Ukraine – Sandspieltherapie, Kultur und Politik

In den letzten Jahren war ich mehrfach in der Ukraine. Mein erster Besuch führte mich Ostern 2013 nach Kiew, wo ich zu einer kindertherapeutischen Fachtagung eingeladen war. Der Aufstand vom Maidan lag damals schon in der Luft, doch noch lag die Stadt friedlich im tiefen Schnee.

(Dieser Text ist im Augustheft 2022, Merkur # 879, erschienen.)

Ich wusste nicht viel über Kiew, obwohl ich 1971 einmal ein Semester Slawistik studiert und zusammen mit dem Kommilitonen Karl Schlögel ein Seminar über die Kiewer Rus gehalten hatte – mich aber schließlich entschloss, das Fach zu wechseln und Medizin zu studieren. Kiew war für mich eher ein Traum aus alter Zeit, mit seinen goldenen Kuppeln und der Weite um den Strom Dnjepr. Jetzt wurde die schöne Stadt zu einer bereichernden, aber auch verstörenden Erfahrung.

Durch die Erzählungen der Kolleginnen und Kollegen zogen sich die Spuren einer schier endlos traumatischen Geschichte. Kiew war die Keimzelle der russisch-orthodoxen Kultur, doch schon unter den Zaren wollte es weg von der Zentralmacht, die sich in Moskau etablierte. Als die Bolschewiken 1919 das Zarenreich zerstörten, führten sie lange Eroberungskriege, bis sie sich auch die »weiße« Ukraine unterworfen hatten. Als die ukrainischen Bauern sich später der Enteignung und Kollektivierung der Landwirtschaft nicht beugen wollten, requirierten die Sowjets auf Stalins Anweisung die Lebensmittel, um den Widerstand zu brechen. Das Resultat war der Holodomor 1932/33, eine Hungersnot von unvorstellbarem Ausmaß mit acht bis zehn Millionen Opfern.

Noch heute bestreitet die offizielle russische Politik diesen beispiellosen Völkermord. In den wenigen Jahren bis zum Überfall der Deutschen wurden in den menschenleeren Gebieten insbesondere im Osten der Ukraine Hunderttausende russischstämmige und russischsprachige Menschen angesiedelt. Die Deutschen wurden zunächst als Befreier begrüßt, bis sie ihrerseits mit dem Völkermord begannen und zugleich die gesamte Ukraine zum Schlachtfeld machten. Als sie endlich vertrieben waren, kamen die Stalinisten zurück und setzten ihren Terror fort.

Es gibt wohl keine Familie in der Ukraine, die nicht immer noch tief gezeichnet wäre von all dem Elend des vergangenen Jahrhunderts, das über die Generationen weitergegeben wird, in welcher Form auch immer. Eine Ahnung der seelischen Zerstörung und Fragmentierung vermitteln drei Gedenkstätten auf den Hügeln über dem Dnjepr, der hier so breit ist wie ein riesiger See. Da sind in Blickweite drei Monumente hintereinander. Das erste ist ein schwarzer Obelisk zu Ehren der Roten Armee, die den Großen Vaterländischen Krieg gewonnen hat, und zu Ehren Stalins. Gleich daneben ein Denkmal und erschütterndes Museum des Holodomor, mit der Skulptur eines verhungernden Engels. Nur einen Hügel weiter liegt das berühmte Höhlenkloster mit seinen prächtigen goldenen Kuppelkirchen. Der Hügel ist durchzogen von ungezählten Gängen, in denen die Mönche des Mittelalters ihre Toten begruben. Als man vor zweihundert Jahren die Gräber öffnete, waren die Leichen nicht verwest, und man schloss daraus, dass es sich um Heilige handeln musste. Inzwischen hat man einige Hunderte Heilige gefunden. Die weißgekalkten engen Gänge mit den Nischen für die Sarkophage sind offen für die Gläubigen, die mit Kerzen in der Hand hindurchschlüpfen, beten, weinen und manchmal laut schreien. Ich hatte den Eindruck, dass dies der einzige Ort war, wo das seelische Elend von Generationen einen lebbaren Ausdruck finden konnte. In den Krypten dieses Klosters lagerte sozusagen das Gedächtnis um die Traumata, das sich wenig später im Aufstand des Maidan Luft verschaffen sollte.

