Weltgeschichte in Farbe

Unter den vier Bänden von Tessloffs Weltgeschichte in Farbe der Auflage von 1982 war mein liebster Band der zweite, in dem eine Doppelseite die opulente Illustration der Hochzeit von Isabella I. von Kastilien mit Ferdinand von Aragon im Jahr 1469 zeigt. Isabella trägt in meiner Erinnerung auf diesem Bild Perlen im Haar und ähnelt der klugen Bauerntochter, die in einem anderen meiner Bilderbücher ihre Vermählung mit einem Prinzen selbst einfädelte (Details vergessen).

(Dieser Text ist im Augustheft 2022, Merkur # 879, erschienen.)

Die vierbändige Gesamtdarstellung der Menschheitsgeschichte, auf der ein Copyright aus dem Jahr 1969 bei dem Verlag Hachette liegt, begann bei den Steinzeitmenschen und endete in der Nachkriegszeit. Unschwer zu ersehen ist, dass es sich hierbei um die Geschichte jener Menschheit handelte, der sich die Herausgeber am Historischen Seminar des Queens College und ihre deutschen Vermittler bei Tessloff (Dr. Rudolf Hartmann und Käthe Hart) zugehörig fühlten. Die Geschichte der ersten Siedler auf europäischem Boden, Konfessionskriege, Währungsreform und Wirtschaftswunder – gut eingeübt wurde hier ein Blick aus dem Westen, der wie auf den gängigen Weltkarten von oben nach unten wanderte.

Der vierte Band des Atlas war jener, den ich nur unter elterlicher Begleitung anschauen sollte. Er enthielt schließlich Fotos, die keinen Abbildungen aus anderer Kinder- oder Jugendliteratur glichen. Der neueren und neuesten Gewaltgeschichte sollte ich mich nicht allein stellen. Aus diesem Band lernte ich über die Inflation der 1920er Jahre, Faschismus, Antisemitismus und Schoah. Immerhin erfuhr ich also etwas über Deutschland. Dass es immer noch das Land war, in dem ich lebte, war mir nicht ganz deutlich. In Verbindung mit dem, was ich aus der Familie über diese Zeit erfuhr, wirkte es auf mich so, als gäbe es von dem Land, das ich als Heimat empfand, eine frühere Version, wie ein vielgehasstes Großelternteil, an dessen Grab man sich in mahnender Absicht an seine Taten erinnert.

Heutzutage erscheint es mir eher so, als könne man vielleicht nicht einmal davon sprechen, dass es eine Leiche gebe, sondern möglicherweise eher einen Untoten. Falls es aber doch eine Leiche gibt, dann eine, die bei der Familienfeier mitten auf dem Kaffeetisch aufgebahrt ist und deren Existenz peinlich berührt oder schuldbewusst oder unbeholfen die meiste Zeit über verschwiegen wird. Manchmal traut sich jemand, aufzustehen und durchzulüften, weil der Gestank unerträglich wird, dann sitzt man wieder da.

 

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