• Hexen und Leihmütter. Silvia Federicis Kapitalismustheorie

    Jede Theorie des Kapitalismus steht und fällt mit der Entscheidung, welche Aspekte seiner Geschichte sie ein- oder ausschließt. Im historischen Material, auf anekdotischem oder definitorischem Weg gewonnene Behauptungen der wesentlichen Merkmale des Kapitalismus implizieren Setzungen über seine räumliche und zeitliche Ausdehnung. So hat die Definition als kapitalintensive Massenproduktion nicht nur den Effekt, Kapitalismus, Wirtschaftswachstum und industrielle Revolution bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander zu schieben. Sie führt auch dazu, dass bestimmte Weltregionen und Epochen aus der Geschichte herausgeschrieben werden.1

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  • Brasilianische Interventionen. Über Avantgarde, Anthropologie und Anthropophagie

    Es ist noch nicht allzu lange her, da galt Brasilien hierzulande als sozial- und wirtschaftspolitisches, vielleicht sogar als kulturelles Gegenmodell zum neoliberalen Westen. Die brasilianische Partido dos Trabalhadores war so etwas wie the real social democracy des beginnenden 21. Jahrhunderts und Porto Alegre mit dem Weltsozialforum die inoffizielle Hauptstadt der gleichermaßen globalen wie globalisierungskritischen Linken. Das ist vorbei. Inzwischen steht Brasilien für Staatsstreich, politische Justiz und Protofaschismus. Nachrichten aus Brasilien aktualisieren immer wieder den Zusammenhang von ökologischer Katastrophe und »Ethnozid« (Pierre Clastres). Unterstützt von einer dienstbaren Politik zerstören Agrar-, Bergbau-, Holzwirtschafts- und Petroleumkonzerne nicht nur das Ökosystem Amazoniens, sondern damit auch die Lebensräume und Lebensweisen indigener Bevölkerungen. Der Widerstand nimmt freilich auch zu.1 (mehr …)

  • Die Bewerbung. Eine Kulturtechnik des 19. Jahrhunderts

    Kaum etwas ist uns heute so selbstverständlich wie die Anforderung, Bereitschaft, Erwartung, Fähigkeit, Notwendigkeit und Zumutung, sich zu bewerben. Obwohl es sich bei der Bewerbung offenkundig um eine fundamentale Kulturtechnik der modernen Arbeitsgesellschaft handelt, obwohl also mehr oder weniger alle Angehörigen dieser Gesellschaft über ein bestimmtes Maß an Bewerbungswissen und eine gewisse bewerbungspraktische Geübtheit verfügen (sollen und müssen), wurde ihrer Entstehung bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Bestenfalls finden sich hier und da journalistische Erkundungen der »Bewerbungswüste« der jüngsten Zeit. Darin wird das Bild einer absurden »Übergangsindustrie« gezeichnet, in der Gurus und Coaches eine Menge Geld verdienen und die Stellensuche zu einer »komplexen Technik, wenn nicht gar Wissenschaft geworden« ist.  (mehr …)