Putin und ich

1993. Achtzehn Monate Zivildienst im Ausland mit der Aktion Sühnezeichen bei Memorial Sankt Petersburg. Offene Altenarbeit mit Opfern des Nationalsozialismus und Stalinismus. Fast ein Jahr vorbei. August, eine Expedition mit Memorial auf die Solowezki-Inseln im Weißen Meer, 600 Kilometer nördlich von Petersburg. Auf dem Archipel wurden noch unter Lenin die ersten politischen Gefangenen inhaftiert. Für Alexander Solschenizyn bezeichnete Der Archipel Gulag zweierlei: die reelle Solowezki-Inselgruppe und die metaphorischen Lagerinseln, die sich wie ein Archipel über die gesamte UDSSR erstreckten. Wir sind im ehemaligen Kloster auf der Hauptinsel untergebracht, Schlafsäle nach Geschlechtern getrennt.

Kurz vor der Nachtruhe schaue ich einige Betten weiter: Der Dissident, Mitbegründer einer Leningrader Untergrundgewerkschaft nach dem Vorbild der polnischen Solidarność, 1982 verhaftet und verurteilt unter Mitwirkung des KGB-Ermittlers Wiktor Tscherkessow, freigekommen in der Gorbatschow-Amnestie 1987, legt sich gerade ein Handtuch übers Gesicht. »Darf ich fragen, was Sie da tun?« – »Ach, das geht noch auf die Zeit in Untersuchungshaft zurück. Damals hatten sie in der Zelle diese grellen Glühbirnen, die vierundzwanzig Stunden brannten. Seitdem kann ich nicht mehr ohne das Handtuch einschlafen.« Tscherkessow ist Putin-Vertrauter und wird im Jahr 2000 zum Bevollmächtigten für Nordwestrussland ernannt, ein Posten, der die »Machtvertikale« stärken und die Gouverneure schwächen soll.

(Dieser Text ist im Juniheft 2022, Merkur # 877 erschienen.)

1993. Ich wohne bei einer armenisch-ukrainischen Intelligenzia-Familie in Sankt Petersburg. Die jüngere Tochter wird in der Schule immer öfter als armjaschka und »Schwarzarsch«, ein Schimpfwort für Leute aus dem Kaukasus, beleidigt. Der Hass richtet sich gegen sichtbare Minderheiten, wie sie in der Migrationsforschung heißen.

1993. Memorial protestiert vor dem »Großen Haus«, der Petersburger KGB-Zentrale, gegen die Übernahme von KGB-Personal in den FSK, wie der Inlandsgeheimdienst des jungen demokratischen Russland hieß. Auf meinem Plakat steht: »Kein einziger KGBler im Sicherheitsdienst Russlands«. Vermutlich hätte ich dem Protest fernbleiben sollen – wir Zivis im Ausland dürfen uns nicht politisch betätigen. Doch das kümmert damals keinen, auch nicht die Geheimdienstler, die nur einmal herauskommen, um zu fragen, was wir da tun. Es liegt auch keine Angst in der Luft, allenfalls etwas Kitzel – wie wäre eine solche Aktion noch vor fünf Jahren ausgegangen? Wie im Jahr 2022?

1994. Ich arbeite im ehemaligen Parteiarchiv in Petrosawodsk in Karelien, nördlich von Sankt Petersburg. Während der Mittagspause begegnet mir eine ältere Archivarin auf der Straße und fragt mich, ob ich mich ins Meldebuch eingetragen hätte. Lachend, aber ironiefrei: »Sonst dringen noch Volksfeinde ins Archiv ein!« So tief sitzt das, denke ich, so leicht bricht sich Stalins mörderische Rhetorik von 1937 wieder Bahn. Gut zwei Jahrzehnte später wird dem Memorial-Mitarbeiter Juri Dmitriew in Petrosawodsk der Prozess gemacht – unter Scheinvorwürfen, aber eigentlich, weil er nicht locker lässt, die Verbrechen Stalins und ihre Vertuschung aufzudecken. Es ist einer der größten erinnungspolitischen Justizskandale der postsowjetischen Zeit, Dmitriew einer der bekanntesten politischen Gefangenen der Putin-Ära.

