Mythen der Entmythologisierung. Bilderstreit zum Tag von Potsdam

Der Historiker Lothar Machtan versteht sich als Aufklärer – ob bei seinem Text Wie Fotos Politik machen (sollen) im Merkur oder in seinem 2021 erschienenen Buch Der Kronprinz und die Nazis.1 In der jahrelangen Hohenzollern-Debatte sieht er nur »zeitgeistlich-sarkastisches Geraune« und parteiische Gutachten mit dürftiger Empirie, die keinen fachwissenschaftlichen Standards standhalten, sondern wegen ihrer Konzessionen an die Auftraggeber eine Art Gesinnungsliteratur darstellen. Auch die übrige Literatur zu dieser Thematik sei »nicht besonderes erhellend«. Er hingegen habe die »Kärrnerarbeit einer gezielten archivalischen Recherche« auf sich genommen, um ergebnisoffen und fundiert den Sachverhalt aufzuklären.

(Dieser Text ist im Juliheft 2022, Merkur # 878 erschienen.)

So auch bei seinem Text zu jenem im Rahmen der Hohenzollern-Debatte oft gezeigten Bild vom »Tag von Potsdam«, das den ehemaligen Kronprinzen im Gespräch mit Adolf Hitler zeigt. In der Tat, Machtan kann durch seine Recherchen Neues über Entstehung und Verwendung des Fotos mitteilen. Die Präzision seiner Quellenrecherche verleiht der Argumentation einen aufklärerischen Gestus. Doch ist seine Darstellung und vor allem seine Bewertung des Sachverhalts wirklich stichhaltig?

Machtan behauptet zum einen, das Bild werde als Beleg für die – von ihm angezweifelte – These herangezogen, der Kaisersohn habe dem Nationalsozialismus Vorschub geleistet. Und stellt demgegenüber die Behauptung auf, das Foto sei »evidenzlos«. Denn es zeige lediglich, wie »zwei damals sattsam bekannte Figuren aus dem öffentlichen Leben« sich bei einem Staatsakt »en passant« begegnen und eine Minute miteinander reden. Und er fragt dann rhetorisch »ja und?«

Doch das Gespräch zwischen Hitler und dem einstigen Kronprinzen Wilhelm von Preußen war keineswegs so beiläufig und zufällig, wie uns Machtan glauben machen will. Die Behauptung kann er nur aufstellen, weil er den Kontext der Situation weitgehend ausblendet und mit neuen Detailerkenntnissen längst bekannte Fakten verdeckt. Adolf Hitler war Hauptredner des Staatsakts und Wilhelm von Preußen einer der wichtigsten Ehrengäste. Seine Teilnahme war Hitler so wichtig, dass er laut Machtans eigener Forschung ihn noch am Vorabend persönlich in Cecilienhof aufgesucht hatte, um ihn zum Kommen zu überreden. Und so saß der Kronprinz dann tags darauf als wichtigster lebender Repräsentant des Hauses Hohenzollern auf deutschem Boden in der ersten Reihe vis-à-vis dem Rednerpult, von dem aus Hitler sprach. Danach nahm Wilhelm auf einem prominenten Tribünenplatz die Parade der militärischen und paramilitärischen Formationen vor der Garnisonkirche ab.

Es war keineswegs das erste Mal, dass in jenen Tagen beide symbolträchtig gemeinsam in der Öffentlichkeit auftraten. Bereits einige Wochen zuvor, kurz nach der »Machtergreifung«, hatte Wilhelm von Preußen im Berliner Dom an der Trauerfeier für die am 30. Januar 1933 erschossenen »Märtyrer« SA-Führer Hans Maikowski und Oberwachtmeister Josef Zauritz teilgenommen. Dabei saß er mit Adolf Hitler gemeinsam in der ersten Reihe und vollzog einen demonstrativen Handschlag mit Hermann Göring.

 

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