Familiengedächtnis, denn er war der letzte Zeitzeuge, der die Erfahrung von Heimat und Flucht noch leibhaftig verkörperte. Diese Schwelle im Familiengedächtnis, wo das plötzliche Erlöschen der lebendigen Erinnerung sinnlich fühlbar wird, hat Katja Petrowskaja einmal so beschrieben: »Geschichte ist, wenn es plötzlich keine Menschen mehr gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen.« 2 Diese Schwelle ist auch die Initialzündung des Buches von Christiane Hoffmann: »Ich weiß jetzt mehr als Du, trotzdem habe ich noch immer den Wunsch, Dich zu fragen, auch jetzt, da das nicht mehr möglich ist.«

Für die Tochter nimmt mit dem Tod des Vaters die Erinnerung eine ganz neue und existentielle Qualität an. Statt den vorgezeichneten natürlichen Weg der Auflösung der Familienerinnerung zu akzeptieren, formuliert Christiane Hoffmann mit ihrem Buch ein persönliches Veto gegen das Vergessen. Sie will in aller Form das Erbe dieser Erinnerung antreten: »Nun werde ich mich an Deiner Stelle erinnern.«

Damit hat sie sich einiges vorgenommen. Es geht ihr nicht nur darum, das Verlorene festzuhalten im Archiv der Familie und im größeren Archiv der Geschichte, der Gesellschaft, der Kultur. Die Tochter hat auch ein historisches und therapeutisches Anliegen. Das historische Anliegen besteht in dem Wunsch, getrennte Geschichten zusammenzufügen, und das therapeutische Anliegen in dem Drang, das abgespaltene Leben ihres Vaters in ihr eigenes aufzunehmen.

Das geht natürlich nur symbolisch und nachholend, und literarische Verfahren sind dabei eine Hilfe. Für die schmerzhafte Vergangenheit, die nicht von allein vergeht, schafft die Autorin in ihrem Ich einen Raum für das Du. Das ist der Raum der Nachträglichkeit, ein Schlüsselbegriff nicht nur für die freudsche Therapie, sondern auch für die Literatur. Nachgetragene Liebe heißt zum Beispiel ein Buch von Peter Härtling aus dem Jahr 1980, in dem sich der Autor dem in die Gegenwart fortwirkenden Schmerz einer vergangenen Auseinandersetzung zuwandte.

Mit dem Tod des Vaters beginnt für die Tochter Christiane Hoffmann ein neues Beziehungsverhältnis. Ein Bild, das sie dafür erfindet, ist der neunjährige Junge als Phantom und Doppelgänger. »Der Junge, das Du, ist mein Vater und mein Sohn.« Im Lauf ihres Texts verwandelt sich die Tochter in eine Begleiterin und Mutter, die nachholend Schutz und Zuwendung spendet, was der wirklichen Mutter unter den Kriegsbedingungen der Flucht unmöglich gewesen war. Das ist keine Illusion, sondern eine Selbsttherapie: »Ich verstehe, dass ich Dich nicht finden werde, auch wenn der neunjährige Junge mich tapfer begleitet.«

Die Erinnerung als Erbe

Solange der Vater noch lebte, gab es in der Familie keinen Imperativ, sich an die verlorene Heimat und Herkunft zu erinnern. »Das wolltet Ihr, Du und Mutter, uns unbedingt vermitteln: dass uns nichts fehlte. Wir hatten doch alles.« Oder: »Herkunft hat keine Bedeutung, das war Eure Botschaft, und ich akzeptiere sie, obwohl ich fühlte, dass sie nicht wahr ist. Unterschwellig gab es ja immer noch eine andere Botschaft.« Nach dem Tod des Vaters tritt die unterschwellige Botschaft in den Vordergrund: Die Tochter stellt sich von Kopf bis wörtlich Fuß darauf ein: »Es ist meine Aufgabe, Deine Geschichte zu erzählen. Du hast mir das aufgetragen, obwohl nie davon die Rede war […] Es ist an mir, […] die Erinnerung zu speichern, zu konservieren, einen Vorrat für kommende Generationen anzulegen, ihn zu horten und zu hüten. Dieses Buch ist Dein Testament.«

Kann man sich anstelle eines anderen erinnern? Am Anfang steht der Wille: »Ich muss das Erbe antreten, das Du zurückgewiesen hast, ich gehe noch einmal den Weg Deiner Flucht.« Aber, und das ist entscheidend: Dieses Erbe wird nicht angetreten, um die Erinnerung zu festigen und zu verlängern, sondern um einen Fluch zu Ende zu bringen. Flucht und Fluch gehen ineinander über. Fünfundsiebzig Jahre später will sie zu Fuß allein den Fluchtweg ihres Vaters gehen, um Abschied zu nehmen von der Heimat und dem unausgesprochenen Heimweh.

