Sensed Communities. Sinneskolumne

Nehmen wir zum Beispiel Jan. Jan entstammt der Mittelschicht, ist mittelalt und hochsensibel. Von Beruf Gymnasiallehrer, wohnt er in einer Großstadt, trinkt wenig, raucht gar nicht und nimmt auf alle Rücksicht. Auf seine Schüler, die er nicht schilt, auf seine Kinder, die er nicht schlägt, auf seine Frau, mit der er selten schläft, und auf die Natur, die er wenig schädigt. Seine Möbel sind aus Holz, er fährt Fahrrad oder S-Bahn. Strikt vermeidet er nicht nur rassistische Sprache; in seiner Freizeit gibt er auch Menschen aus Syrien Nachhilfe, von denen er als »Geflüchteten« spricht. Auch trägt er klaglos seine FFP2-Maske und fühlt sich selbstredend mit der MeToo-Bewegung solidarisch.

(Dieser Text ist im Augustheft 2022, Merkur # 879, erschienen.)

Um es gleich vorwegzunehmen: Jan gibt es nicht. Dennoch – oder genau deswegen – hat er es zu einiger medialer Berühmtheit gebracht, als sein Lebensstil unlängst in der Fernsehsendung Precht des gleichnamigen Philosophie-Publizisten zum Thema wurde. Ausgedacht hat sich die zum Klischee geronnene Figur Richard David Prechts Talkshow-Gast, die ebenfalls über philosophische Themen publizierende Autorin Svenja Flaßpöhler.1 In ihrem jüngsten Buch Sensibel soll die »woke« »Snowflake« Jan die These von der allgemeinen Sensibilisierung der Gesellschaft illustrieren, die sich zu einem »modernen« Kult der Empfindlichkeit ausgewachsen habe.2

Unter dem alarmistischen Episodentitel Sensibilisieren wir uns zu Tode? waren sich Flaßpöhler und Precht im Fernsehen darüber einig, dass die Jans im Speziellen unerotisch seien und ihr Leben im Allgemeinen ein Problem sei. Denn die Kehrseite der neuen Sensibilität sei eine aggressive Intoleranz gegenüber den weniger Sensiblen, wie sie sich in sozialen Medien Bahn breche, wo »diese ganzen Gruppen, die sich da jetzt zu Wort melden« (Flaßpöhler) ihre »Empörung« artikulierten. Precht wähnte die Gesellschaft angesichts dessen gar »in einem Zustand wie im Krieg«, in dem es aber »keinen 8. Mai geben« werde, also in einem endlosen Zweiten Weltkrieg.

Nun waren es zwar Precht und Flaßpöhler selbst, die sich da empörten und zwar über irgendeinen, noch dazu erfundenen Menschen, der irgendein Leben lebt, von dem die beiden sich aber offenbar so sehr beleidigt fühlen, dass sie es abendfüllend zur drittbesten Sendezeit verhandeln mussten – doch erniedrigt und beleidigt sind offenbar immer nur die Andersdenkenden beziehungsweise Andersempfindenden.

Ihre superlativische Gegenwartsdiagnose von der beispiellosen Empfindlichkeit untermauerten sie mit Zitaten von Richard Sennett, Norbert Elias (und bemerkenswerter Weise gleichzeitig von dessen Antipoden Michel Foucault) sowie einem Dutzend anderer Denker (und vereinzelter Denkerinnen). So kontrastiert die Figur eines Elias zugeschriebenen »Ritters Johan« in Flaßpöhlers Buch und Prechts Sendung als Paradebeispiel archaischer Männlichkeit mit heutiger Hochsensibilität. Stellte man dem »Jan« unserer Tage aber nicht einen mittelalterlichen Recken gegenüber, der mit den Händen rafft, was immer er begehrt, sondern einen fiktionalen Charakter aus dem 18. Jahrhundert, so ergäbe sich ein gänzlich anderer Kontrast.

Als diesem Jüngling – nennen wir ihn Wilhelm – seinerzeit die »wehmütige, herzliche Klage« eines Gedichts »tief in die Seele« drang, da schloss sie »sein beklommenes Herz auf; er widerstand nicht dem Mitgefühl und konnte und wollte die Tränen nicht zurückhalten«. Es bedurfte damals nur ein paar Zeilen dürrer Lyrik (»Wer nie sein Brot mit Tränen aß«), und schon war es um Wilhelm geschehen: »Alle Schmerzen, die seine Seele drückten, lösten sich zu gleicher Zeit auf, er überließ sich ihnen ganz.«

So geschehen im Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre, der zu den Spätausläufern eines literarischen Trends gehört, der unter dem damaligen Neologismus »Empfindsamkeit« (Lessing) eine ganze Epoche benennt. Die Werke von Antoine Houdar de la Motte, Samuel Richardson (den auch Flaßpöhler in einer der lesenswerten Passagen ihres Buches erwähnt) oder Sophie von La Roche und eben auch Goethes waren bevölkert von Jünglingen, die nur eines Dichterwortes oder des Anblicks einer Blume bedurften, um sich minutenlang vor Rührung auf dem Boden zu wälzen. Ein um Klima und Kinder besorgter Bürger unserer Tage wirkt im Vergleich dazu ausgesprochen abgeklärt.

Die These von der anschwellenden Empfindlichkeit, die schließlich in unseren Tagen kulminiere, ist also mindestens – empfindsam ausgedrückt: fragil. Man könnte sie daher als eine jener schrillen Lifestyle-Debatten aus Vorkriegszeiten, die spätestens seit dem 24. Februar 2022 auf harmlose Weise irrelevant erscheinen, ad acta legen und stattdessen zu anderen Themen übergehen, zum Beispiel zum Wetter.

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