• Konsequenzkunst

    Die Konsequenzlosigkeit regiert in diesen Tagen. Die einen möchten konsequenzlos Hassbotschaften senden, und die anderen möchten dem zuhören, ohne Konsequenzen tragen zu müssen. Ja, vielleicht steht dem von Enis Maci beschriebenen Wunsch nach einem safe space, in dem man konsequenzlos etwas Hasserfülltes sagen kann, wirklich der Wunsch gegenüber, sozusagen safe zuzuhören, also, ohne dass man gleich reagieren muss. Einfach mal kommen lassen. Als würden sich ansonsten die Dinge immer gleich überschlagen beim Zuhören. Als bräche dann eine Hektik aus.

    Oder was ist los mit denen, die immer wieder sagen, man müsse den Leuten endlich mal zuhören? Hören wir ihnen denn nicht andauernd zu? Sind nicht unser aller Ohren geöffnet, wenn der »Mann von der Straße«, der »einfache Mann«, der Rechtsradikale und der Populist, sozusagen die Björn-Höcke-Ausprägung der Öffentlichkeit, loslegt, schon allein deshalb, weil er uns mit dem, was er sagt, provoziert? Und was passiert dann? Überschlagen sich die Dinge wirklich? Vielleicht geht es ja darum, aus den hasserfüllten Botschaften das Brauchbare herauszudestillieren, den sozusagen einfachen Mann aus dem Rechtsextremen, und dann vielleicht noch den Mann aus dem Menschen, als ginge das; beziehungsweise aus dem inzwischen entstandenen Konglomerat in den Aussagen der sogenannt besorgten Bürger etwas, mit dem man umgehen kann und über das man mal reden sollte? Vielleicht geht es dann wirklich um Umverteilung, vielleicht um soziale Gerechtigkeit – nur was würde daraus erfolgen? Etwa Handlungen, Entscheidungen?

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  • Ich ist eine andere

    Der Dreh kam jedenfalls nicht durch die Medienwissenschaftlerin. Der Dreh wurde später von jemand anderem hineingebracht. Es ging ja eigentlich auch um das Thema Gerechtigkeit, und Sarah Sharma aus Toronto erzählte uns etwas von US-Demokraten, die jetzt lieber keine Zeitung mehr lesen würden, da drüben in den Staaten. »Verschont uns mit den Medien!« Das wäre auch ein Umgang mit Trump, fügte sie ironisch hinzu.

    Es gab sogar schon einen Namen für diese Gruppe. Die Ignoranten? Die Vermeider? Ich habe es leider vergessen. Nur die Gegenfigur, der »social injustice warrior«, ist mir noch sehr deutlich in Erinnerung, eine Sozialfigur, die Sarah Sharma ironisch als einen postpubertären oder ewigpubertären Blödkopf im Keller bei Mutti zu Hause sitzend skizziert hat. Männer mit sozialen Defiziten oder sozial herausgeforderte und auf eine bestimmte Weise männlich identifizierte Wesen, die ihrer Wut drastischen medialen Ausdruck verleihen.

    Ich habe an jenem Abend nicht verstanden, ob es sich um Ironie oder um eine soziologisch relevante Beschreibung handelte, und auch nicht, was das mit dem Gerechtigkeitsbegriff zu tun hatte, der auf diesem Podium verhandelt wurde, von juristischer, soziologischer und medienwissenschaftlicher Seite. Irgendwie waren mir die Trolle und Hater aus dem Netz da zu unvermittelt oder zu konkret.

    Draußen begann ohnehin alles gleichzeitig, zumindest der Frühling und der Sommer, die US-Strafzölle und Nichtstrafzölle, die Asylgesetzfragen und die Einreiseunwilligkeit gewisser politischer Vorstellungen in die Köpfe, etwa die Genfer Konventionen. Humanismus verkam zur gedanklichen Sperre, wurde benannt als Denkverbot, das von klugen Köpfen heute angeblich umgangen werden müsste, um irgendwohin zu kommen, nur wohin? Die italienische Regierung formierte sich bereits, die österreichische agierte bereits, die ungarische und die polnische lassen sich nichts mehr sagen.

