• Theaterkolumne. Of Color

    Ende 2017 absolvierte ich einen Workshop zu »Critical Whiteness und diskriminierungssensiblen Theaterpraxen«. Veranstaltungen mit solchen Titeln wenden sich offenbar gezielt an Menschen mit Abitur. An Leute also, die nicht selten davon überzeugt sind, recht gut zu wissen, was Rassismus ist und dass diese hässliche Sache mit ihnen nichts zu tun hat. So ging es auch mir. Ich ahnte aber schon, woher der Wind weht, als die Leiterin des Berliner Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer uns, den sieben aktuellen Mitgliedern der Theatertreffenjury, vorschlug, diesen Workshop auf Kosten der Berliner Festspiele zu besuchen.

    Hatten wir nicht den dumpfen Schlaf der Diskriminierungsunsensiblen geschlafen, als wir Claudia Bauers Theateradaption des autobiografisch grundierten Dresden-Romans 89/90 von Peter Richter zum repräsentativen Theatertreffen einluden? Dabei sucht Bauers Wendeoratorium, das die Umbruchzeit aus der subjektiven Erinnerungsperspektive holt und mithilfe eines Leipziger Chors »vergesellschaftet«, gerade auch nach den Ursachen rechter, nationaler Gesinnungen. Keiner von uns hatte jedoch die folgende Szene für zumindest erwähnenswert gehalten: Gleich dreimal hintereinander, also quasi im Loop, kündigt ein Schauspieler an, jetzt »einen N*** abseilen«, sprich: scheißen zu gehen – woraufhin ein anderer ihn dreimal mit den Worten »Du Nazi!« zurechtweist. Die Crew der Festspiele, die aufgrund einer langjährigen, stürmischen Vorgeschichte in Sachen Diskriminierung bereits entsprechende Seminare durchlaufen hatte, forderte die Regisseurin kurz vor der zweiten Berliner Vorstellung auf, die Stelle zu ändern oder zumindest mit einer Triggerwarnung zu versehen.

    An jenem Abend ging die Sache glimpflich aus. Die beanstandete Sequenz von Schauspieler Roman Kanonik wurde gebeept, und die einzige Zuschauerin of color lobte sogar im anschließenden Publikumsgespräch die Inszenierung dafür, dass sie sich mit dem bereits kurz nach der Wende nationalistisch aufgeheizten Klima in der sächsischen Hauptstadt beschäftigt. Claudia Bauer und ihr Team fühlten sich jedoch gemaßregelt, zensiert und missverstanden – was mir nachvollziehbar erscheint, die inkriminierte Passage entstammt schließlich der Romanvorlage, wo sie das Sprechklima der Wendezeit wiedergibt –, ließen es aber mit einer kurzen Klarstellung (gegen Zensur, für die Freiheit der Kunst) in der festspieleigenen Publikation theatertreffen-blog auf sich beruhen. Und nun, ein halbes Jahr später, waren wir dran.

    (…)

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  • Heroinen, Kurtisanen. Theaterkolumne

  • Echte Tränen. Theaterkolumne

    Die Saison ist noch einigermaßen jung, und ich habe schon so viele Menschen auf Theaterbühnen weinen sehen. Maryam Zaree hat im Gorki-Theater geweint, eine schöne junge Schauspielerin, die mit ihrer Mutter nie über ihre Geburt in einem iranischen Gefängnis kurz nach der islamischen Revolution gesprochen hat und ausgerechnet im Theater das unausgesprochene Schweigegebot bricht. Maia Morgenstern hat in der Schaubühne geweint, auch eine wunderbare Theaterfrau und obendrein Direktorin des Jüdischen Theaters in Bukarest. Warum sie weinte, war mir während der Aufführung nicht ganz klar, aber rückblickend ist es natürlich mehr als zum Weinen, wenn man im Film ganz große Mutterrollen spielt – die Mutter Jesu in Die Passion Christi –, aber im echten Leben seine Kinder kaum sieht. Und kurz darauf, wieder am Gorki, hat die ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiterin Mai-Phuong Kollath bittere Tränen der Wut vergossen, als sie sich an die Parole »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!« erinnerte, die besoffene Kunden nach dem Mauerfall bei der Eröffnung von Kollaths Gaststätte in Rostock-Lichtenhagen gegrölt hatten. (mehr …)