• Was ist nochmal Wirklichkeit?

    Dirk Baecker

    Was ist noch mal Wirklichkeit?

    Im Zeitalter der Blasen, der Fake News und der Post-Truth-Politics stellen sich die alten Fragen neu: Was ist die Wirklichkeit? Wie überzeugt man sich von ihr? Wie überzeugt man andere von ihr? Wessen kann man gewiss sein? Was ist unbezweifelbar? Während die Philosophen des sogenannten Neuen Realismus glauben, gegen den Konstruktivismus darauf bestehen zu müssen, dass es die Wirklichkeit wirklich gibt, wenn auch im Plural der verschiedenen Wirklichkeiten, fragen sich alle anderen, wie sie denn nun konstruiert ist, diese Wirklichkeit der Wirklichkeiten. Offenbar erschöpft sie sich nicht in der Tautologie der Wirklichkeit der Wirklichkeit, denn dann müssten wir nicht über sie reden. Ebenso wenig erschöpft sie sich in der Paradoxie der Unwirklichkeit der Wirklichkeit, denn dann gäbe es nichts, worüber wir reden können, und es gäbe uns nicht, die immerhin reden. Wie schon bei Wittgenstein spielt sich alles Entscheidende zwischen diesen beiden Polen der Tautologie und der Paradoxie ab, die die Extreme unseres Denkens markieren. Wir kommen ein Stück weiter, wenn wir die Frage nach der Einheit der Wirklichkeit im Singular von der Frage nach der Differenz der Wirklichkeiten im Plural voneinander unterscheiden. Denn die Einheit entzieht sich, während die Differenz greifbar ist. Wir müssen uns in aller Kürze auf die Philosophie der Antike, die Philosophie der Moderne und die Kognitionswissenschaften einlassen, um diesen Gedanken deutlich werden zu lassen.1 Für die Philosophie der Antike bestand die Wirklichkeit im Singular aus der Substanz der Dinge. Die Substanz der Dinge ist für Platon das hypokeimenon, das allem Zugrundeliegende, das allerdings ideal ist, das heißt in jeder Wirklichkeit immer nur unvollkommen zum Vorschein kommt. Aristoteles streicht die Idee und spricht stattdessen vom Wesen der Dinge, zu unterscheiden vom Unwesentlichen, dem Akzidentellen, dem, was ihm nur beifällt. Überdies ist das Wesentliche, die Form, zu unterscheiden von der Materie, aus der es mehr oder minder wandelbar besteht. Man sieht, worauf das hinausläuft. Das antike Verständnis von Wirklichkeit entzieht diese dem direkten Zugriff. Die Wirklichkeit ist ausgerechnet das, was man auf den ersten Blick nicht erkennt. Sie liegt hinter den Dingen, sie liegt ihnen zugrunde, ja sie wird letztlich durch sie nur verstellt. Die christliche Religion wird diesen Gedanken gerne aufnehmen, wie jede antike Weisheitslehre, auch die östliche, in genau dieser Figur des Entzugs ihre Pointe hat. Entscheidend an diesem antiken Wirklichkeitsverständnis ist nicht die Beschreibung der Wirklichkeit als Wirklichkeit, sondern das Aufwerfen der Frage nach der Wirklichkeit. Nicht die Evidenz der Wirklichkeit hilft uns, uns in der Wirklichkeit zu orientieren, sondern die Frage nach der Wirklichkeit. Die Evidenz würde uns festnageln im Oh und Ah des jeweiligen Moments. Die Frage gibt uns den Raum, uns hierhin und dorthin zu wenden, uns hierfür und dafür zu interessieren und immer wieder neu Aspekte der Wirklichkeit zu erforschen, zu erproben und zu gestalten. Damit das niemand so schnell vergisst, hat die antike Kosmologie drei mögliche Wirklichkeitszustände unterschieden, nämlich die Perfektion – nie zu erreichen, aber immer anzustreben –, die Korruption – die Verhältnisse, wie sie fast immer sind – und das Monströse – das, was sich zeigt, ohne dass man wüsste, ob und wie es in den tendenziell perfekten, aber meist korrupten Kosmos passt. Über das Perfekte, das Korrupte und das Monströse konnte man philosophieren, reden und streiten. Man konnte es einbetten in den Glauben an einen teleologisch geordneten Kosmos, in dem alles den Platz (telos) hat, den es verdient, auch das Korrupte und Monströse. Man konnte politische und pädagogische Maßnahmen ergreifen, um das Monströse auszugrenzen, das Korrupte zu korrigieren und das Perfekte anzustreben. Und man konnte in jedem einzelnen Fall darüber streiten, was in welcher Form auf welchen Platz gehört. Die Wirklichkeit als Möglichkeit der Frage. Erst der Moderne fiel auf, dass dieses antike Wirklichkeitsverständnis an eine hierarchische Ordnung gebunden war, an das, was Arthur O. Lovejoy in einem 1936 erschienenen Buch als The Great Chain of Being bezeichnete,2 in der passenderweise nicht nur das Allgemeinste oder Gott ganz oben und das Besondere, der Wurm und der Stein, ganz unten zu finden waren, sondern alle anderen Wesen ihren Platz fanden. Auch darüber konnte man dann insbesondere seit der Scholastik ganz wunderbar streiten. Auch hier war es nicht wichtig, zu wissen, welchen Rang verschiedene Ideen, verschiedene Lebewesen oder auch verschiedene Wissenschaften in dieser Ordnung haben. Denn wie hätte man das ein für alle Mal festlegen können? Wichtig war vielmehr, dass man einen bestimmten Rang bezweifeln konnte, also Argumente entwickeln musste, um ihn zu bezweifeln oder zu (lesen ...)
  • Von der Kunst, die Wirklichkeit unmöglich zu machen. Zu Heiner Müller

    »Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen – die Wirklichkeit, in der ich lebe, die ich kenne.« Diesen berühmt gewordenen Satz formulierte Heiner Müller 1977.  Ein Jahr später arbeitet er an seinem Stück Der Auftrag: Erinnerung an eine Revolution, uraufgeführt 1980 an der Volksbühne Berlin, unter der Verwendung von Motiven aus Anna Seghers' Erzählung Das Licht auf dem Galgen, die er sich bereits in den 1960er Jahren notiert hatte. [2. Heiner Müller, Motiv bei A.S. In: Ders., Der Auftrag und andere Revolutionsstücke. Hrsg. v. Uwe Wittstock. Stuttgart: Reclam 1988.] Diese Motive betreffen das Schicksal französischer Revolutionsemissäre auf Jamaika, wo sich die revolutionären Hoffnungen zwischen »schwarzen Brüsten« erfüllen und zugleich erledigen, [3. Vgl. Joachim Fiebach, Inseln der Unordnung: Fünf Versuche zu Heiner Müllers Theatertexten. Berlin: Henschelverlag 1990.] den Tod Robespierres (»mit zerbrochenem Kinn«), die Unfähigkeit der Revolution, die Ernährung des Volks zu sichern (»Danton kann der Straße kein Fleisch geben || Seht seht doch das Fleisch auf der Straße« – nämlich jenes unter der Guillotine), und den »Verrat« von Christus an den Teufel (»Der Teufel zeigt ihm die Reiche der Welt«). (mehr …)