• Um zu erzählen. Rachel Cusks Lebensromane

    Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

    Auf den ersten Seiten von Rachel Cusks Roman Kudos fragt ein Sitznachbar im Flugzeug die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, was für Bücher sie denn schreibe. Das sei schwer zu erklären, sagt sie. Der Mann fragt nicht weiter nach, sondern beginnt seinerseits zu erzählen, von der Krebserkrankung und der Einschläferung des Familienhunds, den er vergangene Nacht selbst begraben habe. (mehr …)

  • Letzter Spaziergang, 18. Oktober 2017

    Quarto springt mir aus der offenen Wohnungstür entgegen, um kurz vor halb elf habe ich in der Wartenburgstraße geklingelt, wir wollen hinaus, R. kann wieder gehen, einigermaßen, er leint den Hund an.

    Auf dem Bürgersteig schnuppert Quarto an den stinkenden Früchten, die von den Ginkgobäumen gefallen sind. R. weiß, dass es sich, auch wenn sie so aussehen, nicht um Früchte, sondern um Samen handelt. In denen leider Buttersäure steckt. In Seoul, erzähle ich, habe ich ältere Frauen diese Samen sammeln sehen, die geschälten Kerne sind essbar, werden im Reis mitgekocht oder geröstet – übermäßiger Verzehr kann allerdings, ich wurde gewarnt, zu Vergiftungserscheinungen führen.

    Wir überqueren die Möckernstraße und gelangen über eine sanft ansteigende Rampe in den Park, zwei Fahrradfahrer kommen uns entgegen, einer von ihnen bleibt fast in Quartos nun ausgerollter automatischer Hundeleine hängen, R. entschuldigt sich, obwohl der Radfahrer eigentlich hätte absteigen müssen.

    (…)

