• Sankt Petersburg – Petrograd – Leningrad. Überlegungen zu einer Geschichte diesseits des Großen Oktober

    Als ich vor ein, zwei Jahren Freunde und Kollegen in Petersburg darauf ansprach, was die Stadt denn zum einhundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution unternehmen würde, ob sie sich für das Jahr 2017 nicht um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ bemühen sollte, blickten die mich ziemlich erstaunt, um nicht zu sagen entgeistert an. Vielleicht hat es Petersburg einfach gar nicht nötig, sich als „europäische Kulturhauptstadt“ zu bewerben, spielt es doch in einer anderen Klasse als Kosice (Kaschau, Kasso), das Ruhrgebiet oder Tallinn. Vielleicht hatte man es auch satt, sich an dem Recycling von Jubiläen und Jahrestagen, das so oft an die Stelle wirklicher Bewegung getreten ist, zu beteiligen. Aber mein Verdacht ging in eine andere Richtung: dass die Stadt jenen Augenblick, jenen historischen Moment, in dem sie tatsächlich Hauptstadt der europäischen Geschicke im 20. Jahrhundert geworden war, nicht wahrhaben wollte, ihn verdrängte. Was sollte man mit 1917 zu tun haben, in dem die einen Jahrzehnte lang den Anbruch eines neuen Zeitalters gepriesen und die anderen den Untergang einer ganzen Welt beklagt hatten. Und wie soll man diese so gegensätzlich wahrgenommenen „zehn Tage, die die Welt erschütterten“, das Ineinander von Aufbruch und Untergang zusammenbringen! (mehr …)