1996. Ein Vortrag des britischen Historikers und Publizisten Timothy Garton Ash in Berkeley, wo ich promoviere. Was er von einem EU– und NATO-Beitritt Russlands hielte, wird er am Ende gefragt. Pause – dann: »Es wäre ein Problem. Aber es wäre ein Problem, das wir im Interesse aller Beteiligten haben wollen sollten.« Die ostmitteleuropäischen Staaten und Russland in eine gemeinsame Sicherheits- und Wirtschaftsarchitektur einzupassen – oder zusammen eine neue zu errichten –, war damals noch denkmöglich. Verpasste Chancen, geschlossene Zeitfenster.

1999. Kosovokrieg im ehemaligen Jugoslawien, die NATO bombardiert Belgrad. Russische Bekannte, in Russland wie in der Diaspora, sind aufgebracht: Wenn es ernst wird, sagen sie, pfeift der Westen auf die Menschenrechte und macht knallharte Realpolitik, umgeht einfach die UNO und schickt Tarnkappenbomber und Cruise Missiles gegen die serbische Zivilbevölkerung. Ich sehe es damals eher wie der »bellizistische« grüne Außenminister Joschka Fischer, trotz Bauchschmerzen. Ein Veto Russlands und Chinas im UN-Sicherheitsrat gegen militärischen Druckaufbau ist höchstwahrscheinlich, es gilt keine Zeit zu verlieren, der Einsatz von NATO-Gewalt ist jetzt die am wenigsten schlechte Option, um ein zweites Srebrenica – einen Genozid gegen die albanische Bevölkerung im Kosovo – zu verhindern. Die Tragweite von 1999 wird mir erst im Lauf der Jahre bewusst: Es ist das Ende der prowestlichen Romantik in der Ex-UDSSR und die bislang größte Zäsur seit dem Ende des Kalten Kriegs. In der Folge klingen auch bei liberalen Russen immer öfter nationalistische Töne an – es gelte doch nur, »die nationalen Interessen« Russlands zu verteidigen. Hat der Westen 1999 das Gros seines moralischen Kredits verspielt? Das frage ich mich bis heute.

1999. Wir leben für ein Jahr in Moskau, ich forsche in Archiven für die Doktorarbeit. Präsident Jelzin hat mal wieder einen Premierminister verschlissen, im Sommer wird ein unbeschriebenes Blatt ernannt, Wladimir Putin. Im Herbst haut es bei einer Mitschülerin meiner Tochter die Scheiben heraus, weil ein Hochhaus in der Nachbarschaft in die Luft gesprengt wird – angeblich von tschetschenischen Terroristen, mutmaßlich vom FSB auf Geheiß des neuen Premiers. Sicher ist: Putin nimmt die Anschläge zum Anlass, einen schnellen, siegreichen Krieg in Tschetschenien zu führen, um endlich den schmachvollen Kompromiss von 1996 zu tilgen, der den ersten Tschetschenienkrieg beendet hatte. Grosny wird in Schutt und Asche gelegt. Am 19. Dezember sind Dumawahlen, Putins erst im September aus der Taufe gehobene Partei Einheit fährt das zweitbeste Ergebnis nach den Kommunisten ein, deren Stimmen, wie jeder weiß, käuflich sind. Am Tag darauf ist der Tag des Tschekisten, der inzwischen siebenundvierzigjährige Putin lässt sich filmen bei seiner Rede im Festsaal der Lubjanka: »Die Gruppe von FSBlern, die Sie auf eine Undercover-Dienstreise in die Regierung geschickt haben, hat Stufe eins der Aufgabe erfüllt.« Putin-Grinsen. Viele erschaudern – könnte dies der Nachfolger Jelzins werden? Geschichte wiederholt sich nicht, historische Analogien hinken. Trotzdem: Es wäre, wie wenn in den 1950ern ein Gestapo-Offizier zum Bundeskanzler gewählt worden wäre, der nicht nur keine Reue über seine berufliche Vergangenheit an den Tag legt, sondern sie wie eine Monstranz vor sich herträgt. Das Schlimmste aber wäre, wenn die russische Gesellschaft nichts dabei fände. Genau das offenbart sich am 26. März 2000, als Putin die Präsidentschaftswahl gewinnt, nachdem Jelzin an Silvester zurückgetreten war und ihn zum amtierenden Präsidenten gemacht hatte. Das Problem ist nicht Putin, es wird sich immer ein Mussolini oder ein Putin finden. Das Problem ist die russische Gesellschaft, die ihn wählt und kein moralisches Problem dabei hat. Woran liegt das? An vielen Faktoren, in erster Linie aber daran, wie die sowjetische Vergangenheit aufgearbeitet beziehungsweise nicht aufgearbeitet wurde.

