(True) Crime und (Public) History

Ein Buch, das es nicht geben sollte titelte die Süddeutsche Zeitung am 11. Februar 2022.1 Gemeint war The Betrayal of Anne Frank: A Cold Case Investigation der kanadischen Schriftstellerin Rosemary Sullivan. Sullivan, eine mehrfach ausgezeichnete Biografin, dokumentiert darin die Untersuchung eines internationalen Ermittlerteams, das behauptete, herausgefunden zu haben, wer die Familie Frank 1944 an die deutschen Besatzer verriet. Zunächst eher neutral aufgenommen, geriet das Buch zweifelhafter Recherchemethoden und mangelnden historischen Hintergrundwissens wegen zunehmend in die Kritik.

(Dieser Text ist im Juniheft 2022, Merkur # 877 erschienen.)

Jens-Christian Rabe störte sich allerdings an etwas anderem, an der Idee nämlich, »die Umstände der Festnahme Anne Franks ließen sich so umstandslos erzählen und vermarkten wie die Täterfahndung irgendeiner True-Crime-Story, samt – suspense, suspense – verpixeltem Cover?« Geschichte, erst recht die Geschichte des Holocaust, und True Crime gehen für ihn schlicht nicht zusammen.

Nun hat sich die Süddeutsche – wie im Übrigen die deutschen Medien insgesamt –, was diesen Aspekt angeht, ihrerseits keineswegs so eindeutig verhalten, wie der Artikel suggeriert. Nicht nur hatte sie bereits 2016 und 2017 über die Cold-Case-Untersuchung berichtet, in einem Fall unter dem reißerischen Titel Der Agent und das Mädchen. Als das Buch erschien, ging das zunächst durchaus so weiter.2 Erst als die Fachwelt sich kritisch zu äußern begannt, schwenkte auch das Feuilleton um, dafür umso vehementer. Dabei fielen nun wiederum potentiell positive Aspekte unter den Tisch. Denn man mag von Untersuchung und Buch halten, was man will – dass sie als True-Crime-Story angelegt waren, verschaffte einer nicht eben unbekannten Geschichte eine neue Aufmerksamkeit, die dieser bei nüchternerer Anlage wohl kaum vergönnt gewesen wäre.

Die Geschichte von True Crime

Dass das Genre bereits seit geraumer Zeit boomt, ist nicht zu übersehen. In den Bahnhofsbuchhandlungen stapeln sich Zeitschriften wie Zeit VerbrechenDas Kriminal Magazin oder Echte Verbrechen. Das erfolgreichste, Stern Crime, liegt bei einer Auflage von 90 000 Exemplaren.3 An Fernsehformaten, vom altehrwürdigen deutschen Aktenzeichen XY… ungelöst über die Netflix-Serien Making a Murderer bis zu Inventing Anna, fehlt es ebenfalls nicht. Doch das eigentliche True-Crime-Medium scheint der Podcast zu sein: Mordlust (Spotify), Die Spur der Täter (MDR), Sprechen wir über Mord?! (SWR2), Die Zeichen des Todes (podimo), Verbrechen der Vergangenheit (GEO Epoche) – das Angebot ist kaum noch zu überblicken. Gewöhnlich gilt das US-Format Serial als die Mutter des aktuellen Podcast-Booms von True Crime, aber auch in Deutschland finden sich Vorläufer wie etwa die Reihe Es geschah in Berlin, die auf Protokollen der West-Berliner Polizei basierte und von 1951 bis 1972 im RIAS lief.

Tatsächlich ist das Genre als solches deutlich älter. Erste Vorläufer finden sich schon in der mündlichen und schriftlichen Kultur der Frühen Neuzeit, in Balladen und Flugblättern über besonders grausame Verbrechen, wie sie unter anderem bei Hinrichtungen vertrieben wurden. Während des 16. Jahrhunderts sammelte der Zürcher Pfarrer Johann Jacob Wick allein neunhundert solcher Druckschriften.4 Zwischen 1734 und 1743 gab der französische Jurist François Gayot de Pitaval eine zwanzigbändige Fallsammlung von Causes célèbres et intéressantes heraus. Zunächst als Fachlektüre gedacht, entwickelte sich daraus schnell ein populäres Genre, das bis heute den Namen seines Erfinders trägt: der Pitaval.5

Friedrich Schiller edierte die deutsche Ausgabe, die schnell Schule machte: Der ursprünglich von dem Historienschriftsteller Willibald Alexis herausgegebene Neue Pitaval dokumentierte an die sechshundert der »interessantesten Kriminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit« in sechzig zwischen 1842 und 1890 erschienenen Bänden.6 Eine Fortsetzung fand das Genre in der Zwischenkriegszeit mit der von Rudolf Leonhard herausgegebenen Reihe Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart, zu der so namhafte Autoren wie Alfred Döblin, Egon Erwin Kisch und Theodor Lessing beitrugen.

Nirgendwo aber erfreute sich True Crime einer größeren Leserschaft als in Großbritannien, wo die ebenso günstigen wie blutrünstigen »Penny dreadfuls« bereits im 19. Jahrhundert Millionenauflagen erreichten. Von ihnen lässt sich eine Linie ziehen zu True-Crime-Magazinen wie True Detective, das in den Vereinigten Staaten zwischen 1924 und 1995 erschien. Truman Capotes »nonfiktionaler« Roman In Cold Blood: A True Account of a Multiple Murder and Its Consequences von 1966 verschaffte dem Genre einen Platz in der Hochliteratur.

 

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