• Der Islam oder die Zumutung einer Zugehörigkeit

    Als 2006 Wolfgang Schäuble, damals Bundesinnenminister, auf der von ihm erstmals einberufenen Islamkonferenz feststellte, der Islam sei ein Teil Deutschlands und Europas, provozierte er noch keine großen Debatten. Erst als Christian Wulff 2010 in seiner Eigenschaft als Bundespräsident den Sachverhalt in die Sprachform »Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland« goss, reagierte die Öffentlichkeit irritiert. Diese Irritation steigerte sich noch, als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Pressekonferenz mit dem türkischen Ministerpräsidenten Davutoğlu im Januar 2015 auf die Frage einer türkischen Journalistin beruhigend antwortete: »Von meiner Seite möchte ich sagen, dass unser früherer Bundespräsident Christian Wulff gesagt hat: ›Der Islam gehört zu Deutschland.‹ Das ist so; dieser Meinung bin ich auch.«

    Schon früh meldete sich die Schriftstellerin Monika Maron zu Wort und formulierte Bedingungen, die erst einmal erfüllt sein müssten, bevor von Zugehörigkeit gesprochen werden könne. Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, solange er »sich seiner Aufklärung verweigert, solange er keine Götter duldet neben sich, solange er Andersgläubigen und Nichtgläubigen Bekehrung oder Unterwerfung und Abtrünnigen den Tod androht«. [2. Monika Maron, Der Islam gehört nicht zu Deutschland . In: Tagesspiegel vom 6. Oktober 2010.] Die Soziologin Necla Kelek mochte noch nicht einmal so weit gehen: »Die Muslime gehören zu Deutschland, aber doch nicht der Islam«, schrieb sie 2010, der Islam sei grundsätzlich nicht integrierbar: »Nicht in die Demokratie und nicht in diese Gesellschaft.« [3. Bittere Wahrheiten. Necla Kelek stellte in Tübingen ihr neues Buch »Himmelsreise« vor . In: Metzinger Uracher Volksblatt vom 9. Oktober 2010.]

    Diese zwei markanten Positionen spiegeln, wie umstritten die Frage der Zugehörigkeit des Islam ist. Alle Versuche, sich hier Klarheit zu verschaffen, setzen die Beantwortung von zwei Fragen voraus: Zum einen müsste geklärt sein, ob man zwischen Islam und Muslimen gerechtfertigterweise unterscheiden kann, und zum anderen muss gefragt werden, was es mit den Bedingungen der Zugehörigkeit auf sich hat und wie der Islam mit diesen Bedingungen verknüpft werden kann.

    In puritanischen oder orthodox-islamischen Kreisen wird »das Wort Muslime verwendet, um all jene zu bezeichnen, die Muḥammad als den letzten Gesandten Allahs bezeichnen und seine Lehren für wahr halten, unabhängig davon, inwieweit sie von diesen Lehren wissen oder inwieweit sie in der Lage sind, nach ihnen zu leben«. [4. M. Ali Kettani, Muslim Minorities in the World Today . London: Mansell Publishing 1986.] Für sie bildet der Prophet Muḥammad den einen Angelpunkt des Islam, der zweite ist die Deutung des Korans als Text, dessen Inhalte eindeutig bestimmbar seien und der keinerlei Mehrdeutigkeit zulasse. Wenn nun der Islam als Name für dieses spezifische Bekenntnis aufgefasst wird, dann sind Muslime jene Menschen, die die Lehren des Islam, wie sie von Gott im Koran und dem Propheten in seiner in der Sunna überlieferten Lebensführung dargelegt worden seien, für wahr erachten. Muslime wären dann die Bekenner des Islam. Dies aber bedeutet, dass der Islam nur real wird durch seine Bekenner. Daher müsse man, so der bayerische Politiker Norbert Geis, als Realität anerkennen, dass der Islam mit über vier Millionen Muslimen in Deutschland »da« sei. [5. German president’s call for religious tolerance meets with praise and criticism . In: Deutsche Welle vom 4. Oktober 2010; Unions-Politiker gegen Gleichsetzung von Islam und Christentum . In: ddp Basisdienst vom 5. Oktober 2010.] Wenn nun beispielsweise behauptet wird, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, weil seine Lehre »auf die Beseitigung unserer Rechtsordnung gerichtet« sei oder weil der Islam – wie es der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber formulierte – kein Kernbestand der deutschen Kultur sei und auch nicht »unsere Geistesgeschichte und Tradition« geprägt habe, [6. Die junge AfD schwärmt für Russland. In: Neue Westfälische vom 31. März 2016; Edmund Stoiber, Muslime gehören zu Deutschland, aber der Islam nicht . In: Bild vom 21. September 2015.] dann scheint die Erwartung zu bestehen, dass sich die Muslime von ihrer Bekenntnisordnung befreien, um Deutschland zugehörig sein zu können.

    Doch die Entflechtung von Islam und Muslimen kann nicht gelingen. Denn was würde als Identität eines Muslims oder einer Muslimin gelten, wenn die Bezugsgröße dieses Begriffs, (lesen ...)