2000. Berlin, wir schauen uns Schulen für unsere Tochter an, auch die private russischsprachige Lomonossow-Schule. Wir entscheiden uns gegen diese Schule – es gibt eine Art weltanschauliche Begleitmusik, und diese läuft hinaus auf damals zwar noch milden, aber doch großrussischen Patriotismus, verbrämt mit russischer Orthodoxie und gesponsort von Gazprom. Wir waren dagegen auf der Suche nach dem, was der Historiker Yuri Slezkine den »Puschkin-Glauben« nennt: eine überethnische, kulturelle Definition des Russischen (russische Sprache, Literatur, Musik). Zum Tag der Offenen Tür der Schule bei der Botschaft in der Behrenstraße gehen wir erst gar nicht: Die ist als gebeschnaja kontora, als »KGB-Schuppen«, verschrien. Auf eine Filiale der Lomonossow-Schule in Berlin-Marzahn wird am 11. März 2022, zwei Wochen nach der russischen Aggression gegen Ukraine, ein Brandanschlag verübt. Auch das schlimm – geht nicht.

2000. Abendgesellschaft bei Bekannten im Berliner Corbusierhaus. Der sonst verlässlich sarkastische russische Gastgeber auf einmal todernst: »Leute, habt ihr es noch nicht kapiert, Putin ist für immer?« Einige erschrecken. Die meisten lachen.

2002. Arbeit am Tübinger Osteuropa-Institut. Abends ein Gast aus Berliner Regierungskreisen. In der Weinstube löchern wir ihn: Woher kommt Schröders Schmusekurs mit Putin? Man kann ja vielleicht noch eine Schlittenfahrt mit ihm und den Gattinnen machen, aber danach geht man doch zu einer oppositionellen NGO, mit ZDF-Team im Schlepptau. Der Gast weiß es auch nicht. Einer der Russland-Historiker mutmaßt: »Die alte deutsche Schwäche fürs Große, Gewaltige, Imperiale. Das geht noch auf Bismarck zurück.« Schröder selbst sagt in einem Interview: der Zweite Weltkrieg, das Ungeheure der 27 Millionen sowjetischen Toten und die Notwendigkeit, das wenigstens ansatzweise wiedergutzumachen. 2004 nennt er Putin sogar einen »lupenreinen Demokraten«. Merkel wird ein besseres Gespür haben – hierbei zumindest. Symbolpolitisch macht sie gegenüber Russland vieles richtig.

2003. Eine Freundin fliegt zum zwanzigjährigen Jubiläum ihres Physik-Jahrgangs an der Moskauer Staatsuniversität in die russische Hauptstadt. Die Party im Hotel Rossija am Roten Platz, einst größtes Hotel der Welt, wird geschmissen von Oleg Deripaska, Oligarch und Mitabsolvent, der auch den Auftritt einer berühmten Rockband bezahlt. Er war als Student mittelmäßig und recht schüchtern, jetzt sitzt er einsam mit Getreuen und Leibwächtern in einer Ecke – und schaut trübe drein. Unsere Freundin landet am Tisch neben einem alten Kommilitonen und fängt ein Gespräch an: »Was machst du beruflich?« – »Narkobiznes. Bin vor kurzem freigekommen aus einem Hochsicherheitstrakt des Federal Prison in den USA. Konnte dort gute Kontakte zu den Kolumbianern knüpfen, jetzt läuft’s wieder wie am Schnürchen.«

2005. Kurze Zeit nach seiner Abwahl als Bundeskanzler heuert Schröder als Aufsichtsratsvorsitzender bei der Nord Stream AG an. Matthias Warnig, Putin-Vertrauter aus Dresdner Zeiten und ehemaliger Stasi-Spion, ist dort Geschäftsführer. Der Aufschrei in der deutschen Öffentlichkeit bleibt aus, Warnig wird so gut wie gar nicht unter die Lupe genommen. Immer mehr prominente Deutsche sind ins Putin’sche Tributsystem eingebunden, die gesamte deutsche Wirtschaft profitiert, mittelbar die deutsche Gesellschaft. Solange man sich das nicht bewusst macht und nicht bereit ist, für eine wirklich »wertebasierte« Außenpolitik Einbußen beim eigenen Lebensstandard hinzunehmen, bleibt die moralische Empörung im Jahr 2022 leider: wohlfeil.