Kiew im März 2017

Julia holt mich diesmal zusammen mit Svetlana vom Flughafen ab. Sie ist Jüdin; ihre Familie ist über die ganze Erde verstreut. Sie wird mir zeigen, wo einmal ihre Großeltern gelebt haben. Sie ist in der Janusz-Korczak-Gesellschaft aktiv, die gerade einige Hefte des Hans Friedmann herausgibt. Der Junge ist 1942 in Theresienstadt ermordet worden, zusammen mit seiner Schwester. Sein Tagebuch ist gefunden worden und wurde der Gesellschaft übergeben.

Die Fahrt vom Flughafen Boryspil geht über eine große Brücke. Der Dnjepr liegt da fast wie ein Meer. Neben uns fährt eine Militärkolonne mit riesigen, lehmverschmierten Rädern. Julia sagt, ihr zehnjähriger Sohn liebe solche Autos. Das Land ist im Krieg. Ich stelle irritiert und beschämt fest, dass man bei uns in Deutschland fast nichts davon hört.

Manche neuen Hochhäuser und Baustellen sehen aus, als wären sie schon jetzt in Zersetzung begriffen, stillgestellt im Prozess der Entstehung, im Wachsen schon überzogen von Rost. Dazwischen steht dann auch mal eine kleine Kirche mit goldener Kuppel, wie ein Blümchen in einem Geröllfeld, so dass man weiß, dass hier Kiew ist, die alte Stadt mit dem Goldenen Tor, das Herz der Ukraine.

Kiew ist umzingelt von Autobahnen, die sich sechsspurig umeinander schlingen und übersät sind von tiefen Schlaglöchern, wie ausgeweidete Riesenschlangen. Nach diesem Winter, sagen sie, ist es besonders schlimm. Darüber ist ein weiter Himmel, er ist einfach, er wölbt sich nicht und erstreckt sich nicht, er ist einfach da, gleichgültig und zu groß, um eine Verbindung mit der Stadt zu haben, »wohl wenig bekümmert um uns«. Am fernen anderen Ufer erscheint jetzt die Silhouette der Altstadt auf den Hügeln.

Zwischen die goldenen Kuppeln und das silbrige Freiheitsdenkmal hat sich ein neues Wohnhaus geschoben, ein ganzer Berg; ohne Rücksicht zu nehmen auf die alte Stadt ist er riesig und unförmig aus dem Boden herausgewachsen wie ein Konglomerat von Pilzen. Ich sage zu Julia, das sei wie in Jerusalem, wo auch kein Bauherr oder Architekt Rücksicht nimmt auf das Alte. Sie bestätigt, dass keine Regeln gelten. Korruption mache alles möglich. Das Hotel Druzhba, Freundschaft, das wir ansteuern, ist dagegen ein bescheidenes Relikt der siebziger Jahre, eine Art Fossil aus Platten und seltsamen Vorhängen. Draußen führt die achtspurige Löcherpiste vorbei, drinnen sitzen in Boxen hinter trüben Glasscheiben Frauen mit unklaren Beschäftigungen. Die eine verweist auf die andere, es ist noch wie im Sozialismus. Den Zimmerschlüssel bekomme ich dann im sechsten Stock. Die Concierge, eine dicke Frau in Strickweste, sitzt hier wie eine Spinne in ihrem Netz aus vergilbten Gardinen. Sie gleicht dem sozialistischen Pförtner, den Joseph Brodsky beschrieben hat: ein mythologisches Wesen, halb Mensch, halb Stuhl.

Ich hatte schon befürchtet, dass mir mein Zeitgefühl abhanden kommt, wie oft in den postsozialistischen Städten. Abends bin ich eingeladen zum Ballett, Romeo und Julia. Die alte Oper ist ein prächtiges Gebäude des 19. Jahrhunderts, mit vielen Säulen, Gold und Stuck, umgeben von einem weiten Platz und ebenso schönen Bürgerhäusern. Gleich dahinter ist der Platz mit dem mittelalterlichen Goldenen Tor, berühmt durch Mussorgskis Bilder einer Ausstellung. Hier hat Julias Großmutter gern im Sandkasten gespielt, vor dem Ersten Weltkrieg. Ein Haus weiter ist eine Plakette angebracht zur Erinnerung an Janusz Korczak, der mit seinen Waisenkindern ins Todeslager gegangen ist. In der Oper sind heute lauter schöne junge Menschen, die sich in den schimmernden Kandelabern und Spiegeln selbst betrachten. Das Ballett Prokofjews hat genauso wenig wie Shakespeares Stück ein gutes Ende, weil es keine Wandlung gibt: Die feindlichen Familien bleiben unversöhnlich, bis zum Schluss auf dem Friedhof.

