• Farbenspiele. Oder wie eine Metaphysik des Diesseits aussehen könnte

    Farben! Es scheint so viele von ihnen zu geben; manchmal wirbt Computersoftware damit, dass sie eine Million verschiedener Farben darzustellen vermöge, was eine andere Art ist zu sagen: unendlich viele. Und doch ist ihr Umkreis ganz offensichtlich begrenzt. Die reinen Farben lassen sich komplett durch die Übergänge des Regenbogens abdecken, alle Unendlichkeit hat hier bloß im Infinitesimalen statt. Man hat sich darauf geeinigt, dass es sieben Großfarben seien, die sich hier angeben lassen. Ich misstraue dieser Zahl; in meinen Augen fehlt es dem Indigo zwischen Blau und Violett an Dignität, es soll bloß die unschöne Zahl Sechs vermeiden helfen. (mehr …)
  • Das überspannte Gummituch. Warum die populäre Metapher die Einsicht in den Kern der Welt blockiert

    »Sagen Sie, könnten Sie mir mal das Prinzip der Telegrafie erklären?« »Das ist doch ganz einfach: So ein Telegrafendraht ist wie ein 5000 Kilometer langer Dackel, den man in London in den Schwanz zwickt, und dann bellt er in New York.« »Leuchtet ein. Aber wie ist das jetzt mit der drahtlosen Telegrafie?« »Na, das ist im Grund genau dasselbe, nur ohne Dackel.« – »Ah!«