2006. Eine Konferenz in der Toskana, Spaziergang mit einem ungarischen Teilnehmer von der Central European University (CEU) in Budapest, der George Soros persönlich kennt. Ich bin neugierig: »Wie ist Soros denn so, als Mensch?« Der Kollege denkt nach, dann: »Gutgläubig, direkt, es gibt für ihn keine Meta-Ebenen, man kriegt, was man sieht.« Wir sprechen über die Europäische Universität Sankt Petersburg, eine postsowjetische Neugründung und ein Hort der kritischen Intelligenzia, gleichsam das russische Pendant zur CEU: »Das ist ein Fremdkörper in der russischen Gesellschaft, die hat keinen Rückhalt. So kann das langfristig nichts werden.« 2019 muss die CEU ins Exil nach Wien, weil der ungarische Präsident Viktor Orbán ihre Arbeit verunmöglicht hat, nicht zuletzt, indem er über Jahre hinweg ihren Förderer Soros als jüdischen »Fremdkörper« im ungarischen Volk herabgewürdigt hat.

2007. Ein Professor an der Europäischen Universität Sankt Petersburg benutzt in öffentlichen Diskussionen immer wieder den Satz »Wir sind ein freies Land«, eine Anspielung auf this is a free country in den USA. Teils ironisch, teils Beschwörung, klingt der Satz doch wahr. Oder zumindest wahr genug. Später, ich kann es nicht datieren, aber vermutlich um 2014, streicht er den Satz aus seinem Repertoire.

2008. Kurzbesuch in Moskau. Ein Freund nimmt mich mit zu einem Treffen mit Gleb Pawlowski, in dem dieser den Georgienkrieg einzuordnen verspricht. Kleiner Kreis, höchstens zwei Dutzend Gäste. Pawlowski ist brillant, blitzschnell im Denken. Er ist auch eine schillernde, verhasste Figur: Dissident und Dissidentenverräter; Gründer der Stiftung für effektive Politik, »Polittechnologe«, also russischer spin doctor und der Kopf hinter Putins Wahlkampagne 2000; 2004 in Ukraine hinter der Wahlkampagne des prorussischen Wiktor Janukowitsch, der 2014 ins russische Exil gejagt wird; Multimillionär. 2011 stellt Putin die Zusammenarbeit ein, weil sich Pawlowski für eine zweite Amtszeit von Dmitri Medwedew ausspricht. Ausreise ins englische Exil.

2010. Der Moskauer Bürgermeister hat zum ersten Mal seit Chruschttschows Entstalinisierung wieder Stalin-Plakate für die Feierlichkeiten zum 9. Mai, dem Tag des Sieges gegen NS-Deutschland, erlaubt. Ein öffentlicher Streit entbrennt. Mein Buch zum Stalinkult ist gerade auf Russisch erschienen, ich bekomme in Berlin einen Anruf vom ersten Kanal des Staatsfernsehens mit der Einladung in Andrei Malachows Talkshow Pust goworjat, »Lasst sie reden«, mit Veteranen zu diskutieren. Stalinistischen Veteranen. »Visum, Flug nach Moskau, Hotel – kriegen wir alles bis morgen hin.« In mir kämpfen Eitelkeit und Prinzipien. Ich berate mich mit russischen Freunden: »Lass es sein, das kannst du nicht gewinnen.« Als ich später sehe, wie mein Ersatz, ein junger, aufrechter Redakteur des russischen GQ-Magazins, von den medaillenbehängten Veteranen niedergeschrien wird, bin ich heilfroh, dass ich auf meine Freunde gehört habe.

2010. American Academy am Berliner Wannsee, Abendessen zu Ehren einer US-Kollegin. Eine gut vernetzte Mitarbeiterin der Academy erzählt, dass sie im selben Tennisclub wie der russische Botschafter spielt. Bei der Verteilung der Rollen im Doppelspiel kam es neulich zu folgender Szene: Der Botschafter sagte seiner Frau, sie habe freie Wahl, da sie ja den höheren KGB-Rang besitze. Hahaha. Als ein ebenfalls anwesender deutscher Kollege das hört, schaudert es ihn. Er bleibt bei der nächsten Einladung zum Neujahrsball der russischen Botschaft, der immer opulenter und Fixpunkt im Leben der Berliner High Society geworden ist, daheim.

