• „Fernmoral“. Zur Genealogie des glokalen Gewissens

    Die Szene spielt im Herbst 1986 an einem Ort, der auf mich heute wie ausgelost wirkt: am Rand des Schotterfußballfelds auf dem Pausenhof der Grundschule Breckerfeld, Ennepe-Ruhr-Kreis, nahe Hagen (Westfalen). Frisch eingeschult, werfe ich gedankenlos ein halbgegessenes Butterbrot in einen Mülleimer, und zwar vor den Augen einer Lehrerin, wahrscheinlich einer gelangweilten Pausenaufsicht. Die stellt mich prompt zur Rede – nein: Sie redet mir ins entstehende Gewissen. Ich solle an die Kinder in Afrika denken. Als Sechsjähriger weiß ich nichts von »Gutmenschen«. Ich schweige und schäme mich. Aber ganz von meiner Schuld überzeugt bin ich nicht. Wenn ich die Szene nie vergessen habe, dann wahrscheinlich weil es sich um eine meiner ersten bewussten Anrufungen durch eine Autoritätsfi gur handelte. Vielleicht spielt aber noch etwas anderes eine Rolle: Schon damals hat mich irritiert, dass dieser Anrufung eine für die Lehrerin off enbar völlig unhinterfragbare Evidenz zugrunde lag. Mir war klar, dass man mir nicht weismachen wollte, irgendwelche afrikanischen Kinder würden telekinetisch satt, wenn ich meinen Sättigungspunkt qualvoll überschritte. Ich verstand, dass dies eine Auff orderung zum Nachdenken über Konsumethik, über kleinere Pausenbrote war. Und dennoch: Mein Handeln steht in einem Wirkungsverhältnis mit dem Leben aller Vertreter meiner Alterskohorte auf einem ganzen Kontinent? Das musste erklärt werden! Dass es nicht erklärt wurde, ist erklärungsbedürftig. Historiografie, die biografische Anekdoten bemüht, verspricht nichts Gutes: Nabelschau, Läuterungsgesten, Exorzismen, Quellenexegesen, die aus Dachbodenfunden schöpfen, im schlimmsten Fall pure Selbstdarstellung. Wenn ich dennoch mit einer solchen Anekdote beginne, dann weil im Folgenden zwar nicht gerade Historisierung als Therapie betrieben werden soll, aber doch als Selbst-Analyse, mit Bindestrich. Denn das Selbst, genauer, eine Form seiner persönlichen Betroffenheit, die alles andere als selbstverständlich ist, davon handelt das Folgende. Es geht um Selbstverortungszwänge, deren Aporien bereits im Jahr meines Erlebnisses zeit diagnostisch gedeutet wurden. Der Einzelne, so schrieb Ulrich Beck 1986 in Risikogesellschaft, sei zuletzt »auf den scheinbaren Thron eines Weltgestalters gehoben« worden. Die Weltgesellschaft sei in der Bundesrepublik heute »Teil der Biographie«. Eine »Fernmoral« sei entstanden, die als »Dauerüberforderung« erlebt werde, die ihrerseits »nur durch das Gegenteil: Weghören, Simplifizieren, Abstumpfen zu ertragen« sei. Nun habe ich später herausgefunden, dass fast jeder eine Geschichte vom Aufessen zu erzählen hat. Diese Erzählungen spiegeln häufig die große Geschichte des 20. Jahrhunderts wider, entsprechend kursieren in manchen Familien mehrere davon. Die Angewohnheit meines Vaters, Jahrgang 1939, schmatzend das Knochenmark des Bratens auszulutschen, ist in meiner Familie tief in ein Narrativ vom Nachkriegsmangel eingebettet. Die Weigerung meiner im vom Weltkrieg verschont gebliebenen Stockholm aufgewachsenen Mutter, ihre Kinder zum Leeren ihrer Teller zu zwingen, hat demgegenüber einen emanzipatorischen Subtext. Sie wird innerfamiliär als schwedisch-deutscher Liberalisierungsvorsprung wahrgenommen. Mein jüngerer Bruder schließlich ist weniger politik- als umweltgeschichtlich Betroffener eines schwerverständlichen Wirkungszusammenhangs. Er trinkt keine Milch mehr, seit er ihr, wiederum 1986 und passend zu Beck, abrupt entwöhnt wurde. Wir wohnten bis kurz vor meiner Einschulung in München. Die bayrischen Kühe grasten im Tschernobyl-Regen. Ich weiß heute auch, dass der Sättigungspunkt schon lange als moralischer Index in Verwendung ist. Die Nahrung der sprichwörtlichen Kinder Afrikas war schon im späten 19. Jahrhundert im doppelten Wortsinn in aller Munde. So wie in der Geschichtswissenschaft überhaupt alles immer schon früher da war und zugleich anders als landläufig angenommen. Jemand hat das den umgekehrten Midas-Effekt genannt. Alles Gold, was die Historiker anfassen, wird zu Staub. Ich war dann aber doch überrascht, als ich meine Pausenbrotanekdote einer Kollegin erzählte und die mich auf ein Lied der Hamburger Punkband … But alive aufmerksam machte: Betroffen aufessen vom Album Nicht zynisch werden?! von 1995. [2. Ich bedanke mich bei Miriam Rürup für den Hinweis.] Der Songtext ist verdächtigerweise weniger abstrakt als meine Erinnerung. Er handelt von einem »städtischen Kindertagesheim«, es geht um Uganda und um Blattspinat, der bei kleinen Kindern besonders unbeliebt ist. Die Wut über konsequenzlosen Symbolhumanismus, die Sänger und Gitarrist Markus Wiebusch (Jahrgang 1968) in die Stimme legt, ist aber nah verwandt mit meinen Gefühlen als Grundschüler: »Ich hab mich mit meinen acht Jahren schon so gefragt | | was verdammt noch mal das    Kind jetzt davon hat | | ob ich diesen ekelhaften Blattspinat (lesen ...)