Maiheft 1996, Merkur # 566

Adolf Eichmann. Von der Banalität des Bösen

von Hannah Arendt
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Ein Prozeß erinnert an ein Schauspiel: beide beginnen und enden mit dem Täter, nicht mit dem Opfer. Noch notwendiger als für einen gewöhnlichen Prozeß ist es für einen Schauprozeß, präzise zu umreißen, was getan wurde und wie es getan wurde. Im Mittelpunkt eines Prozesses kann immer nur der stehen, der gehandelt hat − in dieser Hinsicht gleicht er dem Helden eines Dramas −; und wenn er leidet, dann muß er für das leiden, was er getan hat, nicht um dessentwillen, was andere wegen seiner Tat gelitten haben. In 15 Punkten erhob der Staatsanwalt Anklage gegen Otto Adolf Eichmann, »zusammen mit anderen« während des Naziregimes, besonders aber während des Zweiten Weltkriegs Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschheit und Kriegsverbrechen begangen zu haben. Auf jeden Punkt der Anklage antwortete Eichmann: »nicht schuldig im Sinne der Anklage«. In welchem Sinne meinte er denn, schuldig zu sein? In dem langen Kreuzverhör des Angeklagten − er nannte es »das längste Kreuzverhör, das überhaupt bekannt ist« − kam es weder dem Verteidiger noch dem Ankläger, noch schließlich einem der drei Richter in den Sinn, ihn danach zu fragen.

Die stereotype Antwort auf diese Frage gab außerhalb des Gerichtssaals Robert Servatius aus Köln, den Eichmann mit seiner Verteidigung betraut hatte, in einem Presseinterview: »Eichmann fühlt sich schuldig vor Gott, nicht vor dem Gesetz«; aber der Angeklagte selbst bestätigte diese Antwort nicht. Eichmanns eigene Haltung war anders. Vor allem sei die Anklage wegen Mordes falsch: »Ich habe mit der Tötung der Juden nichts zu tun. Ich habe nie einen Juden getötet, aber ich habe auch keinen Nichtjuden getötet – ich habe überhaupt keinen Menschen getötet. Ich habe auch nie einen Befehl zum Töten eines Juden gegeben, auch keinen Befehl zum Töten eines Nichtjuden... habe ich nicht getan.« [...] Ob er sich schuldig bekannt hätte, wenn er der Beihilfe zum Mord angeklagt worden wäre? Vielleicht, doch hätte er wesentliche Einschränkungen gemacht. Was er getan hatte, war nur im Nachhinein ein Verbrechen; er war immer ein gesetzestreuer Bürger gewesen. Hitlers Befehle, die er nach bestem Vermögen befolgt hatte, besaßen im Dritten Reich »Gesetzeskraft«. Dies wüßten die Leute, die jetzt von ihm, Eichmann, verlangten, er hätte damals anders handeln sollen, einfach nicht, oder sie hätten vergessen, wie die Dinge zu Hitlers Zeiten ausgesehen haben. Er jedenfalls wolle nicht zu denen gehören, die nachträglich versichern, »daß sie immer schon dagegen gewesen wären«, wenn sie in Wirklichkeit eifrig getan hatten, was man ihnen zu tun befahl.