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  • Hausbesuche III – Bonn

    David Wagner

    Hausbesuche III – Bonn

    »Woher kommst du, Freund?« »Aus Berlin, Papa.« »Heute? So früh?« Wir umarmen uns, er schließt die Tür hinter mir wieder ab und setzt sich auf sein Sofa, während ich die Tasche abstelle und den Mantel ausziehe. Ich lasse mich neben ihn fallen und greife, es ist ein Reflex, nach der Zeitung, die er schon zerpflückt hat, ich erzähle, wie früh ich aufgestanden und losgefahren bin – Taxi, Berlin-Alexanderplatz, Flughafen-Express, Flughafen Schönefeld – und beginne gleichzeitig die erste Seite des Sportteils zu lesen. Papa hält den neuen Spiegel in der Hand. Vorhin bin ich im Flughafenbus aufgewacht, ich muss, dachte ich, in Köln-Bonn gelandet und im Halbschlaf zur Haltestelle gegangen sein, auf einmal saß ich angeschnallt am Fenster und sah den Rhein im Morgensonnenschein, er glitzerte, das Siebengebirge und den Drachenfels im Gegenlicht. Der Bus rollte über die Nordbrücke und bald durch die um kurz vor halb neun fast leere Stadt. »Und der CD-Spieler, ist er nun angeschlossen?«, frage ich. »Ach, der funktioniert nicht.« Ich bücke mich, drücke den Einschaltknopf, nichts passiert. Und entdecke dann, ich lasse meinen Blick am Kabel entlangwandern, dass der Netzstecker nicht steckt. Papas neue Wohnung – es rüttelt nun an der Tür, es wird auch geklopft – ist vierzig Quadratmeter groß und liegt in einer früheren Bankiersvilla, die, bevor sie Pflegeheim wurde, britisches Internat, Quartier des SA-Hilfswerks, ein Filmstudio und Botschaft der Republik Korea war. Die Comtoise, die bis vor wenigen Monaten in seinem Haus neben dem Wohnzimmerkamin hing, sie zeigt kurz nach halb zehn, hängt nun rechts des weißen Sofas, eines Dreisitzers; links steht die Standuhr, die nicht mehr geht, ein schottischer Regulator, 18. Jahrhundert, früher im Flur neben dem Klavier. Es klopft wieder an der Tür, aber Papa sagt: »Beachte das nicht, das sind die Verrückten, die mich besuchen wollen. Ich muss die Tür immer absperren.« Der Putz an den Wänden ist sandfarben gestrichen, unter der Decke verläuft rundum eine Stuckandeutung, eine weiße Voute. Es gibt eine Küchenzeile im Durchgang zum Schlafbereich, das Wasser und der Herd sind jedoch abgestellt; Papa soll nicht auf die Idee kommen, zu kochen. Das Schlafzimmer hat drei Fenster zum Park – und weil die Bäume ihr Laub verloren haben, kann ich wieder den Drachenfels sehen, hoch oben gegenüber auf der anderen Rheinseite, er leuchtet in der Sonne. »Ja, hier wohne ich jetzt. Gefällt’s dir? Warst du schon mal da?« »Ja, Papa. Schon drei Mal.« »Wirklich?« Im Aufzug sehe ich, er steckt in einem Messingrahmen, den Wochenspeiseplan. Heute Mittag, Samstag, den 24. Dezember, gibt es Gemüsesuppe, ein leichtes Essen also, um fünfzehn Uhr dann Kaffee, Kuchen und Plätzchen zur Weihnachtsfeier. Papa geht mit mir in den Park, ein Baum, was ist das für einer, blüht jetzt im Dezember zwischen den Mammutbäumen. Er führt mich zu dem nur kniehohen Zaun neben dem großen Tor am Ende der Anlage, diesen Ausgang, seinen Fluchtweg, hat er mir bisher bei jedem Besuch gezeigt, er sagt: »Ich lasse mich hier doch nicht einsperren.« Sein Portemonnaie ragt aus seiner hinteren Hosentasche, rechts, dort steckt es immer. Komisch, dass es ihm nie herausfällt. Der Rhein, wir spazieren am Ufer entlang, hat wenig Wasser. Auf den trockengefallenen Steinen liegt viel Treibholz, an einer Stelle sogar ein halber Baum, den der Fluss von irgendwoher mitgenommen und hier angespült hat. Papa kommt mir schmal vor, als er am Geländer des Uferwegs steht, seine Beine sind dünner. Spreche ich ihn auf seinen Gewichtsverlust an, wird er wieder sagen: »Ich habe mal zwanzig Kilo mehr gewogen. Und dann abgenommen. Mit Kohlsuppe.« Hinter ihm sind der Petersberg und die Drachenburg über der anderen Rheinseite zu sehen, in dem Hotel dort, sagt er, habe er Konferenzen veranstaltet. Er behauptet das vor fast jedem größeren Hotel, an dem wir vorbeikommen, egal wo, hier aber stimmt es vielleicht sogar. »Die Weinstube ist heute leider geschlossen«, sagt er, als wir vor einem Fachwerkhäuschen stehen. Er gehe dort öfter hin, sagt er, er verabschiede sich einfach in den Garten, steige über den Zaun und trinke ein oder zwei Gläser. Eine der Villen, an der wir nun vorbeikommen, eigentlich ein sachlicher Neubau, ist mit großen, leider nicht ironisch gemeinten vergoldeten Löwen verziert. »Jedes Mal, wenn ich die Dinger sehe«, sagt er, »würde ich sie am liebsten abschießen. Oder wenigstens mit Farbbeuteln bewerfen.« Auf dem Rückweg, wir gehen nun den kleinen Umweg durch eine öffentliche Grünanlage, beginnt Papa zu pfeifen. Er pfeift gern vor sich hin, meist dieselbe Melodie, meist Bésame mucho, heute jedoch, bemerke ich nach einigen Tönen, pfeift er Alle Jahre wieder. »Wie kommst du jetzt darauf, Papa?« »Worauf?« »Auf Alle Jahre wieder.« »Nun haben wir nicht Weihnachten? Ist heute nicht der 24. (lesen ...)
  • Hausbesuche II: Barcelona

  • Hausbesuche I – Heidelberg und Mannheim