Arbeit an der Seele

Die Sandspieltherapie, die mich nun schon viele Jahre immer wieder nach Osteuropa führt, entstand nach dem polnisch-sowjetischen Krieg 1920. Sie ist auch die wohl früheste Form von Traumatherapie, zu einem Zeitpunkt, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Sandspieltherapie arbeitet mit Bildern, die aus dem Unbewussten gebaut werden, und in einer intensiven therapeutischen und psychoanalytischen Beziehung.

Die Supervision in Vierergruppen führt an den nächsten Tagen tief hinein in die Situation der verstörten Kinder und ihrer Eltern und Geschwister. In vielen der Therapien, die wir besprechen, ist der Krieg im Osten spürbar. Es geht um verschwundene Väter, displaced persons, feindselige Großmütter, die mit dem Flüchtlingskind aus dem Donezk nichts anfangen können, oder schlicht um völlige Verwirrung und traumatische Wiederkehr.

Ich habe einen öffentlichen Vortrag für die Kindertherapeuten vorbereitet. Im Zentrum der Fallgeschichte steht das wabbelige Modell eines Kraken aus Gummi. Ein neunjähriger Junge, der 1989 kurz vor der Wende nach West-Berlin gekommen war, hatte es damals spontan aus dem Regal der Spielfiguren genommen. Es stand, wie sich zeigte, für die umschlingende, festhaltende Mutter des Jungen, und auch für den krakenartigen sozialistischen Staat. Im Spiel verlor das Tier seine Faszination und Bedrohlichkeit. Unklar blieb mir, wieso ich für Kiew 2017 gerade diese Fallgeschichte ausgewählt hatte. In einem berühmten Gedicht von Tennyson taucht ein riesiger uralter Krake an der Oberfläche des Meeres auf, als sich das Wasser am jüngsten Tag erhitzt: »Then once by man and angels to be seen, || In roaring he shall rise and on the surface die«.

Der Vortrag findet, wie beim letzten Mal, in den Räumen eines der stalinistischen Riesengebäude der Khreschatikskayastraße statt. Die Fassaden sind von imperialem Zuschnitt mit Säulen und ungeheuren Torbögen, wie für Riesen gemacht, Riesen mit schlechtem Geschmack. Wenn man jedoch eintritt, kommt man in ein schmales dunkles Treppenhaus, und die Räume sind ebenso niedrig und dunkel und entsprechen in keiner Weise der Pracht der Fassade. Oder gerade doch? Den sowjetischen Architekten muss der Gegensatz bewusst gewesen sein. Ich erinnere mich, dass die Stalin’schen Hochhaustürme in Moskau ähnlich absurd sind, äußerlich Wolkenkratzer, innerlich geduckte Hallen wie im Krematorium.

Das Seminar zur Geschwisterproblematik am nächsten Morgen, zu den verlorenen Familienmitgliedern in den Kriegen und Verfolgungen, zum tödlichen Neid von Kain auf Abel, berührt wieder aktuelle Themen der Gruppe. Kaum erträglich, wenn Svetlana aus Saporischja von einem dreizehnjährigen Patienten erzählt, der seinen Vater nie kennengelernt hat. Da war eben kein Vater, der seinen Jungen annehmen und »segnen« konnte. Der Vater, wenn er es denn war, wurde von Freischärlern im Osten erschossen. Immerhin kann der Junge jetzt weinen. Er sagt: Das Wichtigste für mich ist, dass ich einen Vater hatte! Da muss man jedes Wort betonen. Ich denke: Saporischja ist der Ort, wo mein eigener Vater, Arzt in der Wehrmacht, 1942 schwer verletzt wurde. Dort ist jetzt wieder Krieg.

