Wieder „nie wieder“. Bilder des Krieges

Was haben wir gesehen? Welche Bilder haben wir im Kopf, wenn wir an den Krieg in der Ukraine denken? Die Antwort auf diese Frage fällt schwerer, als man meinen sollte, und die Schwierigkeit deutet bereits an, dass alte Muster der Erklärung nicht mehr ohne Weiteres greifen. Noch im Jahr 2001 zeigten 95 Prozent der US-amerikanischen und ein nur leicht geringerer Prozentsatz der europäischen Tageszeitungen am Tag nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York das gleiche Bild auf ihren Titelseiten: Spencer Platts Aufnahme der brennenden Türme kurz nach dem Einschlag des zweiten Flugzeugs.1 Schon der Syrien-Krieg zehn Jahre später brachte nichts Vergleichbares mehr hervor. In der zunehmend unübersichtlichen Situation nach 2011 griffen herkömmliche Medien auf eine Vielzahl von Aufnahmen zurück, welche die jeweiligen Akteure selbst auf die Plattformen der sozialen Medien hochgeladen hatten. Die unabhängige Überprüfung fiel immer schwerer, so dass gelegentlich auch öffentlich-rechtliche Nachrichtensender im Ausland in Erklärungsnot kamen, nachdem Bilder und Videos ohne Verifizierung übernommen worden waren.2

(Dieser Text ist im Juliheft 2022, Merkur # 878 erschienen.)

Stimmt das aber für den Krieg in der Ukraine, der uns am frühen Morgen des 24. Februar 2022 kalt erwischt und in Schock versetzt hat? Immerhin sind noch zahlreiche international akkreditierte Fotografinnen und Fotografen vor Ort, wie die Bilddatenbanken von Agenturen wie AP, Getty Images und Picture Alliance zeigen, und im Gegensatz zum Syrien-Krieg sind die Fronten klar: hier der völkerrechtswidrige Angriff der Russischen Föderation, dort der mutige Widerstand der Ukraine und die sinnlosen Opfer der grausamen Gewalt. Vor Augen stehen Bilder wie die Aufnahmen von der Flucht der Frauen und Kinder nach Kriegsausbruch, der flächendeckenden Zerstörung Mariupols vor der Einnahme der Stadt und der Massaker von Butscha und Kramatorsk nach Abzug der russischen Truppen aus dem Norden des Landes und vor der neuen Offensive im Osten.

Ist es überhaupt realistisch, ein ikonisches Bild des Krieges zu erwarten? Gleichen sich nicht alle Vernichtungskriege im Ausmaß ihrer Zerstörung? Kann man, wenn es um das Äußerste geht, um Leben und Tod, Sieg oder Niederlage, noch das Besondere, gar das Signifikante erwarten? Familienangehörige, Freunde und Bekannte über achtzig berichten, dass die Bilder des Ukraine-Kriegs in ihnen verstörende Kindheitserinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkriegs wachgerufen haben. Auch das Außenministerium der Ukraine verbreitete in den sozialen Medien Anfang März eine Bildmontage, in der oben in Schwarzweiß ein Soldat während des Warschauer Aufstands 1944 zu sehen war, der einen toten Jungen in den Armen hält, und unten eine entsprechende Szene in Farbe mit einem (lebenden) Baby in Irpin. Ebenso suggestiv war auch die zweite Zusammenstellung, die britische Schulkinder in der Londoner U-Bahn-Station Elephant & Castle während eines Luftangriffs 1941 zeigte und darunter eine vergleichbare Aufnahme aus Kiew im Frühjahr 2022.

Die Wenigsten von uns beziehen, wie noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ihre Nachrichten ausschließlich über öffentlich-rechtliche Fernsehsender oder abonnierte Zeitungen. Viele von uns verfolgen darüber hinaus oder mittlerweile sogar ausschließlich das Tagesgeschehen über diverse Internet-Kanäle, allen voran Facebook, Twitter, Instagram und TikTok. Hier aber hängt das, was wir sehen, enorm von unseren Einstellungen, den Algorithmen und der jeweiligen Ausrichtung des Dienstes ab. Niemand sieht hier das Gleiche. Das ist entscheidend, denn militärische Konflikte sind, seit es die Fotografie gibt, immer auch Bildpropagandakriege. Mit ihnen steht und fällt die Unterstützung der Bevölkerung und die Moral der Truppen, und insofern tragen sie maßgeblich zu Sieg oder Niederlage bei. Das Desaster in der öffentlichen Wahrnehmung des Krimkriegs Mitte des 19. Jahrhunderts, der aufgrund der Aufnahmen von Roger Fenton und anderen als »Picknick-Krieg« in die Geschichte eingegangen ist, führte spätestens seit dem Ersten Weltkrieg dazu, dass staatlich gesteuert wurde, was an Bildern in Umlauf kam.3 Auch heute noch sind wir während eines Kriegs Adressaten von Imagekampagnen, obgleich es in den sozialen Medien zunächst so scheinen mag, als würden unmittelbar Aufnahmen vom Ort des Geschehens geteilt, Schnappschüsse zufälliger Augenzeugen.

 

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