Was er getan habe, habe er getan, er wolle nichts abstreiten, vielmehr wäre er bereit, »als abschreckendes Beispiel für alle Antisemiten der Länder dieser Erde sich selbst öffentlich zu erhängen«. Dies aber hieße nicht, daß er etwas bereue: »Reue ist etwas für kleine Kinder.« Selbst unter erheblichem Druck seines Anwalts änderte er diese Haltung nicht. In einer Diskussion über Himmlers Angebot von 1944, eine Million Juden gegen 10.000 Lastwagen zu tauschen, wurde Eichmann von der Verteidigung über seine eigene Rolle in diesem Unternehmen gefragt: »Herr Zeuge, haben Sie bei den Verhandlungen mit Ihren Vorgesetzten auch darauf hingewiesen, daß Sie Mitleid mit den Juden hätten und daß man doch helfen müsse?« Eichmann antwortete: »Ich stehe unter Eid und habe wahrheitsgemäß auszusagen. Ich habe nicht diese Sache aus Mitleid gemacht ...« [...] Himmler hatte einen seiner eigenen Leute nach Budapest geschickt, um Fragen der jüdischen Auswanderung zu klären. Eichmann ärgerte sich, daß hier Emigrationsangelegenheiten von einer »polizeifernen Person« behandelt wurden, während er, der dies als »seine Domäne« betrachtet hatte, die »elende Arbeit« der Deportationen durchführen mußte. Da habe er zu »brüten« begonnen und zu überlegen, wie er wieder »die Auswanderungsangelegenheit an sich reißen« könne. Den ganzen Prozeß hindurch suchte Eichmann − meist ohne Erfolg − seine Behauptung zu erklären, daß er »nicht schuldig im Sinne der Anklage« sei (sie unterstellte nicht nur, daß er mit Absicht, sondern auch, daß er ausniedrigen Motiven gehandelt habe). So war er sich ganz sicher, daß er, was die niedrigen Motive betraf, nicht seinem »inneren Schweinehund« gefolgt war; und er besann sich ganz genau darauf, daß ihm nur eins ein schlechtes Gewissen bereitet hätte: wenn er nicht getan hätte, was ihm befohlen wurde − Millionen von Männern, Frauen und Kindern mit unermüdlichem Eifer und peinlicher Sorgfalt in den Tod zu transportieren. Mit solchen und ähnlichen Versicherungen Eichmanns sich abzufinden, war nicht ganz einfach. Immerhin war ein halbes Dutzend Psychiater zu dem Ergebnis gekommen, er sei »normal« − »normaler jedenfalls, als ich es bin, nachdem ich ihn untersucht habe«, soll einer von ihnen gesagt haben; ein anderer fand, daß Eichmanns ganzer psychologischer Habitus, seine Einstellung zu Frau und Kindern, Mutter und Vater, zu Brüdern, Schwestern und Freunden »nicht nur normal, sondern höchst vorbildlich« sei; der Pfarrer schließlich, der Eichmann regelmäßig im Gefängnis besuchte, nachdem sein Revisionsgesuch vor dem Obersten Gericht verhandelt, aber das Urteil in zweiter Instanz noch nicht ergangen war, versicherte, Eichmann sei »ein Mann mit sehr positiven Ideen«, was denn wohl auch alle Welt beruhigen dürfte. Die Komödie der Seelenexperten konnte sich leider auf die traurige Tatsache berufen, daß dies tatsächlich kein Fall von moralischer, geschweige denn von gesetzlicher Unzurechnungsfähigkeit war. Ja schlimmer noch: dies war ebenso wenig ein Fall von fanatischem Antisemitismus oder von besonderer ideologischer Verhetzung. »Persönlich« hatte er nie das geringste gegen die Juden gehabt; im Gegenteil, er besaß gute »private Gründe«, kein Judenhasser zu sein.

Doch niemand glaubte ihm. Der Ankläger glaubte ihm nicht, denn das war nicht seines Amtes. Der Verteidiger achtete gar nicht darauf, weil er − im Gegensatz zu Eichmann − an Gewissensfragen nicht interessiert war. Und die Richter glaubten ihm nicht, weil sie zu »menschlich« dachten, vielleicht auch zu sehr gemäß dem Ethos ihres Berufes, um die Möglichkeit zuzugeben, daß ein durchschnittlicher »normaler« Mensch, der weder schwachsinnig noch eigentlich verhetzt, noch zynisch ist, ganz außerstande sein könnte, Recht von Unrecht zu scheiden. Lieber schlossen sie aus gelegentlichen Lügen Eichmanns, daß er ein Lügner sei − und so entging ihnen die größte und schwerste moralische, aber auch rechtliche Herausforderung der Angelegenheit, die sie verhandelten.

Er wurde am 19. März 1906 in Solingen geboren. Als ihm 54 Jahre später das Memoirenschreiben zur Lieblingsbeschäftigung geworden war, widmete er diesem erinnerungsschweren Augenblick folgende Worte: »Heute, 15 Jahre und einen Tag nach dem 8. Mai 1945, beginne ich meine Gedanken zurückzuführen bis zu jenem 19. März des Jahres 1906, als ich um 5 Uhr morgens in das irdische Leben als Erscheinungsform Mensch eintrat.« Es entsprach seinen Vorstellungen vom Jenseits, die er seit der Nazizeit nicht geändert hatte − in Jerusalem erklärte er sich als »Gottgläubiger« in dem Sinn, in dem die Nazis das Wort gebraucht hatten, und weigerte sich, auf die Bibel zuschwören −, daß er dieses Ereignis »einem höheren Sinnesträger« zuschrieb, einer irgendwie mit der »kosmischen Bewegung« identischen Wesenheit, der alles menschliche Leben, selbst »höheren Sinnes« bar, unterworfen ist. Eichmanns Vater, zunächst Buchhalter für die Straßenbahn- und Elektrizitätsgesellschaft in Solingen und nach 1931 Direktor der gleichen Gesellschaft im österreichischen Linz, hatte fünf Kinder, vier Söhne und eine Tochter, von denen anscheinend nur Adolf, der Älteste, außerstande war, die Realschule zu beenden  auch an dem Polytechnikum, in das er dann gesteckt wurde, hat er kein Schlußexamen gemacht. Sein Leben lang täuschte Eichmann seine Umwelt über seine frühen »Mißgeschicke«, indem er sich hinter den ehrenhafteren finanziellen Mißgeschicken seines Vaters versteckte. Da er »nicht gerade der fleißigste Schüler gewesen war« − noch, wie man annehmen darf, der begabteste −, nahm ihn sein Vater zuerst von der Realschule und dann auch, lange vor dem Abschluß, vom Polytechnikum. (Die Berufsangabe, die auf seinen sämtlichen offiziellen Dokumenten erscheint − Maschinenbauingenieur −, hatte ungefähr eben soviel mit der Wirklichkeit zu tun wie die Behauptung, daß er in Palästina geboren sei und fließend hebräisch und jiddisch spräche − blanke Lügen, die Eichmann seinen SS-Kameraden, aber auch seinen jüdischen Opfern zu erzählen liebte.) Der Vater kaufte ein kleines Bergwerksunternehmen und brachte dort seinen nicht gerade vielversprechenden Sprößling als einfachen Arbeiter unter, bis er ihm schließlich eine Stelle in der Verkaufsabteilung der Oberösterr. Elektrobau A.G. fand, in der Eichmann über zwei Jahre lang blieb.