2010. Die Stories über einen Mit-Zivi in Russland Anfang der 1990er werden immer wilder. Damals kiffender Skater oder skatender Kiffer, Zyniker, hat er mehr schlecht als recht Jura studiert – allein die Fachwahl ein Treppenwitz in den Augen aller, die ihn in den Neunzigern kannten. Dann als Anwalt bei Gazprom und anderen kremlnahen Unternehmen angeheuert. Gerade soll er in Toulouse gewesen sein, um für Präsident Medwedew bei Airbus eine Spezialmaschine abzunehmen: mit vergoldeten Wasserhähnen auf dem Klo.

2011. Im September geht eine gemeinsame russisch-ukrainische Euroregion Donbas an den Start, also eine von der EU auch finanziell geförderte Grenzregion am Fluss Don. 1 Euroregionen gibt es seit 1958 zwischen Deutschland und den Niederlanden, seit 1971 werden sie von der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen verwaltet. Wirtschaftliche, kulturelle, ökologische und zivilgesellschaftliche Verflechtung ist das Ziel. Die Donbas-Initiative geht bis 2006 zurück, dann auf eine russisch-ukrainische Abmachung vom Oktober 2010, eine aus der russischen Rostower Region und den ukrainischen Donezk- und Luhansk-Regionen bestehende Euroregion zu beantragen. Wie wir aus dem Nordirland-Konflikt wissen, kann ein übernationales Gebilde wie die Europäische Union maßgeblich dazu beitragen, nationale Grenzen in umkämpften Gegenden zu entschärfen. 2014 wird die Euroregion Donbas aus naheliegenden Gründen auf Eis gelegt, auch wenn die offizielle Website auf Russisch bis heute wie Trümmerschutt im Internet herumschwirrt. 2 Der am Ende der Seite angegebene Link zu einer Website »euroregion-donbass« führt zu einer Pornoseite. Noch eine verpasste Chance.

2011. Der russische Panda-Club in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg Berlin, Veranstaltung zur Unterstützung der »Schneerevolution«, der Proteste gegen die gefälschten Dumawahlen vom Dezember 2011. Wieder eine Ausreisewelle russischer Intelligenzia, viele frisch Angekommene auch im Panda-Club, viele von ihnen queer – der Druck auf die LGBTQ-Community wird gerade immer größer, 2013 verabschiedet die Duma dann das Gesetz gegen »Homosexuellen-Propaganda«.

2013. Hundespaziergang mit einem Kollegen in Olgino außerhalb von Sankt Petersburg am Finnischen Meerbusen. Ob ich das »Russische Versailles« sehen möchte? Ich möchte. Gated Community, Wachmannschaften patrouillieren, riesiger Zaun, dahinter Paläste – kitsch as kitsch can. Der größte mit Hubschrauberlandeplatz gehört Jewgeni Prigoschin, »Putins Koch« und heutiger Chef der Wagner-Söldnerarmee, die in Syrien, Mali, im Donbas und jetzt auch im Rest von Ukraine ihr Unwesen treibt. Hat sich hochgedient vom Hotdog-Verkäufer zum Putin-Caterer und einem der ganz Großen im sistema, jener mafiösen Pyramide, der Putin wie ein Boss der Bosse vorsteht. Später, am Bahnhof von Olgino, macht mich der Kollege auf ein unscheinbares, modernes Gebäude aufmerksam: Russlands erste Trollfabrik. Damals verstehen wir beide nicht so richtig, was das bedeutet. Auch die Olgino-Trolle werden von Prigoschin koordiniert.

2015. Zu Gast bei Freunden im reichen Südwestlondon. Privatstraße, die Nachbarvilla ist an José Mourinho vermietet, der gerade wieder einmal Roman Abramowitschs FC »Chelsky« trainiert. Zwei Verlagsmenschen, nach dem Dessert wird das Gespräch vertraulich – wie es Alexander Mamuts Sohn an der Privatschule Eton ginge? Kriegt er sein Drogenproblem in den Griff? Wenn nicht, sähe es düster aus für Waterstones, die hochdefizitäre Buchhandlungskette, mit der sich der Putin-nahe Oligarch Mamut ins britische Establishment eingekauft hat. Stirnfalten, alle Ironie wie weggeblasen: »Waterstones ist das kulturelle Rückgrat unseres Landes, you know.« Hoffen wir, dass sich Eton des Ernsts der Lage bewusst ist und bei Mamuts Sohn ein Auge zudrückt. You know.