Babyn Jar

Nach einem herzlichen Abschied von der Gruppe fährt mich Maxim nachmittags nach Babyn Jar. Wir kommen über den Maidan, an der ehemaligen KGB-Zentrale und der Philharmonie vorbei die alte Andrejewskistraße hinab zum Fluss. Links liegt das Viertel Podol, in dem Bulgakow gelebt hat; dort hat er Teile seines großartigen Romans Der Meister und Margerita geschrieben. Bulgakow ist 1940 in Moskau gestorben. Sein Haus in Kiew hatte ich das letzte Mal besucht, es ist ein seltsames, pittoreskes Museum wie für einen Zauberer, dessen Geist hier noch immer umgeht.

Unten am Fluss werden neue riesige Brücken gebaut für den Verkehr nach Obolon und den Dnjepr aufwärts. Wir fahren nach links in die Hügel, auf denen sich die Stadt hinzieht, in jener Mischung aus schlechten Straßen, Gründerzeithäusern, gelegentlich einer Kirche mit goldener Kuppel, bereits verfallenden Neubauten und Brachflächen mit Gestrüpp. Ich sitze neben Maxim, der seit seiner Schulzeit nicht mehr hier war und den Weg finden muss. Dann parken wir vor dem Eingang eines russischen Militärfriedhofs. Dahinter ragt ein Fernsehturm in die Höhe. Es ist ein absurder Ort. Wir müssen noch ein Stück laufen, sagt Maxim, die Straße entlang.

Babyn Jar heißt, sagt er im Lärm der vorbeifahrenden Autos, so viel wie Wald der Dorffrauen, der babijs oder Babuschkas. Es war ein Waldgebiet; in den Häuschen lebten alte Frauen, Großmütter mit bunten Kopftüchern. Man kann es mit »Großmütterchenwald« übersetzen. Jar heißt auch Schlucht, denn das Gebiet war durchzogen von einem Tal mit steilem Abhang. Nach einer Weile biegen wir links in einen Park ein, vorbei an einem polierten Gedenkstein mit kyrillischer, hebräischer und englischer Inschrift. Das Fundament hat die Form des Davidsterns.

Dann kommen wir zu einer Senke. Sie ist einige Hundert Meter lang und vielleicht sechs Meter tief. In der Mitte erhebt sich ein riesiges sozialistisches Denkmal mit muskulösen Soldaten aus Bronzeguss. Unten auf dem Gras sitzen Leute in der Sonne und trinken Bier. Ein Vater lässt seinen Sohn mit einer Drohne spielen, die um unsere Köpfe fliegt. Drohnen sind die Waffen der Zukunft und ein infames Terrorinstrument. Um den Rand der großen Grube, dort wo sich die jüdischen Menschen damals aufstellen mussten, ist eine kleine Hecke. Ich kann es mir vorstellen und auch wieder nicht.

Ich bin also hinuntergegangen in die Grube und stand auf den Resten der Körper von mehr als 33 000 Menschen, die deutsche Armee- und Polizeieinheiten im September 1941 an zwei Tagen erschossen haben. 33 771 sollen es gewesen sein, in perverser Genauigkeit gezählt. Die Juden von Kiew waren, wenige Wochen nach dem Einmarsch der deutschen Armee, aufgefordert worden, sich zu einer Umsiedlung einzufinden. Endlos war der Zug der Menschen durch die Straßen der Stadt bis hier herauf. Sie mussten sich ausziehen und wurden unter Pöbeleien an den Rand der Schlucht gestellt, oder sie mussten sich gleich unten auf die Leichen der Vorangegangenen legen, wo sie ebenso erschossen wurden. Es war ein ganzes Volk, Mütter stillten ihre Kinder noch, bevor sie an die Reihe kamen, oder sie baten darum, mit ihren großen Töchtern gemeinsam zu sterben, um nicht erleben zu müssen, wie diese vergewaltigt wurden. Alte Menschen, Greise und Greisinnen starben ebenso klaglos wie junge Eltern und Schulkinder. So lauten die wenigen Berichte von Augenzeugen.

Später haben die Sowjets die Schlucht weiter benutzt, nun für ihre Massenerschießungen, noch später hat ein Zementwerk seinen Abraum über die verbliebenen Knochenberge geschafft. Der Schuttberg muss so ungeheuerlich gewesen sein, dass 1961 eine Schlammlawine losbrach, ins Tal hinunter, und 1500 Menschen unter sich begrub. Großmütterchenwald wurde ein Unort. Man sagt, dass in den Jahren nach 1941 noch weitere hunderttausend Menschen hier getötet wurden, bis einige Jahre nach Stalins Tod jenes Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko bekannt wurde, in dem zum ersten Mal von Babyn Jar offen die Rede sein konnte. Schostakowitsch hat es vertont.