    Und hier drinnen im merkwürdig dunkel gehaltenen Raum sprachen vier Menschen beinahe nebeneinander, Nikita Dhawan auf äußert lebendige Weise. Sie, so erinnere ich mich jetzt, widmete sich den transnationalen Gerechtigkeitsfragen – wer verlangt in wessen Namen Gerechtigkeit und vor allem gegen wen? Und ist die Gerechtigkeitsforderung heute eine hauptsächlich aktivistische Position? Wenn man sich vor dem Münchner Oberlandesgericht aufhält, könnte man auf die Idee kommen, habe ich damals noch etwas oberschlau hinzugefügt.

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  • Doppelgesichter und Verräter

    Die Szene ist heutzutage hervorragend aufbereitet. Da gibt es die lesbische Rechtsradikale, den untreuen CSU-Moralapostel, die betrügerischen Saubermänner in hohen politischen Ämtern, die steuerflüchtenden Steuerfahnder. Und die Anwältin im politischen Prozess, die ihre Rolle wechselt und plötzlich nicht mehr Nebenklagevertretung macht, sondern Verteidigung, und von ihrer Mandantin folgerichtig entlassen wird.

    Das hat aber kein System, werden Sie protestieren, das ist der passiert, irgendwann, im Verlauf von fünf Jahren kann viel passieren. Sie hat sich in dem Prozess einfach der anderen Partei zugewandt, ohne es zu merken. Ja, aber was hat denn dann System? Beziehungsweise was für ein System steckt hinter den anderen Doppelgesichtern, den Zweigleisigen, den zwischen öffentlicher und privater Moral Unterscheidenden, manchmal auch zwischen der einen öffentlichen und der anderen öffentlichen Moral? Ist es eine derzeit vorherrschende grundsätzliche Disposition, die uns unsere eigenen ethischen Verlautbarungen nicht auf uns selbst zurückbeziehen lässt – oder sind wir alle vom Phänotypus Doppelagent oder Verfassungsschützer angesteckt? Ich verbitte mir das »Uns«, werden Sie sagen, dieses falsche »Wir« ist schon Teil des Problems. Eben, sage ich. Und fahre fort.

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  • Schiffbruch mit Zuschauer?

    Sie redeten jetzt alle von dem Messerangriff, erzählt mir die Sechstklässlerin in lakonischem Tonfall. Der Messerangriff?, antworte ich ihr. Davon habe ich noch nichts gehört. Wohl von den Prügeleien, aber der Messerangriff war mir neu. War es in der H-Klasse, frage ich sie, schon ahnend, so ein Messerangriff kann nur in der H-Klasse vorkommen, denn die H-Klasse ist eine besonders schwierige Klasse, das ist doch bekannt. Ja, es könnte die H-Klasse sein, ganz sicher sei sie sich da nicht, vielleicht war es auch einer aus der F-Klasse. Ihre Stimme drückt Alltäglichkeit aus, es ist der ganz normale Schultratsch, in dem ein Messerangriff durchaus vorkommen kann. (mehr …)
  • Keine Zoologie

    Sie werden in Zügen gewesen sein, wenn sie hier auftauchen. Sie werden vielleicht ein Flugzeug genommen haben oder auch nur die U-Bahn, deren Stationsausgang schon fast ins Münchner Oberlandesgericht hineinführt. Sicher ist, auch der Mann aus der Tiefgarage, wie ein Verteidiger genannt wird, wird wieder da sein. Er komme nie durch die Vordertür herein, heißt es, nehme immer den Zugang über die Garage. Sein Kollege, der nicht mehr so ganz Kollege sein darf, weil seine Immer-irgendwie-noch-Mandantin das nicht mehr möchte, der sogenannte Altverteidiger, spaziert bereits mit einem Köfferchen herein. Er holt eine noch verpackte weiße Krawatte heraus, schiebt sie aus der Plastikhülle, rollt sie ein und steckt sie in die Innentasche seines Jacketts. Eine kurze Weile später steht er auf und geht hinaus. Er wird seine Krawatte draußen gebunden haben, werde ich später wissen, jetzt aber beobachte ich noch, wie die anderen den Sitzungssaal betreten Auch im Gericht gibt es unterschiedliche Arten aufzutauchen, und nur die der Angeklagten wird vermutlich in Erinnerung bleiben. Die Hauptangeklagte wird dann die sein, die am wenigsten gegrüßt und am meisten Platz genommen haben wird, das ist eben das Gericht, wird man sagen, das ist die Schwerkraft der Rechtsprechung, die sich um Täter kümmert und nicht um Opfer, wird man sagen und bedenklich den Kopf wiegen, obwohl in diesem Fall mit über neunzig Nebenklägern die Optik anders sein könnte. (…)

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