• Böckenfördes Frage. Zehn Kapitel zum »Staat in der Luft« in Zeiten der Krise

    Als Ernst-Wolfgang Böckenförde den Satz formulierte, der ihn berühmt gemacht hat, verband er ihn mit einer Diagnose, die man ungefähr kennt, und einer Frage, von der damals und auch seither wenig Notiz genommen wurde.1 Der Satz ist der Satz von den Voraussetzungen, von denen der freiheitliche Staat lebt, ohne sie garantieren zu können; er ist dort ergänzt um die Bemerkung, dies sei das große Wagnis, das er um der Freiheit willen eingegangen sei. Die Diagnose, der er sich verdankt, liegt in der Deutung der »Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation«, wie sie auch den Titel der damaligen Abhandlung bildete: Im Verlaufe jenes Vorgangs habe sich, so Böckenförde, der Staat von der Religion emanzipiert, und zwar nicht nur im Sinne der Befreiung von päpstlich-kirchlicher Vorherrschaft, sondern auch im Sinne der inneren Abtrennung von der Religion überhaupt, damit aber auch von dem moralischen Regulativ, das dem menschlichen Leben lange Zeit Richtung und Maß gab und das ganze Gebilde überhaupt zusammenhielt. (mehr …)
  • Wertedämmerung

    Vom Bolzplatz

    Wir leben in einer Gesellschaft, die gern bei allen möglichen Gelegenheiten über ihre Werte spricht. Keine Zeitung kann man mehr aufschlagen, ohne dass sie einem von irgendwoher entgegenspringen. Alles und jedes hat seine Werte, die Bundesrepublik hat ihre Werte, der Westen hat seine Werte, jeder Taubenzüchterverein hat seine Werte. Auch die Europäische Union hat welche, sie stehen sogar ausdrücklich in ihren Verträgen: Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Solidarität, das ganze Programm. Und wenn deutsche Unternehmen von ihren Werten reden, meinen sie damit nicht – jedenfalls sagen sie es nicht so – ihre Aktienwerte. Selbst der Deutsche Fußballbund hat, wie man gelernt hat, Werte, auf die er sich immer wieder beruft und für die er auch Werbung macht. Als zwei Nationalspieler mit türkischem Ursprung sich unlängst mit dem Autokraten Erdoğan ablichten ließen und einer von ihnen ihm ein Trikot mit der Aufschrift »Für meinen geschätzten Präsidenten« überreichte, beeilte man sich deshalb zu versichern, dass auch diese beiden hinter ihnen stünden.

    In diesem Fall wäre es vielleicht schon eine interessante Frage, welches diese Werte sind und wie sie sich etwa zu der Umfunktionierung des Fußballs von einem Sport in ein Geschäftsmodell mit irrsinnigen Gewinnmargen verhalten. Auch so reichte aber vielen diese Erklärung nicht, ebenso wenig wie ein arrangierter Bußgang der betreffenden Spieler zum Bundespräsidenten: Es gehe hier gar nicht, so war in einem Zeitungskommentar zu lesen, um irgendwelche Werte, die sich der DFB zuschreibe. Sondern es gehe allein um die Werte, die im Grundgesetz verankert seien: Und deshalb würde man schon gerne wissen, wie »Repräsentanten der deutschen Nationalmannschaft dazu ganz konkret stehen«. Hier haben wir es also offenbar mit Werten einer höheren Stufe zu tun, die sich über andere Werte schieben oder sie verdrängen. Als solche sind sie dann auch nicht nur einfach da, sondern sie wollen innerlich angenommen sein, man soll sich zu ihnen bekennen oder jedenfalls irgendwie erklären. Geltend machen sie sich in diesem Sinne dort, wo jemand etwas repräsentiert, irgendein Größeres oder Höheres, das über seine einzelne Person hinausgeht. Und natürlich sind Werte dieser Stufe immer auch automatisch etwas Gutes: Wer wollte sich ihnen ernsthaft entziehen?

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