Seit ihrer Kindheit ist sie besessen von Flucht und Krieg, »eine Kriegsgefangene in dem Drang zurückzukehren zu der Gefahr, in den Krieg, ins Moor«. Ihr Re-Enactment ist natürlich keine Wiederholung der wirklichen Flucht, es hat einen eher sportlichen Charakter in einer zivilen Umgebung, aber die Erfahrung der Einsamkeit, des radikalen Ausgesetztseins, des Winds, der Kälte und der bedrohlichen Natur öffnet ihr eine neue Perspektive der Identifikation. Sie ist getrieben von dem Wunsch, »Euren Schmerz zu fühlen in meinen Beinen und meinem Nacken, in dem Euch der Russe saß, um das zu erinnern, was Du vergessen hast«.

An diesem Punkt wird die Prosa atemlos und erreicht ihren emotionalen Höhepunkt. Die Autorin versetzt sich in die Flüchtenden vor fünfundsiebzig Jahren, sie spürt ihre existentielle Gefahr und was es kostet, in dieser Situation nicht in Panik zu geraten, wie es der Onkel Walter tat, der anfing zu schreien und durchzudrehen, und damit eigentlich »das einzig Angemessene in dieser Lage« tat, nämlich den Verstand zu verlieren. Sie will den ganzen Schmerz der Flüchtenden in sich aufnehmen und schreibt sich dabei so in Rage, dass sie selbst nahe daran ist, den Verstand zu verlieren: »In Sicherheit ist nur, wer keinen Schmerz mehr fühlt […] Ich werde dieses verfluchte 20. Jahrhundert aus mir herauslaufen, aus uns allen, ich werde alles erinnern und alles vergessen, und am Ende meines Weges werden wir frei sein, heil […] ich werde fertig sein mit Europa und seiner verfluchten Vergangenheit und nur noch für die Zukunft leben.«

In dieser Explosion von Wut, Trotz und Verzweiflung kapituliert die Autorin vor ihrem Projekt. Es überfordert sie ebenso, wie einst die echte Flucht ihre Familie überforderte, und schlägt um in eine paradoxe Flucht vor der Flucht.

Wie bei anderen Re-Enactments, etwa bei dem »Marsch der Lebenden« von Auschwitz nach Birkenau, auf den sich alljährlich am Tag der Befreiung des Vernichtungslagers jüdische Überlebende mit ihren Kindern und Kindeskindern begeben, geht es auch bei der »Flucht« der Autorin um Traumata, um Köpergedächtnis und die Identifikation mit Familienangehörigen in zeitlichem Abstand an einem historischen Ort. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass Christiane Hoffmann ihren Fluchtweg allein geht: »Zu Fuß? Zu Fuß. Allein? Allein.« Sie verbindet sich mit Herkunft, Heimat und Familiengeschichte ohne die eigene Familie, ohne einen gesellschaftlichen Rahmen, ohne ein kulturelles Muster. Die Erinnerung, die sie geerbt hat, gibt sie nicht an ihre Kinder weiter und sucht auch nicht den Anschluss an ein bestehendes Erinnerungskollektiv wie das der Vertriebenen. Vielmehr holt sie den Fluch dieser Erinnerung aus sich heraus und schreibt gleichzeitig ihre eigene Geschichte in das historische Archiv der Deutschen ein.

Das durchlässige Familiengedächtnis

Die Familie ist eine Gefühlsgemeinschaft, in der Botschaften unterdrückt und gleichzeitig vermittelt werden. Vergessen ist kein Schutzwall; was verschwiegen und nicht weitergegeben wird, findet andere Kanäle. Das Familiengedächtnis hat kommunizierende Röhren zwischen den Generationen, sie sind diffus und schwer zu kontrollieren. Hoffmanns Buch ist ein sensibles Protokoll dieser Durchlässigkeit: »Du vergisst, aber Du gibst mir den vergessenen Schrecken weiter«. Und: »Das Dunkle [lauert] überall unter der Oberfläche meiner lichten Kindheit.« »Ich lerne die Angst«, die Angst vor dem Krieg, die die Tochter, wie sie erzählt, jeden Abend in den Schlaf begleitete. »Was für Euch stimmt, nehme ich als meines an, als sei ich auch geflüchtet in Todesgefahr, als hätte ich auch erlebt, wie alles von einem Tag auf den nächsten verloren gehen kann.« Sie hat »Angst, dass der Krieg nie beendet sein, sondern immer wiederkehren würde, dass es nie vorbei sein würde«.

Dass Kinder die Alpträume ihrer Eltern träumen, gilt nicht mehr als unwahrscheinlich, seitdem es die Diagnose der intergenerationellen Übertragung und den Begriff des Traumas gibt. Mit diesem technischen Begriff geht die Autorin aber sehr sparsam um. Sie ersetzt ihn durch sinnliche und bildhafte Worte. Der Krieg ist ein »Drache«, ein drohendes Ungeheuer, das bedrohliche Laute von sich gibt, wenn es sich nähert. Die Flucht ist ein »Bruch«, der die Welt von einem Tag auf den anderen irreversibel verändert. »Das ist der Fluch: Krieg und Flucht sind vollkommen verborgen und allgegenwärtig, sie stecken in Euren Körpern und in meinem«, und selbst die Enkeltöchter sind nicht frei davon.

