Zwanzig Jahre Inkubationszeit

Das Berufsbild des Schellenknechts ist mittlerweile landläufig eher unbekannt. Schellenknecht konnte man beispielsweise in der Frühen Neuzeit werden, wenn man sich in den Dienst eines städtischen Leprosiums stellte und für die dort internierten Aussätzigen allerhand Aufgaben übernahm, beispielsweise Spenden sammeln oder die Arbeit eines Küsters verrichten oder auch verstorbene Lepröse begraben. Ankündigen musste er sich mit Schellen, so wie die Leprakranken vor ihrem Erscheinen mit einer hölzernen Klapper warnten.

(Dieser Text ist im Juniheft 2022, Merkur # 877 erschienen.)

Bei einem so breiten Aufgabenspektrum kann natürlich das eine oder andere schiefgehen. Zwischen 1613 und 1617 kommt es beispielsweise in Koblenz zu Friktionen zwischen den Leprösen und ihrem Schellenknecht, angeblich hat er erst Almosen veruntreut und dann die Bewohner des Siechenbergs durch das anstößige Verhalten seiner Ehefrau verärgert: »Wegen der überaus großen Unzucht und Schand mit Fressen und Saufen sollte nach Beschluß des Rates die Frau des Schellenknechts bestraft werden. Wie die Sache weiterging, ist nicht bekannt.«

Diese Informationen entnehme ich der 29. Ausgabe der Klapper, den Mitteilungen der Gesellschaft für Leprakunde e.V., die im vergangenen Jahr erschienen ist. Zwei Hefte durfte ich mir bei meinem Besuch des Lepramuseums in Münster-Kinderhaus aussuchen, das jeden Sonntag zwei Stunden geöffnet hat, um in drei kleinen Räumen auf vielen sorgfältig erstellten Infotafeln über die Geschichte und Gegenwart der durch eine Bakterieninfektion hervorgerufenen Krankheit zu unterrichten. In Raum zwei sitzt eine lebensgroße Puppe, die eine Erkrankte darstellen soll, ihr Gesicht weist die typischen tuberkulösen Leprabeulen auf, die Hände sind verbunden. Ihre Hautfarbe ist weiß.

In Raum drei des Museums nimmt den größten Teil des eher kleinen Zimmers eine Stellwand ein, die über die Errichtung einer Lepra-Station in Bisidimo, Äthiopien berichtet. Dabei handelt es sich um eine Initiative des Deutschen Aussätzigen-Hilfswerks im Jahr 1958, das eine Gruppe junger Männer unter geistlicher Leitung entsandte, um hier denjenigen Brüdern und Schwestern im Globalen Süden zu helfen, die an der Lepra erkrankt waren. Nicht verhohlen wird der Abenteuercharakter der Unternehmung, Malaria und Tropenhelm inklusive. Ein Foto zeigt zwei der jungen Männer auf der Baustelle der Station, Bildunterschrift: »Emmes und Bruno hoch zu Roß«. Ebenfalls zu sehen: »Pater Immanuel, Ignaz Brinkmann und Horst Korritschke bei einem Spaziergang in Harrar«. Seltsam unklar bleibt die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden oder aber die Frage danach, welche Ansprüche an ihre Gesundheitsversorgung die Bevölkerung Bisidimos geltend machen konnte oder ob sie sich im Krankheitsfall eben schlicht dem unterzogen, was von ihren weißen Heilern vorgegeben war.

 

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