• Leben im „Zeitalter der Vergleichung“

    1878 bringt der vierunddreißigjährige Friedrich Nietzsche »ein Buch für freie Geister« heraus. Menschliches, Allzumenschliches ist auch ein Band für freie Assoziationen, der neben vielen anderen Themen im § 23 recht unvermittelt auf das »Zeitalter der Vergleichung« zu sprechen kommt. Wären überaus grobe Einteilungen erlaubt, könnte das vorangehende Säkulum als das der Erprobung moderner Taxonomien gedeutet werden: Klasse, Ordnung, Gattung, Art; und der Naturforscher Carl von Linné, geboren 1707, als dessen prinzipieller Ideengeber.1 Mit dem Vergleich, ungefähr einhundert Jahre später, tritt jedoch neben das Denken in Ordnungen dasjenige der Bewertungen, mithin der ausgesprochenen oder latent bleibenden Ab- und Angleichungen. Es ist zugleich das Zeitalter, in dem Kulturvergleiche angesichts gesteigerter Erfahrungen von Anders- und Fremdheit – man denke zum Beispiel an die damals erneut aufkommende Reiseliteratur2 – jene Vergleiche prominent, aber auch prekär werden lassen. (mehr …)