Er war jetzt etwa 22 Jahre alt und besaß keine Aussicht auf eine Karriere; das einzige, was er vielleicht gelernt hatte, war, zu verkaufen. Plötzlich hatte er zum ersten Mal Glück. In einem handgeschriebenen Lebenslauf, den er 1939 für seine Beförderung in der SS einreichte, beschrieb er es folgendermaßen: »In den Jahren von 1925 bis 1927 war ich als Verkaufsbeamter der »Oberösterr. Elektrobau A.G.« tätig. Diese Stelle verließ ich auf eigenen Wunsch, da mir von der »Vacuum Oil Company A.G. « in Wien die Vertretung für Oberösterreich übertragen wurde.« Das Stichwort hier ist »übertragen« − denn nach dem, was er dem ihn verhörenden Polizeioffizier Captain Less in Israel erzählte, hat ihm niemand irgendetwas übertragen oder angeboten. Ein Vetter seiner Stiefmutter − zudem er »Onkel« sagte − war Präsident des Österreichischen Automobilklubs und mit der Tochter eines jüdischen Geschäftsmannes in der Tschechoslowakei verheiratet. Dieser benutzte seine Beziehung zu dem Generaldirektor der österreichischen Vacuum Oil Company, einem jüdischen Herrn Weiss, um für seinen armseligen Verwandten einen Job als Reisevertreter zu beschaffen. Eichmann war gebührend dankbar; die Juden in seiner Familie erwähnte er als einen seiner »privaten Gründe«, kein Antisemit zu werden. Noch 1943 oder 1944, als die »Endlösung« in vollem Gange war, hatte er jene Hilfe nicht vergessen: »Die Tochter aus dieser Ehe − glaube ich − war nach den Nürnberger Gesetzen Halbjüdin ... Sie kam noch zu mir ... 1943, um mit meiner Genehmigung in die Schweiz ausreisen zu können. Ich habe das natürlich genehmigt, und dieser selbe Onkel kam auch zu mir, um für irgendein Wiener Juden-Ehepaar zu intervenieren. Ich will damit nur sagen, von Haus aus kannte ich keinen Haß gegen Juden, denn die ganze Erziehung durch meine Mutter und meinen Vater war streng christlich, und meine Mutter hatte durch ihre z.T. jüdische Verwandtschaft eben hier andere Vorstellungen, wie sie an sich landläufig in SS-Kreisen üblich gewesen waren.« Eichmann gab sich die größte Mühe, diesen Punkt zu beweisen: daß er niemals gegen seine Opfer irgendwelche feindseligen Gefühle gehegt, ja, daß er daraus auch nie ein Geheimnis gemacht hätte. »Ich sagte es Dr. Löwenherz (Leiter der Jüdischen Gemeinde Wien) genau wie Dr. Kastner (Vizepräsident der zionistischen Organisation in Budapest), ich sagte es − glaub’ ich − jedem, jeder hat’s einmal gehört, meine Männer wußten es.« [...] Ende 1932 wurde er unerwartet von Linz nach Salzburg versetzt − was ihm »sehr gegen den Strich ging«: »Mich freute die Arbeit nicht mehr, und ich hatte keine Lust mehr, zu verkaufen, zu besuchen ...« Solch plötzliche Verluste aller Arbeitsfreude widerfuhren Eichmann immer wieder. Am schlimmsten war das, als er von dem Führerbefehl über die »physische Ausrottung der Juden« und seiner eigenen Rolle dabei unterrichtet wurde. Auch dies kam ganz unerwartet: »An so eine Gewaltlösung hatte ich selbst nie gedacht gehabt.« Und seine Reaktion beschrieb er mit den gleichen Worten: »Damit schwand auch bei mir alles, alle Arbeit, alle Bemühungen, alles Interesse; da war ich gewissermaßen ausgeblasen.«


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