Auf dem Rückweg zum Auto spricht Maxim vom Militär. Er war zwei Jahre in der Armee, aber nicht im Kriegsgebiet. Es gebe einen großen Unterschied zwischen der Atmosphäre im Einsatz und der Atmosphäre zuhause. Während die Soldaten im Krieg zueinander hielten und füreinander einstünden, gebe es in der Etappe und Reserve Mobbing und Feindseligkeit. Sicher ist, dass jeder Krieg die Beteiligten zu Mördern und Komplizen macht und ihren zivilisierten Kern zerstört. Auch mein Vater war als Arzt und Soldat an einem Krieg beteiligt, 1942 im Osten der Ukraine. Er brachte nicht nur seine letztlich lebensrettende Verwundung mit nach Hause, sondern auch ein Eisernes Kreuz dafür, dass er einen russischen Panzer in die Luft gesprengt hatte. Die brennenden russischen Soldaten verfolgten ihn noch bis in die Zeit meiner Jugend.

Auf der Rückfahrt, nur ein paar Hundert Meter nach Babyn Jar, kommen wir an einem Kino vorbei, dessen riesige Reklamewand einen waffenstarrenden Horrorkrieger zeigt. Der Titel des Films: The Glory of Death.

Kiew 2019

Das Supervisionsprojekt geht nun zu Ende. Vermutlich ist es meine letzte Reise hierher – schade! Bei der letzten Wahl spielten die sozialen Medien die ausschlaggebende Rolle. Wer hat die Macht, und was ist Wahrheit? Die Wahl des neuen Präsidenten Selenskij steckt allen im Hals, 75 Prozent der Bevölkerung haben den Schauspieler gewählt, der nie Politiker war. Poroschenko hat ihm sofort gratuliert. Niemand weiß, wie es jetzt weitergehen wird und wer wirklich hinter Selenskij steht. Die Leute reden von wilden Partys im Präsidentenpalast – ich habe im Vorbeifahren viele teure schwarze Autos gesehen.

Es war heiß heute, an die 38 Grad, Hochsommer und sehr schön. Ich mag Kiew, die goldenen Kirchenkuppeln, den breiten Fluss, die Luft, das freie Reden. Es gibt viel Armut, selbst im Zentrum, aber auch viele schicke junge Leute, irgendwie freier als in Moskau, wo ich vier Wochen zuvor war. Doch hinter der Kulisse ist alles merkwürdig. Russland ist für viele ein Problem. Der Krieg im Osten, die annektierte Krim, der Terror im Donbas. Putin, die Intrigen und das russische Militär sind gefürchtet. Inna sagte vorhin, sie fühle sich (im Unterschied zu den russischen Freunden in Moskau) in Kiew frei, aber nicht sicher: I feel free in Kiew, but not safe. Und Olga K. (die kleine deutschsprechende Frau, die ich wie Inna bei einer Tagung in Potsdam kennengelernt habe) sagt, sie verstehe nicht, wie Leute sich für den Krieg aussprechen können.

Mein Hotel steht auf den Hügeln über dem Dnjepr. Ich versuche zu schlafen. Unten ist Lärm von einem Volksfest, es werden Reden gehalten. Es geht um das Militär. Ich habe einen Traum: Ich bin in einem Krankenhaus verantwortlich dafür, dass für einen bevorstehenden Angriff alles gesichert und auch die Leute aus dem Park in Sicherheit gebracht werden. Die großen Parkfenster (es ist wie ein heruntergekommenes Schloss) sind schon mit Pressspanplatten vernagelt, doch immer wieder kommen noch vereinzelte Leute und wollen herein. Ich schimpfte, denn es war klar, dass der Angriff unmittelbar bevorstand, und die Leute nahmen das nicht ernst. Ich sagte zum Beispiel: Nun machen Sie mal, hier wird gleich die Hölle los sein. Dann war der Letzte herinnen, und im Gebäude krachte es schon, und in den riesigen kahlen Räumen fielen schon Teile herunter. Ein Mann, den ich gerade noch hereingelassen hatte, sagte auf Sächsisch etwas vom Keller, in den er gehen wolle. Es war jetzt Krieg.

