• La méthode Vuillard. Oder der Versuch einer mündigen Geschichtsschreibung

    Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen, Und aus Niemals wird: Heute noch! Bertolt Brecht, Lob der Dialektik

     

    Die Frage, die Eric Vuillard nach Erscheinen seines jüngsten Buchs im Januar 2019 wohl am häufigsten gestellt wird, lautet: Warum ausgerechnet jetzt? Warum in Zeiten der Gelbwestenproteste ein Opus mit dem plakativen Titel La guerre des pauvres? Ein visionärer Wurf oder purer Opportunismus, eine schnöde Anbiederung an den Zeitgeist, wie der Journalist Jean-Christophe Buisson es dem Schriftsteller vorwarf, der nie ein Geheimnis daraus gemacht hat, dass dieser Text über den von Thomas Müntzer angeführten Bauernaufstand im Jahr 1525 schon seit längerem in einer Schublade lag? Kaum jemand, der hier nicht einen Beitrag des bekennend engagierten Schriftstellers zur aktuellen politischen Lage wittert. Und die Antwort des Autors, der politische Stellungnahmen zum Tagesgeschehen ausdrücklich meidet? Nun, nicht die Geschichte erkläre die Gegenwart, sondern die Gegenwart die Geschichte. Die Vorstellung, gegenwärtige Konflikte ließen sich aus der Vergangenheit deuten und begreifen, sei zwar beruhigend, aber irrig. Vielmehr sei die Gegenwart eine permanente Wiederbelebung der Vergangenheit, und erst die Gelbwesten gäben den Aufständischen des 16. Jahrhunderts Farbe.

    (Der Essay ist im Oktoberheft 2019, Merkur # 845, erschienen.)

    Vuillards Geschichte ist dialektisch, offen, unvollendet, sie lässt sich fortschreiben, in beide Richtungen. Er verfasst keine Romane mit Anfang und Ende, er ist selbst Teil der Geschichte, deren Ausgang er nicht kennt. Von Buch zu Buch erzählt er im Sinne von Walter Benjamins »Tradition der Unterdrückten« sprunghaft Momentaufnahmen eines diskontinuierlichen Geschehens, greift »eingedenkend« die Bruchstellen heraus, wendet sich gegen das von den Unterdrückern verkörperte Kontinuum der Geschichte, deren Federführer mit epischer Geschmeidigkeit eine kausale Verkettung des Realen suggerieren. Gerade die Stellen, an denen die Überlieferung abbricht, die benjaminschen »Schroffen und Zacken«, bieten ihm Halt in seinem Kampf gegen den nivellierenden Fluss des nachträglichen Schönschreibens. Die Lücken des Tradierten sind ihm, dem Literaten, willkommene Einladungen zum Imaginieren, doch er weiß auch um die apologetische Versuchung: »Als Schriftsteller zieht mich die Aura der Geschichte fast magnetisch an. Dabei misshandle ich sie ständig, entziehe mich ihr. Das ist ein unüberwindbarer, aber fruchtbarer Widerspruch: Die Aura aktiviert das Schreiben, das Schreiben wiederum will sie verscheuchen und zerstören.«[2. Eric Vuillard 2014 in einem Gespräch mit der Verfasserin (www.matthes-seitz-berlin.de/buch/ballade-vom-abendland-ebook.html).]

    Ein Epitaph für die Namenlosen

    Wohl in keinem seiner bisher in Deutschland erschienenen Bücher wird Vuillards Fabulierlust im Detail so anschaulich wie in 14. Juli. Und es ist vermutlich jenes Buch, das am exemplarischsten zeigt, wie trotz des Fehlens klassischer Protagonisten und einer linearen Narration nicht nur spannend erzählt werden kann, sondern wie kunstvoll die Vielzahl von Schauplätzen, Abschweifungen und sprachlichen Modulationen der geschichtlichen Diskontinuität und dem anonymen Kollektiv Rechnung trägt. Während Krieg der Armen ein Kapitel aus der unendlichen Geschichte der Ungleichheiten erzählt, das mit einer blutigen Niederschlagung endet, widmet sich die Revolutionserzählung deren vielleicht berühmtester Episode, aus der das Volk siegreich hervorgeht. Vuillard schreibt ausdrücklich gegen den bedeutenden Revolutionshistoriker Jules Michelet an, der den Ereignissen »mit einem fantastischen Taschenspielertrick« das Gesicht herausragender Einzelfiguren und Wortführer gegeben habe.[3. Eric Vuillard, 14. Juli. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Berlin: Matthes & Seitz 2019. – Alle folgenden Zitate sind dem jeweils genannten Werk entnommen.]

    Bei Vuillard verdichten sich die Ereignisse zu einer Sternstunde der Masse. Die »zahlreiche Menge«, die »stumme große Zahl« und »sprachlose Masse« erscheint als die (lesen ...)