• Krimidichtung in Antwerpen

    An einem warmen Tag im Oktober 2017 fuhr ich mit meinen Freunden von der Akademie für Letalität und Lösungen in die nördliche Peripherie Antwerpens, fest entschlossen Ludwig Reynen zu finden, der vor dreißig Jahren über drei Tage hinweg Pommes frites frittiert hatte, ein Rekord, den er auch heute noch hielt, und der als Abschluss unserer kulinarischen Trilogie in seiner Einheit von Ort, Zeit und Handlung zum Kurzdrama werden sollte. Der zweite Teil, den wir soeben in einem ehemaligen Raucherabteil der belgischen Bahn beendet hatten, trägt den Titel Die Tomaten der Uschi Reinhard und ist Uschi Reinhards Ermittlungen in Spitzbergen gewidmet; der erste, Lucullus und der Kalte Hund, geriet uns für ein Kurzdrama verhältnismäßig lang, nicht zuletzt weil die Heldin innerhalb eines bacchantischen Settings vom alten Rom bis in das bundesrepublikanische Wirtschaftswunder reist.

    Wir erreichten Kalmthout gegen Mittag. Der Himmel war, wie man so sagt, abwesend, die Sonne hatte ihn voll und ganz vereinnahmt, und noch während wir uns bei den Händen fassten und vom Tritt der Zugtür sprangen, umgab uns bereits der Geruch von Frittiertem. Aus einem Rohr im Backstein des Bahnhofsgebäudes stieß unablässig eine opake, von Fett durchsetzte Wolke hervor, die sich im frontal auf sie einwirkenden Westwind teilte und zu beiden Seiten des Gleises verwehte. Schnurstracks stiegen wir durch ihre Strömungen zum Imbiss, fragend, wo Reynen wohnhaft sei. Die Frau, die gerade für den einzigen Gast eine Fleischwurst in die Fritteuse schmiss, tat so, als habe sie keine Ahnung, wer mit Weltrekord gemeint sei, vielleicht, dachte ich, weil sie dachte, sie könne unsere Kaufkraft an ihn, Reynen, verlieren, und da bestellten wir jeder eine Portion mit scharfer Mayonnaise, was uns die Frau an der Fritteuse dankte, indem sie die Straße verriet, Noordeind, sagte sie und schüttelte das überschüssige Fett von den Fritten, der Ludwig wohne gegenüber vom Bistro Den Druivelaer, wir bräuchten nur den Schienen stadtauswärts zu folgen.

    Ludwig Reynen erweckte den Anschein eines in die Jahre gekommenen englischen Hooligans, als er uns barsch in sein Haus hineinbat. Die schütteren Haare trug er abrasiert, ein Eckzahn fehlte ihm genauso wie die unteren Schneidezähne, doch seine Hand war vom vielen Frittieren ganz weich, und da fassten wir also Vertrauen und schlüpften unter seinem linken Arm hindurch, der wie ein Keil zwischen Türrahmen und Kopf klemmte. An der Wand hingen Schöpfkellen, Seiher und Salzstreuer neben einem Poster, auf dem viele verschiedene Biersorten abgebildet waren. Eine gusseiserne Pfanne in der Hand, betrat Reynen das Wohnzimmer. Denkt immer daran, sagte er mit lustig flämischem Akzent, es gab eine Zeit, bevor es Fritteusen gab, dann setzte er sich auf eine signalrote Sofagarnitur und hielt für eine Weile die Pfanne, in die wir abwechselnd griffen. Wie ihr vielleicht schon wisst, fuhr er fort, als wir Platz genommen hatten, wurden die Pommes während der Kleinen Eiszeit von armen Fischern aus Namur, Huy und Dinant erfunden, die ihre Ruten nicht länger in die Maas halten konnten, weil die Maas zugefroren war, und deshalb anfingen, aus Kartoffeln die Silhouetten von Fischen zu schnitzen. Aus einer schmalen Patata schnitzten sie einen schnellen Fisch wie den Zander, aus einer deformierten eine Sprotte und aus einer besonders dicken einen Pottwal. Oft reichte die Zeit aber auch nur für Flusskrebse, Barben oder Schollen, manchmal wiederum gaben sich die Fischer die allergrößte Mühe und ließen Fabelwesen entstehen, Riesenkalmare, Wunderlampen. Und weil ihnen die Arbeit so viel Freude machte, organisierten sie bald alljährlich das Aardappelfeest, in dessen Verlauf die schönste Aardappelschnitzerei prämiert wurde. Es gibt ein Gemälde von Hendrick Avercamp, das den Sieger und seine zum Hammerhai modellierte Potato auf der Maas im Jahr 1609 zeigt, und wie ihr nun vielleicht ahnt, sagte Reynen, befindet sich dieses Bild in meinem Besitz.

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  • Bogenhausener Gespräche

    Wenn es nach ihm ginge, sagte Lothar Matthäus am Vorabend der Wahl 2017, könne man die Fernseher daheim ausschalten, er selbst mache sich nun jedenfalls schnurstracks auf den Weg zurück ins Hotel. Reiner Calmund lachte ein herzhaftes Lachen, während die Moderatorin noch einmal den Programmhinweis wiederholte. Dabei stimmte das natürlich nicht, der Experte hatte die Zuschauer angeflunkert, spurtete er doch nur deshalb aus dem Fernsehstudio in Unterföhring hinaus und einen Nebenarm der Isar entlang, um mich, der ich bereits seit zehn Minuten vor einer Bogenhausener Eisdiele wartete, auf einen Cup Tropicana zu treffen. (mehr …)