• Weltbürgerlichkeit als repräsentative Kultur? Soziologiekolumne

    D as Ende des Ost-West-Konflikts und der mit ihm verbundenen bipolaren Weltordnungen hat Veränderungen epochalen Charakters angestoßen und wird längerfristig vermutlich auch die Vorstellungen von Gesellschaftskörpern, ihren Ausdehnungen, Grenzen und Binnengliederungen verändern. Der Übergang in ein neues System von Wahrnehmungen und Deutungen der Wirklichkeit dürfte noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Wie die Matrix der politischen und sozialen Ordnungen steckt auch ihr Vokabular im Umbruch.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Zweifellos bildet das seit etwa zweihundert Jahren bestehende Staatensystem bis heute die Grundlage dessen, was wir in der Alltagssprache mehr oder weniger selbstverständlich mit dem Begriff der Gesellschaft verbinden: eine kulturell und politisch-staatlich integrierte und in sich abgeschlossene Einheit, die sich mit zahlreichen anderen Einheiten dieses Typs die Erdoberfläche teilt und die intern primär durch ein Klassen- oder Schichtungssystem gegliedert wird: die deutsche Gesellschaft, die französische Gesellschaft, die amerikanische Gesellschaft, die saudi-arabische Gesellschaft. Gesellschaftstheoretisch innovative Konzepte der Weltgesellschaft (Luhmann, Stichweh), der Weltökonomie (Wallerstein) oder der globalen Ungleichheiten (Weiß) konnten dem beharrlichen methodologischen Nationalismus im Denken wie auch in der wissenschaftlichen Forschung über Gesellschaften bislang wenig anhaben. Doch findet sich der Blick auf Gesellschaften gegenwärtig immer stärker durch ein komplexeres Bild transnational sich überlappender und sich verdichtender Räume überlagert, in dem die Nationalstaaten nicht mehr als fraglose Behälter selbstgenügsamer Gesellschaften fungieren. Vielmehr werden sie selbst zu einer unter vielen Figuren auf dem Schachbrett globaler Souveränitätskämpfe, in der globale Unternehmen, supernationale Verbände, NGOs und transnationale Akteure um Einfluss ringen. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Transnationale Bewegungen – wie etwa die Finanzmärkte oder die Migrationsströme – können nicht mehr im Rahmen von (einzelnen) Nationalstaaten kontrolliert werden. Interessanterweise sind es also nicht in erster Linie andere souveräne Staaten, sondern nichtstaatliche transnationale Akteure, Gruppen und Organisationen, die die Souveränität von Staaten im 21. Jahrhundert unterminieren und spezifische politische Abwehrkräfte mobilisieren. Viele Staaten legen als Reaktion auf informelle und untergründig wirkende Mächte, die in Verbindung mit Migration, Drogenschmuggel, Kriminalität oder Terrorismus gebracht werden, sogar eine neue Leidenschaft fürs Mauerbauen an den Tag, während in denselben Staaten unterschiedliche Akteure quer über das politische Spektrum hinweg – von Wirtschaftsliberalen, Kosmopoliten und Humanisten bis hin zu linken Aktivisten – die Fantasie einer Welt ohne Grenzen hegen und von globalen Märkten schwärmen oder von einer Weltregierung oder Weltbürgerschaft träumen. In einer solchen Welt hat auch der Begriff von Gesellschaft seine Eindeutigkeit eingebüßt. Zugehörigkeiten, Erwerbschancen, soziale Netzwerke und kulturelle Identitäten sind nicht mehr automatisch mit den Flächenausdehnungen des staatlichen Territoriums identisch, sie nehmen oftmals hybride Gestalt an. Gleichzeitig und spiegelbildlich dazu formieren sich unterhalb der Ebene nationalstaatlicher Gemeinschaften neue religiöse, politische oder ethnische Gemeinschaften mit eigenen Traditionen und Gründungsmythen und scharf nach außen konturierten Grenzen, die sich oftmals gleichermaßen transnational wie »subkulturell«, jedenfalls außerhalb der Mainstreamkultur positionieren. In der heutigen Welt variieren die Grenzen von Gesellschaften mit den mentalen Vorstellungen kollektiver Zugehörigkeit, das heißt mit den Projektionen »imaginärer Gemeinschaften« (Benedict Anderson). Diese wiederum werden durch die transnationalen, lokalen oder nationalen Kontexte geprägt, in denen Subjekte ihre Ressourcen zum Einsatz bringen. Viele Menschen leben nicht allein in ihrem Staat wie in einer geschlossenen Welt, sondern in vielen und zwischen den Welten. Das gilt für professionelle Eliten, die in internationalen oder transnationalen Organisationen arbeiten, ebenso wie für Migranten, die zwischen Herkunfts- und Ankunftsland pendeln, zwei Staatsbürgerschaften haben oder in Diasporagemeinschaften leben. Zudem strukturieren globale Wissensökonomien, globale Produktionsketten und Finanzmärkte die Erwerbschancen auch von solchen Menschen, die sich selbst als sesshaft verstehen und in ihrem (lesen ...)
  • Soziologiekolumne. Eine Welle der Nostalgie. Die akademische Mittelschicht und die illiberale Gesellschaft

    Warum gewinnen in westlichen Gesellschaften, die jahrzehntelang durch Pluralisierungs-, Individualisierungs- und Liberalisierungsprozesse geprägt waren, Haltungen, Einstellungen und Gesellschaftsbilder an Bedeutung, die konträr zu diesen Trends stehen? Wieso haben eskalierende Ungleichheiten, anders als noch um die Jahrhundertwende von Linken vorausgesagt, nicht primär zum Erstarken der Kapitalismuskritik geführt, sondern zum Aufstieg rechter Protestbewegungen? (mehr …)