Seltsame Wissenschaft

Vor rund zwanzig Jahren, ich hatte gerade meinen Abschluss in Wissenschaftsgeschichte gemacht, fing eine Freundin von mir an einer anderen Universität ihr Graduiertenstudium im selben Fach an. Als Undergraduate hatte sie eindrucksvolle Forschung in einem der nicht-so-seriösen Wissenschafts-Seitenzweige betrieben – Löffelbiegen, Schädelkunde, UFOs – und fragte sich, ob sie auf dem Gebiet weitermachen sollte. Ihr neuer Betreuer warnte sie: »Wenn du dich mit Parawissenschaft befasst, könnten die Leute denken, dass du selbst daran glaubst« (oder etwas dergleichen; ich war nicht dabei). Das war ganz klar ein wohlmeinender Ratschlag. Er kannte (und kennt) das ganze Feld außerordentlich gut und hatte völlig Recht. Abgesehen von einer kurzen Blüte in ein paar Untergebieten der Wissenschaftssoziologie, vor allem in den siebziger Jahren in Großbritannien, versprachen »anrüchige« Themen keinen Weg zum Ruhm.

(Dieser Text ist im Augustheft 2022, Merkur # 879, erschienen.)

Zwanzig Jahre später sieht das deutlich anders aus. Die Bücherregale biegen sich unter dem Gewicht von Büchern, die schräge Geschichten aus den Wissenschaften erzählen. So haben 2010 Naomi Oreskes und Erik M. Conway den Band Merchants of Doubt veröffentlicht, 2014 auf Deutsch als Die Machiavellis der Wissenschaft erschienen, der die Karrieren einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern verfolgt, die eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Theorien gespielt haben, die den schädlichen Einfluss des Tabakrauchs auf die menschliche Gesundheit leugneten oder den des sauren Regens auf die Umwelt oder den des menschengemachten Klimawandels auf was auch immer. (Inzwischen gibt es auch eine Film-Version dieses Buchs.) 2011 ist David Kaisers Buch How the Hippies Saved Physics erschienen, das von gegenkulturellen Physik-Studierenden aus den siebziger Jahren erzählt, die über Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit und andere quantentheoretische Fragen nachdachten, aber auch die Praxis halluzinogener Drogen erforschten.

2012 veröffentlichte ein weiterer Wissenschaftshistoriker, W. Patrick McCray, The Visioneers, eine detaillierte Studie über Raumkolonie- und Nanotechnologie-Enthusiasten (sowie den einen oder anderen Pornografen) in den siebziger und achtziger Jahren. Einzig die Nanotechnologie hat es aus den Außenbezirken in den Innenbereich der Materialwissenschaft geschafft. Diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind keineswegs am Rand angesiedelt, auch ihre Bücher sind mitnichten marginal: Jedes von ihnen hat den Watson Davis und Helen Miles Davis-Preis für Wissenschaftsgeschichte erhalten, der für »Bücher der Wissenschaftsgeschichte, die sich an ein breites Publikum richten«, verliehen wird, und zwar 2011, 2013 und 2014.

 

(…)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.