• Ins Wort fallen. Figuren der Unterbrechung

    G enerationenfolge. Lear, der König Britanniens, möchte die Macht, die er lange innehatte, ohne Unterbrechung auf seine Töchter und deren Männer übergehen lassen. Wie allen dynastischen Adel beherrscht ihn der Glaube, Ununterbrochenes sei gerechtfertigt; der Verdacht, es könne auch ununterbrochene Misere geben, kam ihm nie. Ganz vermeiden kann Lear die Unterbrechung jedoch nicht. Eines Übergangs bedarf es nur, weil der Bruch schon da ist – menschliches Leben zerfällt eben in endliche Spannen und darum in Generationen wie jene Lears und seiner Töchter: »’tis our fast intent || To shake all cares and business from our age, || Conferring them on younger strengths while we || Unburdened crawl toward death«. In Tiecks Übertragung: »’S ist unser fester Schluß, || Von unserm Alter Sorg und Müh’ zu schütteln, || Sie jüng’rer Kraft vertrauend, während wir || Zum Grab entbürdet wanken«.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Filiation ist Kontinuität und Diskontinuität in einem: Kinder sind stets Fortsetzer wie zugleich Unterbrecher – um diese Seite wissend, will Lear doch nur jene, die Fortsetzung, zelebrieren. Teilnehmer eines solchen Als-Ob haben eine Art Bühne zu besteigen. Die ununterbrochene Folge der Generationen muss inszeniert werden: So geschieht es – soll es geschehen – in der ersten Szene des Shakespeare’schen Dramas. Lear weist seinen Töchtern nicht nur die Auftritte an, er möchte ihnen auch die Texte zuweisen. Dass es bruchlos zugehe zwischen den Generationen, erwartet Lear von der Liebe. Doch unter seinen Töchtern organisiert er Liebe als Konkurrenz, nach der die Bruchlinien durch seinen Besitz, Britannien, verlaufen sollen: »Which of you shall we say doth love us most? || That we our largest bounty may extend || Where nature doth with merit challenge« (»Welche von euch liebt uns nun wohl am meisten? || Daß wir die reichste Gabe spenden, wo || Verdienst sie und Natur heischt«). Wer in diesem Spiel »love« sagt, wird »bounty« meinen. Der brüchig angelegte Ritus des Übergangs und der Übergabe zerbricht in seiner Mitte. Lear selber, sein Regisseur, unterbricht ihn. Er beruft sich auf die ewige Kontinuität des Leblosen, der Gestirne, als er die lebendige Bindung zu seiner jüngsten Tochter zerbricht: »By all the operation of the orbs || From whom we do exist and cease to be; || Here I disclaim all my paternal care, || Propinquity and property of blood, || And as a stranger to my heart and me || Hold thee from this for ever« (»Bei allen Kräften der Planetenbahn, || Durch die wir leben und dem Tod verfallen, || Sag’ ich mich los hier aller Vaterpflicht, || Aller Gemeinsamkeit und Blutsverwandtschaft, || Und wie ein Fremdling meiner Brust und mir || Sei du von jetzt auf ewig«). So selbstgerecht proklamiert der König dies, weil Cordelia seine Inszenierung zuvor bereits unterbrochen hatte. Sagten ihre älteren Schwestern das Vorgesehene, rhetorisch Kodifizierte, so Cordelia das für ihren Vater Unvorhersehbare, ja von ihr selbst nicht Vorgesehene (wie ihre beiseite gesprochenen Worte zeigen). Cordelia begeht ein Sakrileg, indem sie ins Ritual interveniert. Dieses durfte nicht unvollendet bleiben; der autoritäre Stil, der mit ihm einhergeht, duldet weder Unterbrechung noch Widerrede. Wer hier unterbricht, sagt Nein. Cordelias »Nothing, my lord« unterbricht alle Phrasen geforderter öffentlicher Liebesbeweise. Bis in ihre letzten Verse entfaltet sich die Tragedy of King Lear zwischen Cordelias Unterbrechung der Heuchelei und Lears Unterbrechung der »paternal care«, der väterlichen Fürsorge. Lange braucht Lear, das Unrecht seiner Unterbrechung zu erkennen. Als er es sieht, muss er sich fragen: Trägt etwas, rückwirkend, über einen solchen Bruch? Kann sich Zerbrochenes je wieder aneinanderfügen? Lässt sich eine Unterbrechung – eine derartige Unterbrechung – zurücknehmen? Über diesen Fragen kann man, wie Lear, wahnsinnig werden. Und selbst wer eine Unterbrechung einmal als Abbruch deklarierte – »Here I disclaim«, »Sag’ ich mich los« –, kann es als Schock erfahren, dass sie einer war. Gegenüber dem Endgültigen eines Abbruchs gewönne das Vorläufige einer Unterbrechung geradezu etwas Tröstliches. Hinwegkommen und Nachgeben. Unterbrechen ist nicht dasselbe wie Zerstören. Es ist eher ein Stören. Das Unterbrechen ist auch nicht, wie das deutsche Wort nahelegt, ein Darunter, sondern, wie das lateinische »interruptio« sagt, ein Dazwischen. Wer sieht, dass ein Regime nicht zu stürzen ist, mag sich dennoch vornehmen, dessen Treiben wieder und wieder zu unterbrechen. Nach der Unterbrechung kann man, scheinbar unbeeindruckt, fortfahren wie zuvor – und doch ist es nicht mehr dasselbe. Als Tat, die andere Taten stört, fordert das Unterbrechen eine Reaktion des Unterbrochenen heraus. Auf den Versuch, einen zu unterbrechen, reagiert selbst derjenige noch, (lesen ...)
  • Ins Unklare

    Heraklit, Hegel, Heidegger: Das Unklare macht Geschichte. Geschichte des Denkens jedenfalls; die Geschichte der Taten braucht, wie es scheint, klare Parolen. Denken lässt sich mehr Zeit als Tun. Aber das allein erklärt nicht, weshalb sich Unklares so gut hält. Denn zunächst ist Unklarheit ja ein Hindernis der Beschäftigung mit etwas; wer Zeichen der Unklarheit – seltsame Kombinationen von Worten oder Satzungetüme zum Beispiel – an einem Text wahrnimmt und daraufhin abwinkt, für den ist dieser erledigt. Er wird die ihm verfügbaren Stunden mit anderem zubringen, von dem er sich mehr – mehr Erhellung, mehr Anregung, mehr Vergnügen – verspricht. Woran genau liegt es also, dass über den unklaren Heidegger nach wie vor ernsthaft nachgedacht und auch gestritten wird, während über seine klaren Zeitgenossen Bertrand Russell und Karl Popper die Akten, durchaus wohlwollend, geschlossen sind?

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  • Die Verstocktheit der Ungläubigen

  • Abhängige: von Gnaden einer Person, von Gnaden einer Sache

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