Silvester 2014/15. Wie in vielen Familien, in der Diaspora oder in der Ex-Sowjetunion, wird dieses Jahr wegen der Annexion der Krim und des Kriegs im Donbas gestritten. Auch bei uns endet ein Telefongespräch mit Geschrei und heftig gedrückter roter Auflegetaste. Man reibt sich die Augen, wie schnell sich verschüttet geglaubte russische oder ukrainische Identitäten mobilisieren lassen.

2015. Immer öfter benutzen uns nahestehende, in Russland lebende Menschen eine Phrase aus Sowjetzeiten: »Das ist kein Thema für ein Telefongespräch.« Will heißen: Es könnte abgehört werden, lass uns das lieber tête-à-tête besprechen. Außerdem gibt es jetzt Putin-Witze en masse, manche sind verkappte Breschnew-Witze aus den Siebzigern.

2016. Stipendium in Jena, der Fernseher auf meinem Zimmer im Wohnheim hat russische Kanäle – Staatsfernsehen. Seit Jahren habe ich es nicht mehr geschaut, russische Freunde nennen ihr Fernsehgerät nur noch »Zombiekiste«. Allabendlich dasselbe Spektakel. Historische Talkshow. Ein paar Männer schlagen sich mit fest verteilten Rollen rhetorisch die Köpfe über den Zweiten Weltkrieg ein, es gibt immer einen Alibi-Prowestler, der am hurrapatriotischen Narrativ kratzt, um dann mit voller Wucht von Mitdiskutierenden, Publikum und dem vermeintlich neutralen Moderator niedergewalzt zu werden. So wird der zentrale Erinnerungsort der Sowjetunion, der Sieg über NS-Deutschland, instrumentalisiert. Primitiv, funktioniert aber. Bei mir verursacht es, befürchte ich, Bluthochdruck. Von da ab zappe ich über die russischen Kanäle hinweg.

2016. Zu Besuch in Sankt Petersburg. Über diese Episode aus den frühen Neunzigern berichtet ein älterer Kollege der damaligen Vizebürgermeister Putin und Medwedew. Der Kollege wollte zu Petersburgs Bürgermeister Sobtschak, dabei musste er im Vorzimmer vorbei an Medwedew. An diesen gerichtet: »Dimotschka, was stehst du denn hinter deinem Schreibtisch wie ein Erdmännchen vor seiner Schlafhöhle?« Medwedew: »Ich weiß nicht, ob Sie es bemerkt haben, aber ich bin nicht übermäßig groß. Wenn ich mich setze, übersieht man mich.« Auch Napoleon-Komplexe spielten bei Putins Kür eines Intermezzopräsidenten für die Rochadenjahre 2008 bis 2012 eine Rolle. Überhaupt Komplexe, wenn man sich an der psychologischen Deutung dieses Mannes versuchen möchte. Gefragt, ob in den Neunzigern irgendetwas auf Putins späteren kometenhaften Aufstieg hingedeutet hätte, antwortet der Kollege: »Nichts, überhaupt nichts. Ich hätte ihn wieder vergessen. Natschisto, komplett.«

2016. Sprechstunde an meiner Londoner Uni: zwei merkwürdige russische Gestalten. Sie wollen mich für irgendetwas mit der russischen Idee und Religion gewinnen, ein seltsamer Brei – ist das ein verdeckter Anwerbeversuch eines russischen Geheimdiensts? Ich komplimentiere sie hinaus. Ein Doktorand verdient 50 Pfund die Stunde als Nachhilfelehrer für einen reichen russischen Studenten, der weder zu den Lehrveranstaltungen noch zur Nachhilfe kommt. Aber pünktlich zahlt. Im Seminar habe ich eine Master-Studierende aus Moskau, die eigentlich Brokerin mit LSE-Abschluss und goldener Luxusuhr ist. Und glühende Putin-Anhängerin. Ich verstehe nicht, warum sie bei uns Geschichte studiert – will sie mit der Marke Goldsmiths ihr künstlerisch-kulturelles Kapital erhöhen, um bei Sotheby’s anzuheuern, das immer bessere Geschäfte mit reichen Russen macht? Als Fachbereich beschließen wir, uns vom Konfuzius-Institut der Volksrepublik China an unserer Uni zu distanzieren. Ähnlich halten es immer mehr Kollegen und ich bei Forschungseinrichtungen wie dem Princess Dashkova Centre in Edinburgh, die von der Stiftung Russische Welt, dem kulturdiplomatischen soft power-Arm des Kreml, finanziert werden: Wir lehnen Einladungen von diesen ab.

