• Ein Mann und ein Junge, 1933. Zur Edition des Briefwechsels zwischen Wolfgang Frommel und Friedrich W. Buri

    In der jüngst veröffentlichten Edition des Briefwechsels zwischen dem Stefan-George-Anhänger Wolfgang Frommel (1902–1986) und seinem jüngeren Freund Friedrich W. Buri (1919–1999) findet sich ein Foto. Es entstand 1933 in Frankfurt und zeigt einen gutaussehenden und vielleicht etwas zu selbstbewussten Einunddreißigjährigen mit klaren Augen, in einem schwarzen Hemd, mit schwarzer Krawatte und einen zarten, unsicheren, dunkeläugigen, eher kleinen vierzehnjährigen Jungen. Der Junge steht direkt hinter Frommel, sein Kopf lehnt an dem seines älteren Freundes. Das Foto in dem von Stephan Bischoff herausgegebenen Band soll wahrscheinlich die Bedeutung und die Reinheit dieser Freundschaft illustrieren, die auf Georges Interpretation des griechischen Konzepts des pädagogischen Eros beruhte: Ein älterer Mann lehrt einen Heranwachsenden mit Herz und Verstand, eine starke Persönlichkeit zu werden.

    Wie weit das Erotische bei dieser Form der Erziehung ging, auf die George natürlich kein Patent hatte und die in vielen deutschen Internaten praktiziert wurde, war schon immer eine umstrittene Frage. Antworten gab es durch die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs von Jungen durch einige der Befürworter dieses Konzepts, insbesondere Gustav Wyneken und Gerold Becker. Das Presseecho war entsprechend gewaltig. Der sehr diskrete und heimlichtuerische George blieb dabei meist außen vor, auch wenn sein Name als Inspiration für den Missbrauch an der Odenwaldschule oft erwähnt wurde. Wirklich deshalb, weil George »anders« war, wie es einer seiner Verteidiger damals formulierte? [2. Christoph Fricker, Stefan George ist anders . In: Welt vom 3. April 2010 (www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article7034879/Stefan-George-ist-anders.html ).]

    Bischoff will tatsächlich zeigen, dass die vielen Briefe in diesem mehr als 900 Seiten umfassenden Buch »eine große, einzigartige Freundschaft« vor Augen führen, wie er in seiner Einführung schreibt, und dass sie »eine leidenschaftliche Freundschaft zu einem jungen Menschen, anfangs noch Kind« dokumentieren, »die manchmal allzu schnell tabuisiert wird«, tatsächlich aber »nicht nur eine geistig prägende, sondern auch eine lebensrettende Erfahrung werden kann«.

    Natürlich weiß er, das zeigt nicht nur die Verwendung des Worts »tabuisieren«, vom Verdacht der Pädophilie oder Pädosexualität, der über dieser Freundschaft liegt. Bischoff nähert sich dem Thema in der Einführung auch ganz direkt, nur nicht sehr klaren Verstands. Über die »Kontroversen« um Frommel schreibt er: »Belege der Pädophilie liegen nicht vor. Der junge Buri war für Frommel Schutzbefohlener, was nicht ausschließt, dass sich im Laufe der Beziehung auch homoerotische Elemente entwickelten. Diese waren für Buri allerdings weder dauerhaft noch mit Schaden verbunden, wie der vorliegende Briefwechsel belegt.«

    Was will er damit sagen? Etwa dass – und nennen wir es beim richtigen Namen und verharmlosen es nicht als »homoerotische Elemente« – pädophile sexuelle Kontakte in Ordnung sind, wenn kein langfristiger Schaden entsteht? Das wäre eine verblüffende Argumentation, die zudem den Verdacht keineswegs ausräumt, sondern eher verstärkt. Man darf sich darüber hinaus durchaus fragen, woher Bischoff die Autorität nimmt, Buris geistigen Gesundheitszustand zu beurteilen. Wie er in der Einführung schreibt, traf er ihn 1978, als Buri fast sechzig Jahre alt war, worauf sie rasch enge Freunde wurden. Dabei zeigen Buris Erinnerungen Ich gab dir die Fackel im Sprunge , ebenfalls herausgegeben von Bischoff, dass er in seinem Leben oft mit psychischen Problemen gekämpft hat, die unter anderem zu mehreren Selbstmordversuchen führten. [3. Friedrich W. Buri. Ich gab dir die Fackel im Sprunge. W. F. Ein Erinnerungsbericht . Hrsg. v. von Stephan C. Bischoff. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg 2009.]

    Die Veröffentlichung des Briefbands könnte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Ziemlich genau als Bischoff an der Fahnenkorrektur gesessen haben dürfte, recherchierte ich für einen Text, der dann in der niederländischen Zeitschrift Vrij Nederland erschien und in dem es um den vielfachen sexuellen Missbrauch in Frommels Amsterdamer Freundeskreis Castrum Peregrini ging, den er nach dem Krieg gegründet hatte. Ich selbst war in den siebziger und frühen achtziger Jahren Mitglied dieses Frommel-Kults, zu dessen Behauptungen es gehörte, dass der George’sche pädagogische Eros nichts, aber auch gar nichts mit sexuellem Missbrauch von Jungen – in manchen Fällen auch Mädchen – zu tun habe. Zum Glück fand ich nie einen minderjährigen jungen Freund, sondern (lesen ...)