    Alter Witz

    Orakel

    In seiner Verteidigungsrede vor dem Athener Areopag erzählt der auf Leben und Tod angeklagte Sokrates, wie es kam, dass er, der gelernte Steinmetz, zur Philosophie fand. An das Orakel von Delphi wurde die Anfrage gerichtet: Welcher der athenischen Bürger sei der weiseste? Und Apollo hatte die Antwort erteilt: Sokrates. Das war für Sokrates, der sich keineswegs im Besitz einer solchen Weisheit fühlte, der Anlass zu fragen, was er wisse, die anderen aber nicht. Und er kam zu dem Ergebnis: eigentlich nichts. Doch immerhin wisse er, im Unterschied zu den anderen, dass er nichts wisse. Dieser Satz: »Ich weiß, dass ich nichts weiß« wurde zur Grundlage seines weiteren Vorgehens und zum Gründungsakt aller Philosophie, die sich auf Sokrates beruft, das heißt so ziemlich aller Philosophie von damals bis heute. Es ist ein methodisch sehr fruchtbarer Ansatz. Bei den schönen Künsten, der Philosophie usw. fällt es leicht, sich auf den Standpunkt des Banausen zurückzuziehen, dem das alles »nichts gibt« und der »damit nichts anfangen kann«. Man zuckt die Schultern, und das war’s. Die Naturwissenschaft dagegen wird heute keinem erlassen. Jeder Laie sieht sich mit ihren Konsequenzen konfrontiert – vom Navi bis zur Atombombe –, die er nützt oder fürchtet, die aber jedenfalls für ihn wirklich sind. Aber dass die Wissenschaft und was aus ihr folgt unser Schicksal ist, daran zweifelt wohl niemand im Ernst, auch und gerade dann nicht, wenn es ihm Unbehagen bereitet. Sie hat ihre Gegner, aber keine Verächter. So sieht sich in der wissenschaftlich geformten Welt ausnahmslos jeder zu einem Verhältnis zu ihr gezwungen, auch wenn ihm dessen Voraussetzungen und Umstände im Einzelnen dunkel bleiben. Kaum einer gibt sich über dieses Verhältnis, selbst wenn es über die bloße Hinnahme einer Realität kaum hinausreicht, volle Rechenschaft. Oder er hält seine Begriffsstutzigkeit für ein rein persönliches Problem, wie ein schlechter Schüler, der beim Stoff nicht durchblickt (auch vielleicht ein wenig faul ist), sich deswegen schämt und diesen Zustand so gut es geht bemäntelt, etwa indem er bei der Klassenarbeit spickt, in der Hoffnung, dass das Thema später nie wieder auftaucht. Zugleich aber fällt es einem Nichtfachmann hier bedeutend schwerer mitzuhalten als bei anderen Wissensgebieten, auf die es weniger ankommt. Auch ein Nichthistoriker ohne Sonderausbildung kann ein seriöses historisches Werk lesen (vorausgesetzt, er hat die nötige Geduld für die tausend Seiten, die solche Bücher gewöhnlich umfassen), denn das Reden von der Geschichte hat sich bis heute nicht prinzipiell von seinen Äquivalenten im Alltagsleben entfernt, insofern es argumentiert, erzählt usw., und das alles in einer wenig spezialisierten Sprache. Die Naturwissenschaft aber hat zu ihrem harten Kern eine Mathematik, der nur wenige zu folgen vermögen; und sie referiert oder entwirft Dinge, die die Alltagserfahrung überschreiten. So sind die sciences zugleich gewichtiger und ihrem Wesen nach unzugänglicher als die humanities . Es fehlt auf keiner von beiden Seiten der gute Wille, diese Kluft zu überbrücken: An für die Allgemeinheit bestimmten Büchern, Reportagen, Fernsehsendungen über Astronomie, Genetik, Nuklearphysik besteht kein Mangel, und an Lesern und Zuschauern auch nicht. Aber was kriegen sie wirklich mit? Nachdem sie ausführlich berieselt worden sind, glauben sie oft – bis zu einem gewissen Grad – verstanden zu haben. Das dürfte in den meisten Fällen ein Irrtum sein. Um sich Klarheit über die Ausgangslage zu verschaffen, bestünde demnach der erste Schritt für den Laien – und das sind in diesen Disziplinen die allermeisten – darin, erst einmal festzuhalten: Ich verstehe, dass ich nicht verstehe. Zauberer Dass ich nicht verstehe – davon also gehe ich aus. Und ich gebe jederzeit zu, dass auch für einen Laien die Grenze des Verständnisses nicht unbedingt ganz so eng gezogen sein müsste, wie sie es offenbar in meinem Fall ist. Meine Entschuldigung lautet: Umso mehr gibt sie sich als Grenze zu erkennen; auf sie kommt es mir an. Ich möchte das Problem am Beispiel zweier ineinander verschränkter Phänomene angehen, der Gravitationswellen und der Relativitätstheorie. Die Gravitationswellen habe ich ausgesucht, weil ihre Entdeckung vor kurzem für erheblichen Aufruhr bis weit hinein in die Laienschar gesorgt hat. Außerdem lockte mich das erste Buch, das ich dazu in die Hand nahm, Gravitationswellen. Geschichte einer Jahrhundertentdeckung von Hartmut (lesen ...)
  • Postel. Die Einsamkeit des Hochstaplers

    Ist das Bild mit dem Papst eigentlich echt? Aber selbstverständlich, sagt Gert Postel, für einen Betrüger auf dieser Ebene möchte ich ihn bitte nicht halten. Wir haben uns in Tübingen getroffen, wo Postel seit einigen Jahren unbehelligt und unerkannt gelebt hat – so lange, bis er sich entschied, die selbstgewählte Obskurität zu verlassen, im örtlichen Kulturzentrum aufzutreten und der regionalen Zeitung ein Interview zu geben. Seither also dürfen die Tübinger wissen, wer unter ihnen weilt. Sehr zurückgezogen bleibt sein nunmehriges Leben gleichwohl. Er hat sich bei mir gemeldet, nachdem er meinen Artikel im Merkur über Beltracchi gelesen hatte (den Merkur schätzt er überaus), wir hatten eine Art Reportage für die Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vereinbart – da hatte er plötzlich Bedenken bekommen, das Ganze würde am Ende zu boulevardesk, und die Sache abgeblasen. Aber einige Zeit später ist er doch bereit, mit mir zu sprechen. Er bucht mir ein Hotel, holt mich vom Bahnhof ab, und nun sitzen wir in einem Café mit reizvollem Neckarblick.