Dann wache ich auf, der Lärm unten ist vorbei. Ich will den Traum aufschreiben und mache die Balkontür auf, draußen kommt ein unglaubliches Gewitter heran. Immer wieder blitzt der Horizont im Wetterleuchten auf, manchmal ist es richtig hell, ich habe diesen weiten Blick über den Berg und den Park mit dem Kloster, und vor dem hellen Himmel unter der dunklen Wolkenbank erscheinen die schwarzen Silhouetten der Kuppeln und des Glockenturms, in der Ferne die absurd große Statue der »Mutter Nation« mit dem erhobenen Schwert. Links unten der Dnjepr, breit wie ein See, und auf der anderen Seite weit weg die vielen Hochhäuser und Straßenlichter, die merkwürdig nah aussehen, weil sie in Wahrheit so riesig sind.

Ich bin auf dem Balkon. Jetzt wird die Luft ganz feucht, die Blitze kommen näher. Die Welt ist weit und riesig. Ich habe eigentlich vor Gewittern keine Angst. Und doch empfinde ich die Situation als bedrohlich. Das Kloster steht da schon seit tausend Jahren, aber jeden Augenblick könnte ein Blitz hineinfahren in den hohen barocken Turm – oder in den Hotelturm, in dem ich auf dem Balkon sitze. Es wird stürmisch und unheimlich, und ich habe ein »historisches« Gefühl, anders kann ich es nicht nennen. Nicht nur, weil ich wahrscheinlich nicht nach Kiew zurückkehren werde. Der weite Nachthimmel ist in merkwürdiger Stille und Bewegung, wie bei Bulgakow in Meister und Margarita. Ist Margarita unterwegs, oben in der Luft, und mit ihr die finstere Truppe?

Gestern hatte ich eine Supervision mit Svetlana aus Saporischja. Sie ist extra dafür angereist, ihr Zug ging abends um neun, und heute früh um sieben ist sie wieder dort. Sie nimmt viel auf sich, um die Gelegenheit zu nutzen, mit mir über ihre Patienten zu sprechen. Gleich hinter ihrer Stadt ist Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

Am nächsten Tag die letzte Supervisionsrunde, das Abschiedsessen mit der neuen Leiterin des Berufsverbands. Die vergangene Nacht war für alle schwierig, nicht so sehr wegen des Gewitters, sondern weil viele am Abend einen Film gesehen hatten über Tschernobyl. Tschernobyl ist nicht weit entfernt. Damals wurde die Bevölkerung zu spät und darüber hinaus völlig unzureichend informiert. Das Trauma sitzt tief und wird regelmäßig thematisiert, wenn nach den Gründen für das Misstrauen gegenüber den Russen gefragt wird. Eine der Patientinnen, um die es in der Supervision geht, ist einen Tag nach Tschernobyl geboren. Ihre Mutter floh mit der Neugeborenen in Panik, als nach einigen Tagen die Katastrophe bekannt wurde. In den Sandbildern war das Trauma zu sehen. Mir tun die ukrainischen Kolleginnen leid.

Ich erinnere mich an den 1. Mai damals in Berlin, als wir im Grunewald unser Kaninchen herumhoppeln ließen und dann in der S-Bahn erfuhren, dass eine Atomkatastrophe geschehen war. Doch Kiew war wirklich nahe dran. Eine der Kolleginnen hat später von ihrem Vater, einem Fernsehmann, erfahren, dass er gleich am ersten Tag informiert war, aber nichts sagen durfte. So verbinden sich Tschernobyl, der Holodomor, die Unterdrückung durch die Sowjets und Bolschewiken zu einem Knäuel aus Angst und Misstrauen. Der Westen hat davon so gut wie keine Ahnung.

Nach dem Abschied von der Gruppe fahre ich mit Oxana und ihren beiden Buben Platon und Iwan zu ihrem Haus aufs Land. Ich kenne es vom letzten Mal, es ist ein großes Blockhaus inmitten von Grün mit einem schönen Blick über die ukrainische Landschaft. Alles ist gewachsen, die Rosen duften, viele Schmetterlinge fliegen um den Jasmin. Dmitro kommt in der Nacht von einem Seminar in Charkiw zurück, und wir frühstücken zusammen.


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