• Zwischen Gesetz und Urteil gibt es keine Hermeneutik. Oder wie 1912 die traditionellen Auslegungsmethoden ihr Ende fanden

    Aber was weiß so ein Rationalist denn vom wirklichen Leben? Carl Schmitt Auf welche Weise wird entschieden? Das ist die reflexive Frage zum Phänomen des Rechtlichen par excellence: dem Urteil. Was passiert da eigentlich, wie kommt es dazu? Die Antwort auf diesen Fragenkomplex bewegt sich zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Gesetz und Souveränität, zwischen Deduktion und Dezision. Fangen wir, um die Aufklärung darüber, worum es geht, auf die Spitze zu treiben, mit einem Ende an, dem Ende der Vorstellung des in der Demokratie üblichen Verfahrensgangs bei der Herstellung von Gesetzen und Urteilen. Reden wir zu Beginn von einer Lage, in der Hermeneutik, Aufklärung und Recht sich in der Defensive befinden, so wie heute im Übrigen auch, wenn etwa bajuwarische Diktate zur Ausbreitung kommen. Reden wir zunächst von 1922, also dem Jahr, in dem Carl Schmitt, eine der zentralen Figuren des politischen, literarischen und wissenschaftlichen 20. Jahrhunderts, einen seither weltberühmt gewordenen Satz aufschrieb: »Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.«

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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