• Mehr Gerechtigkeit für die Weimarer Verfassung

    Lange Zeit galt es in der Bundesrepublik als ausgemacht, dass die Weimarer Republik unter anderem, wenn nicht sogar wesentlich, aufgrund ihrer Verfassung gescheitert sei. Deren Konstruktionsfehler, so ließ sich die Geschichte weiterspinnen, seien aber glücklicherweise vom Grundgesetz korrigiert worden, das vor dem dunkel gezeichneten Hintergrund nun umso heller erstrahlen und mit dieser Entgegensetzung »zum neuen Selbstverständnis und zur Versicherung einer besseren Zukunft« werden konnte. Zum schlechten Leumund der Weimarer Verfassung trug ganz wesentlich bei, dass der Blick auf die erste deutsche Demokratie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg »auf die eine Frage ihres politischen Scheiterns und auf deren angebliche Ursachen verengt« war. Aus einer Perspektive, die auf den scheinbar unausweichlichen Fluchtpunkt des Schreckensjahrs 1933 ausgerichtet war, zogen vornehmlich die vielgestaltigen existenzgefährdenden Krisen der jungen wie die existenzvernichtende Krise der späten Republik die Aufmerksamkeit auf sich.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    Von ihrer Modernität, ihren Chancen und Entwicklungspotentialen, von Aufbruch und Neugestaltung, von errungenen sozialen Reformen und den wahrlich nicht unbedeutenden politischen Fortschritten war hingegen eher selten die Rede. Schon in den Titeln der zahlreichen einschlägigen Publikationen manifestierte sich eine entsprechende negative oder zumindest resignative Tönung: Weimar galt als »improvisierte« (Theodor Eschenburg) oder »unvollendete Demokratie« (Horst Möller); man schrieb über eine »ungeliebte« (Wolfgang Michalka/Gottfried Niedhart) beziehungsweise eine »überforderte Republik« (Ursula Büttner). Ein mit kundigen Beiträgen aufwartender Sammelband fragte nach der »Selbstpreisgabe einer Demokratie« (Karl Dietrich Erdmann/Hagen Schulze). Und der Untertitel einer durchaus differenziert argumentierenden Schrift über den »Weimar-Komplex« (Sebastian Ullrich) spricht gleichwohl – es scheint geradezu zwingend zu sein – vom »Scheitern der ersten deutschen Demokratie«.[2. Theodor Eschenburg, Die improvisierte Demokratie. München: Piper 1963; Horst Möller, Weimar. Die unvollendete Demokratie. München: dtv 1985; Wolfgang Michalka/Gottfried Niedhart (Hrsg.), Die ungeliebte Republik. München: dtv 1980; Ursula Büttner, Weimar. Die überforderte Republik. Stuttgart: Klett-Cotta 2008; Karl Dietrich Erdmann/Hagen Schulze (Hrsg.), Weimar. Selbstpreisgabe einer Demokratie. Düsseldorf: Droste 1984; Sebastian Ullrich, Der Weimar-Komplex. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik 1945–1959. Göttingen: Wallstein 2009.] Blickt man auf die Buchproduktion aus jüngerer Zeit, so lässt sich eine bemerkenswerte Tendenzwende konstatieren. Natürlich sind die Übergänge wie immer fließend. Doch ist nun die Rede von den »Chancen einer Republik« (Justus H. Ulbricht), spricht man eher anklagend von der »vergessenen Revolution von 1918/19« (Alexander Gallus) und charakterisiert sie als den »wahren Beginn unserer Demokratie« (Wolfgang Niess) oder gleich rundheraus als die »größte aller Revolutionen« (Robert Gerwarth). Weimar ist nicht länger Katastrophe, sondern eher »Herausforderung« (Michael Dreyer/Andreas Braune) oder – wenn dieses Selbstzitat erlaubt ist – »Wagnis« (Horst Dreier/Christian Waldhoff).[3. Justus H. Ulbricht (Hrsg.), Weimar 1919. Chancen einer Republik. Köln: Böhlau 2009; Alexander Gallus (Hrsg.), Die vergessene Revolution von 1918/19. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010; Wolfgang Niess, Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie. München: Europa Verlag 2017; Robert Gerwarth, Die größte aller Revolutionen. November 1918 und der Aufbruch in die neue Zeit. München: Siedler 2018; Michael Dreyer/Andreas Braune (Hrsg.), Weimar als Herausforderung. Die Weimarer Republik und die Demokratie im 21. Jahrhundert. Stuttgart: Franz Steiner 2016; Horst Dreier/Christian Waldhoff (Hrsg.), Das Wagnis der Demokratie. Eine Anatomie der Weimarer Reichsverfassung. München: Beck 2018.] Und wo früher vom behaglichen Historikerschreibtisch aus in bester salonrevolutionärer Manier schon mal der fehlende revolutionäre Elan moniert und das zu geringe Maß an tatkräftigem Umsturz der alten Verhältnisse beklagt wurde (bolschewistische Zustände schreckten ja in der wirtschaftlich und politisch stabilen Bundesrepublik die wortmutigen Intellektuellen weit weniger als die Weimarer Zeitgenossen gerade auch aus den Kreisen der Sozialdemokratie), da gibt es heute für den Kurs Eberts und seiner Partei in den entscheidenden ersten Wochen und Monaten nach dem Ende des Kaiserreichs offene Anerkennung und großen Beifall in Gestalt von Titeln wie 1918 – Aufstand für die (lesen ...)