Diese Durchlässigkeit des Familiengedächtnisses strukturiert auch die Form des Buchs. Eine lineare Erzählung ist hier unmöglich, denn es gibt nicht nur Brüche und radikale Veränderungen, sondern auch emotionale und inszenierte Wiederholungen wie das Abschreiten der Fluchtroute. Verschiedene Zeitebenen rutschen ineinander: 1945 die Flucht der Familie, 1978 der erste Besuch in der alten Heimat, auf den weitere folgen, die achtziger Jahre mit dem Studium in Moskau und Reisen nach Osteuropa zu Zeiten des Kommunismus, 2005 und 2015 folgen weitere Reisen in die Heimat, 2018 der Tod des Vaters und 2020 der Beginn der Wanderung auf der Fluchtroute. Die vier Kapitel des Buchs bauen aufeinander auf, aber sie unterscheiden sich nicht klar, denn alle enthalten Erzählungen, Zeugnisse aus dem Familiengedächtnis, Interviews und reflektierende Passagen. Es sind die Wiederholungen, die das emotionale Gewicht des Erzählten deutlich machen. So bildet sich ein Kreis um den anderen wie bei einem Stein, den man ins Wasser wirft.

Erinnerungsarbeit als Friedenssicherung

Fünfundsiebzig Jahre nach der Flucht spricht die Autorin mit Menschen, denen sie auf ihrer Route begegnet, über den Krieg, die Flucht und Umsiedlungen. Darunter ist auch eine Deutsche, die 1945 vor Ort war. Pauli ist »der einzige Mensch, der mich mit Euch verbindet, der sich noch an die Flüchtlinge erinnert, der einzige Mensch auf 500 Kilometern«. In Klinghardt, dem Ort, wo die Flucht endet, ist die letzte Zeugin gerade gestorben. Während sich das Band der lebendigen Erinnerung auflöst, besetzt die Politik die Geschichte mit ihren gegensätzlichen nationalen Narrativen, in denen der eigene Stolz oder das eigene Leid im Mittelpunkt steht, während das, was man anderen angetan hat, säuberlich ausgeklammert wird.

Die Hoffnung auf Überwindung nationalistischer Unvereinbarkeiten richtet sich auf die dritte Generation, die weniger belastet ist von politischen Feindbildern und inzwischen ihre eigene Geschichtsforschung betreibt in privaten Archiven und lokalen Ausstellungen. Diese zeigen, dass das historische Interesse an der unmittelbaren Vergangenheit wächst. »Unsere Deutschen« heißt eine Ausstellung, die in Tschechien gezeigt wird. Das neue Klima innerhalb der Europäischen Union hat in drei Jahrzehnten durchaus Wirkung entfaltet und Kontakte und Verbindungen entstehen lassen, wo vormals Grenzen und Ideologien die Menschen voneinander trennten.

Auch Christiane Hoffmanns Buch bildet solch ein privates Archiv, in dem die Autorin Materialien und Geschichten zusammenbringt. Obwohl es dabei immer um Herkunft geht, spielt Identitätspolitik hier keine Rolle. Das Buch fragt nach dem, was wir nicht erinnern, und widmet sich dem Unausgesprochenen und Unerledigten, das nicht weitergegeben wurde und gerade deshalb weiterwirkt. Anders als das Vergessen könnte dieses Buch mit seiner Erinnerungsarbeit und seinem nachträglichen Durcharbeiten dazu beitragen, den Fluch der Flucht zu bannen und kommende Generationen von dieser Geschichte zu befreien.

Aus diesem dialogischen Erinnern könnte ein neuer Heimat- und Verlust-Diskurs entstehen, der unterschiedliche Geschichten anerkennt und dabei immer auch das Gemeinsame im Blick behält: die Verletzlichkeit aller Menschen und den Wunsch nach Sicherheit als universales Grundbedürfnis. »Meine Suche berührt die Menschen, denen ich begegne, das habe ich immer wieder erlebt, meine Suche nach den alten Geschichten und den alten Wunden, durch meine Vergangenheit kehrt ihre Vergangenheit zurück, es ist, als seien sie dankbar, dass sich jemand interessiert, als sei ich diesen Weg nicht nur für mich gegangen und vielleicht noch für Dich, sondern für viele.« Vielleicht kann Hoffmanns Buch sogar anderen das spenden, was sie selbst nicht gefunden hat, nämlich Trost.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Christiane Hoffmann, Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters. München: Beck 2022.
  2. Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther. Berlin: Suhrkamp 2014.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.