2018. Meine jüngeren russischen Freunde bewegen sich politisch immer weiter nach links. Die USA und Russland sind beides Oligarchien, ob es »high-net-worth individual« oder Oligarch heißt, macht keinen Unterschied; die liberale Demokratie hat ausgedient, wir brauchen radikale Umverteilung oder gar eine soziale Revolution. Ich kann ihren Weg nachvollziehen, von 1999 (Kosovo) über den Irakkrieg 2003, Guantánamo, den Crash von 2008, Occupy, Syrien, Libyen, Obamas Drohnenkrieg in Afghanistan, Rechtspopulismus, Trump, die digitale Revolution und mindestens ein Jahrhundert US-amerikanisch-imperialer Gewalt in Lateinamerika. Auch wenn ich die Verwischung der Grauabstufungen – Gewaltenteilung, Rechtsstaat, (relativ) freie Presse – für gefährlich halte.

2019. Krankenbesuch in einem Altenheim in Israel, halbe Strecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Sehr gebrechliche Menschen aus aller Welt, niemand mehr gehfähig. Viel Personal aus Ukraine, auch nichtjüdisches. Speiseraum: An unserem Tisch ist Russisch lingua franca. Einer beschwert sich, dass niemand mehr Jiddisch kann. Ein anderer, letzter bekannter Überlebender des Aufstands von Sobibór, hört auf seinem Zimmer Deutsche Welle und erkundigt sich nach Merkels Nachfolgerin mit dem unaussprechlichen Doppelnamen. Das um den Hals gehängte iPhone der anderen klingelt zur Melodie der Kreml-Uhr, kremljowskie kuranti, zum Glück läuft jedoch im ganzen Altenheim der israelische russischsprachige Fernsehsender. Denn das russische Staatsfernsehen hat bei den Alten nur kognitive Dissonanzen verursacht: Einerseits rettet Russland in Syrien Assads demokratische Regierung; andererseits donnern Düsenjäger der israelischen Luftwaffe übers Haus, die von Syrien und Russland, eigentlich aber von Iran gestützte Hisbollah-Positionen in Syrien bombardieren müssen, um die Golanhöhen und vielleicht sogar bald israelische Städte vor deren Beschuss zu schützen. Was jetzt, wer hat nun Recht?

April 2022. Seit über einem Monat Russlands Krieg gegen Ukraine. Es wird immer grausamer, kein Ausweg in Sicht. Der Titel von Stephen Kotkins Buch von 2001 über das unblutige Ende der Sowjetunion, Armageddon Averted, verhindertes Armageddon, braucht jetzt eigentlich ein Fragezeichen am Ende. Ist der Krieg der Anfang vom Ende, von einem atomaren Armageddon, das menschliches Leben auf der Erde auslöscht? Verwandte und Freunde in Deutschland nehmen ukrainische Geflüchtete bei sich zuhause auf. Pawlowski kommentiert den Krieg aus seinem Londoner Exil fast jeden Abend im oppositionellen russischsprachigen Internet. Man hat nicht den Eindruck, dass ihn Gewissensbisse plagen, und doch ist er historisch gesehen eine Ermöglichungsbedingung, einer der Frankensteins, die das Monster Putin geschaffen haben – der vielen, vielen Frankensteins. »Wojna ne ljubit Zwischentöne«, Krieg mag keine Zwischentöne, sagt ein Berliner Freund. Krieg ist Gegensatz. Doch auch dieser Krieg hat eine Vorgeschichte der länger- und kürzerfristigen Ursachen, der Verletzungen und verpassten Chancen. Und in Sankt Petersburg bedeckt der alte Dissident sein Gesicht mit einem Handtuch, bevor er sich schlafen legt.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. European Commission, Border Policies and Cross-Border Cooperation vom 21. September 2011 (ec.europa.eu/regional_policy/en/newsroom/events/2011/09/border-policies-and-cross-border-cooperation).
  2. http://euroregion.ru/?page_id=68

1 Kommentare

  1. Miriam Kellerhals sagt:

    Herzlichen Dank an Jan Plamper für Einsichten, Zwischentöne und Aufzeigen unverwüstlicher menschlicher Werte; sie machen Hoffnung trotz des sich offenbarenden Grauens.

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