• Tratinčica

    Im Esszimmer meiner Eltern hängt ein Foto. Aus einem unserer unzähligen Sommerurlaube. Strahlende Sonne. Funkelndes Meer. Papa steht hüfttief im Wasser, ich bin zwölf oder dreizehn oder elf und balanciere auf seinen Händen, seine Arme sind in den Himmel gestreckt. Auf den ersten Blick sieht hier alles aus wie immer. Auf dem Fenstersims im Wohnzimmer reihen sich dieselben Blumen, auf dem Balkon steht noch derselbe dunkelbraune Tisch mit den Eisenfüßen. Das große Aber: Der Ort meiner Kindheit ist modifiziert. In meinem alten Kinderzimmer, in meinem alten Kleiderschrank lagern hochkalorische Nahrung, frische Kanülen, Notfallsets. Früher stand ich auf Händen, heute stehe ich zwischen Schläuchen und Herz-Rhythmus-Piepen, unter der Anti-Decubitus-Matratze staubt die Erinnerung an dieses unverschämte Blau des Meers schmerzhaft ein, hinter dem Atemgerät liegt der Rest unseres früheren Lebens.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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