Couch Guy

Das Jahr 2021 war für die meisten Menschen nicht leicht, aber für den Studenten Robert McCoy, besser bekannt unter dem Spitznamen »Couch Guy«, muss es besonders schwer gewesen sein. Am 21. September 2021 überraschte seine Freundin ihn an der University of Virginia mit einem Besuch. Das hätte ein normaler privater Moment sein können, aber wir leben in einer Zeit, in der jeder private Moment das Potential hat, digital vergesellschaftet, also zu einem Ereignis zu werden, an dem zahlreiche Menschen teilhaben, die ohne soziale Medien damit nicht das Geringste zu tun hätten.

(Dieser Text ist im Juniheft 2022, Merkur # 877 erschienen.)

McCoys Freundin hatte einen kurzen Surprise Clip auf der Plattform TikTok hochgeladen und mit einem gefühlvollen Song unterlegt (Still Falling For You von Ellie Goulding). Was zunächst als liebenswerter Eintrag in ein digitales Tagebuch gedacht war, wurde bald zum Gegenstand eines kollektiven forensischen Furors. Im Video – das inzwischen Millionen und Abermillionen Menschen angeschaut haben – sieht man, wie die Freundin mit einem Rollkoffer ein Apartment betritt. Dort sitzt McCoy gerade auf einer Couch neben drei Frauen, zeigt allerdings zunächst einmal keine nennenswerte Regung, bis er endlich langsam aufsteht und seinen Besuch in den Arm nimmt.

In der TikTok-Community kam diese verzögerte Reaktion ausgesprochen schlecht an. Einige User meinten, das Ausbleiben sichtbarer Anzeichen spontaner Begeisterung auf Seiten McCoys als offensichtliches Indiz für dessen Untreue werten zu müssen. In der Folge entbrannten fieberhafte Debatten darüber, ob der Clip nicht womöglich Anhaltspunkte für noch gravierendere Verfehlungen enthalte, wobei jedes körpersprachliche Detail eingehend daraufhin untersucht wurde, ob es nicht etwa als potentieller Indikator für toxische Charakterzüge und gewalttätige Tendenzen infrage komme. Für eine Analyse der Gegenwartskultur stellt der Fall McCoy eine faszinierende Quelle dar. Er wirft Fragen nach den Mechanismen der digitalen Öffentlichkeit auf, die eine Form von kollektiver Kreativität freigesetzt haben – einer Kreativität allerdings, die zu moralisch fragwürdigen Kontrollverlusten führen kann.

Narrativer Fressrausch

Inzwischen hat der »Couch Guy« sich seinerseits öffentlich zu Wort gemeldet und in einem Artikel in Slate geschildert, wie es sich anfühlt Anlass und Gegenstand von digitalem Storytelling zu werden.1 Wenig überraschend handelt es sich nicht gerade um eine angenehme Erfahrung. Fremde Menschen hätten ihm alle möglichen Dinge unterstellt, hätten sich in sein Leben und sein persönliches Umfeld gedrängt und versucht, ihn zu doxxen, also seinen Namen und seine Adresse herauszufinden und im Internet zu veröffentlichen. Er sei zum Opfer eines Kults übergriffiger Amateurdetektive geworden, die offenbar zugleich jede Menge Spaß dabei gehabt hätten, sich öffentlich über ihn das Maul zu zerreißen.

McCoy zieht Parallelen zum Fall Gabby Petito, einer jungen Influencerin, deren Verschwinden zum Gegenstand digitaler Neugierde wurde. Petito war im Sommer 2021 mit ihrem Freund zu einer Busreise aufgebrochen, von der sie nicht mehr zurückgekommen war. Schließlich wurde im September ihre Leiche entdeckt. Der Verdacht fiel schnell auf ihren Freund, der bald darauf ebenfalls verschwand und später tot aufgefunden wurde. Die Auswertung seines Tagebuchs ergab, dass er Petito tatsächlich ermordet und deshalb wohl Selbstmord begangen hatte.

Was sich im Verlauf dieser Geschichte in den sozialen Medien abspielte, kann man als narrativen Fressrausch bezeichnen. Unzählige Menschen beteiligten sich an der digitalen Suche nach Petito, tauschten Mutmaßungen aus, fachsimpelten über alle Details des Falls und stellten teilweise wilde Theorien auf. Dabei bildeten sich schnell Lager, die sich – wie das für diese Ereignisse üblich ist – bald untereinander heftig zerstritten. Die Kulturwissenschaftlerin Berit Glanz bezeichnete den Fall als »True Crime in Echtzeit«, was sich von der klassischen Kommunikationssituation des Genres allerdings insofern unterscheide, als hier das Element der Interaktivität im Mittelpunkt steht: »Im Unterschied zu der eher passiven Rezeption in den True Crime Wellen der Vergangenheit kommt in Zeiten der Sozialen Medien nun also auch ein aktives Element hinzu: Das interessierte Publikum betätigt sich selbst als Ermittler. Das Verbrechen wird nicht nur voyeuristisch konsumiert, sondern man versucht aktiv an der Aufklärung teilzuhaben, wodurch ein riesiger Datenberg produziert wird, der oft nicht zielführend ist.«2

Ähnlich wie im Fall Petito verschwamm auch in der Geschichte des »Couch Guy« die kollektive Neugier über einen realen Fall mit einem erzählerischen Begehren, das durch populäre Fiktionen der Gegenwart vorgeprägt ist. Die Netzgemeinde machte aus McCoy den Schurken im Stil von Gone Girl oder Girl on the Train. In diesen Thrillern lauert hinter jeder Fassade bürgerlicher Stabilität das Potential für psychologische und physische Gewalt. Der liebevolle Ehemann oder die loyale Partnerin sind in Wirklichkeit pathologische Kontrollfreaks – verschwiegen, rachsüchtig und gefährlich. In einer solchen Erzählung wäre ein zögerliches Aufstehen, wenn die Freundin einen überrascht, oder die Stellung der Knie beim Sitzen tatsächlich ein Anzeichen dafür, dass etwas gewaltig nicht stimmt.

 

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