• Ästhetikkolumne. Ästhetische Qualität

    Etwas ratlos stehen wir in der Kantine des Paul-Löbe-Hauses im Berliner Regierungsviertel. Wir, das sind eine Gruppe Studenten und ihr Dozent, Teilnehmer eines kunsthistorischen Seminars zum Thema »Orte der Kunst«, zu Besuch in der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages. Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung und Leiter des Referats »Kunst im Deutschen Bundestag«, hat uns durch die Gebäude geführt. Allein im Bereich »Kunst am Bau« gibt es hier Werke von über hundert Künstlern zu besichtigen; mehr als viertausend Objekte enthält zudem die ständig wachsende Artothek, aus der sich Abgeordnete Werke für ihre Büros ausleihen können. (mehr …)

  • Kunst am Flughafen. Eine Annäherung in fünf Bildern

    Magic Carpet – BER 2012

    Noch werden am neuen, seit 2012 fast fertiggestellten Berliner Flughafen BER keine Flugzeuge abgefertigt. Auf dem Foto ist die große Schalterhalle verwaist. Verloren stehen einige Check-in-Automaten von Air Berlin – inzwischen auch schon wieder Geschichte – herum. Die Sicherheitskontrollen, die Schalter, die Ladenflächen am BER sind ungenutzt, es gibt keine Passagiere, kein Gepäck, kein Catering. Was es hingegen bereits gibt, ist Kunst. An zahlreichen Stahlseilen von der Decke suspendiert, schwebt Magic Carpet , ein filigranes Geflecht aus Metall, im Raum. Zwölf Kilometer hauchdünne Aluminiumbänder hat die kalifornische Künstlerin Pae White in eine tragende Rahmenstruktur mit den Maßen 37 mal 27 Meter einfalten und zufällige Ornamente bilden lassen. In naher oder ferner Zukunft, wenn Passagiere die Schalterhalle bevölkern werden, soll der Fliegende Teppich leicht im Luftstrom schwingen. Wer nachts an der Flughafenbaustelle vorbeifährt, sieht ihn jetzt schon von weitem rot leuchten.

    Whites Magic Carpet ist Teil eines Kunstprogramms am BER, das Auftragswerke im Wert von zwei Millionen Euro umfasst. Darunter befindet sich eine überdimensionierte Perlenkette von Olaf Nicolai, die sich um eine Fluggastbrücke windet und dereinst leuchten soll, um den Abfertigungszustand des angedockten Riesenflugzeugs A380 zu signalisieren; ein Sterntalerhimmel des Künstlerduos STOEBO, der aus in den Boden eingelassenen Münzen aus aller Welt besteht; und die Open Sky Box , eine Lichtinstallation von Takehito Koganezawa, die ihre Farbe nach dem Zufallsprinzip wechselt, während die Reisenden sie auf dem Weg durch das Terminal passieren.

    Was macht die Kunst am Flughafen? »Ein Flughafen«, so informiert uns die Website des BER, »ist ein ausgezeichneter Ort, um Kunst zu präsentieren.« Selbst wenn man davon ausgeht, dass sich diese Aussage auf geöffnete Flughäfen bezieht, mag sich ein leiser Zweifel regen: Sind Flughäfen wirklich ausgezeichnete Orte für Kunst? Wer von den zukünftigen Passagieren, die am BER ankommen oder abfliegen werden, wird die Muße haben, sich Kunstwerke anzusehen? Wer von ihnen wird sie überhaupt bemerken? Magic Carpet ist, zugegeben, schwer zu übersehen, aber wer nicht weiß, dass es sich um Kunst handelt – und wenig deutet für den eiligen Betrachter darauf hin –, kann es leicht für ein überdimensioniertes Stück Flughafendekoration halten (was es, in gewissem Sinne, ja auch ist).

    Tatsächlich aber hat Kunst an Orten des Transits und des Verkehrs eine lange Tradition. Der französische Schriftsteller und Kunstkritiker Maxime Du Camp forderte schon 1855, die Bahnhöfe – »diese modernen Kathedralen der Industrie und Wissenschaft« – mit Kunst auszustatten. Historienbilder sollten die Wände schmücken und »ohne Metaphysik« die Kräfte der Geschichte deuten. Alle Welt würde davon profitieren, so Du Camp: »die Kunst, die Künstler … und die Reisenden, die sich während der Wartezeiten zumindest beschäftigen können«. 1 Mindestens zwei sehr unterschiedliche Erwartungen an die Kunst wurden da formuliert: Die durch die Eisenbahn hervorgerufene Umwälzung aller Lebensbereiche bedurfte der Deutung, und es sei die Kunst, die diese Deutung liefern könne, war die große Hoffnung Du Camps. Die zweite, bescheidenere Erwartung bestand darin, dass die Kunst zur Unterhaltung der Reisenden dienen könne, denn die Eisenbahn hatte ja nicht nur für Beschleunigung gesorgt, sondern auch für ausgedehnte Wartezeiten.

    Im 20. Jahrhundert sind die Kathedralen des Fortschritts längst nicht mehr die Bahnhöfe – es sind, spätestens seit den 1960er Jahren, die Flughäfen. Im Jet Age wurden sie zu architektonischen Ikonen und zu Symbolen einer neuen globalen Mobilität. Zahlreiche internationale Flughäfen verfügen seitdem über umfangreiche Kunstprogramme. Sie reichen von verstreuten Kunstwerken in den Terminals über ausgewiesene Galerieräumlichkeiten bis hin zu eigenen Kunststiftungen. Der BER ist also nur einer von vielen hundert Flughäfen weltweit, an denen Kunst ausgestellt wird. So findet man in Schiphol, dem Flughafen von Amsterdam, nicht nur eine Reihe von zeitgenössischen Kunstwerken, darunter eine (lesen ...)

  • Von Kassel lernen

    Um zu wissen, dass diese documenta gründlich in die Hose gegangen war, brauchte man nicht nach Kassel zu fahren. Man konnte es überall lesen. »Von Athen lernen« – dieses Motto nahmen die Macher der documenta anscheinend sehr ernst. Sie setzten die Besucherin, so war zu hören, auf die Schulbank, um über Neoliberalismus, Neokolonialismus und andere Ismen zu dozieren. Die Kunsttheorie drehte angeblich frei. Selbst das Kunstjubelmagazin Art war entsetzt. Meine Reise nach Kassel, die an einem strahlenden Julitag stattfand, hatte daher etwas von Katastrophentourismus. Man hatte vom Elend anderswo gehört, man war bestürzt, und man freute sich darauf. Eine Flasche Wasser und Studentenfutter hatte ich mir eingepackt. »Wat een volksfeest!« (...)

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  • Ist Kunst widerständig? Museumsbesuch in Los Angeles