• Aussichten für Ambazonien

    Am 5. Januar 2018 entführten nigerianische Sicherheitskräfte zwölf Männer aus einem Hotel in Abuja, der Hauptstadt von Nigeria. Alle gehörten der selbsternannten Regierung der Republik Ambazonien an, Afrikas jüngster Sezessionsbewegung im Nachbarland Kamerun, und alle waren als Flüchtlinge nach Nigeria gekommen. Einige von ihnen lebten schon eine ganze Weile im Land, darunter Sisiku Julius Ayuk Tabe, der »Präsident in spe« des aufstrebenden Ambazonien und, sollte es je dazu kommen, eines Volks von ungefähr fünf Millionen Menschen. Zunächst machte die nigerianische Presse viel Wirbel um die Entführung, seither aber hat man kaum mehr etwas von der Sache gehört. Der leitende Redakteur einer führenden nigerianischen Tageszeitung erklärte mir gegenüber, er scheue sich keineswegs, die Story anzugehen: Es sei ihm einfach nicht in den Sinn gekommen, dass man darüber berichten müsse.

    (Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

    Die Frage, die die Abspaltung Ambazoniens unvermeidlich aufwirft, lautet: Sind afrikanische Staaten, die ihre Grenzen der Kolonialzeit verdanken, in der Form, wie sie vom europäischen Imperialismus geschaffen wurden, überhaupt noch lebensfähig? Die afrikanischen Staatschefs, die Afrikanische Union und ihr Vorgänger, die Organisation für Afrikanische Einheit, haben sich stets gegen die Idee ausgesprochen, Staatsgrenzen neu zu ziehen. Die alten Kolonialgrenzen, so unbefriedigend sie auch sein mochten, sollten bleiben, wie sie sind. Eine Neuordnung moderner Staaten nach dem Modell der vorkolonialen Vereinbarungen zwischen religiösen Gruppen und Völkern (oder »Stämmen«, wie man uns nannte) würde noch mehr Chaos verursachen. Dass sich die Gründung des Südsudan im Jahr 2011 zur Katastrophe auswuchs, schien den Beweis dafür zu liefern. Doch auch Rohstoffvorkommen spielen bei diesen Überlegungen eine Rolle: Der neue Staat Ambazonien würde über fast alle Öl- und Gasreserven vor der kamerunischen Küste verfügen sowie über wertvolle Hochwälder im Landesinneren. Mich, einen Nigerianer, erinnert die aufkeimende separatistische Bewegung im benachbarten Kamerun daran, dass die Grenzprobleme des Kontinents mehr mit der Unfähigkeit seiner Regierungen zu tun haben, riesige Territorien zu verwalten, als damit, dass Grenzen tatsächlich unklar oder Landstriche umkämpft wären. Kamerun und Nigeria haben zwar langwierige und kostspielige Grenzstreitigkeiten miteinander geführt, aber viel bedeutsamer ist jetzt, dass beide Länder sich inzwischen in die lange Liste der afrikanischen Staaten – darunter die Zentralafrikanische Republik, Tschad, Niger, Sudan und Somalia – eingereiht haben, in denen die Macht des Regimes nicht bis in die Randgebiete reicht. Boko Haram machte sich diese Situation in Nigeria zunutze und verschärfte sie noch. In Kamerun entstand der Wunsch nach einem unabhängigen englischsprachigen Ambazonien, weitab von der französischsprachigen Hauptstadt Yaoundé, nachdem die Region von der Zentralregierung jahrelang durch Repressalien drangsaliert, ansonsten aber vollkommen vernachlässigt worden war. icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Die Konfliktlinien verlaufen zwischen den marginalisierten englischsprachigen Kamerunern, deren Vorfahren unter britischer Herrschaft lebten, und der französischsprachigen Regierung, die über eine Bevölkerung von rund 20 Millionen Menschen herrscht, deren Amtssprache Französisch ist, auch wenn viele es gar nicht sprechen. Der Konflikt eskaliert nun mit rasender Geschwindigkeit, es gab mehrere »ambazonische« sezessionistische Aufstände mit Zehntausenden Vertriebenen, von denen viele in Nigeria Zuflucht suchen. Wenn es nach Afrikas Regierungschefs ginge, wird Ambazonien – der Name verdankt sich der Kolonie für befreite Sklaven, die die englische Baptist Missionary Society in Ambas Bay gegründet hatte – niemals das Tageslicht erblicken. Für sie wäre es das unheilvolle Signal, dass die Staatsgrenzen in West- und Zentralafrika ab jetzt offen auf dem Verhandlungstisch liegen. Die Führungselite Nigerias, deren Vorgänger in den 1960er Jahren den gescheiterten Abspaltungsversuch der Igbo erlebten, der einen schrecklichen Bürgerkrieg nach sich zog, kann einer Unabhängigkeitsbewegung direkt vor der eigenen Haustür nichts abgewinnen. Die Entführungen im Januar hätten das nicht deutlicher machen können. Doch ebenso klar ist, dass die bloße Ausschaltung der »Ambazonischen Exilregierung« die Unruhen in Kamerun nicht beenden wird. Besorgt verfolgte ich die Geschehnisse von Lagos aus. Die Behörden in (lesen ...)