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    Zur Funktion des Nicht-Wissens in der digitalen Kultur
    Der Film ist erst knapp fünfzehn Jahre alt, aber die Geschichte, die er erzählt, wirkt wie aus längst vergangenen Zeiten. In Serendipity mit John Cusack und Kate Beckinsale, einem der größten Kinoerfolge des Jahres 2001, lernen sich ein Mann und eine Frau zufällig beim Weihnachtseinkauf kennen. Nach ein paar innig verbrachten Stunden in Manhattan trennen sich die beiden, die längst an andere vergeben sind, ohne mehr als den Vornamen voneinander zu wissen. »Denkst du, das gute alte Schicksal wird mir eine Nachricht von dir überbringen?«, fragt der Mann zum Abschied. Die Frau überredet ihn daraufhin, seinen vollen Namen und seine Telefonnummer auf eine Fünf-Dollar-Note zu schreiben, und löst den Schein sofort bei einem Straßenhändler ein. Wenn sie füreinander bestimmt seien, sagt sie, würde ihr der beschriftete Geldschein irgendwann wieder begegnen. Sie selbst speist ihre persönlichen Daten in einen ebenso anonymen und unberechenbaren Kreislauf ein, indem sie Namen und Telefonnummer in einem Buch hinterlässt, das sie am nächsten Tag an ein Antiquariat verkauft. Die Handlung des Films besteht schließlich darin, die beiden Schicksalsgefährten Jahre später, kurz vor der geplanten Hochzeit des Mannes, durch die zirkulierenden Liebeszeichen von damals doch noch zu vereinen. Heute käme ein Drehbuch zu einem Film wie Serendipity schon nach den ersten Szenen auf unüberwindbare Weise ins Stocken. Die Vorstellung, dass sich zwei jüngere Menschen nahekommen, ohne sich beim Abschied zumindest »Meld' dich auf Facebook« zuzurufen oder genügend Hinweise gesammelt zu haben, um einander googeln zu können, ist nicht mehr glaubhaft. Der Schauspieler Tom Hanks hat vor einiger Zeit in einem Interview gesagt, dass »das Handy ganz viel in der Tradition der romantischen Komödie vernichtet hat, weil jeder jeden immer anrufen kann, oder man macht ein Foto von etwas, und die Wahrheit kommt heraus«. In dem Genre, das er in den neunziger Jahren selbst mit erfolgreichen Filmen bedient hat (Sleepless in Seattle oder You've Got Mail), sind Wissenslücken der entscheidende Impuls, um die typischen Geschichten erzählen zu können: Ein Mann und eine Frau verlieben sich ineinander, aber sie tun das entweder in Unkenntnis der realen Person, oder sie werden nach einer kurzen Begegnung voneinander getrennt. Nach einer Reihe von Verwicklungen und Missverständnissen finden sie im Happy End zusammen. (mehr …)